Produktionsnotizen zu Iris

"Grundsätzlich gesprochen, geht es in Iris um verschiedene Formen der Liebe, wie sich Liebe wandelt und wie Liebe überdauert", erklärt Regisseur Richard Eyre, der das Drehbuch mit Charles Wood schrieb. " Iris ist zunächst einmal und vor allem eine Liebesgeschichte. Daran gibt es kein Deuteln. Es ist eine Geschichte anhaltender Liebe, eine Geschichte über die Liebe und das Alter, die Iris' gesamtes Leben umspannt. In gewisser Weise wird von uns allen erzählt, denn in jeder Beziehung geht es darum, die Fremdheit der anderen Person in das eigene Leben Einzug halten zu lassen. Und darum geht es in meinem Film. Er untersucht auch, wie man in einer Ehe ein eigenes Leben führen kann und die Ehe in ihrer Summe doch größer ist als die Einzelteile."

Die Schriftstellerin und Philosophin Iris Murdoch starb am 8. Februar 1999. Kurz vor ihrem Tod schrieb ihr Ehemann, der Autor und Akademiker John Bayley, "Iris: A Memoir" (in den USA als "Elegy for Iris" veröffentlicht). Es ist eine ehrliche, bewegende und manchmal humorvolle Beschreibung seines Lebens mit der Frau, die "die brillanteste Frau in England" genannt wurde. Der spätere Teil des Buchs setzt sich detailliert mit Iris' Erkrankung an Alzheimer und Johns bemerkenswert selbstloser Hingabe zu der Frau, mit der er seit 43 Jahren verheiratet war, auseinander. Danach schrieb er mit "Iris and Her Friends" noch ein weiteres Buch über ihr Leben. Beide Bücher wurden von der Kritik gelobt und schossen an die Spitzen der Bestsellerlisten.

"Für mich besteht kein Zweifel daran, dass Johns hingebungsvolle Pflege seiner Frau eine Heldentat war - ganz besonders, weil es ihm nie leicht gefallen war, Ordnung in sein eigenes Leben zu bringen", kommentiert Eyre. "Es war ein außerordentlich selbstloser Akt der Liebe, bis zum Schluss an ihrer Seite zu bleiben. Das empfinde ich als ungemein bewegend. Es gab eine gewaltige Veränderung in ihrer Beziehung - zunächst war Iris klar der dominante Partner, die Person, zu der John aufblickte, auf die er sich bezog - später war sie völlig abhängig von ihm. Eines der Merkmale der Krankheit ist es, dass sie das Unwesentliche beiseite räumt und die Essenz einer Beziehung offenbart. Das ist eine faszinierende Reise; eine Reise, die ihr gesamtes Leben umspannt."

Richard Eyres Mutter litt ebenfalls an Alzheimer - eine Erfahrung, die er in seiner Autobiographie "Utopia and Other Places" thematisierte. "Das besonders Grausame an Alzheimer ist, dass die Krankheit der Person ihr Sein und ihre Persönlichkeit raubt", erklärt Eyre. "Obwohl sie in gewisser Weise die Person bleiben, die sie waren, ist zunehmend weniger von ihnen da, und man kann miterleben, wie die Person, die sie einst waren, Stück um Stück verschwindet. Das ist fürchterlich. In dem Film wollte ich unter anderem zeigen, dass die Person vielleicht vor den eigenen Augen verschwindet, aber dass da doch ein Sinn ist, in dem sie weiter bestehen bleiben. Man kann diesen Menschen immer noch lieben, weil ihre Seele bis zum Schluss da ist."

Judi Dench war bereits im Frühjahr 1999 dafür vorgesehen, Iris Murdoch zu spielen. Damals wurde sie von Richard Eyre in David Hares National-Theatre-Produktion von "Amy's View" im Londoner West End inszeniert. "Ich kenne Judi seit 35 Jahren. Sie ist eine gute Freundin und schlicht und einfach die beste Schauspielerin, die es gibt", sagt Eyre. "Es ist sehr, sehr subtil, wie sie die körperlichen Eigenschaften einer Figur übernimmt. Dazu kommt ihr Können als Schauspielerin, das ist unerreicht. Sie steckt voller Menschlichkeit. Ihr Talent besteht darin, sich das Leben anderer Menschen vorstellen zu können. Sie stellt sich nicht zwischen die Figur und das Publikum. Sie ist ein absolut transparentes Wesen und erlaubt es ihrer Figur, durch sie zu atmen. Und sie ist so unglaublich bescheiden, was sehr attraktiv ist, weil sie den Zuschauer in die Welt ihrer Figur einlädt."

