Produktionsnotizen zu John Q - Verzweifelte Wut

Oscar-Preisträger Denzel Washington "Glory" hat mit seinem aktuellen Film Training Day erneut Kritiker und Publikum begeistert. Jetzt übernimmt er die Rolle von John Q. Archibald, der in der Fabrik Kurzarbeit leistet. Für John Q bricht eine Welt zusammen, als sein Sohn während eines Baseballspiels ohnmächtig wird. "Plötzlich und unvorbereitet von Mikes schwerer Krankheit zu erfahren - das nimmt John fürchterlich mit", sagt Washington. "Denn die Haushaltskasse ist leer. Am selben Tag wird sein nicht abbezahltes Auto abgeholt. Außerdem erfährt er, dass die Krankenversicherung Fälle dieser Größenordnung nicht abdeckt."

Produzent Mark Burg fügt hinzu: "Der Film ist das schnörkellose Porträt eines einfachen Mannes: Wie weit wird er gehen, um sein Kind zu retten? Er opfert seine Stellung, sein Haus, sein Geld - am Ende setzt er sogar sein Leben aufs Spiel."

Der zehnjährige Newcomer Daniel E. Smith spielt Johns Sohn Michael, und Kimberly Elise übernimmt die Rolle seiner Frau Denise, die auch dann zu ihrem Mann hält, als er in seiner Verzweiflung zu drastischen Mitteln greift. "Für sie spielt es keine Rolle, ob sie mit seinem Plan einverstanden ist", sagt Elise. "Die Situation ist ausweglos, und sie wäre die letzte, die ihren Mann im Stich lässt. Der Kitt ihrer Beziehung ist echte, aufrichtige Liebe. Und was John für die Familie tut, ist einfach atemberaubend."

"Wenn ein Kind krank wird, bekommen die Eltern den Tunnelblick - alles andere spielt keine Rolle mehr", sagt Regisseur Nick Cassavetes, der sich bei der Story an persönliche Erfahrungen erinnert fühlte. "Meine Tochter leidet an einem angeborenen Herzfehler. Ich mußste mit ansehen, wie sie bereits viermal operiert wurde. Ich weiß genau, was es heißt, bei Versicherungen, Krankenhäusern und Ärzten Klinken zu putzen."

Als alle Versuche fehlschlagen, die Finanzierung für Mikes dringend erforderliche Herztransplantation auf die Beine zu stellen, appelliert John Q an Dr. Raymond Turner, der die Herzchirurgie im Krankenhaus verantwortet. Dargestellt wird Turner vom mehrfach für den Oscar nominierten James Woods. "Mich rührt vor allem der menschliche Aspekt der Geschichte: Dieser Mann steht mit dem Rücken zur Wand. Weil er sein Kind liebt, lässt er sich zu einer Tat hinreißen, die er sonst nie fertigbringen würde", sagt Woods. "Dr. Turner ist im Grunde ein mitfühlender Mensch, er möchte helfen, ist aber Teil des Systems, verstrickt sich in die Schlingen der Bürokratie. Michaels Operation soll 250.000 Dollar kosten, die Versicherung zahlt nicht. Turner ist zwar bereit, auf sein außergewöhnlich hohes Honorar zu verzichten - aber das allein reicht nicht aus."

Anne Heche spielt Rebecca Payne von der Krankenhausverwaltung. Sie sieht sich gezwungen, die Position des Krankenhauses unerbittlich zu vertreten. "Sicher sitzen in der Verwaltung auch Menschen, die bedürftigen Patienten helfen wollen", sagt Heche. "Aber nicht immer ist das möglich. Oft genug sieht man sich gezwungen, gegen seine Überzeugung zu handeln: Man mußs sich mit den Hilfebedürftigen zusammensetzen und ihnen klar machen: ,Tut mir Leid, aber dafür zahlt Ihre Versicherung nicht.'"

Als das Krankenhaus John Q mitteilt, dass Michael nach Hause entlassen wird, dreht er durch. "Die schicken Mike nach Hause, weil John kein Geld hat", sagt Washington. "Das bedeutet Mikes sicheren Tod. John steht mit dem Rücken zur Wand, sieht keinen anderen Ausweg und trifft eine falsche, folgenschwere Entscheidung."

