Produktionsnotizen zu Ice Age

Willkommen in der prähistorischen Welt von Ice Age, dem digital animierten Spielfilm von Twentieth Century Fox Animation und dem Oscar-Gewinner Chris Wedge! Der Filmemacher wurde für seinen animierten Kurzfilm "Bunny" mit einem Academy Award® ausgezeichnet. Das prämierte Werk bestach besonders durch seine realistischen Lichteffekte, die überzeugenden Bilder sowie seinen organischen Realismus.

Wedge, einer der Gründer der Blue Sky Studios, wo sowohl "Bunny" als auch Ice Ageentstanden, war entscheidend an der Entwicklung der revolutionären, firmeneigenen "Beleuchtungs"-Software beteiligt. Mit deren Hilfe sowie einem Team von Animatoren, Wissenschaftlern und Technikern hat er auf der Leinwand die bisher unbekannte, dreidimensionale Welt der Eiszeit entstehen lassen - und mit ihr vier coole Helden. Namentlich: der "Einzelgänger" Manny, gesprochen von Ray Romano (in der deutschen Fassung gesprochen von Arne Elsholtz), der "Schmeichler" Sid, gesprochen von John Leguizamo (in der deutschen Fassung gesprochen von Otto Waalkes), der "Doppelagent" Diego, gesprochen von Denis Leary (in der deutschen Fassung gesprochen von Thomas Fritsch), sowie Scrat, der "Quietsch-Attacke".

Laut Wedge gibt es in Ice Age für jeden Geschmack etwas: Action, Humor, Abenteuer und Herz. Vielleicht erklärt das auch, warum Wedge und seine Kollegen bei Blue Sky gleich mehrere Kurzbeschreibungen für ihren Film parat haben. "Es ist eine Komödie der Gefahren", erklärt Wedge, der aber seinen Film gleichzeitig auch "Drei prähistorische Säugetiere und ein Baby" nennt. Die Produzentin Lori Forte wiederum, die gemeinsam mit den Verantwortlichen bei Twentieth Century Fox Animation die Story entwickelte, sieht Ice Age als "Geschichte der ersten disfunktionalen Familie". Andere Mitglieder des Produktionsteams deuten das Werk eher als Buddy Picture oder als Roadmovie (ohne Auto natürlich).

Vor allem aber, so Wedge, geht es in Ice Age um vier Individuen, wovon drei ungewollt eine Art Familie bilden müssen, um das vierte zu schützen: "Jeder Charakter hat eigentlich einen ganz persönlichen Grund für seine Reise. Sich zusammen zu tun war nicht geplant - und keiner der Drei hätte dies ursprünglich auch für nötig gehalten."

Die Figuren und ihre Beziehungen zueinander bilden den Kern, sind Herz und Seele von Ice Age . Als der Zuschauer erstmals auf das riesige, wollige Mammut Manny trifft, bewegt es sich gerade gegen einen Strom fliehender Tiere. "Manny ist ein absolut dickschädeliger Einzelgänger", erläutert Wedge. "Er zieht nach Norden, nur weil alle anderen sich auf dem Weg nach Süden befinden." Ray Romano fügt hinzu: "Und gleichzeitig ist Manny ein Trotzkopf, der für niemanden außer sich selbst Zeit zu haben scheint. Aber in seiner rauen Schale steckt ein weicher Kern. Als er also das Baby, Sid und Diego trifft, mußs er den Dreien einfach helfen."

Romano, montagabends in Millionen von Haushalten durch seinen Part in "Everybody Loves Raymond" eine feste Größe, war der ideale Mann für den Part des Manny. "Wir haben die Darsteller, Ray inklusive, nach deren Stärken und herausragenden Eigenschaften besetzt", erklärt Lori Forte. "Ray besitzt eine tolle Stimme für Komödien und eine Art versteckten Zynismus, der ihn für die Rolle des Manny prädestiniert. Seine Stimme ist sowohl liebenswert wie auch gefährlich trocken."

So gut die Stimme eines Schauspielers auch sein mag, es braucht noch viel mehr, um einen animierten Charakter zum Leben zu erwecken. Reichlich Arbeit also für das Blue-Sky-Team, um Manny zu erschaffen. Allein schon sein langer Rüssel, der sein Gesicht beherrscht, und sein gewaltiges Fell stellten die Animatoren vor große Probleme. Charakter-Designer Peter de Sève erklärt warum: "Um Fell realistisch darzustellen, mußs man sehr sorgfältig arbeiten und sich um winzigste Details kümmern. Ein wolliges Mammut ist schließlich nicht einfach ein Elefant mit langen Haaren. Wir mußsten uns entscheiden, wie sein Haar fällt, alle Proportionen aufeinander abstimmen und auch ins richtige Verhältnis zu den anderen Tieren setzen."

