Produktionsnotizen zu The Deep End - Trügerische Stille

Wie weit geht eine von Angst und Verzweiflung zum Äußersten getriebene Frau, um ihre Familie zu retten? Würde sie ein Verbrechen vertuschen? Würde sie ein Verbrechen begehen? Würde sie alles riskieren, auch ihr Leben? Würde sie mit all ihren Grundsätzen brechen, einschließlich ihrer Moralvorstellung?

In dem faszinierenden, auf dem letzten Sundance Film Festival ausgezeichneten Suspense Thriller The Deep End - Trügerische Stille, wird eine Mutter in einen Alptraum hineingezogen, der sie mit genau diesen Fragen und ihren schockierenden Antworten konfrontiert.

Ein Gefühl der Isolation hat sich bei Margaret Hall (Tilda Swinton) in die Behaglichkeit ihres scheinbar geregelten Daseins geschlichen. Die einsame Hausfrau lebt am Lake Tahoe und ist mit einem Marine-Offizier verheiratet, der auf einem Flugzeugträger für Monate auf See ist. Wenn er unterwegs ist, versucht Margaret ihr Bestes, um es der Familie recht zu machen, egal was gerade anliegt. Dazu gehören auch akute Notlagen, die sie eine nach der anderen mit schnellen, wohl über-legten Entscheidungen löst. Als der Geliebte ihres ältesten Sohns Beau ausgerechnet vor ihrem Haus am Strand tot aufgefunden wird, tut sie das, wozu nur unerschütterliche Mutterliebe fähig ist: Sie versteckt den Leichnam, um ihren Sohn zu schützen.

Nach dieser Verzweiflungstat taucht Alek Spera (Goran Visnjic) auf, der über den Todesfall und das geheime Leben des Sohns Bescheid weiß. Doch was als ein fesselndes Katz-und-Maus-Spiel beginnt, wendet sich zu einer beklemmenden Liebesgeschichte, bei der es um Sehnsucht und Selbstaufopferung geht. Je stärker Margaret versucht, der Erpressung, dem Gesetz oder den Fragen ihrer Familie zu entkommen, desto ungeschützter steht sie selbst da.

The Deep End - Trügerische Stille ist der zweite Spielfilm der Regisseure Scott McGehee und David Siegel, die mit ihrem Debütfilm "Suture" (1993) bei der amerikanischen Kritik große Aufmerksamkeit erzielten. Siegel und McGehee, die ihren Film selbst produzierten, schrieben auch das Drehbuch, dem der Roman "The Blank Wall" von Elisabeth Sanxay Holding zu Grunde liegt. Robert H. Nathan war der Ausführende Produzent und Laura Greenlee die Ko-Produzentin. Neben Tilda Swinton und Goran Visnjic spielen Jonathan Tucker, Raymond Barry, Josh Lucas und Peter Donat.

Eine Noir-Spezialistin wiederentdeckt The Deep End - Trügerische Stille ist hochaktuell, doch der Stoff beruht auf einem wenig bekannten Roman aus den vierziger Jahren, den das Autoren- und Regie-Duo Scott McGehee und David Siegel ausgegraben hat: "The Blank Wall" von Elisabeth Sanxay Holding. Holdings kraftvolle Schilderungen nicht enden wollender Alpträume, bei denen immer Frauencharaktere im Mittelpunkt stehen, werden wie die Bücher von Jim Thompson und anderer Noir-Autoren gerade wiederentdeckt.

Als Elisabeth Sanxay Holding in den vierziger Jahren ihr erstes Buch veröffentlichte, war es kein anderer als Raymond Chandler, der feststellte: "Sie ist die beste Suspense-Schreiberin von allen. Ihre Charaktere sind wunderbar, und ihre Geschichten haben eine innere Ruhe, die ich sehr reizvoll finde." Holding wusste, dass wirklich nervenzerrende Spannung weniger durch Geheimnisse und Morde entsteht, als durch die Dinge des ganz alltäglichen Lebens. Sie schrieb mit verzehrender Ernsthaftigkeit über Frauen, Ehe und Mutterschaft. Die New York Times über ihre Protagonistinnen: "Mit den besten Absichten der Welt ruinieren sie sich gegenseitig ihr Leben."

