Produktionsnotizen zu Dark Blue World

Für die Filmemacher sind die vier Jahre dauernden Vorbereitungen zu Dark Blue World vergleichbar mit dem Verlauf eines Kampfes. Regisseur Jan Sverak: "Wir mußsten das Drehbuch überarbeiten, Geld auftreiben, die Armee zusammentrommeln und uns auf den Dreh vorbereiten . Das allein hat exakt drei Jahre gedauert. Als wir dann endlich in den Kampf marschierten, kamen einige Probleme zum Vorschein. Wir mußsten unsere Marschstrategie anpassen und verbessern. So verwandelten wir uns in eine Armee, welche die Geschichte vorantreibt und sie Stück für Stück erobert, ganz so wie Feindesland."

"Das härteste war", erzählt Jan, "dass sich die Dreharbeiten fast zwei Monate länger hinzogen, als ursprünglich geplant war. Dieser Film war einfach um ein viel faches komplizierter, als wir ursprünglich gedacht hatten. Viele Mitarbeiter des Teams hatten sich bei anderen Projekten verpflichtet, so dass wir nur mit einem sehr kleinen Team weiterarbeiten konnten."

Im Gegensatz zu den schwierigen Dreharbeiten empfand Jan die Zeit im Schneideraum als weniger stressig: "Da ist die ganze Sache dann schon passiert und man kann nicht mehr so viel verderben. Während der Dreharbeiten mußs man ständig Kompromisse machen und gegen alle mögliche Widrigkeiten ankämpfen. Man schafft es immer nur 70 bis 80 Prozent, manchmal sogar weniger, der ursprünglichen Intention zu realisieren. Wenn man etwas einfängt, womit man nicht gerechnet hat ? wie einen leichten Windhauch, der sanft durch das Haar einer Schauspielerin weht ? dann ist das ein Geschenk. Erst im Schneideraum sieht man all die unerwarteten wunderbaren Dinge, die während des Drehs geboren wurden."

Die Anfänge von Dark Blue World gehen zurück ins Jahr 1997, als Zdenek Sverak, Jans Vater, mit der Recherche begann. Eric Abraham, Produzent von "Kolya" und Dark Blue World erinnert sich: "Zdenek wollte eine Geschichte über die letzten tschechischen Helden schreiben ? die Piloten des Zweiten Weltkriegs. Männer, die nicht gezwungen waren gegen die Nazis zu kämpfen und sich dennoch dazu entschlossen aus ihrem besetzten Land zu fliehen, um zu kämpfen. Diese Männer handelten moralisch und wurden bei ihrer Rückkehr dafür bestraft."

Er fährt fort: "Auch wenn es eine historische Tatsache ist, dass eine Anzahl tschechischer Piloten während des Krieges bei der Royal Air Force stationiert waren und diese vielleicht auch ähnliche Erfahrung gemacht haben, wie unsere Protagonisten im Film, so ist unsere Geschichte doch Fiktion."

Die Finanzierung von Dark Blue World stellte einen weiteren harten Kampf dar. Eric Abraham stellt klar: "Auch wenn fremdsprachige Filme, wie "Crouching Tiger", "Life Is Beautiful" und auch "Kolya" weltweit erfolgreich waren, ist es immer noch ausgesprochen schwierig fremdsprachige Filme zu finanzieren, die das übliche Budget nationaler Produktionen um ein Vielfaches überschreiten. Dark Blue World war zehn mal so teuer, wie eine durchschnittliche tschechische Kinoproduktion. Wir mußsten 80 Prozent der Finanzierung außerhalb des Herstellungslandes sichern. Der Erfolg von "Kolya" vereinfachte die Dinge etwas, aber internationale Verleiher sind es gewohnt, fremdsprachige Filme für wenig Geld aufzukaufen und sind deswegen sehr zurückhaltend darin, größere Summen vorzustrecken."

