Produktionsnotizen zu Monsoon Wedding

Gedreht in Neu-Delhi im Sommer des Jahres 2000, wurde Monsoon Wedding in New York City "geboren", als Mira Nair und ihre ehemalige Studentin Sabrina Dhawan sich entschlossen, einen Film über eine Punjabi-Familie im zeitgenössischen Indien zu realisieren. In ganz ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen, wollten die beiden Frauen eine Geschichte erzählen, deren Wurzeln im wirklichen Leben verankert sind und gleichzeitig dem Bollywood-Film mit seiner Liebe für Musik und Tanz die Referenz erweisen.

Nair, selbst eine Punjabi-Frau, entschloss sich, ihre Story um eine Hochzeit herum anzusiedeln, eine höchst familiären Angelegenheit also, bei der sich die Liebe zum Leben bestens festmachen lässt: "Wir Punjabis sind dafür bekannt, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Wir arbeiten hart, wir feiern gern und wir verstehen es, uns auf die sich stets verändernden Zeiten einzustellen." Und so ist denn auch bei ihr Neu-Delhi, die Stadt ihrer Jugend, zum globalisierten Dorf mutiert, in dem Tradition und Moderne an jeder Ecke zusammenstoßen. Versace und Prada sind selbstverständlich wie Stromausfälle und Verkehrsstaus, der Laptop genauso unvermeidlich wie das Handy und die Verständigungsbasis ihrer rund 60 Sprechrollen ein rasantes Gemisch aus Englisch, Hindi und Punjabi. Ein Film über Indien, wie ihn noch keiner gesehen hat, danach stand Nair der Sinn. Oder wie sie es selbst ausdrückt: " Monsoon Wedding ist ein Bollywood-Film nach meinem Geschmack."

Für den Dreh scharte Mira Nair altbekannte und -bewährte Mitarbeiter um sich, Profis, die sie schon 1994 für "Kama Sutra" nach Indien begleitet hatten. Zu dem Team gehörten unter anderem die Produzentin Caroline Baron, der Kameramann Declan Quinn, die Produktionsdesignerin Stephanie Carroll und der Kostümdesigner Arjun Bhasin. Nur 30 Tage standen für die Dreharbeiten zur Verfügung und ohne die geradezu aufopfernde Mitarbeit der gesamten Nair-Familie wäre das Projekt wahrscheinlich gar nicht umzusetzen gewesen. Das Essen fürs gesamte Team wurde in der Küche von Mutter Nair gekocht, Kostüme, Kleidungsstücke, Möbel sowie andere Ausstattungsgegenstände wurden bei Freunden und Verwandten ausgeliehen und für die Aufnahmen der Hochzeitsfeier Freunde aus der guten Gesellschaft Delhis rekrutiert.

Und eine der zentralen Rollen, die des Teenager-Bruders der Braut, Varun Verma, spielt Nairs Neffe Ishaan. Nicht zuletzt auch deshalb ist der Film, so die Regisseurin, "ganz nahe an meinem eigenen Zuhause angesiedelt. Wir haben uns unser aller Freundschaften bedient, von Dingen erzählt, die wir kennen und eine Welt auf die Leinwand gebannt, die ganz die unsere ist. Dabei mußsten wir aber auch im Auge behalten, dass wir einen Spielfilm drehen, dessen Gesetze es zu beachten gilt. Freundschaft und Professionalismus mußsten sich die Waage halten und eine perfekte Einheit bilden."

Baron, die schon bei "Kama Sutra" mit Nair zusammengearbeitet hatte, war von der erneuten Kooperation begeistert: "Mira hat uns ganz in ihre Familie aufgenommen. Das hat den Dreh zu Monsoon Wedding auch sehr leicht gemacht, erlebten wir doch nun aus erster Hand, wovon wir ohnehin erzählen wollten." Schon das Treatment hatte der Produzentin auf Anhieb gefallen: "So einen Film gab es bislang noch nie auf der Leinwand zu sehen. Ein Film über das zeitgenössische Indien und seine Bewohner, ein Film über Liebe, zwischenmenschliche Beziehungen und banalen Alltäglichkeiten, angesiedelt in einem Land, das für ein amerikanisches und europäisches Publikum weitgehend unbekannt ist." Stephanie Carroll fasst diese Aussagen zusammen: "Der Film ist dramatisch, witzig und vielfältig - vor allem aber zeigt er, wie wichtig es ist, Gefühle zu haben und hilfsbereit zu sein."

