Produktionsnotizen zu O

Nachdem er in seiner Jugend als einziger schwarzer Schüler an einer amerikanischen Highschool Basketball gespielt und Klassen- wie Courtkämpfe aus nächster Nähe erlebt hatte, besaß Drehbuchautor Brad Kaaya die Ursprungsidee, eine zeitgenössische Version von Shakespeares "Othello" im adrenalingefüllten Mikrokosmos von Schule und Sport anzusiedeln.

Aus dem Schlachtfeld in "Othello" wurde die Basketballarena in O und die Krieger des Stückes sind im Film verbissene Konkurrenten des Teams. Doch da es sich bei der erhabenen Hauptfigur des Odin James (Mekhi Phifer) um einen Außenseiter dunkler Hautfarbe handelt, geht O so selbstverständlich wie dringlich über die Dramaturgie eines Sportdramas hinaus. Ganz im Gegenteil seziert der Film ungeschönt wie respektvoll für jugendliches Innenleben die komplexe Soziologie auf dem Campus - zeigt gewalttätige Rivalitäten mit der selben Ehrlichkeit wie Ressentiments gegenüber gemischtrassigen Beziehungen; "O" widmet sich den Stars der Schule ebenso wie den Mitläufern, die mitunter die radikalsten Veränderungen auslösen.

Nachdem Kaaya sein Skript im Rahmen eines Workshops im Sundance Institute Writers Lab geschliffen hatte, schickte er es unter anderem dem Regisseur und Schauspieler (O Brother, Where Art Thou) Tim Blake Nelson, der damals gerade in Australien für Terrence Malicks "The Thin Red Line" vor der Kamera stand. "Ursprünglich wollte ich das Drehbuch nicht lesen", erinnert Nelson, "weil zu viele Teen-Versionen von Shakespeare über die Leinwand flimmerten, aber als ich die Lektüre dann doch begann, war ich tief berührt und getroffen. Brad hatte den Stoff einfallsreich und sensibel modernisiert und zugleich einen Weg gefunden, die Leidenschaft und menschliche Zerbrechlichkeit des Originals beizubehalten."

Nelson entschloss sich umgehend, das Projekt zu inszenieren und arbeitete mit Kaaya im folgenden an unvermeidlichen Skript-Revisionen, bevor sie Eric Gitter und Dan Fried als Produzenten von O gewannen. "Wir mochten Teen-Filme", erläutert Fried seine Beteiligung, "doch das Publikum für diese Stoffe war unseres Erachtens rasch gereift und erwartete mehr als nur Horror oder pubertären Fun. Also hofften wir, dass es genau an der Zeit wäre, die Zielgruppe nicht länger zu unterschätzen, sondern einen Stoff von echter Substanz und mit kontroversen Themen anzubieten." Auf Basis von Tim Blake Nelsons vorangegangenem Film "Eye of God" vereinbarten Gitter und Fried umgehend einen Produktionsdeal und begannen bald mit der Suche nach adäquaten Drehorten.

Aus wirtschaftlichen Gründen wäre die Produktion zunächst fast im preisgünstigen Toronto gelandet, doch als die O-Macher Fotografien aus Charleston in South Carolina sahen, beschlossen sie, den Film komplett in den amerikanischen Südstaaten zu drehen, wo die Geschichte ethnischer Koexistenz in den USA ihren Ursprung nahm. Die tragische Schilderung einer schwarzweißen Love Story vor der Kulisse von ante-bellum- Architektur und Gutsherrenatmosphäre machte nicht nur aus moralischen und kreativen Perspektiven Sinn, sondern verlieh dem Projekt auch visuelle Kraft. "Die spezifische Schönheit von Charleston", so Nelson, "rührt daher, dass die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, wenn man die Anwesen, Plantagen und Schulen von Familien sieht, die in früheren Generationen zu den Sklavenbesitzern zählten. Die Historie, die hier in der Luft liegt, ist unschätzbar für die Textur des Filmes."

Im Anschluss stellte Tim Blake Nelson seine Besetzung zusammen, die er sehr richtig als "eine erstaunlich talentierte Gruppe von Schauspielern" bezeichnet, "die ein Level an Professionalität und Instinktsicherheit für Figuren besitzen, das weit über ihre Alterserfahrungen hinausgeht." Über Hauptdarsteller Mekhi Phifer sagt der Regisseur: "Ich traf ihn zum Essen, wir sprachen anderthalb Stunden miteinander, dann sah ich mir zur Bestätigung seine Arbeit in 'Soul Food' an und wusste die ganze Zeit: Er ist der richtige, ohne den geringsten Zweifel." Ebenso nachvollziehbar euphorisch äußert sich Nelson über Josh Hartnett, den er (lange Zeit vor Pearl Harbor) als Hugo und somit an Stelle von Iago besetzte - vielleicht Shakespeares zwiespältigster Schurken. "Josh kann die Figur diabolisch spielen und trotzdem charmant wirken lassen, weil er spricht und sich bewegt wie ein geborener Filmstar."

