Produktionsnotizen zu The Royal Tenenbaums
Die Anfänge - Familie ist kein Wort, sondern ein Satz Das Drehbuch für The Royal Tenenbaums entstand im Verlauf eines Jahres. "Wir hatten die Idee dieser Familie, jedes Mitglied ein Genie, herausragend begabt auf einem ganz besonderen Gebiet", sagt Regisseur und Autor Wes Anderson. "Aber ihr Familienleben ist so schrecklich, dass keines der Kinder in der Lage sein würde, mit ganz alltäglichen Problemen umzugehen."

"Wir hatten bereits eine genaue Vorstellung von den einzelnen Figuren, bevor wir anfingen, uns eine Geschichte für sie auszudenken", so Anderson. "Keiner meiner Filme begann mit der Geschichte. Wir sind immer von den Figuren ausgegangen und haben abgewartet, wo sie uns in der Handlung hinführen. Familienoberhaupt Royal war ursprünglich überhaupt nicht die Hauptfigur. Wir hatten zuerst all die anderen, die mit ihren Problemen umherschwirrten, als seine Figur auf der Bildfläche erschien und die Geschichte in die Hand nahm."

Als Royal aus seiner jahrelangen Residenz, dem Lindbergh Palace Hotel, herausgeworfen wird, taucht er mit der Erklärung, er leide an einer tödlichen Krankheit, wieder auf der Türschwelle der Tenenbaums auf. Durch die Äußerung des Wunsches, er wolle die Beziehung mit seiner Familie wieder fortsetzen, setzt er die eigentliche Handlung des Films in Bewegung. "Letztendlich glaube ich, dass Royal seine Familie zurückgewinnen will", sagt Anderson. "Er hat ein Alter erreicht, in dem er erkennt, dass ihm seine Familie etwas gibt, dass er nirgendwo sonst bekommen kann."

Ben Stiller erläutert: "Royal ist nicht ehrlich mit seiner Familie, warum er nach Hause zurückgekehrt ist. Er sagt, er sei krank, ist es aber nicht. Aber ganz tief in sich drin - er nimmt das bewusst womöglich gar nicht wahr - spürt er, dass er tatsächlich an etwas Schwerwiegendem leidet und seine letzte Chance gekommen ist, die Dinge zu richten." "Die Story sagt etwas sehr einfaches, etwas, das sogar banal klingt: Obwohl jeder mit seiner Familie die Hölle erlebt, sind die Familienmitglieder doch diejenigen, denen man nahestehen mußs, weil sie diejenigen sind, die verstehen, was man durchmacht. Wir sparen nicht aus, welchen Härten Familien ausgesetzt sind. Aber wir zeigen auch, dass sich die Mühe letzten Endes auszahlt", merkt Owen Wilson an.

Produzent Barry Mendel, der diese Funktion bereits bei Andersons Vorgänger Rushmore bekleidete, meint: "Das Drehbuch vertritt den Standpunkt, dass die eigene Familie dem Einzelnen zwar den größten Schaden zufügen kann, die Familie aber auch der wichtigste und beste Ort für Heilung und Seelenfrieden ist."

Er fährt fort: "Der Film sagt, dass man sich im Leben dumm, grausam und ineffektiv benehmen kann und doch die Möglichkeit besteht, Verantwortung für die eigenen Handlungen zu übernehmen. Niederlagen im Leben können einen zerstören - oder aber die Gelegenheit geben, wieder von vorne anzufangen."

Anderson sagt, dass die erste Idee, die er und Wilson entwickelten, mit Richie, dem jüngsten Tenenbaum-Spross, der nach langem Auslandsaufenthalt nach Hause zurückkehrt, zu tun hatte. Richie war einst ein herausragender Tennis-Champion, der bei einem großen Finale einen Nervenzusammenbruch erlitt. Danach zog er sich in sein Schneckenhaus zurück und bereiste die Welt auf einem Ozeandampfer.

Richies Situation in dem Film hat seine Wurzeln in der gleichen Misere, die auch das Leben seines Bruders und seiner Schwester beeinträchtigt. "Diese Figuren können auf einzigartige Leistungen und ein unglaubliches Vertrauen auf das eigene Können verweisen", überlegt Anderson. "Mich interessierte, wie sie mit der Tatsache umgehen, dass all das hinter ihnen liegt, dass sie den Glauben an sich selbst jetzt auf andere Weise finden müssen. Genau das führt sie zu ihrer Familie zurück, wo alles angefangen hat."

Produzent Scott Rudin merkt an: "Was anfangs als Projekt über Genies gedacht war, entwickelte sich zu einem Stoff, der sich explizit mit Verlierern und ihren Reinfällen auseinandersetzt. Ich sehe The Royal Tenenbaums als einen großen Schritt nach vorne für Wes Anderson. Die Beziehungen sind komplexer, weiter entwickelt, tiefer als in "Bottle Rocket" oder Rushmore."

Wes Anderson meint: "In unseren bisherigen Filmen konnte schon aufgrund ihres Tons nichts zu ernst genommen werden. Ich hatte vor, etwas zu machen, das auf emotionaler Ebene viel ambitionierter sein sollte. Schon in den anderen Filmen ging es auch um Familie, aber das waren metaphorische Familien, Gruppen von Freunden. Hier geht es viel direkter um Themen, die sich mit Familie auseinandersetzen. Themen, die persönlicher, emotionaler und ernsthafter sind."

Gleichzeitig wollte Anderson den stilisierten Ansatz und Ton, der dem Material von Anfang an seine Form gegeben hatte, nicht völlig aufgeben und arbeitete hart an einer Balance zwischen Stilisierung und Naturalismus. "Es lief darauf hinaus, eine ganze Welt zu erschaffen, in der die Dinge überhöht sind und alle Themen ihren natürlichen Platz finden. Das Ziel der Stilisierung ist es, die Welt, in der sich unsere Figuren aufhalten, aufregend und sehr bald schon ganz selbstverständlich erscheinen zu lassen. Wir bieten eine große Detailfülle, auf die man reagieren kann, und erzählen auf diese Weise mehr und mehr über die Figuren."

Rudin sagt: "Völlig einzigartig ist die Beziehung von Ironie und Emotion. In den meisten Filmen wird Ironie eingesetzt, um Distanz zu schaffen. Dieser Film setzt Ironie ein, um eine emotionale Verbindung herzustellen."