Doch trotz aller familiären Hilfestellungen und professionellster Vorbereitung gestalteten sich die Dreharbeiten von Beginn an überaus schwierig. So fiel etwa die erste Regieassistentin aus einem Golfwagen und brach sich das Bein. Die Produzentin mußste daraufhin deren Funktion übernehmen, bis ein neuer Assistent verpflichtet werden konnte. Ein anderes Problem stellte die Hitze dar. Durchschnittlich 43 Grad Celsius im Schatten machten die minuziös verplanten Sechstagewochen in den verstopften Straßen Neu-Delhis nicht gerade zum Zuckerschlecken. Einer der Schauspieler brachte es auf den Punkt: "Wir schwitzten uns förmlich zu Tode".

Erleichterung brachten allerdings die täglichen Yoga-Sitzungen, auf die Mira Nair bestanden hatte und allen sichtlich gut taten. Vielleicht waren sie auch ein Grund dafür, dass man sich später nicht allzusehr aufregte, als nach Drehende festgestellt wurde, dass einige Szenen durch Röntgenstrahlen zerstört worden waren. Dies machte ein paar zusätzliche Drehtage in Bombay notwendig. dass die Stimmung nach Drehende im Team genauso gut war wie zu Beginn, ist für Mira Nair der Beweis, dass Monsoon Wedding im wahrsten Wortsinn ein "Liebesfilm" ist.

Dhawans Drehbuch, das fünf Geschichten geschickt miteinander verquickt, sah rund 60 Sprechrollen vor. Also stellte schon die Besetzung aller Parts eine große Herausforderung dar. Ganz oben auf Nairs Kandidaten-Wunschliste stand dabei Naseeruddin Shah, den die Regisseurin schon als 17-Jährige in Bombay in einer Bühnenproduktion von Edward Albees "Zoo Story" bewundert hatte. Er war für sie einfach der ideale Brautvater - und er nahm die Rolle auch gerne an. Als einer der ganz großen Schauspieler Indiens ist er längst über Bollywood-Parts hinausgewachsen und wollte schon lange mit Nair kooperieren: "Sie gibt einem das Gefühl absoluter Sicherheit. Man hat bei ihr keine Angst zu versagen und sie nimmt sich immer Zeit für einen Spaß. Es ist einfach toll, mit ihr zusammenzuarbeiten."

Für die nicht minder wichtige Rolle der Ria Verma, der intellektuellen Cousine der Braut, wählte Nair Shefali Shetty aus, eine junge Darstellerin, die als Gangsterbraut in "Satya" einen nachhaltigen Eindruck bei der Regisseurin hinterlassen hatte. Die Brautmutter spielt die berühmte indische Theaterschauspielerin Lillete Dubey, als Braut kam der aufgehende Popstern Vasundhara Das an Bord. Der Rest des Ensembles wurde schließlich in Bombay und Delhi gecastet. Ehe mit den Dreharbeiten begonnen wurde, setzte Mira Nair zusammen mit dem klassisch ausgebildeten Shah zweiwöchige Proben an, damit sich die "Familie" erstmals "zusammenleben" konnte. Nach einer täglichen, einstündigen Yogasitzung begann man mit dem Improvisieren und lernte einander richtig kennen. In der letzten, dritten, Probewoche zog der ganze Trupp dann schon in das Haus, in dem hauptsächlich gedreht werden sollte.

Diese drei Übungswochen waren für Mira Nair zwingend notwendig: "Ich glaube nicht, dass man einen so naturalistischen Film wie den unseren, Improvisationen und Handkamera inklusive, ohne ausgedehnte, sorgfältigste Vorbereitung überhaupt machen kann. Wir hatten einen sehr engen Drehplan und viele Laien, denen erst die Angst vor ihren Leinwandidolen, an deren Seite sie sich plötzlich wiederfanden, genommen werden mußste." Parvin Dabas, der den Bräutigam spielt, bestätigt das: "Zuerst hatte ich richtig Angst. Aber seitdem ich jetzt mit Mira und Naseer gearbeitet habe, weiß ich, was ich wirklich kann."

