Produktionsnotizen zu Schwer verliebt

Gwyneth Paltrow in der Maske

Von eingeklemmten Kronjuwelen und unkonventioneller Liebe Bobby und Peter Farrelly haben zweifellos einen "besonderen" Sinn für Humor. Wer kann je vergessen, wie sich Jeff Daniels in "Dumm und Dümmer mit den akuten Folgen eines Abführmittels plagte. Wer litt nicht mit Ben Stiller unter seinen eingeklemmten "Kronjuwelen" in Verrückt nach Mary oder bedauerte Cameron Diaz für ihr eiweißreiches Haargel. Und wen favorisierten Sie bei Jim Carreys ebenso mannhaftem wie aussichtslosen Kampf mit sich selbst in Ich, beide & Sie?

Doch trotz aller derben Späße legten die Farrellys immer Wert darauf, dass sich hinter dem Frontalhumor eine gehörige Portion Herz verbarg und die Protagonisten nicht nur vom Publikum ausgelacht wurden. "Unsere Filme funktionieren nur dann, wenn das Publikum mit den Helden mitfühlt", erklärt Peter Farrelly. "Ben Stiller soll ja am Ende Cameron Diaz bekommen und der schizophrene Cop schließlich Renée Zellwegers Herz erobern." Die Leute sollen zwar lachen, aber auch mit einem "Das-Leben-ist-eigentlich-doch-schön-Gefühl" aus dem Kino kommen.

Erst recht wollen sie diesem Anspruch mit Schwer verliebt genügen. Der Film verfügt über sämtliche "Leistungsmerkmale" einer Farrelly-Komödie, inklusive des verbalen und visuellen Humors. Aber die unkonventionelle Lovestory wird das Herz der Zuschauer mindestens ebenso berühren, wie deren Lachmuskeln. "Natürlich gibt es viele Jokes in Schwer verliebt, aber es dreht sich nicht alles nur um die Lacher. Im Mittelpunkt steht die Geschichte eines Mannes, der endlich zu sich selbst findet und dem dabei klar wird, was wirklich zählt im Leben", erklären die Brüder. Bobby Farrelly merkt an, "Peter meinte immer, dass wir unseren besten Film deshalb noch nicht gemacht hatten, weil wir die Leute zwar reichlich zum Lachen, aber noch nicht zum Lachen und zum Weinen gebracht hatten.

Schwer verliebt ist unser bisher emotionalster Film." Ihr langjähriger Produktionspartner Bradley Thomas ergänzt: "Die Jokes sind so lustig wie immer, aber dieses Mal sind sie eine nette Beigabe. Die Geschichte hat eine Botschaft: Erkenne die innere, wahre Schönheit von Menschen. Und das in einer Gesellschaft, in der die schöne Hülle zumeist alles ist, was zählt. Es ist eine altmodische Liebesgeschichte, deren Kern die Beziehung zwischen Hal und Rosemary ist."

Gwyneth Paltrow mit den Farrelly Brüdern

Vielschichtige Mixtur aus Humor und Gefühl Das wahre Objekt der Begierde ist nicht die filigrane, schnuckelige Rosemary, die er sieht, sondern eine Frau mit fast 150 Kilo. Diese Ausgangssituation hätte leicht in einen "Dicken-Witz mit Abspann" münden können, wie Peter Farrelly es formuliert. Deshalb achteten er und Bobby strikt darauf, Abfälliges zu vermeiden. "Man sollte immer in das Herz eines Menschen schauen." Rosemary alias Gwyneth Paltrow ergänzt: "Die Botschaft des Films macht Hoffnung, sie ist aufrichtig und kommt aus tiefstem Herzen."