Besonders interessant für die Zuschauer ist das Verhältnis zwischen Manny und Sid, den beiden vollkommen gegensätzlichen Charakteren. Das Faultier Sid, der sich Manny gegen seinen Willen anschließt, weckt letztendlich das Gute im bockigen Mammut. "Manny empfindet Sid zunächst als Ärgernis", erläutert Ray Romano. "Aber allmählich freunden sich die beiden an - und es entsteht ein Verhältnis, das man sonst zwischen jüngeren und älteren Brüdern kennt."

Sids verrücktes Verhalten und seine liebenswerten Wesenszüge machen ihn zum komischen Herzstück des Films. "Sid ist vermutlich der Grund, warum Faultiere so einen schlechten Ruf genießen", schmunzelt Chris Wedge. "Er ist der Typ, der genau verstanden hat, dass er geradewegs als Mahlzeit enden wird, falls er sich keinen "großen Bruder" zulegt. So einen bulligen Leibwächter wie beispielsweise Manny."

Gesprochen wird Sid von John Leguizamo, der dank seiner schnellen, etwas atemlosen Sprechweise die sympathischen Gegensätze des Tieres zum Leben erweckt. Die in Wirklichkeit eher langsamen und behäbigen Säuger studierte Leguizamo für seinen Part an Hand von Videobändern. Das war laut Leguizamo nicht gerade spannend: "Faultiere bewegen sich etwa wie ,komm' ich heut' nicht, komm' ich morgen' - also richtig laaaangsaaaaam."

Darüber hinaus versorgten die Filmemacher Leguizamo mit Skizzen von Sid und zeigten ihm Tonmodelle sowie Computeranimationen. So konnte sich der Schauspieler besser in seinen Charakter "hineindenken". Nachdem er mit rund 30 verschiedenen Stimmen experimentiert hatte, wurde er sehr nahe der eigenen fündig: "Sid hört sich nun ganz ähnlich an wie ich, nur ein wenig höher und ,animierter'." Zusätzlich versah Leguizamo Sid mit einem kleinen Lispeln, nachdem er erfahren hatte, dass Faultiere, wie Eichhörnchen und Hamster auch, ihre Nahrung in den Backen lagern.

Aufgrund ihrer angeborenen Langsamkeit und um den Charakter spannender zu gestalten, erlaubten sich die Blue-Sky-Animatoren bei der Gestaltung von Sid allerlei Freiheiten. "Wir gestatteten Sid jede Menge Flexibilität", so Wedge, "damit er sich in alle Richtungen drehen und wenden kann. Dazu redet er schnell und ist - falls nötig - wie richtige Faultiere auch sehr flink. Damit er jedoch ähnlich bleibt wie seine Kollegen im richtigen Leben, beschränkten wir die Bewegungsfreiheit seiner Arme. So ist er alles in allem immer noch ein echtes Ai."

Dem dritten Mitglied des verrückten Trios schließlich, dem Säbelzahntiger Diego, geht es mehr ums Überleben als um die Freundschaft zu einem Mammut und einem Faultier. Wie Manny ist Diego ein eher verschlossener Typ, der noch nie die Gelegenheit hatte, sein Herz zu zeigen. "Er hatte bislang weder Familie noch Freunde", sagt Wedge, der Diego und seine Tiger als eine Art Guerilla-Truppe anlegte, die nach einer Möglichkeit sucht, die Eiszeit zu überleben. "Für uns sind die Tiger sozusagen die Kampfeinheit."

Indem sie Denis Leary als Diego besetzten, gelang den Filmemachern automatisch die perfekte Union von Stimme und Charakter. "Denis", so Wedge, "gibt sich in vielen seiner Rollen äußerlich hart, obwohl er im Inneren einen weichen Kern hat. Genauso legt Denis nun auch Diego an - und genauso wollten wir das auch." Leary, der sich im richtigen Leben bekanntermaßen gern und oft für die Unterstützung von Feuerwehrleuten und Polizisten stark macht, spielt Diego als "Bösewicht mit goldenem Herzen". "Aber", so der Regisseur weiter, "Diego hat noch gar nicht bemerkt, dass er ein Herz hat."