"The Blank Wall" wurde 1947 zuerst in einer gekürzten Fassung in der Oktober-Ausgabe von "The Ladies' Home Journal" veröffentlicht. Dort, umgeben von Rezepten für "Armour Corned Beef Hash" und Artikeln über "Wunder-Schuhe", verfolgten die Leser die verzweifelten Schritte einer Mutter, die alles tun würde, um die Tatsache zu vertuschen, dass der nicht vorzeigbare Liebhaber ihrer Tochter umgebracht wurde. Als ein geheimnisvoller, sogar romantischer Erpresser die Bühne betritt, zerspringt die makellose Maske der Mutter und die Spannung schnürt einem bis zuletzt die Kehle zu. 1949 verfilmte Max Ophüls den spannenden Psycho-Thriller unter dem Titel "Schweigegeld für Liebesbriefe". Der Popularität des Zeitschriftenromans verdankte Holdings Buch seinen großen Erfolg. Selbst Alfred Hitchcock war so beeindruckt, dass er 1959 "The Blank Wall" - als einzigen Roman in voller Länge - in seine Anthologie "My Favorites in Suspense" aufnahm. Aber seitdem fristeten "The Blank Wall" und andere Schriften der Autorin, die ihrer Zeit weit voraus waren, ein Schattendasein.

Auftritt Scott McGehee und David Siegel, zwei junge Regisseure mit einer Schwäche für das emotionale Minenfeld eines heimeligen Universums. Mit ihrem eleganten, surrealen Thriller "Suture" begeisterten Siegel und McGehee sowohl das Publikum als auch die Presse.

Das Duo zog es zu Elisabeth Sanxay Holdings unnachahmlicher Mischung aus atemberaubender Spannung, familiärer Abhängigkeit, persönlicher Verantwortung und Aufopferung. Sie riskierten eine Frage, die ihre filmische Erfindungskraft herausforderte: Lässt sich ein häusliches Melodram aus den späten Vier-zigern so aktualisieren, dass damit ein anspruchsvolles, modernes Publikum gewonnen werden kann?

"Zu ihrer Zeit waren Geschichten wie diese geradezu subversiv, weil sie die Institution der Familie, die Kommunikationsfähigkeit und die Bereitschaft zur Selbstaufopferung in Frage stellten", erklärt David Siegel. "Genau das wollten wir in einem zeitgemäßen Setting mit sympathischen Charakteren zusammenbringen, die ein Publikum von heute glaubwürdig findet."

"Die Welt hat sich grundsätzlich verändert, seit Geschichten wie "The Blank Wall" geschrieben wurden. Aber der Druck, die Dinge zusammenzuhalten, ist immer noch da, besonders für Mütter aus den Vorortsiedlungen, die ständig das Familienleben organisieren. Nur sprechen wir nicht mehr darüber", ergänzt Scott McGehee. "Heutzutage sind die meisten Filmcharaktere sehr offen und oberflächlich. Wir haben lange darüber nachgedacht, wie man eine Frau von heute zeigen müsste, die trotz allem in einer emotionalen Abhängigkeit gefangen ist, aus der sie nicht entkommen kann."

In intensiver Zusammenarbeit verfassten Siegel und McGehee zuerst detailliert Outlines von der Romanvorlage. Sie versahen die Story mit einer aktuellen Note und veränderten bestimmte zentrale Punkte. Am auffälligsten ist, dass die Mutter jetzt ihren Sohn im Teenager-Alter schützt, der sich mit dem zwielich-tigen Besitzer einer Schwulenbar eingelassen hat. "Wir haben den schwulen Geliebten nicht für den spektakulären Effekt eingebaut, sondern um die Kommunikation zwischen Mutter und Sohn nachdrücklich zu unterbinden", bemerkt McGehee. "Margaret hat nichts gegen Homosexuelle, aber es ist ihr nicht möglich, mit ihrem Sohn über diese Seite seines Lebens zu reden. Sie hat Angst um ihn, wenn er Teil dieser für sie anderen Welt ist."

