Produktionsnotizen zu Tödliches Vertrauen

Tödliches Vertrauen basiert auf einer Geschichte, die Lewis Colick, William S. Comanor und Gary Drucker gemeinsam verfasst haben. Colick arbeitete daraufhin ein Drehbuch aus, das er den Produzenten Donald De Line anbot. De Line war davon so gefesselt, dass er es sofort seiner Liste mit möglichen Filmprojekten hinzufügte, mit denen de Line sein Produktionsdeal mit Paramount Pictures eingehen wollte. Ihm gefiel vor allem, dass sich die spannende Geschichte mit so einem verwundbaren Thema wie Familie auseinandersetzt. "Für mich wird in der Geschichte der schlimmste Fall heraufbeschworen", so De Line, "du bist geschieden, deine Ex-Frau hat wieder geheiratet und plötzlich ist da dieser Stiefvater, mit dem dein Kind unter einem Dach lebt. Du weißt gar nichts über diesen Kerl, und das ist eine Situation, die zu Angstzuständen und Paranoia führen kann."

Produzent Jonathan Krane fügt hinzu, dass er schon vom ersten Entwurf des Drehbuchs begeistert war. Zum einen, weil es um alltägliche Situationen geht, die jeder Zuschauer aus eigenen Erfahrungen kennt. Wenn sich diese Verbindung knüpfen lässt, hat man eine perfekte Ausgangsbasis für einen erfolgversprechenden Thriller.

Auch für John Travolta sollte sich mit Tödliches Vertrauen die großartige Gelegenheit ergeben, nach Wehrlos - Die Tochter des Generals und Phenomenon (Jonathan Krane war hier ausführender Produzent) wieder eine Heldenrolle zu spielen. Und als Vater kennt man ihn noch aus den "Kuck' mal wer da spricht"-Filmen.

"Im Grunde genommen ist der Kampf des Vaters um seinen Sohn das Herzstück unseres Films", erklärt der Regisseur Harold Becker, "der Vater mußs zu der Einsicht kommen, dass sein Junge tatsächlich in Gefahr ist und nur er ihn retten kann."

Wie die Idee zu dieser Geschichte allerdings entstand, ist schon ziemlich komisch. Drehbuchautor Lewis Colick erinnert sich, dass er gerade sein neues Haus bezog, als er von seinem neuen Nachbarn auf die andere Straßenseite gerufen wurde: "Er ist ein Wirtschaftsprofessor an der University of California und erzählte mir von einer fabelhaften Idee, die er für einen Film hätte."

Colick forderte den Professor auf, seine Geschichte ganz genau zu erzählen. "Er beschrieb einen Mann, der schon mehrmals geschieden war und wegen seines Sohns in etlichen Problemen steckte. Es ging ums Sorgerecht und andere hochaktuelle Themen. Irgendwann kamen wir auf das Thema Stiefvater zu sprechen. In diesem Moment klickte es in meinem Kopf. In meiner Vorstellung stellte ich mir einen furchtbaren Mann vor, der mit meinem Sohn unter einem Dach haust. Keiner kennt ihn wirklich, und dieser Gedanke erschreckte mich zutiefst. Mir war plötzlich klar, dass ich den Stoff für einen grandiosen Thriller gefunden hatte."

Nachdem John Travolta das Drehbuch gelesen hatte, mußste er nicht lange überlegen, die Rolle des Frank Morrison anzunehmen. Schließlich ist er selbst Vater von zwei Kindern und fühlte sich von der Komplexität seiner Figur und der spannenden Handlung sofort angezogen: "Ich dachte nur, was für eine originelle Idee, und es gibt so viele wunderbare Einzelheiten in der Geschichte. Ich spiele einen Vater, der als Einziger seinem Sohn glaubt und von dem Urinstinkt geleitet wird, ihn beschützen zu wollen. Das ist ein Thema, dass alle Menschen berührt. Egal, wo auf der Welt, Eltern sind immer in Sorge, wenn Kinder nicht gut behandelt werden. Das ist ein natürlicher Instinkt, der die Wachsamkeit aller Eltern weckt. Als ich dann auch noch hörte, dass Harold Becker mein Regisseur sein würde, wollte ich diesen Film unbedingt machen. Seit Pulp Fiction versuchten Harold und ich, ein gemeinsames Filmprojekt zu finden."