Der Ort - Eine New Yorker Fantasie Andersons Vision von New York ist ein wichtiges Element in The Royal Tenenbaums. Wilson erzählt: "Wes wollte einen großen Ensemblefilm drehen, in dem New York eine entscheidende Rolle spielt. Aber es sollte ein romantisiertes New York sein, das nicht wirklich existiert."

"Der ganze Film bezieht sich in gewisser Weise auf die Literatur-Historie New Yorks", erläutert Wes Anderson und merkt an, dass viele Figuren des Films, ihre Persönlichkeiten, Temperamente, Gewohnheiten und emotionales Innenleben, auch den Seiten des New Yorker Magazines, wie es in einer vergangenen Ära existierte, entsprungen sein könnten.

"Autoren wie Joseph Mitchell, A.J. Liebling, Lillian Ross, J.D. Salinger, John O'Hara, E.B. White oder James Thurber - sie alle dienten auf eine Weise als Inspiration für den Film, die mir selbst nicht völlig klar ist. In den letzten Jahren habe ich in alten Ausgaben des New Yorker zahllose Porträts über Menschen gelesen, von denen noch nie jemand gehört hat - intelligente, exzentrische, unkonventionelle Persönlichkeiten; Lebensgeschichten, wie man sie heute nicht mehr zu lesen bekommt. Auch diese Profile haben mich immens beeinflusst." Tatsächlich wuchs Anderson mit dem New Yorker regelrecht auf: In seinem Büro befinden sich mittlerweile sämtliche Ausgaben der letzten 40 Jahre.

Aber der New Yorker und seine Welt sind nicht die einzige Inspiration für den Film. "Ich habe auch viel Kaufman und Hart gelesen", sagt Anderson und meint damit die Theaterautoren George S. Kaufman und Moss Hart und insbesondere ihr Stück "You Can't Take It With You".

Harts Autobiographie "Act One" sowie Hart und Kaufman selbst sind weitere Einflüsse. Gleiches gilt für die Geschichten von F. Scott Fitzgerald, Stücke und Artikel von S.N. Berhman und Louis Malles "The Fires Within". Zu den literarischen Vorbildern kommen noch persönliche Erlebnisse Andersons, die in die Welt der Tenenbaums einflossen.

"Ganz gewiss stammt die Inspiration für die Figuren von echten Menschen, die Owen und ich kennen, die unser Leben geprägt haben, nicht nur Familienmitglieder sondern auch gute Freunde. Und doch basiert die Geschichte nicht auf meiner eigenen Familie", merkt Anderson an. "Mein Vater hat keine Gemeinsamkeiten mit Royal Tenenbaum. Aber die Art wie Etheline, die Ehefrau Royals, jeden immer wieder ermutigt, kenne ich aus meinem Leben. Gleiches gilt für die Art und Weise, wie die einzelnen Figuren zusammenhängen. Aber die Figuren selbst haben nicht viel mit meiner Familie zu tun. Sie basieren vielmehr auf vielen verschiedenen Menschen."

Bei der Strukturierung der Geschichte spielte der literarische Einfluss eine entscheidende Rolle, wie Anderson erklärt: "Ich hatte diese verrückte Idee, dass der Film nicht auf einem Buch basieren sollte, vielmehr sollte der Film selbst das Buch sein." Dieser Roman sollte die Erzählung vorantreiben, zudem sollte der Film wie ein Roman strukturiert sein: unterteilt in Kapitel, mit einem Erzähler, der den Zuschauer durch die Handlung führt.

Aufgrund dieser Idee war es wichtig, dass die Geschichte eine märchenhafte Qualität besaß und ihr Manhattan als magischer, literarischer, kosmopolitischer Ort dargestellt wurde. Anderson, ein gebürtiger Texaner, sagt: "New York steht im Mittelpunkt der Geschichte, wird aber aus der Perspektive von jemandem gezeigt, der nicht Zeit seines Lebens dort gewohnt hat, sondern die Stadt als Zugereister entdeckt und lieben gelernt hat. Es ist eher ein New York, wie man es sich erträumt."

Der Hauptdarsteller - Gene Hackman und kein anderer Nachdem das Drehbuch fertiggestellt war, begann Anderson mit der Besetzung des Films. Er meint: "Die Figuren standen während des Schreibens immer im Vordergrund. Deshalb hatten wir den Eindruck, dass die acht Hauptfiguren mit großen Stars besetzt werden mußsten. Diese Rollen hatten eine einzigartige Qualität. Deshalb war der Besetzungsprozess unglaublich wichtig. Wir wollten etablierte Schauspieler für unseren Film finden, auch für Randfiguren, die nicht sehr lange auf der Leinwand zu sehen sind. Denn auch sie hatten wir geschrieben, als wären sie größer als das wahre Leben, als wären sie ikonische Figuren. Ich wollte Schauspieler finden, die die nötige Präsenz und Kraft besaßen, gleichzeitig aber auch in ein Ensemble passten."

Für Anderson bestand schon während des Schreibens kein Zweifel, dass der Familienpatriarch Royal Tenenbaum von Gene Hackman gespielt werden mußste.

"Gleich nachdem wir uns Royal ausgedacht hatten, erschien uns Gene Hackman als einzige Wahl für die Rolle", erinnert sich Anderson. "In einem Ensemblefilm verhält es sich meistens so, dass die Haupfigur völlig normal ist und von einer Gruppe von Exzentrikern umgeben wird. In diesem Fall ist es anders: Royal Tenenbaum ist kein normaler Mann. Er ist ein wilder Typ, ein Katalysator, eine Urgewalt. Gene Hackman erschien uns als idealer Schauspieler für diese Figur. Ich weiß nicht genau warum - es gab keinen bewussten Grund, warum wir uns so auf ihn versteiften. Es war für uns immer selbstverständlich, dass Gene den Patriarchen spielen würde. Gleichzeitig war uns klar, dass dann auch die anderen Rollen mit sehr starken Persönlichkeiten besetzt werden mußsten, damit die Balance gewahrt bleiben würde. Ich weiß nicht, was wir getan hätten, wenn Gene abgelehnt hätte - was er ursprünglich auch tat."