Als Location für The Deep End - Trügerische Stille entdeckten Siegel und McGehee die Kleinstadt Lake Tahoe. "Der Gegensatz des reinen Sees und des undurchdringlichen Waldes, die Einsamkeit der Umgebung, die klaustrophobische Atmosphäre der Kleinstadt und die mythische Bedeutung des benachbarten Reno - eine Stadt mit einer wirklichen Magie. All das passte hervorragend zur Geschichte", sagt Siegel. "Wir waren natürlich auch davon begeistert, dass bisher wenige Filme in Tahoe gedreht wurden und wir die einmalige Chance hatten, diesen Ort so aussehen zu lassen, wie ihn noch nie jemand zuvor gesehen hat."

Die Wahl hat sich gelohnt: In diesem Jahr wurde The Deep End - Trügerische Stille für die Kameraarbeit auf dem Sundance Film Festival mit dem begehrten Best Cinematography Award ausgezeichnet.

Zur Besetzung und den Charakteren Als das Drehbuch fertig war, begann für Siegel und McGehee die schwierigste Aufgabe - die richtige Margaret Hall zu finden. Um dieser Figur gerecht zu werden, brauchten sie eine Darstellerin, die äußere Gelassenheit und inneres Chaos gleichermaßen verkörpert, die einen Hang zu strenger Ordnung genauso ausdrücken kann wie den totalen Verlust der moralischen Orientierung.

Siegel und McGehee fanden ihre perfekte amerikanische "Suburban Mom" in der schottischen Schauspielerin Tilda Swinton. Die Titelrolle der Virginia-Woolf-Adaption Orlando (Sally Potter, 1992) gehört zu ihren bekanntesten Filmrollen. Swinton begeisterte die Regisseure als eine einfache, ruhige Margaret, die sich zum Inbegriff kampfbereiter Mütterlichkeit wandelt.

"Margaret ist eine enorme Herausforderung, weil sie ein in sich ruhender Charakter ist. Sie durchlebt fast alle Krisen allein, darum kann sie ihre wahren Gefühle durch ihr Gesicht, ihren Körper und ihre Gesten viel stärker als durch Worte ausdrücken", erklärt Scott McGehee. "Tilda Swinton hat ein Gesicht, das einem vollständige Ruhe vermitteln kann. Ihre Augen drücken Intelligenz und Leidenschaft aus. Und im Gespräch sagte sie uns, dass sie die Bandbreite der Ausdrucksmöglichkeiten eines Gesichts bei Naheinstellungen besonders mag. Da wussten wir, dass wir die richtige Schauspielerin gefunden hatten."

David Siegel fügt hinzu: "Tilda gibt dieser Margaret eine ungewöhnliche Kombination aus Sympathie und Härte. Sie überzeugt einen von ihrer Unnachgiebigkeit - und am Ende bricht sie einem trotzdem das Herz."

Auf ihre Rolle bereitete sich Tilda Swinton mit dem Drehbuch und der Romanvorlage vor. "Das Drehbuch hatte etwas, was ich schon lange im aktuellen Kino vermisse: etwas wie die großen Filme des Film Noir, mit Frauencharakteren in den Hauptrollen. Diese Filme, die einen um drei Uhr morgens hochjagen, wenn sie im Fernsehen zu sehen sind, die aber anscheinend niemand mehr drehen will", sagt Swinton. "Als ich dann den Roman von Elisabeth Sanxay Holding las, war ich von dieser Autorin begeistert. Ich war überrascht wie modern und tough sie war. Jetzt suche ich alles, was sie geschrieben hat."

Swinton über den kühnen Schritt von Siegel und McGehee, die innere Welt einer Mutter im 21. Jahrhundert zu erforschen: "Frauenfilme werden nicht mehr gemacht, seit es nicht mehr politically correct ist. Aber entgegen der aktuellen Legendenbildung ist es immer noch so, dass Frauen regelmäßig in Situationen gebracht werden, in denen sie sich um alle anderen kümmern müssen, nur nicht um sich selbst. Wenn ich mir das unvoreingenommen ansehe, wirkt The Deep End - Trügerische Stille erstaunlich radikal und bietet zugleich fesselnde Unterhaltung."