In der Rolle kämpft Travolta um seinen Sohn, der zwar wiederholt gelogen hat, aber trotzdem beschützt werden mußs. Seine neuen Eltern, die von Teri Polo und Vince Vaughn gespielt werden, geben nur äußerlich den Schein eines perfekten Paares. "Im Film wirken die Beiden wie die Marzipanfiguren auf einer Hochzeitstorte. Es ist ein Bild der Perfektion, aber das ist nur eine Täuschung", erzählt Travolta.

Mit so einem Hauptdarsteller wie Travolta an Bord erhöhte sich auch der Reiz für Harold Becker Tödliches Vertrauen unbedingt verfilmen zu wollen. Becker arbeitete zuvor schon mit Stars wie Al Pacino und Nicole Kidman. Mit Pacino drehte er den packenden Thriller "Sea of Love - Melodie des Todes", und Nicole Kidman war seine Hauptdarstellerin in der Tragödie "Malice".

Produzent Donald De Line weiß über Becker nur Gutes zu berichten: "Wenn es um einen Thriller geht, ist er der richtige Mann. Er hat ein Gespür für Schauspieler und kann die nötige Stimmung zaubern. Für ihn ist der Aufbau einer Geschichte wichtig, um den Zuschauer dort hin zu kriegen, wo er ihn haben will."

Der Produzent Jonathan D. Krane merkt an, dass er schon seit Jahren versucht, mit Becker zusammenzuarbeiten. Als das Drehbuch zu Tödliches Vertrauen Formen annahm, schlug er De Line und dem Studio Harold Becker als möglichen Regisseur vor. Doch die hatten schon selbst die Idee, Becker die Regie anzubieten.

Vince Vaughn, der in sympathischen Figuren wie in der Komödie "Swingers" ebenso überzeugen kann wie als wahnsinniger Psychopath Norman Bates in dem Remake von "Psycho", bekam das Angebot, den zwiespältigen Rick Barnes zu verkörpern. "Vince ist einer der wandlungsfähigsten Schauspieler überhaupt", schwärmt De Line, " er kann so charmant und freundlich sein, doch plötzlich erlebt man ihn als den furchtbarsten Typen, den man sich vorstellen kann."

Als nächstes wurde Teri Polo für die Rolle der Susan verpflichtet. Die Schauspielerin kennt man noch bestens aus der Erfolgskomödie "Meine Braut, ihr Vater und ich".

Steve Buscemi, der in Tödliches Vertrauen als Ray Coleman auftaucht, ist im Film eine mysteriöse Erscheinung. "Steve ist einfach nur brillant", äußert sich De Line, "in allem, was er spielt, sorgt er stets für eine Überraschung."

Dennoch ist Rick Barnes die vielschichtigste Figur in Tödliches Vertrauen. "Es fällt einem sicherlich nicht schwer, ihn für seine kriminellen Handlungen schuldig zu sprechen", meint Vaughn, "aber er versprüht auch Optimismus. Zumindest wenn er in Southport ankommt und davon überzeugt ist, sein Leben neu ordnen zu können. Anfangs soll er damit Recht behalten. Er verliebt sich in Susan und alles läuft gut. Bis ihm ein alter Bekannter in die Quere kommt und dafür sorgt, dass alles wieder zerstört wird."

Für Vince Vaughn war es natürlich eine besondere Freude, endlich mit Steve Buscemi gemeinsam vor der Kamera zu stehen. "Er ist ein Genie", schwärmt Vaughn, "ich liebe es, wenn er diesen spezifischen Realismus in seine Rollen einbringt. Er hat einfach Charisma. Aber auch die Zusammenarbeit mit John Travolta war eine Offenbarung. Es gibt keinen Film mit ihm, den ich nicht mag. Und über Harold Becker kann ich nur sagen, dass er immer dafür sorgte, dass sich alle wohl am Set fühlten. Wenn jemand mit einem Vorschlag zu ihm kam, hörte er ganz genau zu. Damit gewann er die ganze Zuneigung seines Teams."

Voll des Lobes über Kollegen und Regisseur ist auch Steve Buscemi. "Harold kümmert sich um alles", so Buscemi, "die schauspielerische Leistung war für ihn nicht weniger wichtig als die Bilder, und deshalb war es eine große Freude, mit ihm an so einem Film zu arbeiten. Tödliches Vertrauen ist für mich ein Thriller, der aber auch sehr viele rührende Augenblicke zwischen Vater und Sohn hat. Darin kann ich mich durchaus wiedererkennen."

