A Beautiful Mind
Rezension des Kinofilms durch einen Psychiatrie-Erfahrenen
Es war ein Weinender, immer wieder - der meine - als er diesen Film sah. Sicher, unterschiedliche Menschen nehmen Filme unterschiedlich wahr, haben unterschiedliche Sichtweisen, sind mehr oder weniger bewegt durch einen Kinofilm. Aber vielleicht streift gerade dessen Botschaft auch diesen Umstand. Das jüngste Werk aus Hollywood, der Schmiede des "großen Kinos", über einen Schizophrenie-erkrankten Professor, kommt eben zumeist mit jenem recht pathetischen Markenzeichen, und spart sicher auch in diesem Streifen nicht an den bekannten "erhebend-bewegenden" Szenen, für die wir Hollywood vielleicht sogar auch ein wenig lieben - weil es "so schön verfremdet".

Da ist der harte desillusionierende Top-Secret Mann, ein Vaterlands-Treuer wie er im Buche steht, die entscheidende Szene der Anerkennung in Form der schnulzig-symbolischen Handlung des Füller-Schenkens in den fast "heiligen Hallen" des Lehrkörper-Aufenthaltsraums in Princeton, und nicht zuletzt eben die idealisierende Darstellung eines Menschen und Hauptdarstellers dessen Leben scheinbar aus sehr viel mehr Schlüsselsituationen besteht als Alltag darin vorkommt. Getoppt schließlich und endlich in der Nobelpreis-Rede des Schizophrenen Mathematikers.

Mich selbst hat Hollywood immer mehr mit den sensibleren Werken überzeugt, selten mit den Kassenschlagern; dieser Film könnte vielleicht irgendwo in der Mitte liegen. Immer noch typisch Hollywood, ein wenig aber doch dem nahe, was berühren kann, ohne eben einen schalen Nachgeschmack zu hinterlassen. Soweit dies im Kino überhaupt jemals der Fall ist.

Nach der langen Einleitung nun einige begründete Haltungen.

Was ich gut fand Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass dieses Thema überhaupt einmal Gegenstand eines Kinofilms war. - Eben einem Medium, durch das viele Menschen auch ihre Weltanschauung beeinflussen lassen und das dadurch durchaus auch eine sinnvolle Aufgabe haben kann.

Ich war überrascht über die Qualität des Filmes, dem es meines Erachtens gelang, wichtige Einsichten in die Gefühls- und Erlebniswelt eines an Schizophrenie erkrankten Menschen zu vermitteln. In diesem Zusammenhang empfand ich die Strategie des Films, den Zuschauer bis zu einem gewissen Zeitpunkt darüber, was real und darüber, was nicht real war, im Ungewissen zu lassen, beinahe als "kongenial".

Richtig ist sicher auch das - freilich inszenierte und dadurch vielleicht unglaubwürdig erscheinende - Fazit des Films, welches in der Liebe den bestmöglichen Weg für Menschen mit dieser Erkrankung zeichnet. Ein Umstand, der sie angenehm schließlich wieder Schulter an Schulter mit normalen Menschen stellt.

Ich habe mich gefreut, dass deutlich wurde, wie wichtig die Rolle und Verantwortung Angehöriger im Zusammenleben mit an Schizophrenie erkrankten Menschen ist.

Erfrischend ist sicher auch, dass der Film aufzeigt, wie intelligent und hochkreativ auch Menschen mit einer solchen Erkrankung sein können.

Wichtig am Ende ist auch die Botschaft, dass der Wille Erkrankter bei ihrem Heilungs - und Integrationsprozess von entscheidender Bedeutung ist.

Was ich schlecht fand Menschen die sich heute diesen Film ansehen werden mit einer überholten Auffassung dieser Erkrankung konfrontiert. Bei dieser Darstellung besteht leider die Gefahr, dass sie sie aus Unwissenheit und/oder Unüberlegtheit als aktuell übernommen werde könnte.

Hier hätte ich mir mehr Verantwortlichkeit gewünscht. Mir ist aber durchaus bewusst, dass dies einen gewissen Idealismus implizierte, den man sich bei kommerziellen Werken eher nicht erhoffen kann. Sieht die heutige Auffassung den Erkrankten durchaus Schulter an Schulter mit jedem normalen Menschen in seinem Ringen um eine Persönlichkeit, und formuliert ein geachteter heutiger Wissenschaftler: "Alles Lebendige ist wandelbar, und so gibt es auch eine Herausentwicklung aus dem was die Fachwelt heute als Schizophrenie bezeichnet."

Das, was im Film vielleicht durch den Kampf des Hauptdarstellers gegen seine Erkrankung allenfalls aufleuchtet ist heute für den Patienten, der es wirklich will, eigentlich viel eher machbar als für einen Menschen, der sich dem Psychiatriebild der 50er Jahre zu unterwerfen hatte, in welchem Schizophrenie als absolut degenerativ galt. Als eine Krankheit, die sich ohne medikamentöse Behandlung stetig verschlimmern müsse. Leider geistert diese Auffassung noch heute in den Köpfen vieler Verantwortlicher herum.