Als Mutter war Swinton beeindruckt von Margarets Einstellung zur Mutterschaft. "Am liebsten mag ich an Margaret dieses total Unexotische. Es war für mich eine Herausforderung, sie absolut einfach darzustellen. Für sie ist die Aufgabe, ihre Familie vor Mord und Erpressung zu schützen, genauso Teil ihres Jobs, wie die Wäsche zu waschen und das Haus zu putzen. Die Grundidee in dem Film lautet für mich: Es gibt ein fürchterliches Durcheinander in der Familie, Margaret ist die Mutter, und deshalb mußs sie schon fast von Natur aus die Unordnung beseitigen."

Swinton war von dem ruhigen Ton der Erzählung begeistert, einschließlich der ständigen sprachlosen Konversation. "Dieser Film hat für mich eine nachhaltige Wirkung", bemerkt sie. "Die Kraft der Geschichte wirkt nicht an der Oberfläche. Da schlägt kein Funken über, aber gerade das ist so brillant. Es geht um die Idee, dass Mütter oder Väter ihre Alpträume nicht notwendigerweise mit ihren Familien teilen. Sie ertragen sie einfach. Das mit einem solchen Realismus zu zeigen, ist wirklich mutig - und das macht den Film auch so unglaublich spannend."

Am Anfang gab es einige Bedenken wegen Swintons schottischem Hintergrund. Aber die Regisseure verfolgten staunend, wie sie die amerikanische Umgebung in sich aufsog und bald den Eindruck erweckte, als wäre sie am Lake Tahoe geboren. "Als wir gesehen haben, wie sie arbeitet, hat sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit ihrer Darstellung gar nicht mehr gestellt", sagt McGehee. "Sie übernahm wirklich den Rhythmus von Margarets Leben. Ihre Routine ist ihr eine Bürde, aber sie wird auch zu ihrem Mantra, ihrem Leitspruch, als sie versucht, ihre Familie zu retten."

Swinton ergänzt: "Meine Aufgabe bestand darin, mich in die Rolle einer amerikanischen Mutter hineinzuversetzen. Das hat nichts mit dem richtigen Klang der Vokale zu tun, aber mit dem Ausdruck, den ich für den speziellen Charakter dieser Margaret finden mußste. Ich probierte eine Mischung aus allgemeinen Beobachtungen und tiefer Imagination. Eines der Dinge, die dabei herauskamen, war das: Margaret ist eine Frau, die sich niemals Zeit für sich selbst nimmt. An erster Stelle steht immer das Gebot der Familie. Es gibt keine Zeit für irgend etwas anderes."

Swinton mußste für die Transformation zur amerikanischen Mutter einen besonderen Preis zahlen: Sie mußste sich von ihrem Markenzeichen, ihren langen, roten Haaren, trennen. Die Regisseure begleiteten sie auf der Autofahrt vom Lake Tahoe nach Los Angeles, wo der Schritt vollzogen wurde. "Das war unser Schlüsselerlebnis", erinnert sich Scott McGehee, "von da an verkörperte sie Margaret."

Für Swinton war ihre Beziehung zu Siegel und McGehee von besonderer Bedeutung. "Sie sind vollendete Erzähler und wahrhafte Cineasten, das hat mich wirklich gereizt. Sie wissen um den Wert eines jeden Atoms auf der Leinwand. Sie kennen den emotionalen Gehalt jeder Geste und jeder Farbe, und das ist bei dieser Geschichte unumgänglich."

Ironischerweise ist der einzige Mensch, dem Margaret in The Deep End - Trügerische Stille zu vertrauen beginnt, ausgerechnet der Mann, der sie zu erpressen versucht, der geheimnisvolle Alek Spera. Wie Margaret ist Alek Spera ein untypischer Charakter. Er ist unwiderstehlich, romantisch, verführerisch, kriminell und von einer Anziehungskraft, die der Tradition der Femme fatale verpflichtet ist.

