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BrüderWir sind Cantorianer. Wir glauben, dass der Heilige Geist Klang ist und dass wir im Gesang bei Gott sind. Wegen dieser Auffassung wurden wir als Ketzer verdammt und unser Orden zerschlagen. Nur unser Kloster Auersperg und ein weiteres in Italien konnten sich halten. Mit denen aus Montecerboli sind wir zerstritten, weil beide Klöster Anspruch auf die Regula Cantorianorum erheben, die seit 200 Jahren bei uns liegt. In diesem Buch hat unser Ordensgründer die Regeln niedergeschrieben, nach denen wir leben. Als der Abt an diesem Tag die Kirche betrat, um zum zweiten Gebet zu läuten, ahnte keiner von uns, dass sich unser Leben in den nächsten Stunden vollkommen verändern würde ...
Die Morgensonne taucht das heruntergekommene Kloster in ein warmes Licht. Vier Mönche stehen am Altar und erheben ihre Stimme zu Gott. Ein wunderschöner Vierklang erfüllt den Raum. Doch dann klopft es unbarmherzig an der Klosterpforte. Arbo (Daniel Brühl), der Jüngste der vier letzten Mönche des Cantorianer-Ordens, öffnet die Luke und blickt auf einen kompakten, wohlgerundeten weiblichen Ausschnitt - das einzig Weibliche, dessen er je ansichtig wurde. Lange schon leben die Mönche nur von Tassilos (Matthias Brenner) Graupensuppe und den wenigen finanziellen Zuwendungen dieser Frau, der Abt Stephan (Traugott Buhre) dafür Kloster und Bibliothek verpfändet hat. Dieses fordert sie nun endgültig ein.
Arbo: Sind alle Frauen so?
Tassilo: Da mußst du schon besser Benno fragen. Ich glaube,
der hat sich ganz schön ausgetobt, bevor er hierher kam.
Arbo: Hast du dich auch "ausgetobt"?
Tassilo: Die Bäckersfrau in unserem Dorf hat mir mal ein
Stück Kuchen versprochen, wenn ich ihr den Rücken kratze,
das hab ich aber nicht bekommen ... mußs irgendwas falsch
gemacht haben. Du kannst froh sein, dass sie dich als Baby
hergeschafft haben. Da bleibt dir das mit den Frauen
erspart.
Abt Stephan erleidet einen Herzinfarkt. Sein Letzter Wille ist, dass die Brüder die "Regula Cantorianorum", ihre Ordensregel, nach Montecerboli in Italien retten. Denn: "In dem Buch lebt der Orden." Arbo gibt er seine Stimmgabel als Andenken mit auf den Weg. Dann stirbt der Abt. Benno (Michael Gwisdek), Tassilo und Arbo lassen das Kloster hinter sich und mit ihm die Musikbibliothek, für die Benno 30 Jahre seines Lebens gearbeitet hat. Nun geht es querfeldein gen Süden, nach Karten, die noch aus dem vorletzten Jahrhundert stammen.
Musik
Arbo steht mitten auf einer einsamen Landstraße, Chiaras
(Chiara Schoras) Cabrio nähert sich. Wie ein verschrecktes Reh
schaut Arbo auf die schöne junge Frau hinter dem Steuer. Nur
ein waghalsiges Manöver in den Graben verhindert einen Unfall.
Chiara nimmt die seltsamen Anhalter mit. Aber man mußs im
tiefsten Wald übernachten, der Tank ist leer. Die Mönche
stimmen ihren Gesang, ihr Abendgebet, an. So etwas hat Chiara noch
nie gehört. Wie können Männer nur so schön
singen? Die nächtliche Stille des Waldes dagegen ist ihr
unheimlich. Sie sucht Schutz in Arbos Nähe ... der ist um
seinen Schlaf gebracht.
Augenblicke
Während Benno und Tassilo am nächsten Morgen einem
Tankwart umständlich erklären, was dem Wagen fehlt,
fotografiert Chiara den jungen Mönch. Seinerseits gelingt es
ihm nicht, Chiara zu fotografieren, denn er findet den rechten
Moment nicht: "Wie kann ich einem bestimmten Augenblick den Vorzug
vor einem anderen geben?" Arbo betrachtet sein
Polaroid-Porträt: "In diesem Augenblick war ich ganz bei dir.