Dark Blue World war vielleicht zehn mal so teuer, wie eine durchschnittliche tschechische Produktion, aber Eric Abraham ist der Überzeugung, dass der Film auch das weitaus ambitionierteste tschechische Projekt der letzten 15 Jahre ist: "Eine Reihe von erfahrenen Verleihern las das Drehbuch und lehnte eine Finanzierung ab, weil sie sich nicht vorstellen konnten, wie man diesen Film mit einem relativ moderatem Budget verwirklichen sollte. Einfallsreichtum war die Lösung. Ich habe allerdings auch nie daran geglaubt, dass Geld automatisch Kreativität bewirkt. Sehr oft wird die Vision eines Filmemachers durch zu viel Geld verdorben. Wir wollen ein Publikum erreichen, dass an spielbergsche Spezialeffekte in Hollywood Manier gewöhnt ist. Das bedeutete, dass unser Film auf keinen Fall unprofessionell aussehen durfte. Es ist ein unglaublich komplizierter technischer Film. Dark Blue World handelt von Piloten und man mußs das, was sie tun, überzeugend darstellen."

Um überzeugende Arbeit zu leisten, war es für die Filmemacher sehr wichtig das Produktionsteam von "Kolya" wieder zusammen zu bringen: Kameramann Vladimir Smutny, Produktions Designer Jan Vlasak und Spezial Effekte Designer Milos Kohout. "Jan ist ein außergewöhnlicher visueller Erzähler. Er scheint sich eine Art kindlicher Betrachtungsweise der Welt erhalten zu haben. Er hat ein Auge für Details und eine ungewöhnliche Sichtweise. Sein Stil ist beides: einfach und raffiniert, tschechisch und universell," meint Eric Abraham.

Jan beschreibt das zentrale Anliegen des Films: "Liebe ist unkontrollierbar und darum geht es in dem Film. Während Freundschaft ein verläßliches Gefühl ist, schlägt die Liebe ein, wie eine unvorhersehbare Rakete. Gegen so eine Waffe ist man machtlos. Dieser Film versucht herauszufinden, ob Liebe Freundschaft zerstören kann. Als wir uns über die Geschichte Gedanken machten, fanden wir es höchst interessant zu sehen, dass die Freundschaft zum Teufel geht, wenn eine Frau zwischen zwei Männern steht. Sex ist eine stärkere Kraft als Freundschaft. Diese Tatsache ist für einen jungen Mann schwer zu akzeptieren, aber wenn man älter wird beginnt man zu verstehen. Das war für uns der Kern des Films. Nach dem Ende der Dreharbeiten habe ich jedoch realisiert, dass die Wurzel wahrer Freundschaft alles überdauern kann."

Obwohl die Geschichte hauptsächlich von Liebe handelt, wollten Jan und Zdenek auch beschreiben, was Menschen zu Helden macht. Die Rolle von Franta Slama (Ondrej Vetchy) beschreibt die Entwicklung eines Mannes zum Helden. Franta hatte nicht geplant ein Held zu sein, aber dadurch, dass er instinktiv das Richtige für sein Land tut, wird er einer. Der Schauspieler Ondrej Vetchy schien der einzig Richtige für diesen Part zu sein. Er hatte bereits bei "Kolya" in der Rolle des Totengräbers mitgespielt und ebenso in Jan Sveraks Oscar-nominiertem Werk "Elementary School" (1991). Jan Sverak beschreibt die Entscheidung: "Slama sollte sportlich und maskulin sein, nicht so ein gezierter Schönling, sondern einfach ein Mann, den Frauen mögen. Und das ist Ondrej. Ich war sicher, dass sich seine Energie und seine Bereitschaft für sein Land und seine Leute zu kämpfen auf den Film übertragen würden. Er war der erste Schauspieler, dem ich die Rolle angeboten habe. Ondrej war begeistert und begann sofort historische Dokumente über die Piloten zu studieren. Er konnte es kaum erwarten mit dem Dreh zu beginnen."

Im Gegensatz dazu dauerte es sehr lange die Rolle des 18-jährigen Piloten Karel Vojtisek (Krystof Hadek) zu besezten. Die Suche nach dem richtigen Darsteller dauerte ein Jahr und mehrere große Auswahlverfahren lang. Krystof, ein Theaterstudent im ersten Semester, war den Produzenten bereits ganz am Anfang aufgefallen, aber Jan befürchte: "Er war zu jung, hatte kaum Bartwuchs und was noch viel schlimmer war ? er hatte die Augen eines Kindes. Also suchten wir weiter, in der Slowakei und Polen, bis wir realisierten, dass wir keinen Besseren finden würden. So kamen wir wieder auf Krystof zurück und wußten, dass wir irgend etwas mit ihm unternehmen mußsten. Wir schickten ihn also zu einem speziellen militärischen Training, wo er lernte, wie man marschiert, salutiert und gerade steht. Danach sah er nicht mehr wie ein nachlässiger Halbwüchsiger aus, sondern wie ein wirklicher Soldat. Am Anfang dachte ich, dass Krystof mein größtes Risiko ist, aber nach Drehschluss dämmerte es mir, dass er mein größter Gewinn ist."