Die Mixtur aus Gefühl und Humor stammt ursprünglich von Sean Moynihan, einem pensionierten Marketingexperten der Softwarebranche. Bei der Lektüre von Moynihans Korrespondenz mit einem gemeinsamen Freund hatten die Farrellys so viel Spaß, dass sie den "Nachwuchs"-Autor zu einer späten Karriere als Drehbuchautor ermutigten. Moynihan entwickelte also ein Buch mit dem Titel "Das Auge des Betrachters" über einen Mann, der lernt, wahre Schönheit zu erkennen. Beeindruckt von der Story, entwickelten die Farrellys mit Moynihan daraus ein Drehbuch.

Etliche Jahre und zahlreiche Fassungen später war das Ergebnis, jetzt unter dem Titel Schwer verliebt, bereit zur Produktion. Die Besetzung der Hauptrolle Rosemary - in Hals Augen eine überirdische Schönheit - und außerdem ein toller Mensch, war denkbar einfach: Die Farrellys hatten die Figur schon für ihre Traumbesetzung Gwyneth Paltrow geschrieben.

Als sie ihr die Rolle dann anboten, nahm Paltrow bereitwillig an. Wie schon bei Renée Zellwegers und Cameron Diaz, verrät die Besetzung viel über den grundsätzlichen Charakter der Komödie. "Peter und Bobby suchen immer nach einer Schauspielerin, die realistische Darstellung rüberbringt, nicht nach einer offensichtlichen Komödiantin", erklärt Produzent Bradley Thomas. "Gwyneth hat etwas ganz Besonderes, das über ihre bloße Schönheit weit hinausgeht", erklärt Bobby. "Sie wirkt durchscheinend und so ätherisch schön - das kann man einfach nicht lernen. Man hat es oder man hat es nicht. Sie leuchtet von innen. Wenn Gwyneth lächelt, sieht sie eben völlig glücklich und frisch verliebt aus. Genau das brauchten wir für Rosemary Shanahan."

Gwyneth Paltrow in der Maske

Schwerstarbeit ohne Korsett und Heulkrampf In der Arbeit mit den Farrellys entdeckte Gwyneth Paltrow eine weitere Facette ihrer Begabung. Schwer verliebt unterscheidet sich ja deutlich von den Rollen, mit denen sie bekannt wurde, in Kostümfilmen wie Shakespeare in Love oder Emma. "Ich dachte mir, der Dreh wird viel Spaß machen, und außerdem ist die Rolle weit weg von dem, was die Leute von mir erwarten", erklärt die Schauspielerin. " Schwer verliebt ist eine willkommene Abkehr von all den eng geschnürten Korsetts, den Heulkrämpfen und den Akzenten, die einen großen Teil meiner bisherigen Karriere darstellen."

Paltrow stellte sich auch den körperlichen Anforderungen der Rolle: Statt eine Stuntfrau zu engagieren, setzte sie sich selbst auf etliche präparierte Stühle, die unter ihr zusammenbrachen, sprang kopfüber in einen Pool mit Turbo-Whirlpool-Düsen, paddelte in einem Kanu, das zur Hälfte in der Luft hing und "durfte" zu guter Letzt auch noch Partner Jack Black auf Händen tragen. Jene Szenen, in denen Rosemary in ihrer tatsächlichen 150-Kilo-Figur zu sehen ist, waren nicht minder anstrengend. Vier Stunden Make-up standen dafür vor Drehbeginn auf dem Plan, einschließlich des Anpassens des mehrteiligen Fat-Suits. Die Farrellys und Special-Make-up-Effects-Chef Tony Gardner wollten mit diesem Aufwand sicherstellen, dass Gwyneth Paltrow unter sämtlichen Schichten von Latex, Kunststoffschaum und einer Perücke noch zu erkennen war. Und natürlich war es extrem wichtig, dass Rosemary wie ein echter Mensch aussah und nicht wie eine Witzfigur.

Während der entscheidenden Make-up-Tests probierte Gwyneth Paltrow den Anzug in einem New Yorker Hotel aus. Dieser Probelauf sollte zu einer einschneidenden Erfahrung geraten, die ihr Rosemary als Figur näher brachte: "Ich wollte sehen, ob es echt wirkt, und ging mit dem Anzug in die Hotelbar", erinnert sich Gwyneth Paltrow. "Schlagartig nahm niemand überhaupt nur Augenkontakt mit mir auf oder blickte offen in meine Richtung. Keiner wollte Kontakt knüpfen. Es war eine sehr krasse, überraschende und auch traurige Erfahrung", erinnert sie sich.