Anderson erklärt: "Zwei Jahre vor Drehstart arrangierte mein Agent Jim Berkus ein Treffen mit Gene Hackman. Es war ein sehr schönes Treffen. Er war sehr nett und ermutigend. Er sagte, er würde das Drehbuch mit großem Interesse lesen, aber erklärte auch, ich solle ihm die Rolle nicht auf den Leib schneidern, weil das meistens ein schlechtes Omen sei."

"Ich habe Wes gesagt, er solle die Rolle nicht für mich schreiben", stimmt Gene Hackman zu. "Ganz allgemein gesagt: Ich mag es nicht, wenn man versucht, mir Rollen auf den Leib zu schreiben. Oder besser gesagt: Ich möchte mich nicht von der Vorstellung, die andere von mir haben, eingeengt fühlen. Wir hatten also unser kleines Gespräch. Ich sagte ihm, er solle es nicht tun. Und er hat es trotzdem gemacht."

"Man kann guten Gewissens sagen, dass er nach unserem ersten Treffen ablehnte", sagt Wes Anderson. "Ich fragte ihn noch einmal, und er lehnte wieder ab. Ich ließ meinen Bruder ein Bild aller Figuren mit ihm als Royal im Mittelpunkt zeichnen und schickte es ihm zu. Dann schickte ich ihm eine neue Fassung des Drehbuchs und wenigstens ein Dutzend Briefe. Ich habe mich an seine Fersen geheftet und habe ihn richtiggehend belästigt, obwohl ich keinerlei persönlichen Kontakt zu ihm hatte. Sein Agent drängte ihn, den Film zu machen, aber ich glaube, er hatte zu diesem Zeitpunkt eine große Anzahl möglicher Filmstoffe, aus denen er auswählen konnte. Als unser Vorteil erwies sich die Tatsache, dass ich nicht sicher war, ob ich den Film überhaupt drehen wollte, wenn Gene Hackman nicht mitmachte. Das gab den Ausschlag für ihn, inne zu halten und seine Entscheidung noch einmal zu überdenken. Sein Agent erzählte mir, er hätte ihm meinen letzten Brief am Telefon vorgelesen. Und daraufhin sagte Gene, dass er die Rolle vielleicht doch spielen sollte."

Gene Hackman gefiel die Figur des Royal Tenenbaum: "Vieles spricht für diesen Typen. Er ist kompliziert. Er mußs sich mit seiner Sterblichkeit auseinandersetzen - und mit der Tatsache, dass er sein ganzes Leben über sehr selbstsüchtig war. Ich glaube, er meint es sehr ernst, wenn er sagt, dass er Wiedergutmachung leisten und zu seiner Familie zurückkehren will, um Liebe zu empfinden."

Auch der Ansatz, wie sich der Stoff mit Familie auseinandersetzt, sprach Hackman an. "Gute Familien hören nie auf, sich Mühe zu geben", meint Hackman. "Nein, nicht alles geht immer leicht von der Hand, aber die besten Familien lassen sich von Problemen oder Hindernissen nicht aufhalten. Die Familien, die auseinanderbrechen, sind diejenigen, die sich nicht genug bemüht haben."

Das Ensemble - Auf den Leib geschneidert Anderson schrieb auch weitere Rollen für bestimmte Schauspieler. Luke Wilson sollte unbedingt Richie spielen, den jüngsten Tenenbaum, der als Tennisstar von Erfolg zu Erfolg jagt. Wilson hatte bereits in den ersten beiden Filmen des Regisseurs mit gespielt und ist der Bruder von Drehbuchkoautor Owen Wilson.

"Ich wollte Luke eine vollere, komplexere Rolle als in den vorangegangenen Filmen schenken", berichtet Anderson. "Ich hatte das Gefühl, Luke hätte noch viel unausgeschöpftes Potential. Er hat eine Sanftheit, die ganz offen zu Tage tritt. Er ist ein sanfter, gutmütiger, liebenswerter Typ."

Dieser Aspekt von Wilsons Persönlichkeit wird im Film durch Richies romantisches Verlangen nach seiner Adoptivschwester Margot reflektiert - und durch sein einsames Hobby: Richie züchtet Falken, die er in einem Käfig auf dem Dach seines Elternhauses hält.

"Luke hat aber auch eine gefährliche Seite", fügt der Regisseur hinzu. "Ich habe so einiges mit ihm erlebt. Man kann da als Regisseur etwas sehr reales anzapfen. Und deshalb wollte ich, dass dieser Aspekt Lukes sich auch in seiner Figur wiederfindet."

"Richie kommt am besten mit Royal aus", erklärt Luke Wilson. "Chas ist verstockt, und Royal kommt nicht mit Margot zurecht, weil er keine rechte Ader für Frauen hat.

Und Richie findet schließlich heraus, wie sehr es seinen Bruder und seine Schwester berührt hat, dass er immer der Liebling seines Vaters war. Damit mußs er fertig werden."

Wilson fährt fort: "Richie ist in diesem Teufelskreis gefangen. Er erkennt, dass alles in seinem Leben perfekt sein könnte, jeder in seiner Familie ist hochintelligent und er ist verliebt. Und doch läuft alles schief, weil jeder in seiner Familie zu viel erreichen will und die Frau, die er liebt, seine Schwester ist. Nichts will zusammenpassen."

Auch die Rolle der Familienmatriarchin Etheline Tenenbaum wurde einer bestimmten Schauspielerin auf den Leib geschrieben. Von Anfang an konnte sich Wes Anderson nur Anjelica Huston in der Rolle vorstellen: "Sie ist nicht einfach nur eine herausragende Darstellerin, sondern strahlt auch Wärme und Intelligenz aus und hat einen interessanten biographischen Hintergrund. Ich glaube außerdem, dass sie in ihrem Leben ausreichend Erfahrung mit Menschen gesammelt hat, die so sind wie die Figuren im Film. Vor allem aber wollte ich etwas nur für sie schreiben."

"Ich war bereits ein großer Fan von Wes' Arbeit, weil ich "Bottle Rocket" gesehen hatte", erzählt Anjelica Huston. "Nach einem anregenden gemeinsamen Mittagessen sah ich mir Rushmore an und war begeistert. Und dann las ich das neue Drehbuch. Ich sagte zu, ohne lange darüber nachdenken zu müssen. Mir gefällt die Interaktion zwischen den Menschen, die fantastische Qualität und der finstere Humor."

