Produktionsnotizen zu Im Zeichen der Libelle

Die Schlüsselmitglieder des kreativen Teams von Im Zeichen der Libelle wussten von Anfang an, dass sie eine ganz besondere Geschichte erzählen wollten. Regisseur Tom Shadyac erinnert sich: "Wenn ich anderen Leuten von Im Zeichen der Libelle erzählte, war es mir unmöglich, keine Gänsehaut zu bekommen."

Und er erläutert: "Aber mit den Thrills und der Spannung der Geschichte gehen ausnahmsweise nicht Schrecken und Verderben einher. Und das macht Im Zeichen der Libelle einzigartig. Der Entstehensvorgang des Films war für alle Beteiligten ungeheuer wertvoll, weil er uns erlaubte, ein sehr dunkles, unbekanntes Gebiet zu betreten und aus dieser Erfahrung mit viel Hoffnung hervorzugehen."

"Was nach unserem Tod mit uns geschieht, ist eine der großen Fragen, die sich die Menschheit stellt", fährt der Regisseur fort. "Wenn man mit anderen darüber spricht, dann stellt sich heraus, dass fast jeder von uns bereits Erfahrungen gemacht hat, die er sich nicht erklären kann. Ich war bei meiner Mutter, als sie vor einigen Jahren starb, und alle, die im Raum anwesend waren, erlebten mit, wie sie deutlich erkennbar in einen anderen Zustand hinüberwechselte. Das war eine magische, bewegende Erfahrung. Man denkt engstirnig, wenn man glaubt, dass das, was wir sehen und berühren können, die einzige Realität darstellt."

Mit Im Zeichen der Libelle betritt Shadyac Neuland, denn man kennt ihn vor allem als Regisseur von Blockbuster-Komödien wie "Ace Ventura - Ein tierischer Detektiv" (1994), Der verrückte Professor und Der Dummschwätzer sowie des humorvollen Dramas Patch Adams, das ebenfalls ein großer Kassenerfolg war. "Ich lese seit 18 Jahren Drehbücher", sagt er. "Und dieses bestach einfach mit der innovativen Art, wie es die Geschichte erzählte."

Produzent Mark Johnson sprach die Geschichte und Botschaft von Im Zeichen der Libelle ganz unmittelbar an: "In der Welt von heute, in der es einen empirischen Beweis für nahezu alles zu geben scheint, mußs man schon viel Mut haben, sich vorzuwagen und zu sagen: ,Ich glaube an etwas, was ich noch nicht einmal im Ansatz erklären oder beschreiben kann - und es ist mir mindestens ebenso wichtig wie alles andere, das sich in der rationalen Welt findet.'"

Die Reise, auf die sich Dr. Joe Darrow begibt, zwingt ihn, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen, ob er es nun will oder nicht. Er ist ein höchst disziplinierter, rationaler Mann, der sich der Einhaltung eines Versprechens verschrieben hat, egal wohin es ihn führen sollte. Seine Suche verlangt ihm emotional alles ab und wird alsbald zum Mittelpunkt seines Lebens. Eine der größten Herausforderungen für die Filmemacher von Im Zeichen der Libelle war es, den richtigen Schauspieler zu finden, der Dr. Darrows immensen Verlust kommunizieren konnte.

"Die meisten Regisseure, die ich kenne, glauben, dass 90 bis 95 Prozent der Arbeit das Casten ist", sagt Tom Shadyac. "Joe ist ein Mann, der seinen Seelenverwandten verloren hat und damit jene Beziehung, die wir uns alle im Leben erträumen. Ich fand, dass das Publikum ganz unmittelbar auf Joe Darrows Verlust reagieren müsste. Deshalb wollte ich, dass Kevin Costner die Rolle spielt. Kevin ist einer dieser seltenen Schauspieler, die Stärke und Männlichkeit ausdrücken können und doch offen und verletzlich bleiben. Um großen Verlust fühlen zu können, mußs man erst einmal ein erfülltes Leben gelebt haben. Als ich Kevin traf und erkannte, wie komplett er sein Leben erlebt, wusste ich, dass er verstehen könnte, wie es ist, wenn man gewaltigen Verlust erlebt. Er war der Richtige für den Part."