Jan mußste sich auf seinen Instinkt verlassen, um eine englische Schauspielerin zu finden, die Susan (Tara Fitzgerald) spielen konnte : "Ich wollte eine wirklich fantastische Frau, in die sich jeder verlieben würde. Und ich fand das in Tara Fitzgerald, diesem irischen Mädchen. Wenn sie auf der Leinwand weint, sieht man ihren Schmerz ? die Tränen kommen aus ihrem Innersten."

Eric Abraham sagt: "Tara ist perfekt für die Rolle. Sie ist schön, exotisch und hat ein klassisches Gesicht. Genau die richtige Kombination, um sowohl Franta als auch Karel zu fesseln."

Die anderen Stars in Dark Blue World sind die Spitfires. Für den Dreh wurden Originalmaschinen angemietet, die von echten Kampfpiloten geflogen wurden. Die Flugsequenzen des Films setzen sich aus einer Kombination verschiedener Techniken zusammen: Blue Screen, Live Action, Modelle, Computer Animationen und Ausschnitte aus dem 1969 gedrehten Film "The Battle Of Britain". Eric Abraham erklärt: "Jan hat all diese Elemente geschickt und nahtlos miteinander verknüpft, um aufregende und dramatisch realistische Luftszenen zu gestalten. Obwohl wir sehr viele Szenen selbst gedreht haben, waren wir doch auf das Material von "The Battle Of Britain" angewiesen, weil manche der zeitgenössischen Flugzeuge heute nicht mehr flugtauglich sind oder schlicht zu teuer für unser Budget waren."

Eine der größten technischen Herausforderungen der Produktion war es, die Luftkriegsszenen des Zweiten Weltkriegs authentisch zu gestalten. Jan beschreibt die Problematik: "Wenn es um Spezial Effekte geht, gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder sie sind teuer und gut, oder aber billig und schlecht. Wir wollten der Geschichte das geben, was sie verdient. Zum Beispiel mußsten wir einen Zug in die Luft jagen. Als wir entdeckten, dass es genauso viel kostet einen echten Zug zu sprengen, beschlossen wir einen Zug zu kaufen. Wir sägten Teile des Wassertanks auf, steckten Dynamit hinein und ließen das Ding hochgehen. Leider mußten wir das Ganze zweimal drehen, weil das erste Film-Negativ beschädigt war. Aber ich bin zufrieden mit der Zug-Szene. Unser Zug explodierte sehr schön ? auch beim zweiten Mal."

Ein weiterer komplizierter Aspekt der Geschichte war, dass 65 Prozent des Dialogs in tschechischer Sprache und 35 Prozent in englischer Sprache gesprochen werden mußten. Das war eine besondere Herausforderung für Ondrej Vetchy, der viel englischen Text hatte. Jan erinnert sich: "Ondrejs Englisch ist sehr dürftig und der arme Kerl hatte sogar noch einige Textzeilen in Deutsch. Er mußte einige sehr emotionale Szenen in Englisch spielen, die einen geringeren Schauspieler in die sichere Verzweiflung versetzt hätten. Er tat mir wirklich leid, aber er hat es dann glänzend gemeistert."

Jan Sverak schafft am Set eine Atmosphäre, die mit der Stimmung der Szene, die gerade vorbereitet wird, harmonisiert: "Wenn wir an traurigen Szenen arbeiteten, gab es keinen Spaß und Gelächter während des Tages und für die fröhlichen Szenen mußte jeder am Set gute Laune haben. Wenn die Emotionen echt sind, kommen sie auch auf der Leinwand frisch und authentisch rüber."

Gedreht wurde hauptsächlich in der Tschechei, bis auf die meisten Flug- und Wasserszenen, für die das Team nach Kapstadt in Südafrika reiste.

Dirk Jasper FilmLexikon
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