Eyre weiter: "Jim Broadbent war die einstimmige Wahl für die Rolle des John Bayley. Nachdem wir uns auf Jim festgelegt hatten, war es unmöglich, sich einen anderen Schauspieler in der Rolle vorzustellen. Er ist so idiosynkratisch - es gibt keinen Schauspieler auf der Welt, der auch nur annähernd so ist wie er. Er ist ein brillanter Beobachter von menschlichem Verhalten und hat sich John Bayley auf sehr beachtliche Weise zu Eigen gemacht. Und es ist ihm gelungen, eine Person, die tatsächlich 20 Jahre älter ist als er, mit einer Leichtigkeit zu spielen, die ihm selbst Angst einjagte."

Eyre beschreibt die Besetzung der jungen Iris und des jungen John grundsätzlich als Suche nach einer jungen Judi Dench und einem jungen Jim Broadbent: "Wir hatten großes Glück, dass Kate Winslet zur angesetzten Drehzeit frei war und dass sie bereit und voller Begeisterung war, diese Rolle zu übernehmen. Judi strahlt in dem Film eine große Jugendlichkeit aus. Das Wunder war, dass Kate fast ein Klon und ein Alter ego von Judi war. Beide haben eine vergleichbare Energie, die wunderbar miteinander harmoniert. Kate ist eine sehr erwachsene und nachdenkliche Frau. Ihre größte Stärke deckt sich mit der von Judi Dench: ihre Menschlichkeit."

Eyre fährt fort: "Es gibt eine historische Iris Murdoch, und es gibt eine Iris Murdoch, die von Kate Winslet verkörpert wird. Ich glaube nicht, dass der Unterschied sehr groß ist. Iris Murdoch war außerordentlich leidenschaftlich. Sie hatte eine körperliche Energie und eine intellektuelle Energie, die sehr charismatisch war. Sie war ein Star."

"Kate und Judi schenkten dem Film eine strahlende Güte und Anständigkeit. Beide sind warmherzige Menschen, die sich nicht verstellen. Und das ist sehr wichtig für diesen Film. Obwohl Kate ein ganz anderes Gesicht als Judi hat, haben sie doch einen vergleichbaren Geist. Sie reimen sich."

Eyre sieht auch Ähnlichkeiten zwischen Jim Broadbent und Hugh Bonneville, der den jungen John Bayley spielt: "Wie Jim ist auch Hugh ein etwas schräger Schauspieler - in dem Sinn, dass er kein durchschnittlicher Filmheld ist, dem sogleich die Herzen zufliegen. Er ist ein Charakterschauspieler. Körperlich ist er Jim ähnlich, und er verfügt über eine bemerkenswerte Fähigkeit, das Verhalten anderer Menschen zu beobachten und übersetzt das in Darstellungen, die nicht an der Oberfläche bleiben. In gewisser Weise fließen der wahre John Bayley und Jim Broadbents Darstellung von John Bayley in Hughs Charakterisierung ein. Er ist sehr witzig und wie Jim ist er auf der Leinwand eine sehr offene Person."

Als es ans Verfassen des Drehbuchs ging, wandte sich Richard Eyre an Charles Wood, mit dem er bereits an dem TV-Drama "Tumbledown" über den Falkland-Krieg 1982 gearbeitet hatte. "Wir begannen mit der Idee, dass wir einen doppelten Erzählstrang haben wollten", erinnert sich Eyre. "Die Vorstellung, dass jemand seine Erinnerung und die Fähigkeit zu Sprechen verliert, ist ein sehr starkes Thema. Es wurde zum Rückgrat unserer Geschichte. Die Spannung im Film sollte durch die Gegenüberstellung der Jugend des jungen Paares und des Zerfalls des alten Paares entstehen: Die Jungen müssen sich verlieben, die Alten müssen ihre Liebe am Leben halten. Und diese beiden Geschichten laufen zusammen."