Denis Leary, der schon 1998 in John Lasseters Das große Krabbeln den Käfer Francis gesprochen hat, fühlt sich im Zeichentrick-Genre zu Hause. Bei Ice Age betrat er nach eigenen Angaben dennoch Neuland: "Seit Jahren kennt mich eine ganze Generation von Kindern, einschließlich meiner eigenen, als Marienkäfer. So empfand ich es als überaus reizvoll und cool, mal einen Säbelzahntiger zu spielen - zumal dies auch eher meiner Natur entspricht." Leary lachend weiter: "Die Filmemacher haben Diego nach mir modelliert. Ich sehe gut aus, die Männer fürchten mich, die Frauen liegen mir zu Füßen - nur die Zähne stellen ein gewisses Problem dar."

Laut Ko-Regisseur Carlos Saldanha war Diego, in Bezug auf seine Bewegungen, der am schwierigsten zu animierende Charakter: "Diego ist ungeheuer schnell, und wir zeigen das auch. Und gleichzeitig mußs er sowohl eine Vielzahl überaus komplizierter Posen einnehmen als auch nur ganz ruhig dasitzen und sprechen können. Das heißt, es mußste manchmal nur das Gesicht entsprechend bewegt werden - was schwieriger umzusetzen ist, als man glaubt."

Diego, Manny, Sid und ihre "Last", der Säugling Roshan, ergeben zusammen die erste disfunktionale Familie der Eiszeit. Und dann ist da noch ein zusätzlicher Charakter, der, obwohl nicht Teil der "Familie", eine entscheidende Rolle im Film spielt - und obendrein für jede Menge Spaß sorgt.

Die Filmemacher schufen Scrat, eine Mischung aus Eichhörnchen und Ratte - Wedge spricht gerne vom "Säbelzahn-Eichhörnchen" -, der ursprünglich eigentlich nur dazu gedacht war, der Eiszeit ein "Gesicht" zu geben. "Ich dachte mir", so Wedge, "dass, wenn wir schon einen Film machen, der in der Eiszeit spielt, es auch ein Tier geben sollte, das die Eiszeit repräsentiert. Und so ,erfanden' wir den unglücklichen Scrat."

Dieser Scrat ist wirklich ein armer Tropf. Eigentlich will er nämlich nur eine Eichel vergraben. Etwas, was alle Eichhörnchen tun, um Nahrung für den Winter zu haben - und schließlich ist die Eiszeit nichts anderes als ein einziger langer Winter. Also versucht Scrat die Nuss in den Gletscher zu rammen, was schlimme Folgen hat: Das Eis bricht, und der riesige Gletscher beginnt sich zu bewegen. Dies ist der Anfang einer wüsten Hatz, bei der Scrat von einem kilometerhohen Eisberg verfolgt wird, während er gleichzeitig versucht seine Eichel zu retten. Diese Sequenz, mit der Ice Age beginnt, zeigt das ganze Ausmaß der Naturwunder, die unsere vier Helden umgeben.

Im Laufe der Produktion wuchs Scrat den Filmemachern und auch dem Publikum - via Teaser und Trailer - immer mehr ans Herz. Wedge führt dazu aus: "Deswegen taucht Scrat auch immer wieder auf. Jeweils in einer anderen lebensbedrohlichen Situation. Und immer versucht er nur, seine Eichel zu verbuddeln."

Scrats Lostreten der Katastrophe war für die Filmemacher nur der Beginn der Erfindung ihrer Eiszeit. Da es in der Geschichte der Erde mehrere Eiszeiten gab und sich die Oberfläche der Erde dadurch mehrfach verändert hat, konnten die Filmemacher ihrer Fantasie bei der "Landschaftsgestaltung" freien Lauf lassen. Ice Age zeigt nun die Erde, wie sie vor rund 20.000 Jahren ausgesehen haben mag. Wedge präzisiert: "Ich fand es cool, einen Film in der Eiszeit anzusiedeln. So waren wir an keinerlei Vorgaben gebunden und konnten eine Welt erschaffen, ganz wie wir sie uns vorstellten."

Obwohl Einbildungskraft bei der Kreation von Ice Age Trumpf war, sicherten die Filmemacher ihre Geschichte wissenschaftlich ab. So führten sie ihre Recherchen auch ins New Yorker American Museum of Natural History, wo ein paar wenige aus der Eiszeit stammende Artefakte ausgestellt sind. Zudem brüteten sie Stunden über wissenschaftlichen Büchern, inspizierten Mammutknochen und sprachen mit führenden Paläontologen und Archäologen.