Nachdem er für die weibliche Hauptrolle Jungstar Julia Stiles (10 Dinge, die ich an dir hasse) gewinnen konnte, die Nelson als "so strahlend, gefasst und elegant" bezeichnet, "wie sie auf der Leinwand wirkt", besetzte er schließlich Martin Sheen in der Schlüsselrolle des Basketball-Coachs. "Davon abgesehen", sagt Produzent Fried, "dass er erwiesenermaßen ein unglaublich guter Schauspieler ist, übt Martin einen speziellen Effekt auf den Rest des Ensembles aus. Sie sehen ihn mit einer Energie arbeiten, die sie wahrscheinlich noch bei keinem Kollegen gesehen haben, und lassen sich von diesem kreativen Hunger ebenso anstecken wie von seinem legendär guten Gemüt - Martin hat immer ein Lächeln auf dem Gesicht und ein offenes Ohr für jeden am Set."

Auch bei den Akteuren von O mangelt es nicht an Lob für den Inszenierungsstil von Tim Blake Nelson. "Er hat selbst Schauspielerei am taffen Juilliard-Institut studiert", formuliert Julia Stiles, "und daher weiß er, welches Input wir für Szenen brauchen und was er sagen mußs, um uns zu öffnen. Viel freier kann man sich bei einem Regisseur nicht fühlen und er führt einen wirklich an einen künstlerischen Platz, an dem man sich fallen lassen kann." Hartnett ergänzt: "Tim liebt das Material und seine Mitarbeiter, und diese ungefilterte Passion allein macht es spannend, jeden Morgen zur Arbeit zu gehen. Man ist in sicheren Händen - ganz so, als arbeite man bei Chrysler und hätte Lee Iacocca als Kollegen."

Im Rahmen der Entscheidung, die klassische Struktur von "Othello" in einer amerikanischen Eliteschule anzusetzen und sowohl aktuelle wie auch traurige Themen, Waffengewalt oder Rassismus unter Teenagern aufzugreifen, war es Tim Blake Nelson eminent wichtig, dass diese Szenen nicht kontroversem Selbstzweck dienten, sondern im Kontext der Geschichte von O stehen - der unnachgiebigen Versuche von Hugo, das Leben eines Menschen zu zerstören, den er beneidet. "Seine Eifersuchtsgefühle und Gewaltbereitschaft", so der Filmemacher, "führen letztlich zu Mord und Selbstzerstörung, aber wenn wir ehrlich sind, resultieren solche Tragödien genau aus den Problemen, denen die Figuren im Film ausgesetzt sind. Einsamkeit und Entfremdung, Bandenrivalität und seelische Grausamkeit untereinander. Das sind die Wurzeln der Schießereien, die es an US-Schulen gab, und natürlich passierten sie nicht nur in traditionell gewalttätigeren Großstadtbereichen. Ich denke und hoffe, dass unser Film ernst und ehrlich reflektiert, was Jugendlichen in unserer Gesellschaft passiert ist und wie es passieren oder verhindert werden kann."

Elden Henson, in O der Darsteller von Hugos reichem, niederträchtig provoziertem Helfer Roger, fügt hinzu: "Tim zeigte uns zur Vorbereitung News-Material über Schießereien an amerikanischen Schulen, und obwohl das lange vor Columbine war, wurde doch jedem von uns klar, dass tödliche Gewalt an Schulen möglich ist und von uns keinesfalls glorifiziert werden darf." Julia Stiles ergänzt: "Vielmehr haben sich alle um äußersten Realismus bemüht, der nichts mit der Gewalt in vielen anderen Teenagerfilmen zu tun hat. Was in O passiert, ist echt - und darum in letzter Konsequenz auch niederschmetternd."

Die Sportsequenzen des Filmes sind nicht nur auf Athletik und Wettbewerbsbedingungen abgestimmt, sondern helfen mit ihrer Symbolik beim Verständnis und bei der Entwicklung der Charaktere. "Der Basketball-Court", bemerkt Nelson, "ist der Platz, an dem sich junge Männer wie Odin, Hugo und Michael am besten ausleben und ihre Stärken demonstrieren können - oder Schwächen, denn die Kehrseite allen Ehrgeizes ist die Angst vor dem Versagen." Odin-Darsteller Phifer ergänzt: "Die Basketball-Sequenzen sind gedreht wie Schlachten und in einer vom Sport besessenen Stadt genießt der Trainer mehr Macht als der Direktor der lokalen Universität."