Über ihre Figur sagt Huston: "Etheline liebt ihre Kinder, aber sie fühlt sich Royal verbunden. Auf eine ganz besondere Weise gehören sie zusammen. Ich würde sagen, dass Erheline ohne den Herzschmerz, den Royal verursacht, nicht leben kann. Obwohl er sie also in den Wahnsinn treibt und sie ihre Kinder nach Möglichkeit vor ihm beschützt, erkennt sie, dass in ihrem Haushalt ein Bedürfnis nach ihrem Vater besteht."

"Ich hatte die Rolle gerade akzeptiert, da erhielt ich mit einem Mal zahlreiche Zeichnungen, die mit meiner Figur zusammenhingen", erinnert sich Anjelica Huston. "In den meisten Skizzen sah man sie in sehr engen Anzügen und mit eigenartigen Frisuren. Wes schickte mir außerdem Fotos seiner Mutter, die Texas Anderson heißt und wie Etheline Archäologin ist. Er gab mir für die ersten Szenen sogar die Brille seiner Mutter. Ich fragte ihn, ob ich womöglich seine Mutter darstellen würde. Ich glaube, dieser Gedanke überraschte ihn sehr."

Anderson hatte schon seit längerem mit Gwyneth Paltrow arbeiten wollen und bot ihr die Rolle der Margot Tenenbaum an.

" Gwyneth Paltrow hat in ihren Rollen immer etwas Liebenswertes, etwas Gefälliges", erkennt der Regisseur. "In The Royal Tenenbaums betritt sie Neuland, denn Margot tut viele Dinge bewusst, um alles andere als gefällig und liebenswert zu sein."

Die Tatsache, dass Gwyneth Paltrow selbst aus einer New Yorker Intellektuellenfamilie stammt, konnte nur zu ihrer Darstellung der Margot beitragen, findet Produzent Barry Mendel: "Die zwölfjährige Margot ist eine Zwölfjährige, die sich wie eine Achtzehnjährige benimmt. Und wenn man Gwyneth Paltrow sieht, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie genau so war." Gwyneth Paltrow konnte es nicht erwarten, die Margot Tenenbaum zu spielen.

"Wes' Filme haben einen ganz besonderen Ton und einen speziellen Sinn für Humor, die mich ansprechen", gesteht Gwyneth Paltrow. "Als er mir erzählte, dass er mir das Drehbuch zuschicken würde, wusste ich bereits, dass ich zusagen würde. Als ich es dann las, erkannte ich, was für eine wundervolle Rolle es sein würde - das Tüpfelchen auf dem I. Ich bin solch ein großer Fan von "Bottle Rocket" und Rushmore, dass ich ohnehin mitgemacht hätte."

Die komplexen Fragen, derer sich der Film annimmt, sprachen Gwyneth Paltrow an. "Der Film illustriert deutlich, wie bedeutsam und wichtig Familie für Kinder ist, weil sie ihnen ein Verständnis für ihre Identität und ihre Lebensperspektive gibt. Wenn Kinder nicht den Eindruck haben, dass ihnen ihre Eltern und deren Beziehung ein Vorbild sind, dann kann das im späteren Leben zu Problemen führen, die nicht leicht zu lösen sind."

Sie fährt fort: "Ich sehe Margot durchaus als jüngere Inkarnation von mir selbst. Margot war niemals wirklich in der Lage erwachsen zu werden, einen Zustand zu erreichen, an dem sie mehr fühlen kann als unmittelbare Isolation. Sie hat es vor langer Zeit aufgegeben, auf andere Menschen zuzugehen. Ihre Macht ist es, dass andere Leute herausfinden müssen, wer sie wirklich ist. Und das geht direkt auf ihre Beziehung zu Royal zurück, der sie immer ungeliebt und ausgeschlossen fühlen ließ. Royal lässt keinen Zweifel zu, dass seine Liebe unerreichbar ist. Wir versuchen in unserem eigenen Verhalten immer das zu verarbeiten, was zwischen uns und unseren Eltern ungesagt blieb. Natürlich gerät Margot in eine Situation, in der sie sich in ihren Bruder verliebt - eine Liebe, die ebenfalls unerreichbar ist. Das fügt sich perfekt ineinander." Ben Stiller war für die Filmemacher die perfekte Wahl, als es um die Besetzung des Chas Tenenbaum ging.

"Ben war einer der ersten, der nach "Bottle Rocket" Kontakt mit uns aufnahm", erinnert sich Wes Anderson. "Er war begeistert von Owens Darstellung, und er und Owen wurden sehr gute Freunde. Das war sehr ermutigend. Was Chas in The Royal Tenenbaums anbetrifft: Sein Zorn erschien uns als Charaktereigenschaft, die Bens Sensibilität als Darsteller wunderbar entgegenkommt."

Produzent Mendel stimmt zu, dass der "Angst erfüllte" Aspekt der Figur Stiller einen idealen Ansatz für seine Darstellung gab: "Ben versteht es sehr gut, derartige Neurosen so zu spielen, dass er die Figur immer todernst nimmt, uns aber dennoch über sein Dilemma lachen lässt. Sein dramatisches Potenzial wird viel zu sehr unterschätzt. Hier hat er eine Gelegenheit zu zeigen, was er alles draufhat."

"Ich fand die Emotionalität des Drehbuchs unglaublich. Ich hatte nie zuvor etwas Vergleichbares gelesen. Speziell das Vater-Sohn-Thema sprach mich an", sagt Ben Stiller. "Mir gefallen derartige Geschichten. Und gerade den Ansatz dieser Geschichte hielt ich für ungewöhnlich und einzigartig - ein schräges und originelles Amalgam von New York. Da ich in New York aufgewachsen bin, wusste ich, dass es hier nicht um das echte New York ging. Vielmehr hatte sich Wes eine ganz besondere Welt erdacht - und das sprach mich an."

Über seine Figur sagt Stiller: "Chas ist sehr zornig. Meine Herausforderung bestand darin, wie man seinen Zorn zeigen kann - er ist so zornig, dass er kein Problem damit hat, seinem Vater ins Gesicht zu sagen, was er von ihm hält. Gleichzeitig mußste das Publikum seine extremen Gefühle aber implizit nachvollziehen können. Wenn er nur eine Figur ist, die die ganze Zeit immer nur zornig, zornig, zornig ist, dann wird ihn das Publikum ablehnen, weil niemand seine Zeit mit jemandem verbringen will, der nichts anderes als zornig ist. Also war es mir wichtig, ganz klar zu zeigen, woher Chas' Zorn kommt."