"Für John stellt sich das Problem ganz simpel dar: ,Ich lasse meinen Sohn doch nicht sterben, bloß weil er nicht ordentlich versichert ist'", fügt Produzent Mark Burg hinzu. "Sobald John die Menschen in der Notaufnahme als Geiseln nimmt, verbreitet sich sein Schicksal wie ein Lauffeuer: Fernsehen und Radio berichten über den Fall", sagt Ray Liotta, der die Rolle des Police Chief Gus Monroe übernommen hat. Monroe bezieht mit seinem Spezialkommando Stellung im Krankenhaus. "Alles was Monroe tut, wird von der Öffentlichkeit genau registriert, umso mehr, als die Wahlen vor der Tür stehen. Monroe ist davon überzeugt, dass man John am besten kurzerhand eliminieren sollte, denn er bedroht Menschenleben. Doch seine unsensible Einstellung findet nicht überall Zustimmung. John Q verhält sich zwar wie ein Held, aber natürlich handelt er nicht richtig. Wir können das nicht zulassen. Wir müssen seine Aktion beenden."

Monroe holt den Geiselnahme-Experten Frank Grimes (Oscar-Preisträger Robert Duvall) zur Hilfe, der die Verhandlungen mit John übernimmt und sein Vertrauen gewinnen soll. "Zu Anfang der Verhandlungen hält er natürlich nichts von dem Typ", sagt Duvall. "Als Profi hat er eine Aufgabe zu erfüllen, und darauf konzentriert er sich. Ich habe aber den Eindruck, dass er Johns Engagement gegen Ende regelrecht bewundert. Denn dazu gehört reichlich Mut."

Washington erläutert: "Genau genommen ist Johns Rettungsaktion für seinen Sohn eine Heldentat. Gleichzeitig tut er natürlich Unrecht. Er mußs dafür bezahlen, darüber gibt es keine zwei Meinungen. Doch er ist bereit, jedes Opfer zu bringen, wenn er damit seinen Sohn retten kann." Drehbuchautor James Kearns schrieb John Q - Verzweifelte Wut Anfang 1993. Die Idee kam ihm, als er in einem Zeitungsartikel von einem wohlhabenden älteren Mann las, dem man ein Herz transplantiert hatte. ",Ohne mein Geld wäre ich jetzt tot', sagte der Mann. Da dachte ich an meine eigenen Kinder", erinnert sich Kearns. "Ich malte mir aus, was ich wohl tun würde, wenn mein Kind im Sterben läge und man ihm die Behandlung verweigerte.

Die Krankenversicherungen haben in den Jahren seit meiner Arbeit an dem Skript noch sehr stark an Einfluss gewonnen, entsprechend kontrovers wird ihre Macht öffentlich diskutiert. Die Krise des Gesundheitswesens in den USA und anderen Teilen der Welt ist längst nicht beigelegt. Dieser äußerst komplexe Sachverhalt hat Auswirkungen auf alle Bereiche der Gesellschaft."

Schon 1993 übernahm Produzent Mark Burg eine Option auf die Geschichte - er leitete damals die Firma Island Pictures. Jahre später erwarb er sie erneut - diesmal mit seinem Partner Oren Koules für ihre gemeinsame Produktionsfirma/Künstleragentur Evolution Entertainment. Im Januar 2000 schloss Burg dann den Vertrag mit New Line Cinema, das Filmprojekt bekam Grünes Licht. Burgs Freund, der Schauspieler Charlie Sheen, schlug Nick Cassavetes als Regisseur vor. Cassavetes konnte John Qs Schicksal sehr gut nachvollziehen, seit es ihm mit seinem eigenen Kind ähnlich ergangen war. "Ich liefere mit meinen Film sicher keine Patentlösung für die Misere des amerikanischen Gesundheitssystems", sagt der Regisseur. "Ich stelle nur eine These in den Raum: Wir haben in den USA ganz einfach kein Netz, um mittellose Patienten aufzufangen."

