Ausführlicher Inhalt zu Schiffsmeldungen

Szenenfoto Sein Name ist Quoyle (Kevin Spacey), und wenn sich der Mann nicht mitunter bewegte, dann könnte sich niemand sicher sein, dass er überhaupt noch am Leben ist - oder es je wirklich war ...

Quoyle arbeitet als Setzer bei der Regionalzeitung Pough-keepsie News, ganz offensichtlich im amerikanischen Nirgendwo. In dieser Gegenwart sind ihm die ewigen Gedanken an die Vergangenheit kein Trost; an eine Jugend, in der ihm der Vater das Schwimmen beizubringen versuchte, indem er den Kopf des Jungen unter das Wasser drückte - ohne zu berücksichtigen, dass Quoyle vielleicht nie wieder aufzutauchen wagen würde. In diese Stille aber platzt ein Sturm in Gestalt der Mordsfrau und Männerfresserin Petal (Cate Blanchett), die Quoyle mit sicherem Instinkt für leichte Beute aufgabelt, wie sich andere Leute einen herrenlosen Hund greifen.

Für einige Tage oder auch nur Stunden mag ihre Lust echt sein, wo schon von Liebe nichts zu spüren ist - Quoyle hingegen ist auch Jahre später noch verzückt vor Glück und blind vor Hingabe. dass ihn Petal betrügt, schröpft und behandelt wie Dreck, ohne die gemeinsame Tochter Bunny auch nur eines Blickes zu würdigen, all dies erduldet Quoyle, dem ein miserables Leben mit Petal lieber scheint als gar keines.

Als er kurz darauf durch eine aufgezeichnete Nachricht erfährt, dass sich seine beiden Eltern am Ende einer schweren Krankheit das Leben genommen und kein Erbe hinterlassen haben, wird Quoyle auch von Petal verlassen - die das Kind kurzerhand mitnimmt. Gramvolle Stunden vergehen, in denen seine Tante Agnis Hamm (Judi Dench) auf der Durchreise Halt macht, um insgeheim die Asche ihres toten Bruders zu stehlen. Und sie ist fast schon wieder unterwegs, als Quoyle von der nächsten Neuigkeit erschüttert wird: Petal sei tödlich verunglückt, klärt ihn die Polizei auf, und vorher habe sie versucht, die gemeinsame Tochter zu verkaufen.

Szenenfoto Glücklicherweise kann Bunny unversehrt gefunden werden und kommt nach Hause, wo Quoyle und seine so fremde, doch im Schmerz so vertraute Tante warten. Es ist Agnis, die erkennt, dass dieser Mann zu gebrochen ist, um hier jemals wieder aufrecht gehen oder ein funktionierender Vater sein zu können. Also schlägt sie ihm vor, mit ihr zu gehen. Ins Land von Quoyles Ahnen. Nach Neufundland vor der Küste Kanadas. Und so macht sich dieses sonderbare Trio in ein Städtchen namens Killick-Claw auf, das gut und gern am Ende der Welt liegen könnte und doch für alle einen Neuanfang markiert ...

Das Ziel der Reise ist zunächst ein zerfallenes Haus, in dem Agnis aufwuchs, nachdem das Gebäude von ihren Vorfahren über das Eis an die Küste gezogen wurde, wo es nun mit Tauen befestigt werden mußs, um nicht von Wind und Wetter davongefegt zu werden. Die Neuankömmlinge richten sich ein so gut es geht in der schönen, aber unwirtlichen Isolation Neufundlands.

Szenenfoto Agnis bringt das Haus auf Trab und lässt auch die Rekonstruktion des Lokus nicht aus, wo sie über der Asche ihres Bruders einem wohl lang ersehnten Bedürfnis nachgeht. Die kleine Bunny tut sich schwer darin, die düsteren Schatten ihrer toten Mutter zu verlassen und zeigt in der Stille des abgeschiedenen, gleichwohl von Geschichte gezeichneten Hauses Anzeichen von Hellsichtigkeit, was sie auf Neufundland "sensitive" nennen. Und Quoyle? Ihm ist die Hilflosigkeit so sehr ins Gesicht geschrieben, dass es nicht lange dauert, bis ihm die Menschen aus der Gegend auf die Beine zu helfen versuchen, auch wenn er sich mit den ersten Schritten schwer tut.

Das ist etwa Wavey Prowse (Julianne Moore), die allein stehende Mutter eines geistig behinderten Jungen, mit der Quoyle in Gesprächen peinlich falsche Starts erwischt, bevor beider Kinder sich anfreunden und damit auch den Eltern den Weg zum Kennenlernen ebnen. Oder da ist Jack Buggit (Scott Glenn), der Verleger des Lokalblattes Gammy Bird, der Quoyle, einem Instinkt folgend, als Reporter anheuert, was in der kleinen Redaktion Skepsis bis Vergnügen hervorruft bei den Redakteuren Tert Card (Pete Postlethwaite), Beaufield Nutbeem (Rhys Ifans) und Billy Pretty (Gordon Pinsent), für die Exzentrik allesamt kein Fremdwort ist.

Szenenfoto Zu aller Erstaunen legt Quoyle nach einigen Fehlversuchen eine gewisse Begabung als Schreiber an den Tag und bekommt zu seiner persönlichen Verblüffung gar eine Kolumne mit dem Titel Schiffsmeldungen, in der er die Storys der anlegenden Boote und ihrer Besitzer im örtlichen Hafen dokumentieren soll.

Sorgt diese kleine berufliche Revolution für moralischen Auftrieb, so ist Quoyles Privatleben doch weiter von der Vergangenheit belastet. Zunächst teilt seine Tante Agnis in tiefstem Vertrauen bittere Geheimnisse mit, die ihr lebenslang auf der Seele gelegen haben. Dann erfährt er von den Einheimischen, dass es unter den Quoyles ganze Generationen unglückseliger Gestalten von Piraten bis zu Wahnsinnigen gab, was die Ängste hinsichtlich der verschlossenen Tochter kaum mindert.

Szenenfoto Wenn Quoyle jedoch etwas lernt auf Neufundland, dann ist es die Tatsache, dass niemand ohne Verletzungen oder geplatzte Träume ist und es dennoch immer einen Weg zum Weitermachen gibt - gerade wenn es sich um familiäre Anlässe handelt, die das Schicksal in seine Bahnen lenken wie nichts anderes. Das zeigt sich am Rande, als Quoyle Zeuge eines langjährigen Konfliktes zwischen Verleger Buggit und dessen erwachsenem Sohn wird.

dass mit einem Knick in der Lebenskurve ganz lustig umgegangen werden kann, erfährt der stete Beobachter Quoyle, als sein Co-Redakteur Nutbeem in einem rekordreifen Besäufnis sein Boot verliert, mit dem er eigentlich Neufundland verlassen wollte. Und auch Wavey, zu der Quoyle langsam aber sicher mehr als nur platonische Zuneigung empfindet, wird den Schutz ihrer Gefasstheit verlassen und mit der Vergangenheit ihren Frieden machen.

All dies ist Quoyle Inspiration genug, sein Leben vielleicht zum ersten Mal selbst in die Hand zu nehmen, auch wenn er sich mit neuem Aktionismus nicht eben als Wasserratte erweist und in seinem ersten Boot fast absäuft. Doch mit Hilfe seiner neuen Freunde und alten Familie macht er sich daran, die Albträume mit Petal und die Furcht vor der Zukunft zu vergessen - nicht zuletzt seiner kleinen Tochter zuliebe, deren weitsichtige Fähigkeiten allmählich magische Ausmaße annehmen ...

Dirk Jasper FilmLexikon
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