Weitere wichtige Rollen gingen an Danny Glover und Bill Murray. Anderson hatte Danny Glover Können in zahlreichen Filmen bewundert. Besonders seine Darstellung in "To Sleep With Anger" war ihm nachhaltig im Gedächtnis geblieben. Als der Regisseur den Schauspieler bei einem Empfang der Vereinten Nationen - Glover ist ein Kulturbotschafter der U.N. - kennenlernte, war Anderson noch mehr beeindruckt.

"Als ich ihn traf, war ich wie hypnotisiert. Er ist ein Mensch mit echten Führungsqualitäten. Er war perfekt für die Rolle des Familienbuchhalters Henry Sherman, der Etheline den Hof macht. Die Aussicht auf eine Zusammenarbeit machte mich regelrecht aufgeregt."

Glover fühlte sich von Themen der Geschichte wie Verantwortung und Verlässlichkeit angesprochen. "Das sind Attribute, die für mich eng mit Familie verbunden sind", sagt Danny Glover. "Ganz gewiss sind die meisten Familien zu einem gewissen Grad disfunktional. Aber die Kraft des Vergebens kann uns helfen, tiefe Wunden zu heilen und auch Disfunktionalität zu bewältigen."

Die Aufrichtigkeit und der Charme Henry Shermans passten wunderbar zu Danny Glovers Persönlichkeit. Produzent Barry Mendel sagt aber auch: "Henry ist aber auch ein duckmäuserischer und unsicherer Typ. Und das trifft auf Danny nun wirklich nicht zu. Es macht Spaß zu sehen, wie er einen Typen spielt, der so ganz anders als er selbst ist."

"Henry ist zuverlässig", meint Danny Glover. "Man könnte ihn als Antithese von Royal bezeichnen. Er ist der Inbegriff von Trost und Stabilität. Er stellt sich nicht gern ins Rampenlicht. Als er Etheline schließlich fragt, ob sie ihn heiraten will, dann mag er das wohl bereits 1000 mal gedacht haben, und doch rutscht es ihm einfach so heraus. Sofort danach glaubt er, sich zu weit vorgewagt zu haben. Er sieht sofort all die Gründe, warum sie ihm einen Korb geben könnte: Sie sind ideale Bridge-Partner, aus Steuergründen wäre es besser, Single zu bleiben. Ihm fiele kein einziges Argument ein, warum es besser sein würde, mit ihm verheiratet zu sein."

Bill Murray konnte auf eine mehr als positive Zusammenarbeit mit Wes Anderson bei Rushmore zurückblicken: Seine Darstellung des Millionärs Blume hatte dem Schauspieler einige der besten Kritiken seiner gesamten Laufbahn eingebracht. Er und Anderson sahen einer weiteren Kooperation mit großer Begeisterung entgegen. Also konnte Murray die Entwicklung von The Royal Tenenbaums von Anfang an mitverfolgen. Wie in Rushmore gab ihm die Rolle des Neurologen Raleigh St. Clair, der mit Margot verheiratet ist, die Gelegenheit, gleichzeitig komisch zu sein und seine Talente als dramatischer Schauspieler auszuspielen.

Murray sagt: "Das Bedauerliche ist, dass ich in einem Film über eine Familie von Genies nur einen Eingeheirateten spielen darf."

Wenn er über die dramatischen Motive des Films spricht, wird Bill Murray ernster: "Es geht um eine Familie, die sich eigentlich auf dem besten Weg befinden müsste, die aber doch von Problemen verfolgt wird. Die meisten Familien befinden sich auf dem besten Weg, also wage ich die Behauptung, es geht um jede Familie. Die Liebe eines Kindes ist eine mächtige Sache. Eltern haben eine Verantwortung, sorgfältig mit ihr umzugehen."

Die Besetzung wird von Owen Wilson vervollständigt, der von Anfang an der engste Mitstreiter von Filmemacher Wes Anderson war: "Wes und ich gingen zu ähnlichen Schulen, entwickelten einen ähnlichen Sinn für Humor, besuchten gemeinsam die University of Texas und freundeten uns dort an. Und das beste an all dem, was uns seither gemeinsam widerfahren ist, ist, dass wir immer noch sehr gute Freunde sind."

"Ich glaube, ich identifiziere mich mehr mit dem Humor als mit der Traurigkeit", beobachtet Wilson. "Aber ich mußs auch sagen, dass ich weniger auf Slapstick als auf Humor reagiere, der auf der Unsicherheit und Verletzlichkeit von Menschen beruht. Also habe ich auch einen Draht zur Traurigkeit."

"Eli ist eine Kopie von Cormac McCarthy", beschreibt er seine Figur, Eli Cash. "Er wächst in der Stadt auf, schreibt aber Romane über den Wilden Westen - was wäre, wenn Custer nicht bei Little Big Horn gestorben wäre und solches Zeug. Ihm geht es wie den Tenenbaums, dass Erfolg nicht automatisch Glück bedeutet. Ein Erfolgsroman macht ihn nicht gleich zum Tenenbaum - was aber sein großer Traum wäre."

Die Locations - Die scheußlichsten Orte zum Drehen Nach erfolgreicher Besetzung engagierten Wes Anderson und die Produzenten die Crew für den Film. Weitgehend wandte sich Anderson an die Personen, mit denen er bereits an "Bottle Rokket" und/oder Rushmore gearbeitet hatte. Dieses ungewöhnliche Team stimmte den Regisseur sehr glücklich.

"Wir alle wissen, wie wir miteinander reden müssen", erklärt Anderson. "Da wir uns so gut kennen, konnten wir über wichtige Einzelheiten des Films sehr viel schneller und viel genauer diskutieren."

Bereits ein Jahr vor Drehbeginn suchten Anderson und seine Crew nach geeigneten Drehorten in und um New York.

"Obwohl New York im Film nie beim Namen genannt wird, habe ich sehr gezielt nach einer gewissen Lebensatmosphäre in New York gesucht, allerdings weniger des New Yorks der Realität als vielmehr eines New Yorks meiner Vorstellung", berichtet Wes Anderson.

