Ausführlicher Inhalt zu Was tun, wenn's brennt?

SzenenfotoFrei sein, high sein, Chaos mußs dabei sein ...

Für den leidenschaftlichen Punk Tim (Til Schweiger), seine Freundin Flo (Doris Schretzmayer) und ihre vier Wohngenossen im besetzten Haus in der Kreuzberger Machnowstraße bedeutete das Leben im Berlin der späten Achtziger absolute Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung, Autonomie, Freiheit und Anarchie. Keine Regeln, kein Gesetz.

Bei Demos und Konfrontationen mit der Westberliner Polizei kämpften vor allem der unerschrockene Terror (Matthias Matschke) mit seinem grellen Iro und der impulsive Ur-Berliner Hotte (Martin Feifel) an vorderster Front. Auch Nele (Nadja Uhl), die politische Überzeugungstäterin mit hohen Ansprüchen an andere und sich selbst, war immer mit dabei und schleuderte Pflastersteine gegen die anrückende Staatsmacht. Und Maik (Sebastian Blomberg) hielt die Aktionen der "Gruppe 36" auf einer alten Super-8-Kamera fest und verarbeitete die Aufnahmen mit Tim zu kleinen Anarcho-Filmen.

Er filmte auch die Vorbereitungen zum großen Coup der "antiimperialistischen" Hausbesetzer, die damit dem System einen Denkzettel verpassen wollten: Nach altem Hausrezept aus dem "Handbuch der Revolution" bastelten sie einen Sprengsatz, der in einer verlassenen Grunewalder Villa deponiert wurde.

Die Bombe tickt, aber geht nicht hoch ... und bleibt auch die nächsten 13 Jahre unentdeckt - bis im Jahr 2000 eine Maklerin einem Staatssekretär der neuen deutschen Hauptstadt besagte Villa als Kaufobjekt anbietet. Als sie die Tür mit Gewalt öffnet, beschädigt die Maklerin gleichzeitig eine Gasleitung und aktiviert den Brandsatz Marke Eigenbau, und die schlummernde Höllenmaschine geht hoch. Zwar kommen Maklerin und Staatssekretär mit dem Schrecken davon, aber die Polizei lässt sich die Gelegenheit nicht entgehen, einen Vorwand zu haben, endlich gegen die noch verbliebenen Hausbesetzer und Querulanten im Herzen der Stadt vorzugehen. Mit Manowsky (Klaus Löwitsch) wird aufgrund seiner genauen Kenntnis der Szene der Polizist auf den Fall angesetzt, der schon in den Achtzigern im Kampf gegen die Hausbesetzer maßgeblich beteiligt war. Schon damals war er ein Intimfeind der "Gruppe 36".

Szenenfoto Und so ist auch eines der ersten Ziele der angesetzten Razzien das - sehr zum Missfallen des Hausbesitzers Bülent (Aykut Kayacik) immer noch besetzte - Haus der "Gruppe 36" in der Machnowstraße. Aber von der alten Truppe sind nur noch Tim und Hotte übrig geblieben. Während die anderen sich längst abgesetzt haben und in den Schoß der Bürgerlichkeit zurückgekehrt sind, kämpfen die beiden Anarchos - optisch weniger grell als damals, insgesamt etwas ausgepowert und notorisch pleite - ihren Kampf um Autonomie und das letzte bisschen Freiheit, die die Großbaustelle Berlin zulässt.

Während Hotte seit einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt ist, kommt Tim heute wie damals mit seinem Enthusiasmus und jungenhaften Charme gut über die Runden. Beide leben unzertrennlich zusammen so wie vor 13 Jahren.

Szenenfoto Und nun holt sie plötzlich die Vergangenheit ein: Tim ist gerade unterwegs, als das Haus in der "Machnow" von einem Sonderkommando der Polizei gestürmt wird. Hotte, ganz alter Hase, weiß, was zu tun ist und verteidigt seine Burg aufopferungsvoll. Aber er kann nicht verhindern, dass die Beamten die Wohnung schließlich doch stürmen und bergeweise Material sicherstellen - darunter auch den alten Super-8-Film, der zeigt, wie der Grunewalder Sprengsatz gebastelt und deponiert wurde.

Schon bald wissen Tim und Hotte, dass das brisante Stück Zelluloid zur Verwahrung und Erfassung in ein bestens bewachtes Depot der Polizeikaserne Tempelhof gebracht wurde. Sie müssen den Film wieder in ihren Besitz bekommen, und das mit Hilfe der anderen, die noch keine Ahnung von den Geschehnissen haben.