Für diesen Alek wollten die Regisseure jemanden, der das genaue Gegenteil von Tilda Swintons Erscheinung verkörpert. In dem dunklen, brütenden, weltmüden Gesicht von Goran Visnjic, der als Dr. Luka Kovac in Emergency Room (TV-Serie, 1994) bekannt wurde, fanden Siegel und McGehee, wonach sie gesucht hatten. "Wir sahen Goran in Michael Winterbottoms "Welcome To Sarajevo" (1997) und dachten: Wer ist dieser Typ? Der hat eine Präsenz, die begleitet einen noch lange nach dem Film", erinnert sich David Siegel. "Genau diese Wirkung wünschten wir uns für Alek Spera."

Scott McGehee: "Für Alek Spera brauchten wir einen Schauspieler, dem man den bad guy zutraut, der uns aber merkwürdigerweise trotzdem sym-pathisch wird. Goran strahlt sowohl eine absolute Unschuld als auch einen tiefen Überdruss aus. Er wirkt wie ein Mensch, der viel durchgemacht hat, abgesehen davon, dass er unglaublich gut aussieht."

Visnjic, der schon von Siegel/McGehees Debütfilm "Suture" begeistert war, überzeugte das Drehbuch sofort: "Es war unglaublich erzählt", erinnerte er sich an den ersten Leseeindruck. "Was gibt es Aufregenderes für einen Schauspieler, als einen Charakter zu spielen, der sich in ein paar Stunden vom absoluten Schurken zu einem Mann entwickelt, der lernt, sich um jemanden zu kümmern?"

Nach Visnjics Ansicht ist es für Alek Spera höchste Zeit, einem Menschen wie Margaret Hall zu begegnen. "Für mich ist er einer, der in seinem Leben nicht viel Glück hatte und der in die Kriminalität abgeglitten ist. Aber als er Margaret sieht, wie sie die Wäsche aufhängt, auf die Kinder aufpasst und sich um die Familie kümmert, wird ihm klar, dass es noch etwas anderes gibt auf der Welt. Er ist sehr bewegt von ihr und fühlt sich zu diesem ein-fachen Leben und ihrer Liebe für ihre Familie hingezogen. Diese Einsicht verändert ihn schlagartig."

Er war fasziniert von der düsteren Erscheinung dieses Alek Spera, die seinen romantischen Charakter überlagerte: "In der Art, wie er handelt, liegt ein Geheimnis, etwas Unbekanntes, das mag ich. Das zwingt das Publikum, sich mit ihm genauso auseinanderzusetzen, wie ich es mußste, als ich ihn spielte."

Der leichte Akzent des Kroaten Visnjic passte perfekt zu der Rolle. "Wir mochten die Vorstellung, dass Alek ein Ausländer ist", erklärt Scott McGehee. "Es gehört zu seinem Geheimnis und der Art der dunklen Vergangenheit. Er ist die Verkörperung des Outsiders, der keinen blassen Schimmer davon hat, worauf er sich gerade einlässt."

Letztlich war es die Chemie zwischen Swinton und Visnjic, von der die Regisseure hingerissen waren. Gemeinsam vor der Kamera erzeugen die beiden das perfekte Kontrasterlebnis - Licht und Dunkelheit. Kommentar Swinton: "Ich habe von Anfang an gedacht, dass es ziemlich clever ist, Goran zu besetzen. Ein unschuldiges Herz zu spielen, das von der Welt korrumpiert wurde und auf der Suche nach Erlösung ist, ist heutzutage eine Herausforderung. Goran hat eine Präsenz, die ihn für diese Art von Geschichten sehr glaubwürdig wirken lässt. Er kriegt diese 180-Grad-Wende von fies zu aufopfernd hin. Vor allem aber brachte er eine wirkliche Liebesgeschichte in den Film. Es ist genau diese Art von Romanze, die ich im Kino immer vermisse. Sie wird nicht explizit gezeigt, sie mußs noch nicht einmal stattgefunden haben, aber es gibt diese etwas melancholische Anspannung."