Teri Polo fand nicht nur das Projekt an sich aufregend, sondern vor allem die grandiose Besetzung. "Ich wollte bei diesem Film unbedingt dabei sein", erklärt sie, "schon mein erstes Treffen mit Harold Becker verlief sehr konzentriert, und von meinem ersten kurzen Treffen mit Vince Vaughn war ich extrem beeindruckt. Und dann natürlich John Travolta! Als wir unsere erste Szene hatten, dachte ich nur, das wird alles in den Schatten stellen, was ich bisher geschafft habe. John fordert dich heraus und wenn ich könnte, würde ich nur noch Filme mit John Travolta machen." Über ihren Filmsohn Matt O´Leary berichtet sie, dass er "schon unheimlich erwachsen wirkt. Alles, womit er es zu tun bekam, meisterte er. Ich nenne ihn seitdem nur noch meinen Mini-Vin, weil er John und Vince genauso wie ich bewundert. Am Set imitierte er sie in einer Tour, was ich wundervoll fand."

Regisseur Harold Becker sah in Tödliches Vertrauen endlich die Möglichkeit, mit seinem Wunschkandidaten John Travolta zu arbeiten. "Alle Eltern halten ihre Kinder für perfekt", so Becker, "auch wenn das mit der Realität oft gar nicht übereinstimmt. John hat einen sehr guten Draht zu Kindern, und erfüllt seine Rolle mit einer außergewöhnlichen Menschlichkeit. Dabei bewahrt er allerdings eine gewisse Zwiespältigkeit, mit der er die kleinste Nebensächlichkeit zum Leben erwecken kann. Mit dieser Fähigkeit macht er aus Frank Morrison eine wirklich tragende Figur."

Becker war aber auch klar, dass die Glaubwürdigkeit der Geschichte von der idealen Besetzung des jungen Danny Morrison abhängen würde. Die Wahl fiel schließlich auf Matt O'Leary, der schon in den verschiedenen Fernseh- und Spielfilmen mitwirkte. In Tödliches Vertrauen spielt er einen Jungen, dessen Leben zum absoluten Albtraum wird. Niemand will ihm glauben, dass er mit einem Mörder zusammenlebt.

Travolta lobt den jungen Matt in den höchsten Tönen: "Er erinnert mich ein bisschen an den Christian Slater, als er noch jünger war. Matt ist für sein Alter schon ziemlich reif. Er ist ein begabter Schauspieler, dem es gelingt, dass man mit ihm leidet. Ein Beweis, wie begabt dieser Junge ist. Denn wenn er in seiner Rolle nicht zu überzeugen weiß, würde der ganze Film nichts taugen. Matt hat das gut hin bekommen. Nicht nur unsere Beziehung als Vater und Sohn funktioniert einwandfrei, sondern auch die Traurigkeit, in der er sich befindet. Man nimmt ihm das wirklich ab."

Travolta fasst die Spannung, die Darsteller und Crew während der Dreharbeiten miteinander teilten, folgendermaßen zusammen: "Ich glaube, wir haben es hier mit einem Thriller zu tun, der die Zuschauer schlichtweg aus den Sitzen reißen wird. Sie werden zugleich staunen, grübeln, Angst haben, aber auch lächeln. Das ist ein richtiges Erlebnis." Für Matt O´Leary bedeutet Tödliches Vertrauen der bisherige Höhepunkt seines noch jungen Lebens. "Ich bin für diese Rolle etliche Male beim Vorsprechen gewesen. Erst beim letzten Vorsprechen begegnete ich endlich John Travolta. Für mich war das die Krönung. Als mich meine Schwester anschließend von Los Angeles nach Hause fahren wollte, rief plötzlich mein Manager an. Er sagte nur: Rate mal, was passiert ist? Du hast die Rolle!"

Matt, der mit großen Schritten Karriere zu machen scheint, erzählt weiter: "Schon als kleiner Junge habe ich John bewundert. Mit ihm einen Film zu drehen, war für mich eine große Ehre. Es war für mich etwas ganz Besonderes, ihn bei der Arbeit beobachten zu dürfen. Dabei konnte ich viel lernen und habe mir jeden seiner Tricks gemerkt."

