Ausführlicher Inhalt zu Nomaden der Lüfte

Szenenfoto Frühling. Aus allen Teilen der Erde machen sich Zugvögel auf ihren Weg in die große arktische Tundra, zu ihren Brutplätzen. Ein Schwarm Kraniche legt auf seiner weiten Reise Rast ein an den großen Seen Mittel- und Westeuropas, wo sich bereits andere Arten niedergelassen haben. Heftige Kämpfe werden dabei von ganzen Vogelscharen ausgetragen: Anzeichen für den Beginn der Paarungszeit.

Gleichzeitig ziehen die weißen amerikanischen Pelikane über die Ebenen der USA und Kanadas, die wilden Schwäne fliegen von Japan nach Europa, und auch die kanadischen Schnee- und Weißwangengänse sind auf ihrem Weg nach Norden. Über die unterschiedlichsten Landschaften geht es dabei: die grünen Hügel Schottlands, norwegische Fjorde, die Dünen des Nordmeeres, die Kreidefelsküsten des Ärmelkanals, riesige Nadel- und Laubwälder, die Taiga und die Vulkane Japans.

Nicht alle haben Glück. Die wilden Schwäne werden, längst unterwegs, vom schlechten Wetter zur Rückkehr nach Asien gezwungen. Erst wenn der Himmel wieder klar ist, treten sie erneut ihren Flug an.

Am Ziel ihrer Reise, in der Tundra, beginnen nun die Balzkämpfe und die Suche nach Brutplätzen. Wie vielfältig und einfallsreich die Natur dabei sein kann, zeigen allein die verschiedenen Nestarten der Vögel: die schwimmenden Nester der Blässhühner, die Enten in ihren Baumhöhlen, die geflochtenen Kugeln der Bartmeisen. Dann kommt die Zeit des Brütens und der Finten und Abwehrtricks, die die Eltern anwenden, um Raubtiere und Jäger von den Eiern zu vertreiben. Schließlich schlüpfen die Jungen, machen ihre ersten Geh- und Flugversuche oder wagen den großen Sprung ins Leere wie die Pinguine und Papageientaucher.

Szenenfoto Der Sommer lässt die Landschaft erblühen. Die jungen Vögel wachsen rasch heran, lernen fliegen und machen sich selbständig. Nicht zu spät, denn mit den ersten Regenfällen und Nachtfrösten kündigt sich schon der Wechsel der Jahreszeit an. Nun suchen alle Tiere emsig nach Futter, um sich ihre Energiereserven anzufressen für den Rückflug. Dabei entsteht unter ihnen eine Unruhe, die sich rasch auf die Abertausenden von Vögeln aller Arten ausbreitet. Auf ein unsichtbares Zeichen hin heben sie schließlich ab, und die Rückreise beginnt.

Die Herbstwanderung in den Süden erfolgt erneut in verschiedenen Etappen, zu anderen heimischen Arten - und in die Reviere der Raubvögel. Doch die klimatischen Bedingungen sind rauer als auf dem Hinflug: Stürme, Nebel, Fallwinde über Meere, Bergmassive und Küsten verlangen den Vögeln alles an Leistungsvermögen und Flugkunst ab. Über den Nordatlantik ziehen die Grönlandgänse, die Ringelgänse überfliegen den Himalaja in einer Höhe von achttausend Metern, Weißstörche und Weihen führt ihr Weg über die Pyrenäen, und die nur wenige Gramm schweren Rubinkehlkolibris zieht es über den Golf von Mexiko. In Israel und Mexiko lauern in Heißluftblasen riesige Scharen von Raubvögeln auf Beute.

Szenenfoto Bis in die Tropen geht der Zug dieser Vögel aus Europa, Nordamerika und Sibirien, dem sich andere Arten aus Afrika noch anschließen. Nachdem die endlosen Savannen und Wüsten überquert sind, wird die Gegend kühler und feuchter. Hier, an Flüssen, Seen und in Schilfgebieten überwintert die Mehrheit der Vögel aus Europa und vermischt sich mit den heimischen Arten zu einer einzigartigen Population. Mit dem Ende der trockenen Jahreszeit kommen die Flächenbrände, und riesige Vogelschwärme erheben sich, um Jagd auf die aufgeschreckten Insekten zu machen.

Dann ziehen Wolken auf und mit einem Mal öffnen sich die Schleusen des Himmels: der Monsun ist da. In den Wäldern des Äquators erwacht explosionsartig das Leben. Zwischen den riesigen, von Moos und Lianen überwachsenen Bäumen suchen wieder neue Vogelarten nach Nahrung. In den Bambuswäldern hat die Natur ihr Gefieder am verschwenderischsten mit Farben bemalt: die Hyazinth-Aras und Leierschwänze, die Satyrhühner und der Riesentukan, die Fischuhus und Kolibris durchtanzen hier die Luft.

Szenenfoto Durch den Wald hindurch öffnet sich schließlich der Blick aufs tropische Meer, wo sich die Seevögel zu riesigen und lautstarken Kolonien versammeln. Tölpel, Kormorane, Fregattvögel, Noddis und Inkaseeschwalben beeindrucken mit ihrer schwindelerregenden Flugkunst. Der Äquator ist nun überquert, und in der südlichen Hemisphäre erstrecken sich die Savannen und Pampas. Vor den Bergmassiven der Anden zieht der Kondor seine Kreise, Scharen von Sittichen überfliegen die roten Sandsteinhügel Australiens. Noch weiter südlich, nach Neuseeland und über die düsteren Buchenwälder Feuerlands, auf die Falkland- und die subarktischen Inseln geht die Route des Riesenkolibri und des Abdimstorches.

Pinguine und Albatrosse leben in ihren Kolonien in der Antarktis, auf Felsen und Schollen des südlichen Eismeeres. In dieser eisigen, unwirtlichen Gegend sichern nur die Schwimmkünste oder der artistische Segelflug dicht über den Wellen das Überleben.

Szenenfoto Gemeinsam mit den Walen und den Albatrossen, die den 40. Breitengrad ohne einen Flügelschlag überqueren, geht es nun hinüber zum antarktischen Kontinent. Hier, bei Temperaturen um die -50°C, wandern Kaiserpinguine bis zu 200 Kilometer durch den Schneesturm zu ihren Brutplätzen.

Zurück bleibt die Antarktis, und es sind Vögel wie die Küstenseeschwalbe oder der Steinschmätzer, die die beiden Pole miteinander verbinden und hoch über der Nordhalbkugel einen letzten Blick hinunter bieten. Höher und höher zieht die Kamera, bis der ganze Planet schließlich das Bild füllt. Der Kreis hat sich geschlossen, die Reise ist zu Ende.

Dirk Jasper FilmLexikon
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