Der ausführende Produzent Jim Brubaker war ganz besonders erstaunt, als er miterleben durfte, wie Costner buchstäblich zu Joe wurde: "Kevin verwandelte sich in die Figur und lebte sie."

Das Drehbuch war der Schlüssel für Costner: "Mir ist es am wichtigsten, dass der Dialog glaubwürdig ist. Und dieses Drehbuch hat sehr ehrliche Dialoge und absolut beeindruckende Situationen. Die Hauptfiguren - Joe und Emily - sind seelenverwandt. Klar, sie hatten Auseinandersetzungen und sie führten ihr Leben als Individuen, aber sie passten einfach super zusammen. Das war richtig stark."

Shadyac vertraute auch seinem untrüglichen Instinkt, als er Joes Nachbarin Miriam Belmont mit Kathy Bates besetzte: "Als ich die letzte Fassung des Drehbuchs las, kritzelte ich ihren Namen an den Rand. Ich hatte wahnsinniges Glück, dass sie zugesagt hat. Ich mußs zugeben, dass ich am Set etwas nervös war, wenn sie da war. Ich mußste immer denken: Ich stehe hier mit Kathy Bates ... Aber die Atmosphäre blieb ganz entspannt. Sie und Kevin spielen wunderbar zusammen."

Linda Hunt, die für ihre Leistungen in "Ein Jahr in der Hölle" (1982) einen Oscar® erhielt, spielt eine Nonne, deren Entdeckungen unter den Tisch gekehrt wurden, als sie den "Near-Death"-Erlebnissen von Emilys Patienten auf den Grund gehen wollte. "Schwester Madeline ist eine entscheidende Figur in diesem Film", betont Shadyac, "denn Joe ist im Grunde ein Mann der Vernunft, und sie hilft ihm bei der Erkenntnis, dass er nicht wahnsinnig geworden ist." Ihre Intelligenz und Sensibilität machen die Nonne auch für das Publikum zu einer wichtigen Figur. "Schwester Madeline lässt Joe und mit ihm das Publikum verstehen, was "Near-Death"-Erfahrungen sind", erklärt Produzent Mark Johnson. "Linda Hunt verleiht ihrer Figur eine wunderbare Kombination aus Wissen, Verletzlichkeit und Trotzigkeit."

Susanna Thompson, die als Emily zu sehen ist, sollte ursprünglich eine andere Rolle übernehmen, aber Tom Shadyac entschied sich spontan anders. "Ein Engel mußs mir wohl über die Schulter geblickt haben", erinnert er sich. "Denn erst in der letzten Minute wurde mir bewusst, wer die perfekte Emily sein würde - so blendend schön und doch so intelligent und offen."

Thompson empfand die Produktion auf vielfältige Weise als sehr wertvoll. "Dieser Film hat mich in Magie eingehüllt", schwärmt sie. "In dem indianischen Totem ist die Libelle der Zerstörer der Illusionen. Und in diesem Zerschmettern der Illusionen steckt eine große Freiheit."

Die Geschichte von Im Zeichen der Libelle entfaltet sich an drei Locations: dem Zuhause von Joe und Emily, dem Krankenhaus, in dem sie arbeiten, und im venezolanischen Dschungel, in dem Emily stirbt und Joe nach Antworten sucht. Die Filmemacher wollten, dass das Haus der Darrows sowohl ihre glücklichen Zeiten als Paar als auch Joes zunehmende Desorientierung nach Emilys Tod reflektiert. "Es ist so etwas wie eine Zuflucht", sagt Johnson. "Hier kann Joe die Tür hinter sich schließen und auch die ein oder andere Träne vergießen. Wenn wir ihn dort allein erleben, wie er mit seinen Dämonen konfrontiert wird, dann verstehen wir, warum er immer wieder dorthin zurückkehrt. Aber hier gibt es zu viele Erinnerungen, und er weiß, dass er weitergehen mußs. Gleichzeitig ist das Haus der Ort, in dem er zu vermuten beginnt, dass mehr hinter all den Ereignissen stecken könnte, als man auf den ersten Blick glaubt."