Nachdem das Casting abgeschlossen war, konnte in Wilmington im US-Bundesstaat North Carolina die erste Klappe fallen. Gedreht wurde in den Screen Gems Studios, in der Stadt Wimington und in den Außenbezirken, wie zum Beispiel Hampstead, Bergaw und Southport. Dazu Produzent Donald De Line: "Wilmington ist der perfekte Schauplatz, auch wenn die Geschichte laut Drehbuch in Southport, Maryland, spielt. Der kleine Ort ist deshalb so geeignet, weil hier ganz normale Bürger leben, und genau so einer ist der Held unseres Films. Als wir aus ihm auch noch einen Bootsbauer machten, war klar, dass wir eine Stadt benötigten, die am Wasser liegt." In Tödliches Vertrauen wird aber weiterhin die Rede von Southport sein, denn Becker hatte die Vision, dass nur das unberührte Maryland in Frage käme, um die Geschichte des Films zu erzählen.

"Wilmington ist eine historische Stätte, die zugleich schön, ländlich und idyllisch ist", so De Line, "man hat das Gefühl, dass dort die Zeit stehen geblieben ist. Genau diesen Eindruck wollten wir in unserem Film vermitteln." Produzent Jonathan D. Krane erinnert sich, dass die Suche nach dem perfekten Ort tatsächlich in Wilmington begann, und dort endete sie auch wieder, nachdem man bei weiteren Ortskundschaften im Südosten nicht fündig wurde.

Als nächstes mußste der geeignete Kameramann gefunden werden, und die Wahl fiel auf Michael Seresin. "Er versteht es, mit Licht und Schatten Stimmung zu erzeugen", wird er von De Line gelobt, "das ist für einen guten Thriller sogar sehr entscheidend. Der Look des Films mußs wie ein weiterer Charakter eingestuft werden."

Seresin stellte sich der Herausforderung: "Als Kameramann ist es meine Aufgabe, das Drehbuch so zu interpretieren, dass es in eine visuelle Form gebracht werden kann. Gespräche mit dem Regisseur müssen geführt werden, damit die Wörter nicht weiterhin abstrakt auf den Seiten des Drehbuchs stehen. Doch dafür braucht man ein Gespür. Das Geschriebene braucht Gefühl und Struktur, um damit auf der Leinwand etwas Lebendiges zu erzeugen."

Aber wie bringt man das fertig? "Ein Thriller verlangt das Spiel von Licht und Schatten", erklärt Seresin, "und ich ließ mich durch die Schatten der Natur verleiten, um die Geschichte, die ja immer weiter voranschreitet, zu verdichten. Harold stimmte mir zu, dass die zunehmende Dunkelheit ein zentraler Punkt des Films sein müsste."

Produktionsdesigner Clay A. Griffith stand vor einen ähnlichen Herausforderungen: "Wir waren in einem verschlafenen Örtchen und mußsten eine komplette Küstengemeinde ins Leben rufen. Es war schon seltsam, in Wilmington zu drehen. Die Zeit ist dort irgendwie stehen geblieben, und damit bot die Stadt und ihre Umgebung genau das, wonach das Drehbuch verlangte. Wenn wir vor Ort etwas nicht ausfindig machen konnten, bauten wir es eben in den Screen Gems Studios nach."

Für Harold Becker war das Design seines Films schon deshalb entscheidend, weil damit die Spannung eines Thrillers abhängen kann. "Harold war deshalb sehr streng mit mir und meinem Team", erinnert sich Griffith, "mit ihm, Donald De Line und Michael Seresin kamen wir auf recht ungewöhnliche Schauplätze und Sets, womit wir die entscheidenden Stellen der Geschichte visuell hervorheben wollten. Das schäbige Shady Tree Motel mit seinem Umland in Southport gehört ebenso dazu wie Ricks historisches Wohnhaus in dem Vorort von Wilmington.

In Hampstead fanden wir die geeignete Stelle für "Morrison & Son", die zwischen schönen Wasserwegen zur Küste eingebettet war. Eine raue Umgebung mit dem Backsteinhaus, wo das Finale des Films stattfinden sollte, fanden wir an einem See namens Bergaw. Und die Titelsequenz entstand in einer ehemaligen Gemeinde irgendwo in Southport, North Carolina."

Dirk Jasper FilmLexikon
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