08/15-Typ anstatt Adonis Gwyneth Paltrow mit Jack Black Nachdem die Besetzung der weiblichen Hauptrolle feststand, suchten die Farrellys nach einem geeigneten Partner. Zuerst hatten sie dabei einen knackigen "Leading Man" im Auge. Dann wurde ihnen klar, dass das Publikum einem toll aussehenden Typen Hals Macho-Anmache zu schnell verzeihen würde. "Wenn aber ein durchschnittlicher Typ bei Frauen nur auf das Äußere achtet", erläutert Bobby Farrelly, "denkt jeder: Dazu hat er kein Recht." Die Einstellung des Publikums gegenüber Hal wäre also bei einem 08/15-Mann passender als bei einem Adonis. Eben jene benötigte Durchschnittlichkeit hatten die Farrellys in Jack Blacks Auftritt in High Fidelity erkannt.

"Jack hat genau das, was wir für Hal suchten", erklärt Produzent Bradley Thomas. "Er ist unverbraucht, strahlt Energie aus und es fällt einem leicht, ihn zu mögen. Außerdem ist er unglaublich lustig!" Die Farrellys boten Black die Rolle an, ohne überhaupt Probeaufnahmen zu verlangen. Aber Jack Black war derart aufgeregt über seine mögliche erste Hauptrolle, dass er darauf bestand, ganz regulär vorzusprechen. Schließlich gelang es den Farrellys doch noch, ihn davon zu überzeugen, dass das nicht nötig sei. "Jack steht noch relativ am Anfang seiner Karriere und hatte tierische Angst, dass er als Partner einer Oscarpreisträgerin, die schon in so vielen tollen Filmen mitgespielt hat, einfach keinen Fuß auf die Erde bekäme", erinnert sich Peter Farrelly schmunzelnd. "Nicht genug damit, dass das meine erste Hauptrolle werden sollte", fügt Jack Black hinzu, "sondern auch mein erster romantischer Auftritt. Eine echte Herausforderung also."

Blacks Nervosität gegenüber Gwyneth Paltrow kam den Farrellys gerade recht. "Fast wie im richtigen Filmleben. Da ist Hal ja auch ein Durchschnittstyp, der erfolglos schönen Frauen nachstellt und von dem, was er als Rosemarys Schönheit wahrnimmt, zutiefst berührt und verun-sichert ist." Jegliche Verunsicherung verflog aber gleich nach Beginn der Dreharbeiten und die beiden Schauspieler wurden gute Freunde. Paltrow sang sogar bei einigen Auftritten von Jack Blacks Band Tenacious D. und improvisierte Duette. "Gwyneth kann verdammt witzig sein. Sie hat die verrücktesten Texte für unsere Lieder er-funden, ständig Grimassen geschnitten und mich völlig aus dem Takt gebracht."

Dritter im Bunde ist Komödienveteran Jason Alexander als Hals bester Freund Mauricio, dessen Streudosen-Toupet bei der Frauenjagd mehr als einmal aus der Fasson gerät und der noch oberflächlicher ist als Hal. "Mauricio orientiert sich noch mehr an Äußerlichem, ist aber trotzdem liebenswert und witzig", erklärt Bobby Farrelly. "Das Publikum kennt und mag Jason Alexander. Mauricio kann die Zuschauer also mit seinem Charme sofort entwaffnen, trotz seiner Schwächen." Alexander, selbst auch als Regisseur tätig, reizten die Macken der Figur eben-so wie die Chance, die Farrellys in Aktion zu er-leben. "Ich liebe ihre Arbeit und ihren Humor", gesteht der Schauspieler. "Manche Regisseure ändern etwas zwischen einzelnen Ein-stellungen, Bobby und Peter sogar, während sie drehen. Ganz nach John-Wayne-Manier: aus der Hüfte geschossen. Man weiß nie, was als Nächstes passiert, das macht es wesentlich lustiger."