"Ich wollte unbedingt wieder mit Richard arbeiten. Ich war hocherfreut, als er mich fragte, ob ich mit ihm das Drehbuch zu Iris schreiben wollte, weil es eine verdammt gute Geschichte ist", sagt Charles Wood. "Es ist das erste Mal, dass ich mit jemand zusammen geschrieben habe. Aber ich würde es ohne Zögern wieder tun. Die Arbeit mit Richard war eine fabelhafte Erfahrung. Und sie war überraschend schmerzlos."

Über sechs Monate hinweg schickten sich Eyre und Wood jeden Abend per E-Mail ihre jeweiligen Änderungen und Anmerkungen. "Zu Anfang schrieb ich ein sehr grobes Drehbuch, an dem Richard seine Änderungen vornahm", erinnert sich Wood. "Er schrieb eine Szene um oder veränderte die Struktur und schickte das Ergebnis dann wieder an mich. Dann nahm ich mir seine Version vor und mailte sie wieder an ihn. So ging das immer hin und her. Es war eine absolute Zusammenarbeit."

Die richtige Struktur für den Film erwies sich früh als erste entscheidende Schwierigkeit. "Es war sehr schwierig einen Weg zu finden, dass man von dem Film nicht gleich mit der Nase auf Iris' Erkrankung gestoßen wird", sagt Richard Eyre. "Im fertigen Film vergeht eine Weile, bis man die Krankheit zum ersten Mal sieht. Dabei hilft uns der Kniff, Iris und John als junge Menschen zu zeigen, die von der Tragödie in ihrem späteren Leben noch keine Ahnung haben. Unsere Strategie war es, das Publikum förmlich zu überfallen - und es natürlich mit dem ständigen Wechsel der Zeitebenen zu überraschen. Die Struktur ist eigentlich ziemlich einfach. Es gibt nicht mehr als zwei Ebenen: Vergangenheit und Gegenwart."

Charles Wood stimmt zu: "Am schwierigsten war es, den richtigen Ton für den Film zu finden. Wir durften nicht zu sentimental werden. Wir wollten ein überzeugendes Bild vom Leben zweier Menschen malen." Wood hatte Iris Murdoch zweimal auf Partys in Oxford getroffen - eine Tatsache, die ihm gerade beim Schreiben der Dialoge hilfreich erschien. "Sie war wunderbar, voller Lebensfreude und sehr interessant, aber auf eine ganz normale Weise. Sie scherte sich nicht darum, dass sie eine große Schriftstellerin war. Sie war völlig im Einklang mit sich selbst und ihrer Position. John und sie waren absolut offen. Es ist immer schwierig, Worte in die Münder von Menschen zu legen, die existiert haben, die man aber niemals kennen gelernt hat. Aber weil ich sie flüchtig gekannt hatte, fühlte ich mich recht wohl, ihr Worte in den Mund zu legen."

Die Entscheidung, an welchen Stellen man aus dramatischen Gründen von John Bayleys Büchern abweichen sollte, war für Eyre und Wood eine fundamentale Frage. "Ich glaube, wir fühlten uns schon sehr früh nicht mehr sklavisch der Einhaltung einer dokumentarischen Realität verpflichtet", sagt Eyre. "Aber ich glaube, wir haben uns nie von Iris Murdochs Erlebniswelt entfernt. Auch John Bayley empfand das so, als wir ihm das Drehbuch zu lesen gaben. Ich hätte mich sehr, sehr unwohl gefühlt, wenn das Drehbuch John irritiert hätte oder er den Eindruck gehabt hätte, dass wir seinen Erinnerungen an Iris oder seinem eigenen Verhalten nicht gerecht geworden wären. Von ihm den Segen zu erhalten, war mir wichtig. Und er gab uns seinen Segen von ganzem Herzen. Er war überzeugt, dass auch Iris mit dem Buch einverstanden gewesen wäre. Das war ein guter Augenblick."

