Hintergrund zu Iris
Szenenfoto Die wahre Iris Murdoch Von Richard Eyre

Wenn ich sage, dass ich mir wünsche, dieser Film solle von Menschen genossen werden, die nie ein Wort von Iris Murdoch gelesen, von ihr gehört oder auch nur ein Foto von ihr gesehen haben, dann meine ich damit nicht, dass ich ihre Leistungen im Leben nicht ehren und um ihren Tod nicht trauern will. Ich hoffe ganz einfach, dass man diesen Film genießen kann, ohne besonderen Ballast mit an Bord bringen zu müssen.

Der Film erzählt eine wahre Geschichte in dem Sinn, dass Iris Murdoch tatsächlich gelebt hat. Sie war 40 Jahre lang mit einem Literaturkritiker namens John Bayley verheiratet, war eine höchst erfolgreiche Romanautorin und distinguierte Philosophin und litt an der Alzheimer Krankheit. Sie schrieb beständig über die Natur von Gut und Böse, über Freiheit und über Sexualität und Liebe. Sie war ein Mensch, der bei allen, die sie traf, einen tiefen und bleibenden Eindruck hinterließ.

Der Film berichtet von ihrer Beziehung zu ihrem Ehemann, während der ersten und der letzten gemeinsamen Jahre. Er bezieht sich auf John Bayleys eigene Berichte über sein Leben mit Iris ("Elegy for Iris" und "Iris and Her Friends"), die per definitionem höchst subjektiv sein müssen. Manches, was Iris und John im Film zueinander sagen, ist aus John Bayleys Büchern übernommen. Aber genauso oft sind die Dialoge erfunden. Manche Ereignisse wurden gerafft oder umgestellt, manche Figuren wurden verändert, und manch Verhalten wurde vermutet, wie es bei jeder Beschreibung einer intimen Beziehung sein mußs. Obwohl sie sich auf Dokumentarmaterial - Film, Fotos - beziehen konnten, interpretierten die Schauspieler die Figuren im Drehbuch, anstatt dass sie versuchten, Faksimiles des Originals zu sein.

Kurz gesagt: Obwohl wir versuchten, uns an die Fakten von Iris' Leben und Tod und - wie ich hoffe - ihren Geist zu halten, ist der Film weder eine Biographie, noch ist er eine Fiktion. Vielmehr belegt er ein poetisches Feld zwischen diesen beiden Punkten. Wenn ich dem Film einen Untertitel geben müsste, dann würde mir folgender einfallen: Enduring Love - Andauernde Liebe.

Die Fakten von Iris Murdochs Leben sind folgende: Sie wurde 1919 in Dublin geboren. Sie war stolz darauf, von einer distinguierten protestantischen, anglo-irischen Familie abzustammen. Also war sie keine Engländerin - und daher gefangen zwischen zwei Welten, ohne in einer von ihnen Zuhause zu sein. Ihre Schulausbildung erfuhr sie in England und im Somerville College in Oxford, das nur Frauen zugänglich ist. Während des Zweiten Weltkriegs engagierte sie sich in sozialen Bereichen. Danach unterrichtete sie Philosophie in London und Oxford. Ihr erster Roman, "Under the Net", der in Ich-Form aus der Sicht eines Mannes erzählt ist, wurde veröffentlicht, als sie 35 Jahre alt war. Zwei Jahre später heiratete sie John Bayley, einen Universitätsdozenten, den sie seit drei Jahren kannte. Er wurde ein hoch angesehener Literaturkritiker. Ihre Ehe war, wie ein Biograph anmerkte, "unkonventionell": Sie war bisexuell, "verliebt in die Welt, und die Liebe wurde erwidert".

Nach "Under the Net" schrieb Iris 25 weitere Romane. Die besten sind: "The Bell", "A Severed Head", "The Nice and the Good", "The Italian Girl", "The Black Prince", "The Unicorn", "The Sea The Sea", der 1978 mit dem Booker Prize auszeichnet wurde, "A World Child" und "The Philosopher's Pupil". Ihre Romane sind psychologische Detektivgeschichten, in denen komplizierte und differenzierte sexuelle Beziehungen beschrieben werden. Ihre Handlungen haben eine opernartige Qualität. Oft kombiniert sie bizarre und makabre Ereignisse mit Momenten absurder Komödie. Es ist schwierig, sie als Autorin zu kategorisieren. Manchmal ist sie nur beobachtend, manchmal höchst einfallsreich, gleichzeitig drollig und ernst. Ihr letzter Roman, "Jackson's Dilemma", wurde 1996 veröffentlicht.

1997 wurde bei Iris Murdoch die Alzheimersche Krankheit diagnostiziert. John Bayley kümmerte sich um sie, so lange es ihm möglich war. Im Februar 1999 starb Iris Murdoch, nur drei Wochen, nachdem sie in ein spezielles Pflegeheim, das Vale House, verlegt wurde.

Dies ist einer der letzten Einträge in ihr Tagebuch: "Wir schwammen in der Themse, an unserem üblichen geheimen Ort, zum ersten Mal in diesem Jahr. Enten, Gänse, Schwäne die Gegend: riesiges Feld, Fluss, noch ein riesiges Feld, niemand, kein Anzeichen einer Straße auf der anderen Seite, Kühe wandern. Arme Kühe!"

Das letzte Wort über die echte Iris Murdoch soll ihrer offiziellen Biographie entnommen werden, geschrieben von einem Freund von ihr, Peter Conradi: "Ein großer Künstler ist eine Sehenswürdigkeit und macht sich offizielle Freunde, genauso wie die Königin einen offiziellen Geburtstag hat. Iris, sofort erinnerungswürdig, vermittelte jedem Freund den Eindruck, ihre Gefühle für ihn seien absolut nur für ihn bestimmt. Nur die eitelsten glaubten, dass das buchstäblich wahr sei, und sie, die so viele Freundschaften schloss, wurde nur von wenigen gekannt. Diese Biographie ist eine Suche nach dem Menschen aus Fleisch und Blut, der sich hinter der Persönlichkeit versteckt, die sie uns zeigt: die Blaubestrumpfte, die Ikone, der Mentor, ein Johannes der Täufer für andere Schriftsteller ...

Sie wurde manchmal als bourgeoiser Grande dargestellt, der ein ungewöhnlich distanziertes intellektuelles Leben führte, eine "Äbtin von Nord-Oxford" hinter einem farbigen Glasfenster, weit entfernt von der Realität, die als Kompensation dafür eine fantastische Welt erfand. "Das wahre Leben ist viel merkwürdiger als ein Buch sein könnte", schrieb sie einem Freund. Ihr Leben war jedoch so aufregend und unwahrscheinlich wie ihre Fiktion. Vieles in ihrer Fiktion, das "Romantik" sein sollte, erwies sich als Realismus. Ihre Bücher sind nicht nur stilisierte Sittenkomödien voller künstlicher Komplikationen, sondern sie reflektieren auch gelebte Erfahrungen, wenngleich sie wunderbar verkleidet sind. Wenn sie, wie Yeats, "albern wie wir" war, dann haben ihre Geschenke, wie Auden es ausdrückt, all das überlebt."

Dirk Jasper FilmLexikon
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