Dieses Gefühl einer stilisierten Märchenstadt spiegelt sich im Drehbuch wider in falschen New Yorker Vierteln, den allgegenwärtigen Gypsy Cabs und zahlreichen Wahrzeichen, die es gar nicht wirklich gibt: Archer Avenue, Mockingbird Heights, Public Archives, das 375th Street Y sowie öffentliche Transportmittel wie die Irving Island Ferry, der 22nd Avenue Express und das Greenline-Bussystem.

"Weil sich die Figuren im Film zumindest teilweise aus literarischen Assoziationen und Charakteren anderer Filme zusammensetzen, leben sie allesamt in einer alternativen Realität", erläutert Anderson. "Das führte uns dazu, eine ganze Welt zu erschaffen, in der die Realität intensiviert und ausgeschmückt wird. Das Haus, in dem die Familie lebt, die Kleider, die die Figuren tragen, das New York, in dem sie ihrem Tagwerk nachgehen - alles in ihrer Welt hat eine überhöhte Qualität und ist in höchstem Maße stilisiert."

Er meint weiterhin: "Ich habe mit dem Gedanken gespielt, den gesamten Film in einer Studiohalle zu drehen und sämtliche Innen- und Außensets dort zu errichten, um die übertriebene, beinahe surreale Atmosphäre zu erzielen, die ich mir ausgedacht hatte. Ich hatte mir beispielsweise vorgestellt, es sollte den gesamten Film über schneien."

Doch dann entschied sich der Filmemacher anders: "Es wäre zuviel Fantasy gewesen. Also drehten wir den Spieß um und verankerten die Story in der Realität, indem wir einfach behaupteten, dass das Haus wirklich existiert, dass die Straßen wirklich existieren. Also fassten wir den Entschluss, den gesamten Film vor Ort in New York zu drehen. Vielleicht erkennt man New York in The Royal Tenenbaums nicht sofort, aber man fühlt auf jeden Fall, dass der Ort echt ist und die Figuren, die sich dort aufhalten, also auch echt sein müssen."

Die erste Location, die man fand, war die Residenz der Tenenbaums. "Allen war klar, dass das Haus wie eine Figur des Films zu behandeln war", merkt Ausstatter David Wasco an. Das richtige Haus war also für das Gelingen des gesamten Films von Bedeutung. Das gewünschte Gebäude fand sich schließlich in einem historischen Viertel von Harlem, Hamilton Heights: Das baufällige Kalkstein-Minianwesen steht an der Ecke von 144. Straße und der Convent Avenue und ist von weiteren alten Gebäuden umgeben.

David Wasco erkannte sofort, dass das Haus viele der Details besaß, die die Filmemacher brauchten. Es gab ein Salonstockwerk mit einem Esszimmer, einem Wohnzimmer und einem Foyer, wo man Ethelines Telefonzimmer unter der Treppe hinzufügen konnte. Die Anordnung der Zimmer der drei Tenenbaum-Kinder stimmte ebenfalls mit den Angaben im Drehbuch überein: Sie sollten sich übereinander befinden, um eine Kamerafahrt mit einem Kran zu ermöglichen und die Kinder in einer Bewegung von außen zu zeigen, jedes von ihnen vor seinem Fenster sitzend.

Auf dem Dach befand sich genug ebene Fläche, so dass man Richies Falkenkäfig errichten, Margot einen geheimen Raum zum Rauchen geben und eine Stange mit der Familienfahne aufpflanzen konnte. Der ganze Straßenblock war wunderbar für Außenaufnahmen geeignet, und das Haus wirkte einerseits ein wenig heruntergekommen, andererseits hatte es die intime Atmosphäre eines Familienheims.

Aber es gab auch Nachteile. Das Gebäude stellte die Filmemacher vor diverse Herausforderungen. Es war klein und nicht sehr stabil. Die Stockwerke waren von einer wackeligen Treppe verbunden, die nicht einmal bis zum Dach reichte. Es konnte nur mit einer Leiter erreicht werden. Kurzzeitig überlegte man sich entmutigt, ob es nicht doch besser wäre, im Studio zu drehen.

"Wo auch immer dieser Kerl hingeht, findet er furchtbare Orte zum Arbeiten", merkt Bill Murray augenzwinkernd an. "Bei Rushmore hielten wir uns in einigen der fürchterlichsten Locations außerhalb von Houston auf. Jetzt waren wir in New York City, der größten und besten Stadt des Landes, und er suchte sich wieder die scheußlichsten Orte zum Drehen aus. Alles ist beim Alten geblieben. Außer, dass man ihn mittlerweile in einem Sessel zum Set trägt."

Anderson bestand darauf, in einem echten Haus zu filmen: "Das Haus enthält die gesamte Familiengeschichte. Und ich wollte, dass das so real und gegenwärtig gezeigt wird, wie es nur möglich ist. Da wir keine Zeit für Proben hatten, wollte ich den Schauspielern helfen, indem ich ihnen das Haus zeigte, in dem ihre Figuren aufwuchsen. Dieses Gefühl hätte sich niemals eingestellt, wenn wir im Studio gedreht hätten."

Das gab den Ausschlag: Das Hamilton-Heights-Haus und all seine Stockwerke, all seine Räume, der Dachgarten und seine Fassade wurden zur Hauptlocation des Films. Einige fehlende Elemente, wie die Küche, Ethelines Studienzimmer und der Ballraum wurden in nahe gelegenen Gebäuden gefunden.

"Bei vielen Projekten ziehen die einzelnen Abteilungen nach ersten Gesprächen für sich los und tun ihre Arbeit", berichtet Wasco. "Aber Wes hat einen sehr ausgeprägten Sinn für das Visuelle und Farben, der die Kamera-, Kostüm- und Designabteilungen zusammenbringt. Er ist in der Lage, alles wunderbar zusammenzuhalten."

Jeder Raum wurde peinlichst genau dekoriert, um ihm einen jeweils klar wiedererkennbaren Charakter zu verleihen. Für Ethelines Studienzimmer (und eine Ausgrabungsstätte) wurden zum Beispiel die Köpfe der Archäologiegesellschaft in New York konsultiert - und Wes Andersons Mutter. Die Zimmer der Kinder im zweiten, dritten und vierten Stockwerk wurden so eingerichtet, dass sie bei der Rückkehr der mittlerweile erwachsenen Tenenbaum-Sprösslinge noch genau so aussahen, wie es in ihrem Kindesalter der Fall gewesen war.