Die Sozialpsychiatrie hat längst das Selbstheilungspotential der Klienten erkannt während die Medizin noch nach Erklärungen und biochemischen Lösungen sucht.

Wenn ich heute als Schizophrener in Familie und Öffentlichkeit Verantwortung zu tragen vermag, so kann ich dies, weil ich in noch viel größerem Maße als die Hauptfigur dieses Filmes gelernt habe, zwischen dem zu unterscheiden, was real und realistisch ist, und dem, was mir letztlich schaden würde. Gelernt habe meine besonderen Bedingungen zu erkennen, zu beachten, und sogar weitgehend medikamentenfrei zu leben.

In diesem Zusammenhang ist denn auch das Fazit des Films als zu einseitig zu bewerten: Wer erkannt hat, dass der Mensch die beständigsten Urteile mit dem Herzen zu treffen vermag, dem ist auch bekannt, dass dies auf alle Lebensumstände zutrifft, nicht nur auf die Liebe zu einem einzelnen Menschen. Ein solch einseitiges Fazit ist sicher Hollywood-like, aber letztlich eigentlich entmündigend.

Wenn ein Erkrankter das Fundament seiner Wirklichkeitsauffassung auf die Liebe zu stellen vermag, ist er in der Lage, dies dreifach tun zu können: In der Liebe zum Leben, zum Seienden, der gegenseitigen Liebe zu einem Schöpfer, und eben der Liebe zu einem Partner. Somit eben über drei Säulen zu verfügen, die vermögen, ihn aus seiner Isolation und Andersartigkeit herauszuheben und neben jeden Normalmenschen zu stellen.

Integriert noch in einen lebenslangen Reifeprozess, kann ein Klient später gar zu einem Menschen werden, der sich im Grunde - bis auf seine Erinnerungen - weitgehend nicht mehr von einem normalen Menschen unterscheidet. Dies belegen auch Phänomene wie Gopi Krishna eindringlich.

Ich jedenfalls, der ich seit nunmehr 16 Jahren immer wieder "eigene Wirklichkeiten" durchlebt habe, habe durch die konsequent verfolgte Praxis, aus diesen Erfahrungen zu lernen und zu schauen, wie sie mir in Zeiten helfen können, in denen ich weitgehend beschwerdefrei bin, gelernt, mich stetig zu stabilisieren, Illusionen frühzeitig zu erkennen - lange Zeit eigentlich unbeeinträchtigt leben zu können - und dennoch kreativ und affektiv schwingungsfähig zu bleiben.

Was man besser machen könnte Wer das Unterfangen eines solchen Filmes noch einmal zu schultern suchte und um mehr Authentizität bemüht wäre, wäre gut beraten, ebenfalls einen intelligenten und gereiften Psychiatrie-Erfahrenen zu Rate zu ziehen und in Entscheidungsprozesse mit einzubeziehen.

Wichtig wäre meines Erachtend auch in diesem Zusammenhang zu verdeutlichen, dass es durchaus normal ist, dass es unterschiedliche Wirklichkeitsauffassungen auch und gerade auch für einzelne normale Menschen gibt. Buddha: "Es gibt kein festes Dharma (Wirklichkeitsauffassung)". Dieser Umstand berücksichtigte die Tatsache der im Grunde fluktuierenden Wirklichkeitsauffassung eines jeden Menschen und machte deutlich, dass der winzige Grad anzunehmen, dass eine Auffassung der Wirklichkeit, wie wir sie gerade erfahren, real sei - obwohl sie es nicht ist, einen Umstand darstellen kann, den mancher Mensch vielleicht schwerer beherrschen oder erlernen kann als ein anderer.

Und vielleicht wird sogar einmal erkannt werden, dass die Probleme Schizophrener auch tragend dadurch entstehen, dass die meisten Menschen es nicht wagen, Auffassungen in Frage zu stellen, von denen sie eigentlich spüren, dass sie nicht haltbar sind. So könnte es auch deshalb einfach nicht genügend Menschen geben, die in der Lage und Willens wären, anderen Menschen mit Problemen in diesem sensiblen Bereich Hilfe leisten zu können. Es gibt schon seit Jahren Statistiken die auch darauf hindeuten könnten.

Alles in allem empfehle ich diesen Film gern, mache aber darauf aufmerksam, dass ich daran zweifele, dass das dort Dargestellte einem Menschen ohne Vorwissen ausreichen kann, wesentlich die Tragweite dieser Erkrankung zu erkennen. Er vermittelt allenfalls eine Idee davon.

Zum Schluss das persönliche Zitat meiner Mutter, die sich den Film mit ihren Freundinnen schaute: "Ich mußste das Kino verlassen, weil ich so an meinen Sohn erinnert wurde. Ich habe am ganzen Körper gezittert."

Ich selbst schließlich habe sehr weinen müssen als ich den Film sah.

Sonntag, 5. Mai 2002, Hans Siegfried - eines dieser Beautiful Minds (IQ im Alter von 7 Jahren ca. 130 - unter Berücksichtigung der besonderen Lebensumstände) - mehr Infos für Betroffene: www.bewusstsein.com.

Dirk Jasper FilmLexikon
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