Diesen Wissenschaftlern war durchaus klar, dass man sich in den Dienst der (Film-)Geschichte stellen und dabei gewisse Freiheiten in den historischen Fakten herausnehmen mußste. Allerdings bestanden sie darauf, dass eine ganz bestimmte Spezies, die bereits in verschiedenen Blockbustern die Hauptrolle spielte, in Ice Age nicht vorkommen durfte. "Sie meinten, ,nehmt euch alle Freiheiten, die ihr braucht'", erinnert sich Wegde. ",Aber bitte versprecht uns, dass in diesem Film keine Dinosaurier zu sehen sein werden.'" Schließlich waren die berühmt-berüchtigten Bewohner der Jura- und Kreidezeit bereits 65 Millionen Jahre früher ausgestorben. "Dieses Versprechen haben wir letztlich gegeben."

Ice Age spielt in Nordamerika, was die kulturellen und musikalischen Referenzen des Films prägt. Dazu gehören aber auch die Art Direction, die Auswahl der Farben und die Lichtsetzung. Die "Beleuchtungs-Software", die für den Film verwendet wurde, ist als Ray Tracing bekannt. Diese ahmt das Umgebungslicht bis ins kleinste Detail nach und sorgt so für ein pralles, organisches Äußeres der Ice Age-Charaktere sowie für majestätische Bilder. Wedge und sein Team nutzten das Ray Tracing auch für einzigartige, atmosphärische Szenarien, zum Beispiel, wenn sich das Licht auf dem Fell der Tiere widerspiegelt und jedes einzelne Haar seinen eigenen Schatten wirft.

Wedge erklärt: "Ray Tracing simuliert die ganze Komplexität des realen Lichts. Dabei imitiert es die Struktur der Farben und Schatten so, wie wir sie täglich in der Wirklichkeit wahrnehmen. Man könnte es am ehesten mit digitaler Fotografie vergleichen. Diese Technik erlaubt es uns, Computer so zu verwenden wie ein Fotograf seine Kamera - mit dem Effekt, dass auf der Leinwand alles noch unwiderstehlicher, verlockender und auch greifbarer aussieht."

Die Entwicklungsabteilung von Blue Sky verwendete in Ice Age neben dem Ray Tracing noch weitere Technologien. Etwa ein neuartiges Pixelsystem (zum Beispiel für die Wiedergabe von Fell, Atmosphäre oder Landschaften), um ein Gefühl der Dreidimensionalität zu vermitteln, volumetrische Effekte (etwa aufsteigender Wasserdampf) und Tricks, die mehr Dynamik bei der Darstellung von Flüssigkeiten erzeugen. Zusammen sorgen sie alle für diesen einzigartigen Look des Films.

Trotz aller Hightech-Zaubereien wussten die Filmemacher jedoch stets den Wert eines einfachen Bleistifts sowie eines weißen Blatts Papier zu schätzen. "Wir griffen des Öfteren auf den Stift zurück, wenn wir ein schnelles Feedback benötigten", erinnert sich Wedge. "Das hat etwas Unmittelbares. Zudem erlaubte es uns schnell, gewisse Emotionen rüberzubringen."

Zu einem wesentlichen Bestandteil des Filmemachens gehörten auch Tonmodelle. Dies waren perfekte 3-D-Repräsentanten der Figuren, die später an den Blue-Sky-Computern gescannt und zu leinwandtauglichen 3-D-Versionen umgearbeitet wurden. Die Animatoren sorgten schließlich dafür, dass die Charaktere in Zeit und Raum richtig positioniert wurden, versahen sie mit speziellen Bewegungen (etwa leicht wabberndem Fett) und hauchten ihnen ihr eigenes Leben ein.

Nach einem komplizierten, langwierigen und stets herausfordernden Produktionsprozess äußert Chris Wedge abschließend seine Wünsche und Hoffnungen für Ice Age: "Der Film hat für alle Publikumsschichten etwas zu bieten - Action, Humor, Abenteuer und Herz -, wobei er in den Kontext einer Fantasy-Welt eingebunden ist, die so bislang niemand zu Gesicht bekommen hat. Die Zuschauer werden zunächst das erwarten, was die meisten heutigen Animationsfilme zu bieten haben: Komödie, Farbenpracht, Fun und Action. Ich aber glaube, dass Stimmung und Emotionen von Ice Age sie überraschen werden. Am meisten hoffe ich jedoch, dass die Leute meinen Film in vollen Zügen genießen werden."

Dirk Jasper FilmLexikon
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