Dazu Denzel Washington: "Nick bringt sich als Mensch und mit ganzem Herzen ein." Die Filmemacher schätzen Washington als einen Schauspieler, der John Q mit der nötigen menschlichen Glaubwürdigkeit porträtieren kann. "Ich halte Denzel Washington derzeit für den besten amerikanischen Schauspieler überhaupt", sagt Nick Cassavetes. "Er kann buchstäblich jede Rolle spielen."

"Aus unserer Sicht eigneten sich nur sehr wenige Darsteller für die Hauptrolle, und Denzel Washington stand auf der Liste ganz oben", sagt Burg. Robert Duvalls Manager signalisierte ebenfalls Interesse an dem Film, und so kam dieser Vertrag ebenfalls zustande. Auch bei den übrigen Rollen konnte Nick Cassavetes glücklicherweise fast immer die Darsteller seiner Wahl engagieren.

Buchstäblich das Herz des Films bildet der zehnjährige Daniel E. Smith, der Johns Sohn Michael darstellt. "Ich habe Daniel als mein fünftes Kind angenommen", sagt der vierfache Vater Denzel Washington. "So lebenslustig, wie er ist. Von ihm geht eine innere Kraft aus, und Nick erkannte das sofort. Ich habe Testaufnahmen mit einer Reihe von Kinderdarstellern gemacht, doch Nick sagte: ,Daniel ist Mike. Er hat die richtige Ausstrahlung.' Und das stimmt genau."

Um sich über Herztransplantationen zu informieren, besuchten die Filmemacher in New York einen der führenden Herzchirurgen, Dr. Mehmet Oz. Er wirkte als medizinischer Berater am Drehbuch mit und ließ das Filmteam im Columbia Presbyterian Hospital eine Herztransplantation miterleben. "Wir waren bei etlichen Bypass-Operationen dabei - und bei einer echten Herztransplantation", berichtet Cassavetes. "Seltsam, sich vorzustellen, dass dieses Herz noch drei Stunden zuvor in der Brust eines Anderen geschlagen hatte."

James Woods wollte ursprünglich Augenchirurg werden, bevor er sich für den Schauspielberuf entschied. Er ging bei Dr. Oz in die Lehre, um sich in den Umgang mit den für die Dreharbeiten vorbereiteten Herzattrappen und den komplizierten Ablauf einer Herzoperation einzuarbeiten. "Echt faszinierend", sagt Woods. "Man verdrängt völlig, dass es sich bei der Operation um einen Menschen, ein Herz handelt. Denn wir sind wie in der Realität vorgegangen. Dr. Oz und ich lösten uns beim Nähen und Abbinden ab. Erst hat er die Führung übernommen, und als wir es dann vor der Kamera wiederholten, war ich der leitende Chirurg."

"Nick Cassavetes hat wirklich begriffen, wie es im OP zugeht", sagt Dr. Oz. "Die Operation wird so präzise choreografiert wie ein Ballett. Wie exakt der leitende Chirurg und sein Assistent aufeinander abgestimmt sein müssen, lässt sich filmisch schwer umsetzen. Umso mehr beglückwünsche ich Nick zu seiner wunderbaren Arbeit."

Auch Denzel Washington recherchierte eingehend den Hintergrund seiner Figur: Drei Tage lang arbeitete er in der Fabrik Babcok & Wilcox, bildete mit zwei Maschinisten ein Team im Schichtdienst, um hautnah mitzuerleben, wie ihr Alltag abläuft. In dieser Fabrik werden seit Ende des 19. Jahrhunderts Dampfgeneratoren und Boiler produziert, die in Haushaltsgeräten und in der Schwerindustrie zum Einsatz kommen.

Die Fabrik befindet sich in der kleinen Stadt Cambridge im kanadischen Bundesstaat Ontario. Als die Filmemacher sich dort ein Bild von John Qs Arbeitsplatz machten, sagte Cassavetes: "Unser Weg führt von der Fabrik Babcok & Wilcox bis in den Operationssaal einer Herztransplantation. Im Grunde ist es genau die Reise, die John Q antritt."

Dirk Jasper FilmLexikon
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