Luke Wilson sagt: "Das Sammeln von Dingen sagt immer viel über eine Person aus: Was hebt man auf? Was wirft man weg? Im Fall der Tenenbaums fragt man sich, ob es nicht besser wäre, all die Artefakte in ihren Zimmern aus dem Weg zu räumen. Vielleicht könnten sie ihre Kindheit dann hinter sich lassen und endlich erwachsen werden."

Das Design - Uniformen für die Darsteller Wes Andersons Bruder Eric Anderson, ein überaus begabter Künstler und Illustrator, spielte ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Gestaltung des Films. Er malte alle Bilder Richies, darunter 17 Porträts von Margot, die im Ballsaal der Familie aufgehängt sind. "Wahrscheinlich hat er nicht einmal darüber nachgedacht, dass das Malen Margots eine echte Obsession von ihm war", überlegt Luke Wilson. "Künstler sind so. Das verrät sie." Eric Anderson fertigte zudem die Murale an, die die Wände von Richies Zimmer bedecken und viel über die Geschichte der Tenenbaums erzählen. "Richies Bilder sind sein Tagebuch. So hält er die Dinge fest, die der Familie passiert sind", sagt Luke Wilson.

Die beiden Anderson-Brüder malten auch die Kinderbilder, die Etheline im Foyer aufgehängt hat. Ein weiterer wichtiger Mitstreiter bei The Royal Tenenbaums war Kostümdesignerin Karen Patch. Sie arbeitet seit "Bottle Rocket" mit Wes Anderson zusammen. Seit dem Beginn ihrer Kooperation, so Patch, habe sich Anderson immer sehr intensiv mit Garderobe befasst. Im Lauf der Jahre hat er ein immenses Wissen angehäuft, was gute Filmkostüme ausmacht. "Er ist so kreativ und faszinierend", sagt Karen Patch. "Er hat so viele tolle Ideen. Die Arbeit mit einem Regisseur, der die Bedeutung von Kostümen begreift, der versteht, dass man die ganze Persönlichkeit einer Figur mit ihnen verdeutlichen kann, ist großartig."

Patch und Anderson begannen ihre Arbeit an den Kostümen für The Royal Tenenbaums im April 2000, noch bevor das Drehbuch fertiggestellt war. Sie hielten sich die nächsten fünf Monate ständig mit Skizzen und nächtlichen E-Mails auf dem Laufenden. Erst dann bekam Karen Patch das Drehbuch zum ersten Mal zu sehen.

In dem Film trägt jede einzelne Figur eine "Uniform", eine Idee, die Anderson in jedem seiner Filme verfolgt.

In The Royal Tenenbaums hilft die "Uniform" bei dem Verständnis, dass die Kinder der Tenenbaums ihren Höhepunkt bereits in der Kindheit überschritten haben. "Wir sehen diese Menschen im Alter von zehn Jahren und direkt danach, wenn sie 20 Jahre älter sind. Ein Teil der Geschichte besteht daraus, wie sie immer noch damit verbunden sind, wie sie damals waren", erklärt Wes Anderson. "Wer sie sind, wurde bereits damals geformt: Sie tragen immer noch die gleichen Klamotten und Frisuren."

Gwyneth Paltrow sagt: "In dem Moment, als man mir sagte, ich würde kleine Lacoste-Kleider und Loafers und einen Fellmantel tragen, war mir klar, dass ich den Film kapiert hatte. Mir wurde mit einem Mal bewusst, wer Margot ist."

Der Dreh - Die Spannung von New York Die Dreharbeiten zu The Royal Tenenbaums begannen im März 2001 am Drehort in Hamilton Heights. Mendel sagt: "Es ist ein Film mit 240 Szenen. Wir hatten 60 Drehtage. Das bedeutet, dass wir im Schnitt pro Tag vier Szenen drehen mußsten. Das ist rasend viel!"

Neben dieser Location wurden Szenen im Center Court des West Side Tennis Club, dem Dach der Boy's Harbor School mit Blick auf den Central Park, das Waldorf Astoria (das als Royals Residenz, das Lindbergh Palace Hotel, eingesetzt wurde) und auf dem Meer auf einem Schiff, der Kingspointer, gedreht.

Für Anderson stellte das Filmen vor Ort in New York City einen Schritt in eine völlig neue Richtung dar. "Beim Dreh in New York existiert eine gewisse Spannung. Das gibt es nur in New York", meint der Regisseur. "Aber manchmal ist das genau die richtige Sache. Immerhin geht es in dem Film um New York. Woanders hätte man ihn nicht machen können."

Die Haupthandlung spielt ausschließlich im Big Apple, aber im Drehbuch finden sich noch zahlreiche Vignetten über die Familiengeschichte der Tenenbaums, die über die gesamte Welt verstreut ist. Auf beeindruckende Weise gelang es Wes Anderson und seinem Team, sehr reale Versionen von Jamaika, der Antarktik, Neuguinea, Indiana, North Dakota, Paris und dem Himalaya in Orten wie Yonkers, Westchester und New Jersey entstehen zu lassen.

Neuland betrat der Regisseur außerdem mit einem Dreh, bei dem das ganze Ensemble aus großen Stars besteht. "Einer der Unterschiede besteht darin, dass etablierte Filmstars bereits ihre eigenen Arbeitsmethoden entwickelt haben. In Rushmore hatte ich mit Jason Schwartzman dagegen einen Hauptdarsteller, der noch nie vor der Kamera gestanden war", überlegt Anderson. "Jason und ich fanden während des Drehs heraus, wie er als Schauspieler arbeitet, was er braucht und was er will.

Bei The Royal Tenenbaums gab es Tage, da mußste ich mich umstellen und mir Wege ausdenken, wie ich unter den gegebenen Umständen mein Ding durchziehen konnte. Meistens bedeutete das, dass ich einen Schritt zurücktrat und mich von der spontanen Brillanz eines anderen überraschen ließ."

Langsam stellte sich bei den Schauspielern während des Drehs das Bewusstsein ein, dass es sich um eine Ensemblegeschichte handelte. "Die meiste Zeit drehten wir Szenen, in denen lediglich zwei oder drei Figuren im Bild sind. Nur ab und zu gab es eine Szene, bei der fast alle dabei sein mußsten. Die Ensembleatmosphäre erwuchs also nicht vor der Kamera, sondern hinter den Kulissen", meint Wes Anderson. "Es gab ein Zimmer im Haus, das eine Art Gemeinschaftsraum darstellte. Wer immer nicht arbeiten mußste, hielt sich in diesem Raum auf. Weil sich die Schauspieler nicht in ihre Wohnwägen verkrochen, entwickelte sich bald eine beeindruckende Gruppendynamik. Dinge geschahen, die Einfluss auf die Art und Weise nahmen, wie sich einzelne Personen sahen. Verschiedenartige Beziehungen entwickelten sich, die zur Ensembleatmosphäre vor der Kamera beitrugen."

