Produktionsnotizen zu Das weisse Rauschen

Um eine möglichst wahrhaftige Geschichte über das Abgleiten eines jungen Menschen in die Schizophrenie und dabei ein authentisches Portrait einer ganzen Generation zu zeichnen, entschloss sich Regisseur Hans Weingartner für seinen Abschlussfilm an der Kölner Hochschule für Medien auf ein herkömmliches Drehbuch zu verzichten. Statt dessen entwickelte er mit seinem Studienkollegen Toby Amann ein Treatment mit 99 Szenen, die einerseits die Grundlage und Struktur des Films vorgaben und andererseits genug Spielraum für Improvisation und kreative Weiterentwicklung während der Dreharbeiten ließen. Und eine weitere grundsätzliche kreative Entscheidung traf der Regisseur gleich zu Anfang: Der ganze Film sollte digital gedreht werden, mit einem kleinen Team, ohne störenden großen technischen Aufwand.

Weingartner hatte schon vor Das weisse Rauschen mit DV gearbeitet, nun bestätigte der Erfolg der "Dogma" Filme seine Vorliebe für diese Technik: "Die Dogma Filme haben es leichter gemacht, Filme auf DV zu drehen. Mir selbst kommt diese Technik sehr entgegen. Ich kann jedem Regisseur nur empfehlen einmal im Leben auf DV zu drehen. Man lernt, mit geringen Mitteln eine Geschichte zu erzählen, ohne den gesamten Schnick Schnack der Filmtechnik."

Weingartners Ziel war es, jede Klischeevorstellung à la 'Dr. Jekyll und Mr. Hyde' zu vermeiden und sich statt dessen um größtmögliche Authentizität zu bemühen. Er recherchierte ein Jahr lang intensiv die Symptome der Krankheit und ihre Auswirkungen auf Erkrankte und deren Angehörige. Neben Literatur zum Thema und Gesprächen mit Ärzten und Psychiatern stützte sich Weingartner insbesonders auf direkte Informationen von Betroffenen und ihrem Umfeld.

Zusätzlich gewann er Prof. Dr. med. Dr. phil. Hinderk M. Emrich, Vorstand der psychiatrischen Universitätsklinik Hannover, der das Projekt mit seiner Expertise begleitete. Je mehr sich Weingartner mit dem Thema beschäftigte, um so größer wurde sein Engagement: Über Kliniken, Selbsthilfeorganisationen, Inserate und den eigenen Bekanntenkreis stellte er persönliche Kontakte zu an Schizophrenie Erkrankten her.

Der Regisseur war berührt von den individuellen Schicksalen und Krankheitsverläufen, die ihm geschildert wurden: "Zu den einschneidensten Erlebnissen zählte für mich, als mir ein Betroffener eines Abends live erzählte, was die Stimmen in seinem Kopf gerade sagen. Ich konnte es kaum glauben, dass er dabei so ruhig blieb, wahrend in seinem Kopf gerade ein Sturm tobte. Seine Willenskraft muß unvorstellbar groß gewesen sein."

Mit der menschlichen Psyche beschäftigte sich Weingartner übrigens schon lange vor Das weisse Rauschen. Vor seinem Filmstudium an der Kunsthochschule Köln absolvierte er in Wien und am Klinikum Steglitz in Berlin ein Studium der Gehirnforschung (Cognitive Science). "Es fasziniert mich einfach, was da in unserem Kopf passiert. Das Nervensystem ist der komplexeste Apparat des Universums, und wir wissen fast nichts darüber. Gibt es ein Substrat des Bewußtseins? Wie denkt der Mensch? Hat er einen freien Willen? Was passiert, wenn die Seele aus dem Takt gerät?", meint Weingartner und fügt hinzu: "In den meisten Filmen werden Menschen, die unter Psychosen leiden, entweder als psychopathische Serienkiller oder als Genies dargestellt. Uns ging es um ein realistischeres Bild der Krankheit. Was bedeutet es für den Betroffenen und seine Umwelt, wenn er unter Wahnvorstellungen leidet und Stimmen hört? Auf diese Frage haben wir versucht einzugehen."

Das Casting für den Film, insbesondere das für die Hauptrolle des Lukas gestaltete sich als überaus langwieriger Prozess. Für Weingartner war es wichtig, Darsteller zu finden, die nicht nur Talent und Lust an der Improvisation sondern auch die nötige Begeisterung für sein radikales Projekt mitbrachten. Über Wochen sichtete der Regisseur mehr als 500 Demobänder und castete Dutzende von Schauspielern, ohne dass der Richtige für die anspruchsvolle Rolle dabei gewesen wäre. Weingartner wollte schon aufgeben, als er auf dem Demoband eines anderen Schauspielers Daniel Brühl durchs Bild laufen sah und von dessen Energie und Präsenz sofort begeistert war. Ein Casting mit Brühl brachte die Bestätigung: Er war die ideale Besetzung für die Rolle des Lukas. Und er harmonierte von vornherein gut mit Anabelle Lachatte als Lukas Schwester Kati und Patrick Joswig als deren Mitbewohner Jochen.