Sieht man aber nicht."
Streit
Der praktische Tassilo hat in der Tankstelle eine Straßenkarte
"mitgenommen". Und erkennt darauf: Sein Elternhaus liegt nicht weit
entfernt. Er bittet Benno, einen Abstecher dorthin zu machen. Nach
30 Jahren begegnet Tassilo seiner Mutter (Christel Peters) wieder.
Er war 14, als sie ihn ins Kloster brachte. Der Stiefvater hat den
Jungen gehasst, und die Zeiten waren schwierig. Aber jetzt wird
Tassilo bleiben, so hofft die Mutter. Benno mahnt: "Wir haben dem
Abt ein Versprechen gegeben." Tassilo platzt der Kragen: "Auch beim
Ziegenmelken kann man Gott nahe sein." Der hochfahrende Benno
beleidigt Tassilo schwer: "Du bleibst immer ein Bauer." Stimmt,
Tassilo bleibt!
Der "Verlust" geht allen nahe. Die Fahrt über die Autobahn nach Stuttgart zum Bahnhof bleibt sehr schweigsam. Chiara besorgt Fahrkarten. Arbos Abschiedsworte klingen wie eine Entschuldigung: "Ich hab' die falschen Dinge gelernt. Ich kann nur singen und beten." Ein inniger Kuss. Sie schreibt ihm noch ihre Telefonnummer auf die Handfläche, für alle Fälle. Diese Hand wird er sich so schnell nicht mehr waschen.
Versuchung
Woher sollten die beiden Mönche wissen, dass sie nach Italien
hätten umsteigen müssen? So landen sie mitten in
Gesellschaft einiger Obdachloser am Bahnhof in Karlsruhe.
Ausgerechnet hier treffen sie auf den gefürchteten Feind der
Cantorianer, Jesuitenabt Claudius Leis (Heinz Trixner). Was
für eine Demütigung! dass Benno die Cantorianer den
Jesuiten vorzog, trägt der ihm bis heute nach, auch, dass ihm
Benno in Studententagen in Rom mal eine Frau ausspannte.
Aber vor allem hat es der Kirchenmann auf das "Ketzerbuch" der Cantorianer abgesehen, das er ein für alle Mal aus dem Verkehr ziehen will. Er ködert Benno mit den kostbaren Handschriften der Musikbibliothek, die nur darauf warten, von einem Experten wie ihm endlich veröffentlicht zu werden. Benno ist berauscht von seiner neuen Aufgabe, tauscht seine Kutte gegen den feinen Zwirn der Jesuiten, trinkt teuren Wein aus dem Kelch der Gegner. Tassilo hatte Recht, es war falsch, das Kloster mit seinen Schätzen, vor allem aber die eigenen Begabungen, verkommen zu lassen. Mit diesem Bekenntnis Bennos bricht für Arbo eine Welt zusammen. Hier kann er unmöglich bleiben. Denn hier denkt jeder nur an sich, keiner betet, keiner singt, und nun hat sogar Benno seine Stimme verloren. Arbo flüchtet, mit der "Regula" unterm Arm. Benno bemerkt das, lässt ihn aber ziehen. Ein stiller Gruß, beinahe wie ein Abschied zwischen Vater und Sohn.
Verführung
Chiara kehrt in ihre Redaktion zurück und zeigt einer Kollegin
die Aufnahmen des jungen Mönchs: "Der sieht aber echt
süß aus." - "Der ist mehr als süß. Der ist
irgendwie - ganz irre." Wo mag er jetzt wohl sein?
Arbo irrt allein und hilflos durch die Straßen auf der Suche nach einem Telefon. Eine ausgelassene Clique auf dem Weg zu einer Party: Eines der Mädchen reicht der seltsamen Erscheinung ihr Handy ... Chiara ist vollkommen überrascht, Arbos Stimme zu hören. Er braucht Hilfe. Sie verabreden sich für den nächsten Morgen, Karlsruhe, Bahnhof Gleis 8. Die vergnügungssüchtige Truppe packt Arbo in ihr Auto. Nein zu sagen, gehört mit zu den Dingen, die Arbo nie gelernt hat. So wird Mönch Arbo der Party-Act des Jahres. Arbo ist berauscht von den hämmernden Rhythmen, dem Licht, den jungen Menschen in seinem Alter - und vom Alkohol, den sie ihm in den Orangensaft mixen. Ihm schwinden die Sinne. Tiefes Koma. Als Arbo die Augen vorsichtig öffnet, erblickt er Tassilo, und da ist auch Chiara.