Shadyac konnte sich auf seine eigenen Familienbande verlassen, als es darum ging, seiner Vision der Krankenhausszenen zusätzliche Authentizität zu verleihen. Sein Vater hatte seinerzeit Danny Thomas geholfen, das St. Jude's Children's Research Hospital in Memphis aus der Taufe zu heben und fungiert dort gegenwärtig als National Executive Director. Shadyac besuchte St. Jude's während der Vorproduktion und schickte später Mitglieder des Cast in das Krankenhaus, um dort einige der jungen Patienten und ihre Eltern kennen zu lernen. Er wollte, dass Im Zeichen der Libelle ihre Erlebnisse ganz genau widerspiegelte, und ließ sogar das Krankenhaus im Film peinlichst genau dem Vorbild von St. Jude's nachempfinden.

"Es ist nicht so, wie es die meisten Leute vermuten", sagt Shadyac über das Krankenhaus. "Es ist nicht deprimierend, und es geht auch nicht um Schicksalsergebenheit. Es geht vielmehr um Leben und Menschen, die das Leben lieben, Kids, die für ihr Alter unglaublich weise und erwachsen sind. Diese Kinder müssen sich gewaltigen Herausforderungen stellen, aber sie erstrahlen in einem Licht, das absolut gottgegeben und einzigartig ist. Sie sind helle, begabt und wunderbar lebensbejahend."

Die letzten Szenen des Films spielen in Venezuela, wo Emily ihr Leben verloren hat, als sie bei den Yanomanis arbeitete - einer der letzten Stämme auf der Welt, die völlig von der modernen Zivilisation abgeschnitten sind.

Shadyac erinnert sich noch genau an die erste - und sehr pragmatische - Reaktion des ausführenden Produzenten Brubaker (ein mit allen Wassern gewaschener Profi, der bereits an mehr als 50 Filmen gearbeitet hat) auf diesen Abschnitt des Drehbuchs: "Jim sagte: Oh mein Gott, wir müssen die Besetzung, die Crew und die gesamte Ausrüstung in den Amazonas-Dschungel schleppen?!"

Die Filmemacher dachten darüber nach. Und dann dachten sie noch einmal darüber nach. "Es ist doch so, dass man alles machen kann", meint Shadyac. "Man kann die Leute rein- und rausfliegen, man kann es auf die Reihe kriegen. Aber mit all den Gesundheitsrisiken und anderen möglichen Gefahren entschieden wir, dass nicht wir zum Amazonas-Dschungel kommen würden, sondern der Amazonas-Dschungel zu uns."

Die Filmemacher errichteten das Dorf Yanomani in einer verlassenen Gegend der hawaiianischen Insel Kauai. Der Veteran Brubaker sagt, dass es der vermutlich schwerste Dreh seines Lebens war. Neben der genauen Nachstellung der Lebensart des Stammes war es eine der größten Herausforderungen, 100 venezolanische Statisten an den Drehort zu bringen. Die echten Yanomani nahmen nicht am Dreh teil; ihre Regierung erlaubt Fremden nicht einmal den Zugang zu ihrer Region. An ihrer Stelle flog man Stammesmitglieder der Piaroa, Savlias, Piapoco und Guajibo ein, die den Yanomani äußerlich stark ähneln.

Um die Venezolaner nach Hawaii zu bringen, mußsten die Filmemacher viele Vorkehrungen treffen. Man engagierte venezolanische Ärzte und Köche, stellte mehrere Dolmetscher ein, um den vier verschiedenen Dialekten, die von den Indianern am Set gesprochen wurden, gewachsen zu sein, und kaufte den Statisten Regenzeug, Kleidung und Schuhe für den Dreh vor Ort.

Nur die wenigsten der Venezolaner hatten in ihrem Leben in einem Flugzeug gesessen oder in einem Hotel übernachtet. Also verschaffte ihnen die Produktion eine Erfahrung, die nicht von dieser Welt ist.

Dirk Jasper FilmLexikon
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