Um die Authentizität und Intensität der Sequenzen zu gewährleisten, absolvierten die Schauspieler vor Drehbeginn einen anstrengenden, zweiwöchigen Crashkurs unter Leitung von Dwayne Grace, einem legendären Ex-Spieler des Charleston-College. "Es gab tägliche Trainings-Sessions von drei Stunden Länge", beschreibt Grace, "wobei die Stars ebenso hart rangenommen wurden wie die Statisten, denn ohne Einheit kann kein Team funktionieren."

Während die physischen Grundlagen für die Arbeit vor der Kamera geschaffen wurden, arbeitete Regisseur Nelson unablässig mit seinem Ensemble an den Charakteren und legte Wert darauf, dass sich die Schauspieler von O beim Rollenstudium Shakespeares "Othello"-Originaltext widmeten. Er begründet: "Ich habe als Schauspieler am Theater gelernt und weiß: Wenn man sich Shakespeare erschließt, dann kann man technisch alles. Und wenn man sich dem Material als Gruppe nähert, es gemeinsam öffnet und Regeln beherzigt, dann ist der Lerneffekt unschätzbar - denn dieser Autor war selbst ein Schauspieler und er verstand für Schauspieler zu schreiben." So kam die Kerntruppe der Produktion nach den Sportstunden nachmittags zusammen, um "Othello" zu üben, spielen und diskutieren - und daraus Hilfen für die individuelle und kollektive Arbeit an O zu destillieren. "Erst die Intensität von Shakespeares Dialogen", fasst Rain Phoenix zusammen, "zeigte uns den Weg zu den Gefühlen und der Tiefe der Figuren in O".

Im Laufe der kompletten Dreharbeiten lebten die Schauspieler gemeinsam in einem schulähnlichen Gebäudekomplex, um die Lebensbedingungen der Filmfiguren widerzuspiegeln. "Es war großartig, in South Carolina zu drehen", erinnert Julia Stiles, "da wir aus unseren gewohnten Umgebungen genommen und gezwungen wurden, auch abseits der Dreharbeit Zeit miteinander zu verbringen." Mekhi Phifer fügt hinzu: "Es entwickelte sich eine starke Kameraderie am Set, weil wir auf dem gleichen Gelände wohnten. Niemand verschwand nach der letzten Klappe ins Wochenende, sondern wir blieben zusammen, bildeten eine konzentrierte Einheit und ich denke, dass sich dieses Gefühl auf die Leinwand übertragen hat."

Auch dabei wurde natürlich viel über die Parellelen von "Othello" und O gesprochen, über die Ära Shakespeares und seine ungebrochene Popularität in der Gegenwart diskutiert. Julia Stiles dazu: "Ich war anfangs von der Sprache seiner Werke eingeschüchtert, aber bald entdeckte ich darunter die kraftvollen Stories und großartigen Figuren, deren Charakterfesten bis heute von Lesern verstanden werden. Hinzu kommt, dass er hervorragende Rollen für Frauen schreibt, was ironisch anmutet, da es zu seiner Zeit überhaupt keine Schauspielerinnen gab."

Spätestens gegen Ende der weitgehend chronologisch gedrehten Produktion versuchte sich jeder der Beteiligten die Schlüsselfrage des Stoffes zu beantworten: Warum zerstört Hugo die Menschen um sich herum? Zunächst sein Darsteller Josh Hartnett: "Ich glaube, dass Hugos Freundschaft zu Odin sehr pur ist, doch wenn man eine extreme Liebe oder bedingungslosen Respekt für jemanden empfindet und enttäuscht wird, kann das leicht in extreme Verachtung kippen. Hugo entwickelt sich zum Meister der Kunst, in einer Situation zu stekken und sie doch von außen zu lenken. Dabei überzeugt er sich selbst davon, seine Manipulationen zu glauben, obwohl er als einziger weiß, dass seine Behauptungen aus Eifersucht und Angst geboren sind."

O"-Regisseur Tim Blake Nelson abschließend: "Es ist immer interessanter, einer Figur bei ihrer Entwicklung zuzusehen und darum hat Josh seinen Hugo zwar als Meister der Manipulation gespielt - der aber nie weiß, wohin ihn seine Pläne führen können. Alles scheint eingangs möglich - lichte Höhen oder Abgrund. In jedem Fall ist seine resultierende Bösartigkeit zutiefst menschlich und das ist doch das bis heute Ergreifende am Original- Othello. Iago liebt Othello zutiefst, doch das Gefühl wird von Neid zerfressen, ohne dass sich Iago am Ende je erklärt. Und das in einem Stück des Elisabethanischen Zeitalters - ein Bühnenautor, der einen Kern des Bösen in der menschlichen Natur freilegt, ohne seine Herkunft je erklären zu können. Oder zu wollen ...".

Dirk Jasper FilmLexikon
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