Liebe
Erstmal gehört der verdreckte Arbo in eine Badewanne. Tassilo
organisiert Essen. Die olle Kutte ist weit weg. Und nun steht Arbo
vor Chiara, wie Gott ihn schuf. Die beiden sind
überwältigt voneinander. Zarte Berührungen,
Küsse, das "erste Mal". Wird es für den jungen Mönch
das letzte Mal gewesen sein?
Abenteuer
Tassilo, Arbo und Chiara schmuggeln sich unerkannt in die
Sonntagsmesse der Jesuiten. Im Chorgestühl sitzt Benno,
apathisch, stumm, leer. Die Gemeinde stimmt ein Kirchenlied an,
aber dann setzt Arbo mit seiner klaren Kopfstimme die Hymne der
Cantorianer dagegen: "Wer nur den lieben Gott lässt walten",
Tassilo stimmt ein. Und allmählich kehrt wieder Leben in Benno
zurück. Auch er beginnt zu singen. Die Drei haben sich
wiedergefunden - ohne Worte, aber im Einklang mit der Musik und mit
ihrem Gott. Für Chiara ist das ein bitterer Augenblick der
Erkenntnis: Arbo gehört Gott allein.
Und dann geht alles ganz schnell, noch ehe die Jesuiten begreifen, flüchtet das Kleeblatt mit der "Regula" aus der Kirche. Chiara sollte im Auto warten, aber sie drückt aufs Gaspedal - eine verzweifelte Flucht vor einer Liebe, die keine Zukunft hat. Tränen rinnen ihr über das Gesicht.
Demütig kniet Benno vor dem Jungen, der
ihn auf den rechten Weg zurückgeführt und seinen Glauben
wieder geweckt hat: "Wir haben nun mal ein anderes Leben
gewählt." Aber nein, Arbo hatte nie die Möglichkeit einer
Wahl. Arbo weiß nicht mehr, wie er ohne Chiara weiterleben
soll.
Doch jetzt gilt es erstmal, vor den herannahenden Jesuiten zu flüchten. Mit einem Trick luchst ihnen Tassilo die Limousine ab. Und nun werden wir Zeugen der wahrscheinlich komischsten und abenteuerlichsten Verfolgungsjagd der Kirchengeschichte. In letzter Sekunde erreichen die Mönche einen Zug nach Italien.
Freiheit
Montecerboli. Hier werden sie von Brüdern empfangen, die zu
leben wissen. Endlich hat Tassilo einen Bruder, mit dem er seine
Kochkünste zelebrieren kann, und Benno einen Partner, mit dem
es sich trefflich streiten lässt. Eine fröhliche
Gemeinschaft, bis auf Arbo, der nicht mehr weiß, wohin er
gehört.
Chiara will weit weg,
mit einem Mann, den sie nicht wirklicht liebt. Im
Röntgengerät am Flughafen kommt Arbos Stimmgabel zum
Vorschein. An dieses Geschenk der Liebe hatte sie nicht mehr
gedacht. Doch sie weiß, was es ihr bedeutet: Folge deiner
inneren Stimme. Und die ruft nach Arbo. Die Mönche singen ihr
Abendgebet. Da klopft es an der Pforte. Einer der Mönche kommt
mit einer Stimmgabel wieder. Alles verstummt. Arbo ist wie vom
Blitz getroffen. Benno weiß, jetzt ist es an Arbo, eine
Entscheidung zu treffen. Die Zeit scheint stillzustehen. Doch dann
umarmt Arbo seine Freunde, wendet sich ab und geht. Benno und
Tassilio packen ihre ganze Zerrissenheit in ihre Stimmen und singen
zum Heulen schön. Arbo tritt ins Freie. Er hat sich
entschieden. Das Leben wartet auf ihn.
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| © Fotos: Senator © 1994 - 2010 Dirk Jasper |