Szenenfoto Widerwillig begeben sich Tim und Hotte nach Charlottenburg: Dort hat Maik seine Kreativität in bare Münze verwandelt. Der einstige Vorzeigepunker ist längst ein Selfmademan, wie ihn nur das Berlin nach der Wende hervorbringen konnte: Intelligent, impulsiv, arrogant, überheblich - und absolut entsetzt, dass ein kleiner Film aus der Vergangenheit sein Imperium der Gegenwart - eine florierende Werbeagentur - zum Einsturz bringen könnte.

Auch Nele ist das radikale Leben von einst an der Front nicht mehr anzusehen: Als alleinerziehende Mutter zweier Kinder hat die ehemals unermüdliche Politaktivistin alle Hände voll zu tun, ihr Leben zwischen Windeln und Bügelbrett halbwegs unter Kontrolle zu halten. Und Terror? Der hat die extremste Wandlung durchgemacht. Einst furchtloser Autonomer mit den krassesten Aktionen, steht er jetzt, brav gekämmt und mit gebügeltem Anzug, kurz davor als Staatsanwalt Karriere zu machen. Ausgerechnet.

Szenenfoto Den größten Stich versetzt es Tim allerdings, als er zum ersten Mal nach Jahren Flo wieder sieht: Die Frau, die er damals geliebt hat ist in ihrem schicken Kostüm nicht mehr wiederzuerkennen. Erstmals wird ihm bewusst, wieviel Zeit seit damals vergangen ist, als man noch ehrlich und aufrichtig geglaubt hat, man könne die Welt gemeinsam aus den Angeln heben.

Doch jetzt gilt es erst einmal, sich akuteren Problemen zu widmen. Obwohl die Spannungen der notgedrungen wieder vereinten Sechs unverkennbar sind, fassen sie einen gemeinsamen Beschluss: Der belastende Film mußs aus der massiv abgesicherten Polizeikaserne Tempelhof zurückgeholt werden, bevor die Polizei erkennt, dass sie das gesuchte Beweismaterial längst in ihrem Besitz hat.

Szenenfoto Während die Gruppe an ihrem waghalsigen Plan feilt, zieht Manowsky bei seinen Ermittlungen die Schlinge bereits immer enger. Schnell wird klar, warum man ihn den "Bluthund" nennt und es keinen besseren für diese Art von Fall gibt: Er hat bereits herausgefunden, dass der Sprengsatz aus dem Jahr 1987 stammt, und von einer kleinen Splittergruppe hergestellt wurde. Aber mit seiner Art ist auch Manowsky einer von Gestern. Was polizeiliche Ermittlungen anbetrifft, kann ihm keiner das Wasser reichen. Doch wer heutzutage Karriere machen will, mußs sich auch präsentieren können und den Umgang mit den Medien beherrschen. Manowsky sind solche Überlegungen egal, so dass er sich nach einigen brüsken Bemerkungen bei einer Pressekonferenz missmutige Blicke seiner Vorgesetzten einhandelt: So kriegt man die Journalisten nie auf seine Seite. Der Ermittler Henkel (Devid Striesow) macht seine Sache da schon wesentlich besser, auch wenn es der eitle Karrierist als Ermittler nie mit Manowsky aufnehmen könnte.

Szenenfoto Maik ist währenddessen nicht untätig geblieben. Er hat sich als TV-Journalist bei der Pressekonferenz eingeschlichen und bei dem Medienfreund Henkel einen Termin für sich und sein angebliches TV-Team zur Besichtigung der Kaserne geben lassen. Obwohl längst klar ist, dass ihre Differenzen kaum zu überbrücken und ihre Lebensentwürfe wenig kompatibel sind, haben sich alle eingefunden, um bei dieser Aktion mitzumachen. Selbst Tim ist über seinen Schatten gesprungen und hat sich in Schale geworfen: Zum vermutlich ersten Mal trägt er einen Anzug, als er die Fernsehkamera aufs Gelände trägt.

Die Idee von Maik ist so tollkühn, dass sie funktionieren mußs. Henkel will sich die Chance nicht entgehen lassen, im Mittelpunkt einer TV-Reportage eine gute Figur zu machen, und führt die vermeintlichen Reporter bereitwillig durch die Anlage. Für einen kurzen Moment sind die Beweise aus der Machnowstraße zum Greifen nah, doch dann macht Manowsky ihnen einen Strich durch die Rechnung. Er ahnt, dass etwas mit dem Fernsehteam nicht stimmt. Bevor er jedoch eingreifen kann, haben sich die Sechs aus dem Staub gemacht.

Die Fronten sind klar: Manowsky weiß jetzt, dass in der Kaserne Beweisstücke lagern müssen, die zur Aufklärung des Falls führen können. Und Tim und Co. ist bewusst, dass sie handeln müssen. Schnell. Sofort.

Dirk Jasper FilmLexikon
© Fotos: Columbia Tristar © 1994 - 2010 Dirk Jasper