Auch Richard Eyre erinnert sich an eine Gelegenheit, bei der er Iris Murdoch begegnet war. "Ich traf sie im Sommer 1997, als ich eine Lesung am St. Catherine's College in Oxford - John Bayleys College - halten sollte. Es gab eine Cocktailparty, und John stellte mich Iris vor. Sie fragte mich, was ich tue. Ich sagte es ihr. Und ein paar Minuten später fragte sie mich wieder, was ich tue."

Produzent Robert Fox hofft, dass Iris beim Publikum einen lebensbejahenden Eindruck hinterlässt: "Ich kann mir vorstellen, dass viele Kinogänger nie von Iris Murdoch gehört haben. Es ist eine sehr bewegende und manchmal witzige Geschichte über zwei Menschen und was ihnen widerfahren kann. Ich fühlte mich auf einer sehr menschlichen, fundamentalen Ebene angesprochen. Die Tatsache, dass es um Iris Murdoch ging, machte es für mich noch interessanter. Tatsächlich könnte es wirklich jeder sein. Weil sie keine Typen mit Filmstar-Qualitäten sind, fühlen sie sich wie echte Menschen an. Der Film zeichnet ein Bild, wie wahre Liebe aussehen kann, und das ist sehr ermutigend."

Ausstatterin Gemma Jackson mußste das Innere von Iris Murdochs und John Bayleys notorisch und beinahe unglaublich unordentlichem Zuhause in Oxfordshire - gemeinsam mit dem Garten - in einer Studiohalle in den Pinewood Studios nachstellen. "Es war wichtig, eine Welt zu erschaffen, die dem Wesen von John und Iris absolut entsprach", berichtet sie. "In gewisser Weise konnte ihre Filmwohnung aber nur weniger extrem als die Realität sein, denn Iris ist kein Film, in dem sich etwas in den Vordergrund drängen soll. Also mußs man verschiedene Ebenen ihres Lebens erschaffen und eine Logik finden, wo die Dinge hingehören. Es mußs sich graduell steigern."

Sie fährt fort: "In ihrem Zuhause sollte alles weich, zurückhaltend, gealtert und irgendwie zeitlos aussehen. Nichts sollte Aufmerksamkeit auf sich lenken. Es sollte ein Haus voller Humor und Wärme sein, in dem nette Menschen leben. In ihren letzten Jahren würde Iris bei ihren Spaziergängen sicherlich Gegenstände wie einzelne Handschuhe, Holzstücke oder Steine aufheben, also berücksichtigte ich dies. Ich besuchte auch John Bayleys Haus."

Kostümdesignerin Ruth Myers stellte aufwändige Nachforschungen an, wie Iris Murdoch und John Bayley sich kleideten, speziell in ihren späteren Jahren, indem sie Zeitungsausschnitte und Fotos betrachtete und mit Bekannten des Paares sprach. "Beide waren auf ihre Weise absolut einzigartig" erklärt sie. Die Szenen, die in den 50er Jahren angesiedelt waren, sollten simpler sein. "In den 50ern existierte in der Mittelklasse der Ausdruck 'Mode' noch nicht. Also würden sich John und Iris kaum anders kleiden als andere Menschen auch. Je älter sie wurden, desto selbstsicherer und individueller wurden sie. Aber in gewisser Weise war es mir wichtig, das nicht sklavisch zu reproduzieren, sondern nur einzelne Elemente zu übernehmen und damit das Wesen der beiden zu reflektieren. Wenn man es genau nachgestellt hätte, wäre das Ergebnis absolut lächerlich gewesen."

Sie sagt: "Jim Broadbent trägt als John während des gesamten Films stets zwei verschiedene Socken, aber sie sind nicht allzu unterschiedlich und man sieht sie auch nicht die ganze Zeit. Iris liebte die Farbe blau, also trägt sie immer etwas Blaues oder etwas mit einer Form von Blau darin. Iris und John entsprachen in ihrem Kleidungsstil nicht der Norm. Aber das trifft auf alle anderen Aspekte ihres Lebens genauso zu. Sie waren zwei Menschen frei von konventioneller Eitelkeit. John liebte Kleidung, aber sie war keine Priorität in seinem Leben. Iris interessierte sich noch weniger dafür, obwohl sie starke und ernsthafte Ansichten vertrat, was ihr gefiel und wie sie selbst aussehen sollte."

Dirk Jasper FilmLexikon
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