Für die Parts des Zimmermädchens Alice und des Hochzeitsausrichters P.K. Dubey entschloss sich Mira Nair, es mit den nahezu unbekannten Nachwuchsmimen Tilotama Shome und Vijay Raaz zu versuchen. Mut, der absolut belohnt wurde, spielen sich die beiden mit ihrer zarten Liebesgeschichte doch direkt in die Herzen der Zuschauer. "Außer, dass die beiden meine in sie gesetzten Erwartungen mehr als erfüllt haben," so Nair, "waren sie mir insofern wichtig, als dass ich so das Nebeneinander von Arm und Reich in der indischen Gesellschaft zeigen konnte. Nirgendwo leben die gesellschaftlichen Extreme so nah beieinander wie in meiner Heimat." Was Nair dabei ganz uneitel zu erwähnen vergisst, ist, dass sie diesen Seitenstrang des Films fast ohne Worte, dafür mit viel komödiantischen Körpereinsatz erzählt und so den großen Liebesgeschichten der Stummfilmzeit Tribut zollt.

Für die Kameraarbeit war Declan Quinn zuständig, der schon bei Meisterwerken wie "Leaving Las Vegas" oder "Vanya - 42. Straße" das Licht setzte. Bei Monsoon Wedding hat er primär mit einer handgehaltenen 16mm-Kamera gearbeitet, um möglichst flexibel bleiben und sich richtig unter die Schauspieler mischen zu können. So entsteht eine überaus authentische (Live-)Atmosphäre, die ganz im Gegensatz zum typischen, "künstlichen" Bollywood-Film steht. Gleichzeitig bleibt Bollywood trotz allem "Realismus" stets spürbar. So ziehen Wolken unheilschwanger durchs Bild, wird zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit getanzt, verlieren die Verliebten wortwörtlich den Boden unter den Füßen und ist der förmlich überbordende Soundtrack erfüllt von indischen und westlichen Klängen - von so genannten Ghazals (traditionelle Liebeslieder) über modernen indischen Pop bis hin zu Jazz und Bhangra (Punjabi Folk-Pop).

Gedreht wurde vornehmlich in Delhi, in und am Rand der stets übervollen Straßen und Gassen, in Fünf-Sterne-Hotels, in Bürogebäuden und wunderschönen Villen am noblen Stadtrand. Nair und Quinn, den die Filmemacherin gerne als einen "Poeten des Lichts" bezeichnet, nutzten all diese Gegensätze voll aus. Mira Nair präzisiert: "Neu-Delhi ist so spannend, so voller Leben. An jeder Ecke gibt es etwas anderes zu sehen. Chaos, Ruhe, Reichtum, Armut, Lärm, Schmutz, Schönheit - alles existiert nebeneinander. Genau das wollte ich auf der Leinwand zeigen. Jedes einzelne meiner Bilder sollte vor so viel Leben strotzen wie die Straßen meiner Heimatstadt."

Monsoon Wedding zeigt an Hand mehrerer kleiner Geschichten Ausschnitte indischen Lebens. Dabei steht der Mikrokosmos Familie für den Makrokosmos Staat und und seine komplexe Gesellschaft. "Ich wollte," so Nair, "diesmal eine Upper-Class-Variante von 'Salaam Bombay!' in Szene setzen und den Zuschauer mit der Vielfalt und den Widersprüchen des modernen Indien konfrontieren." Vor allem aber wollte die Filmemacherin in Monsoon Wedding die masti, jene ungeheuere Lebenslust, die die Punjabi auszeichnet, auf Zelluloid bannen: "Wenn mir das gelungen ist, wenn dieses Gefühl in den Zuschauerraum überspringt, dann habe ich meine Aufgabe gemeistert."

Dirk Jasper FilmLexikon
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