Damit sein Hauptdarsteller sich in die schwierige Rolle des Lukas und dessen Psychose besser hineinversetzen konnte, brachte ihn Hans Weingartner mit einem Betroffenen zusammen, der Brühl Einblicke in die Welt der schizophrenen Störung und den subjektiven Leidensweg eines Erkrankten gab. Damit die Begegnung zwischen Darsteller und persönlich Betroffenem möglichst intensiv und ungestört verlaufen konnte, nahm Weingartner die beiden mit auf eine dreitägige Bergtour.

Mit einem Team von nur 7 Leuten wurde Das weisse Rauschen schließlich in sechs Wochen Drehzeit abgedreht. Während dieser Zeit lebten und arbeiteten die Schauspieler und die Crew zusammen und fuhren am Ende der Dreharbeiten für die Schlussaufnahmen in vier Bussen nach Spanien, genauso wie Lukas und die Hippies im Film.

Ein Großteil der Aufnahmen entstand in einer Wohnung in der Kölner Dasselstrasse. Die Grenzen zwischen Filmset und Realität, zwischen den Darstellern und ihren Figuren verschwammen dabei im Laufe des Drehs immer mehr. So wohnte Anabelle Lachatte während der Dreharbeiten in dem Zimmer, dass auch ihre Figur Kati im Film bewohnt. "Wir lebten praktisch in dem Film drinnen. Es gab keinen Unterschied mehr zwischen innen und außen", erzählt Weingartner. Und fügt hinzu: "Mit unserem wenigen Equipment wirkten wir wie eine Gruppe Videoamateure. Die Schauspieler waren dann ganz aus dem Häuschen, als sie die Qualität der Aufnahmen das erste Mal sahen. So entstand eine Art "Geheimbund" Feeling. Die Leute tippten auf die Stirn wenn sie uns sahen, wir aber wussten, was für tolle Aufnahmen dabei herauskamen."

Ausgehend vom Treatment entstanden nun während der Dreharbeiten zusammen mit den Schauspielern die einzelnen Szenen. Die Schauspieler improvisierten, die Dialoge wurden entwickelt und dann erst niedergeschrieben. Für Weingartner ein ständiger kreativer Prozess: "Dadurch, dass man mitten im Set steht, also wie mitten im Film, kann man sich besser hineinversetzen. Oft sind es kleine Objekte vor Ort, die einen auf Einfälle bringen, oder man schnappt etwa auf, was live passiert, während man dreht." Die Szene etwa, in der Lukas zu seinem Entsetzen einer Schaufensterpuppe den Kopf absägen soll, war eigentlich nicht geplant. Das Team beobachtete sie beim Dreh in der Schaufensterpuppenfabrik und inszenierte sie gleich nach.

Da alle Szenen mit drei Kameras gedreht wurden, waren zusätzliche Aufnahmen von Close-Ups oder Countershots nicht nötig. Trotzdem drehte das Team dann mehrere Takes. "Wir haben Varianten gedreht, mal ein bißchen aggressiver, jetzt ein bisschen ruhiger. Im Prinzip hätte ich aus dem vorhandenen Material zwei oder drei vollkommen unterschiedliche Filme machen können," sagt Hans Weingartner.

Das unauffällige Equipment machte es auch möglich, große Teile des Films im öffentlichen Raum zu drehen, ganz ohne Drehgenehmigung. Auch die Szene, in der Lukas von einer Rheinbrücke in den Fluss springt. Rettungsschwimmer und aufwändige Absperrungen waren nicht nötig. "Daniel ist 100 Meter flussaufwärts in den Rhein gesprungen, Eno und Tobi haben ihn dann rausgeholt. Glücklicherweise darf jeder im Rhein schwimmen. Wir haben die Szene nur einmal gedreht, damit die Darsteller sich nicht erkälten - was leider nur auf Daniel zutrifft, weil der klugerweise unter dem blauen Anzug einen Surfanzug trägt."

Nach dem Abschluß der Dreharbeiten engagierte sich die Kölner Firma CAMEO bei Das weisse Rauschen und stellte den Abschluss der Postproduktion sicher. 130 Stunden Material mußsten gesichtet und ausgewählt werden. Allein zwei Monate dauerte es, das Material zu digitalisieren. Zusammen mit dem Cutter Dirk Oetelshoven erstellte Weingartner einen 3 Stunden langen Rohschnitt, der später auf 2 Stunden 15 Minuten gekürzt wurde. Schließlich entstand zusammen mit Andreas Wodraschke die endgültige 100 Minuten lange Fassung, die sich nun ganz auf die Hauptfigur konzentrierte.

Die Erstellung von Sounddesign und Tonaufnahmen dauerten 4 Monate, für Weingartner aufreibende Monate. Insbesondere die Komposition des Stimmensoundtracks brachte den Regisseur an seine eigenen Grenzen: "Stundenlang, tagelang dröhnten mir diese ätzenden Beschimpfungen in den Ohren. Ich bekam eine leise Ahnung, was es bedeutet Stimmen zu hören."

Das Ergebnis der aufwendigen Bearbeitung war schließlich ein Soundteppich, der den Zuschauer förmlich hineinsaugt in die Seelenwelt einer gestörten Persönlichkeit. Was sich in Lukas Kopf abspielt wird für den Zuschauer zum packenden Psychothriller, der ihm Einblick gibt in die schmerzhaft laute Welt der ständig drängenden Stimmen.

Dirk Jasper FilmLexikon
© Fotos: X-Verleih © 1994 - 2010 Dirk Jasper