Nicht nur Margaret und Alek, auch die übrigen Charaktere in Margarets Haushalt sind von großer Wichtigkeit, besonders als sie versucht, Darbys Tod ohne deren Wissen oder Mithilfe zu vertuschen. Wichtig für die emotionale Entwicklung der Story ist Margarets scheinbar harmloser und wunderbarer Sohn Beau, gespielt von Jonathan Tucker, der während der Dreharbeiten seinen 18. Geburtstag feierte.

"Wir konnten mit Jonathans Arbeit nicht glücklicher sein", sagt Scott McGehee. "Er schwärmte unglaublich für diese Rolle und gab Beau eine große Wahrhaftigkeit und Verletzbarkeit. Man achtet auf Beau, man spürt seine Freundlichkeit, sein Können, man will auf ihn aufpassen. Es war überraschend, wie ähnlich er und Tilda aussehen. Sie haben die gleiche blasse Haut, und selbst die Form ihrer Ohren ähnelt sich!"

Um Beau zu schützen, ist Margaret gezwungen, nach Reno zu reisen, um den zwielichtigen Darby Reese zu bitten, ihren Sohn in Ruhe zu lassen. Reese wird von Josh Lucas dargestellt, einem aufstrebenden Schauspieltalent, das für seine Darstellung komplexer Charaktere bekannt ist. David Siegel: "Josh gibt diesem Charakter genug Charme und Charisma, damit man versteht, was Beau an ihm fasziniert, und außerdem strahlt er genug Bedrohung aus, um zu spüren, warum Margaret sich fürchtet."

Eine andere feste Größe in Margarets Alltag ist ihr alter Schwiegervater, der, von Margaret umsorgt, der allgegenwärtigen Bedrohung mit seiner Vergesslichkeit begegnet. Der in San Francisco geborene Theaterschauspieler Peter Donat spielt Jack. "Peter hat die patriarchale Ausstrahlung, die man von einem ehemaligen Admiral erwarten würde", meint Scott McGehee. "Aber irgendwie ist er gegenüber Margaret auch ein Fremder. Wir wollten nicht, dass sie glaubt, sie könnte irgendjemandem in ihrem Haushalt wirklich vertrauen."

Die eigentliche Bedrohung für Margaret geht jedoch von Nagle aus, dem skrupellosen Verbrecher hinter Alek Spera. Er wird dargestellt von dem Charakterdarsteller Raymond Barry, der die Regisseure auf ganz spezielle Art begeisterte. "Ray ist im Prinzip ein Renaissance-Mann, der in den fünfziger und sechziger Jahren Teil der New Yorker Kunst-szene war. Er ist eine faszinierende Persönlichkeit", sagt McGehee. "Uns überzeugte seine unglaublich bedrohliche Wirkung. Als er zum ersten Mal an den Set kam, war die Spannung schwer auszuhalten. Ich erinnere mich, wir redeten gerade über seinen Dialog, da sagte er mit Grabesstimme: ,Die Gewalt wird ganz von selbst kommen!' Er erwies sich als der liebenswürdigste Typ, aber sein Auftritt versetzte alle in die richtige Stimmung."

Die Dreharbeiten The Deep End - Trügerische Stille spielt nicht zuletzt dank der auf dem Sundance Film Festival aus-gezeichneten Arbeit von Kameramann Giles Nuttgens mit dem Suspense. Siegel und McGehee kannten Nuttgens kaum, waren jedoch sehr beeindruckt, als sie seine Arbeit für Deepa Mehtas "Fire" (1996) sahen. Scott McGehee: "Er ist sagenhaft talentiert, wie er mit Licht und Schatten umgeht, weckt große Emotionen."

Nuttgens Kamera rast durch Aquarien, tröpfelt aus Wasserhähnen, zersprengt Wasserflaschen, streicht über die Oberfläche des Sees und hält immer eine unheimliche Spannung zwischen der stillen Oberfläche und der ungeheuren Tiefe. Siegel: "Giles Arbeit mit Wasser erzeugt eine ganz eigene Atmosphäre und half uns, Margarets innerste Gefühle darzustellen. Im Prinzip könnte man sagen, dass sie die meiste Zeit des Films unter Wasser ist."