Gwyneth Paltrow in der Maske

Tanzkurse, Singstunden und ein Ticket nach L.A. Ebenso wichtiger Bestandteil der Geschichte ist Hals zweiter Freund Walt, ein Spaßgarant mit solidem Geldpolster. Walt nimmt die Dinge so, wie sie gerade kommen, einschließlich seiner Krankheit Spina bifida, aufgrund derer sein Rückenmarkskanal nicht vollständig geschlossen ist. Wie schon bei Ich, beide & Sie, wo der Lehrer Michael Bowman den psychotischen Albino-Kellner spielte, schrieben die Farrellys extra eine wichtige Nebenrolle für einen Laien ins Drehbuch. Der heißt diesmal Rene Kirby, arbeitete früher bei IBM, und für ihn erweckten die Farrellys Walt zum Leben. Sie hatten Kirby beim Dreh zu Ich, beide & Sie kennen gelernt. "Wir saßen abends in einer Bar und auf einmal tippte mich jemand am Schienbein an", erinnert sich Peter Farrelly. "Ich schaute herunter und sah Rene auf allen Vieren vorbeilaufen. Ich wunderte mich: Was war das denn?" Bei einem gemeinsamen Bier erfuhr Peter, dass Kirbys Eltern ihrem Sohn niemals die Benutzung eines Rollstuhls oder Krücken erlaubt hatten und er deshalb gelernt hatte, sich auf allen Vieren fortzubewegen. Vermutlich ist Rene Kirby der einzige Mensch auf der Welt, der sich auf diese Weise fortbewegt und hat infolgedessen einen übermäßig ausgebildeten Oberkörper und extrem ausgeprägte Armmuskulatur.

Rene Kirby ist ein ausgezeichneter Skiläufer und Turner, daneben geht er zum Bowling, fährt Skateboard, Auto und Fahrrad mit einer Spezialkonstruktion. "Mir war noch nie jemand wie Rene begegnet und wenn innere Schönheit hier das Thema ist: Rene hat sie ganz bestimmt", so Peter Farrelly. Bobby fügt hinzu: "Sein Leben ist vermutlich erfüllter als das der meisten Menschen. Seine Lebenseinstellung ist unglaublich, er bemitleidet sich nie selbst, obwohl er alles Recht dazu hätte. Er bereichert andere Menschen ungemein." Die Figur des Walt orientiert sich denn auch weniger an dessen Behinderung als an seinem ausgeprägten Sinn für Humor. "Wir zeigen ihn nicht als jemanden, der auf allen Vieren herumläuft, sondern als einen lustigen Typen, der auf jeder Party abhängt und den alle mögen."

Dennoch machten die Farrellys ihrem Schauspielnovizen Kirby das Filmleben wahrlich nicht leicht. Für seinen ersten Auftritt als Schauspieler mußste Kirby lernen zu singen, zu tanzen und auf einem Pferd zu reiten. Wie alles andere in seinem Leben nahm er die Herausforderungen mit Humor. "Als mich Bobby und Peter anriefen, um mir die Rolle anzubieten, hielt ich das für einen großen Scherz. Aber dann schickten sie mir das Drehbuch, vereinbarten Termine mit Gesangs- und Schauspiellehrern und dann lag ein Flugticket nach Los Angeles im Briefkasten. Dort mußste ich ihnen dann den Song präsentieren, den ich für den Film gelernt hatte. In meinem Leben passiert sehr viel Lustiges. Man mußs immer die spaßige Seite an den Dingen suchen und über die negativen Sachen hinwegsehen. Ich versuche jeden Tag, aus anderen Menschen ein Lächeln herauszukitzeln oder sie zum Lachen zu bringen."

Dirk Jasper FilmLexikon
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