"Mir gefiel die Arbeit mit dem großen Ensemble", sagt Gene Hackman. "Immer wenn man von sehr guten Kollegen unterstützt wird, wird die eigene Arbeit besser. Man kann sich ausstrecken, Dinge ausprobieren, man hat etwas, was man nehmen und wieder zurückgeben kann. Außerdem hat man mehr freie Zeit."

"Wenn ich ein schlechtes Drehbuch bekomme, weiß ich oft, dass wir beim Dreh viel improvisieren werden", erklärt Bill Murray. "Bei Wes gibt es das nicht. Der ganze Film ist so gut geschrieben, dass man keine Improvisation braucht. Er braucht uns nicht, um seine Löcher zu stopfen. Das ist gut. Seine Vision ist sehr stark, und er weiß, was er will, bis hin zu den Kleidern, die die Figuren tragen, bis zur genauen Gestaltung der Farben."

"Wes ist ein wunderbarer Regisseur. Er weiß genau, was er will und wie er es bekommen wird. Obendrein ist er noch großartiger Mensch", meint Danny Glover. "Das sind Qualitäten, die nicht unbedingt Hand in Hand gehen. Aber Wes ist ein echter Gentleman."

Owen Wilson gefiel die familiäre Atmosphäre während des Drehs: "Es war klasse, dass meine Brüder und Wes mit dabei waren. Man hat ein gutes Gefühl, wenn man sich in der Gegenwart von Leuten wie Wes aufhält, denen man blind vertrauen kann, weil sie dich unterstützen und immer deine Interessen vertreten. Besonders bei einem Film über Familie ist das wichtig. Dieses Gefühl setzt sich fest und überträgt sich auf den Film. Es war gut, endlich einmal so eng mit Wes arbeiten zu können. Er ist wie ein Bruder für mich."

"Man kann Wes bei diesem Film nur mit einem Satz beschreiben: Er kontrollierte alles! Er hat mich diesmal ganz schön rumgescheucht", lacht Luke Wilson. Gwyneth Paltrow sagt: "Wes ist so spezifisch, alles ist so gut vorbereitet, dass ich den Eindruck habe, dass es mein Schauspiel viel freier macht. Ich mußs mich um nichts anderes als meine Darstellung kümmern."

Voller Begeisterung berichtet Luke Wilson, dass er mit Gene Hackman spielen durfte: "Ich kann mir nichts aufregenderes vorstellen, als ihm einfach nur bei der Arbeit zuzusehen. Ich liebe es, ihn in Filmen zu sehen, aber wenn man ihm in einer Szene im Film nahe kommt, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es niemandem wirklich gelingt festzuhalten, wie großartig er in Wahrheit ist. Das ist wie beim Basketball: Ganz nah dran sieht man erst, dass das Fernsehen nicht zeigen kann, wie groß und schnell diese Jungs eigentlich sind."

Anjelica Huston fügt hinzu: "Ich liebe es als Teil eines Ensembles zu arbeiten. Man bekommt so viel von den anderen und von der Art und Weise, wie sich die Beziehungen entwickeln. Und man trifft auf Leute, die man schon lange bewundert. Ich bin absolut hingerissen, in einem Film mit Bill Murray zu spielen, und ausgesprochen stolz, mit Gene Hackman vor der Kamera gestanden zu haben. Und alle kamen blendend miteinander aus. Es gab keinen einzigen Außenseiter. Das findet man nicht sehr oft."

Die Musik - Ambitionierter als Magie Eine weitere große Leidenschaft von Wes Anderson ist Musik. Er setzt Musik bei allen Stufen des filmemacherischen Prozesses ein, beginnend beim Schreiben. Produzent Mendel berichtet: "Wes ist unglaublich inspiriert, wie er Musik einsetzt und überrascht einen immer wieder, welche Auswahl er trifft. Es ist lustig, wenn er einem bei der ersten Fassung des Drehbuchs ein Stück vorspielt und jeden Moment beschreibt, der passieren wird. Und eineinhalb Jahre später sieht man ganz genau, was er beschrieben hat."

Während der Produktion hat Anderson den großen Vorteil, dass er bereits genau weiß, welche Musik er einsetzen wird und lässt sie auch am Set laufen. Gwyneth Paltrow findet diesen Ansatz ausgesprochen hilfreich: "Immer wenn er eine Platte aufgelegt hat, kam es einem vor, als wäre auf einmal alles genauestens ausgearbeitet. Mit einem Mal weiß man ganz genau, welchen Ton dieser Teil des Films haben wird. Mir fällt es auf diese Weise viel leichter, genau die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das ist eine sehr sinnliche Erfahrung. Ich wünschte, andere Regisseure würden auch so arbeiten, weil es funktioniert."

Anjelica Huston stimmt ihrer Kollegin zu: "Es ist wunderbar, wenn man weiß, welche Musik Wes an einer bestimmten Stelle einsetzen wird. Er spielte uns Ravel vor, ein ganz bestimmtes Stück, das sehr lyrisch und fröhlich ist, aber auch dunkle Untertöne hat. Da kann man als Schauspieler viel herausholen."

Das Score von Mark Mothersbaugh trägt ein weiteres wichtiges Element zur Textur des Films bei. "Als wir begannen, glaubte ich, dass wir Musik als magische Unterstützung brauchten, um eine Figur wie Royal zu etablieren, um den richtigen, den magischen Ton zu behalten", sagt Anderson. Doch seine Zusammenarbeit mit Mothersbaugh nahm eine ungeahnte Wendung: "Als wir an der Musik arbeiteten, änderte sich unsere Zielsetzung. Mark hätte keine Mühe gehabt, dieses magische Gefühl zu erzielen, aber unser Wunsch war es schon bald, den Film mit Hilfe der Musik tiefer zu machen. Seine Musik war wesentlich ambitionierter als bei unseren beiden vorangegangenen Filmen."

Dirk Jasper FilmLexikon
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