Für Tilda Swinton war Nuttgens Arbeit von zentraler Bedeutung. Swinton, die Regisseure und Nuttgens waren sich früh darüber im Klaren, dass Margarets Alpträume sich am besten mit umfangreichen Nahaufnahmen darstellen lassen. Beim voyeuristischen Abtasten von Margarets erloschenem Gesicht und ihrem erstarrten Blick führt die Kamera das Publikum hinter die Fassade direkt in den Horror ihrer Lebenssituation. Unerbittlich erforscht die Kamera die unsichtbaren Sprünge in Margarets versteinertem Gesicht.

Swinton: "Der größte Teil des Films findet in Margarets Kopf statt. Sie geht nicht ihren Weg durch diese Krisen, sie denkt ihn sich, wie es viele Frauen tun. Sie ist ganz allein, ohne irgendjemand, mit dem sie sprechen könnte. Für mich war es wichtig, mit Regisseuren zusammenzuarbeiten, die in dieser Hinsicht sehr genaue Vorstellungen besaßen. Ich war sehr davon angetan, dass Scott, David und Giles Nahaufnahmen einmal ganz anders einsetzen wollten."

The Deep End - Trügerische Stille wurde am Lake Tahoe gedreht, dem zehnttiefsten See der Welt. Ein kalter, klarer See mit türkis schimmerndem Wasser, der rund 1800 Meter hoch in der Sierra Nevada liegt. Umgeben von Schnee bedeckten Berggipfeln, Ponderosa-Pinien und teuren Holzhäusern ergab die Umgebung des Lake Tahoe für The Deep End - Trügerische Stille den perfekten Hintergrund von stiller Natur.

Wir waren etwas verunsichert, als an unseren ersten Drehtagen gleich zwölf Zentimeter Schnee fielen und alles wie Weihnachten aussah, aber das ist Tahoe", meint David Siegel. "Es ist eine Gegend mit vielen Extremen."

Die Schauspieler schöpften Kraft aus dieser Bergwelt. "Man ist sofort von der Stille, von dem fast überirdischen Fehlen jeglicher Bewegung des Lake Tahoe ergriffen." findet Tilda Swinton. "Man kann niemals sagen, wie tief er ist, aber man hat das Gefühl, wenn man diese unglaublich ruhige Oberfläche stört, kann alles passieren."

Die Schönheit des Sees wird für Margaret Hall bald zu einem Alptraum - und das wurde er auch für Tilda Swinton, die für Margarets Kampf mit der Leiche von Darby Reese, gespielt von Josh Lucas, mehrfach in dem kalten Wasser tauchen mußste. Auch Lucas machte intensive Bekanntschaft mit dem See, mußste er sich doch viele Stunden von den seichten Wellen am Strand herumschubsen lassen. Zuletzt durfte Lucas immerhin einen Neoprenanzug unter seiner Kleidung tragen.

"Niemand sieht, was wir ausgehalten haben", erzählt Tilda Swinton. "Das Wasser sieht so blau und passiv aus, aber es ist kälter, als ich es mir jemals vorstellen konnte. Aber das Gute ist, dass mir die viele Zeit im Wasser viel von Margarets Innenleben verraten hat. Sie ist eine Frau, die ihre Entscheidungen genauso trifft, wie wir jeden Tag unsere Prioritäten zum Wohl unserer Familien setzen. Ihre Entscheidungen mögen falsch sein, aber sie zieht sie durch. Sie taucht in diesen See, und zwischen all diesen Umbrüchen und Wendungen wird etwas sichtbar, das ganz lebendig ist. In ihr entsteht etwas."

Was in Margaret Hall entsteht, berührt für viele eine universelle Frage. Tilda Swinton: "Ich denke, jeder der sich diesen Film ansieht, wird sich fragen: ,Was hat meine Mutter wirklich für unsere Familie getan?' Die Antwort ist natürlich, dass wir das niemals wirklich wissen werden."

Dirk Jasper FilmLexikon
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