Produktionsnotizen zu Ich bin Sam

In Ich bin Sam geht es um elementare Gefühle: elterliche Liebe, Familienbande. "Mich fasziniert immer wieder die Frage, was eine Familie eigentlich ausmacht und wie Menschen auf unkonventionelle Weise mit der Tradition umgehen", sagt Regisseurin und Co-Autorin Jessie Nelson. "Wahrscheinlich sind alle Eltern irgendwann einmal mit ihrem Latein am Ende und völlig ausgepowert. Das geht Eltern überall auf der Welt so - ob sie nun behindert sind oder nicht. Aber behinderte Eltern haben ein besonders krasses Schicksal: Sie sind ein überzeugendes Symbol für unser eigenes alltägliches Bemühen, mit der Welt fertig zu werden - denn irgendwie brauchen wir doch alle jemanden, der uns auffängt."

Es ist nie leicht, ein Kind aufzuziehen. Doch wie andere Väter arrangiert sich auch Sam Dawson (Sean Penn ist mit dieser Rolle für den Oscar nominiert): Sam und seine Tochter Lucy (Dakota Fanning) kommen gut miteinander aus, wenn auch nicht immer auf konventionelle Weise, denn zum Glück verfügen sie über ein enges Netzwerk guter Freunde. Lucys Leben war niemals "normal" im traditionellen Sinn, aber sie erlebt viel Freude - und sie wird innig geliebt.

"Lucy geht mittwochs mit ihrem Dad Pfannkuchen essen, am Donnerstag holen sie sich ein Video, am Freitag ist Karaoke-Abend", erzählt die siebenjährige Filmdebütantin Dakota Fanning, die Lucy Diamonds Rolle übernimmt. "Die beiden machen immer gern etwas zusammen." Doch als Lucy sieben Jahre alt wird, erscheint das Jugendamt. Denn Sam ist geistig behindert, und die Frage, ob er in der Lage ist, Lucy auch weiterhin zu erziehen, mußs vor Gericht geklärt werden. "Bisher hat Sam seine Vaterrolle sehr gut ausgefüllt", erklärt Co-Autorin Kristine Johnson. "Doch dann kommt Lucy zur Schule - ihre Beziehung zu Sam wandelt sich, und sie mußs plötzlich auch mit der Reaktion Dritter auf Sam, mit den Vorurteilen Fremder umgehen lernen."

Allmählich beginnt Lucy vor ihrem Vater zu verbergen, dass sie ihn intellektuell und emotional überholt hat. "Das tut sie, weil sie ihn lieb hat", sagt Fanning. "Sie will einfach nicht älter werden. Sie will so bleiben, wie sie ist."

Als die Behörden Sam sein Kind wegnehmen und bei Pflegeeltern unterbringen, fasst Sam einen Entschluss. "Mit meinen Freunden gehe ich das Branchenverzeichnis durch", sagt Sean Penn. "Aus dem Fernsehen wissen wir, dass eine Anwaltsfirma mit gleich drei oder vier Namen wahrscheinlich eine bedeutende Kanzlei ist. Aber welche Kanzlei wohl diese Art Fälle übernimmt - darüber wird im Freundeskreis diskutiert. Wir einigen uns schließlich auf Rita Harrisons Anwaltsbüro: Ich gehe hin und bitte sie, meinen Fall zu übernehmen."

Die bereits dreimal für den Oscar nominierte Michelle Pfeiffer spielt die ehrgeizige Anwältin Rita Harrison. Sie zögert zunächst, den Fall anzunehmen, weil die Chancen für den Klienten denkbar schlecht stehen. "Sam sieht Rita als Heldin, die ihm seine Tochter zurückholt", sagt Penn. "Denn sie ist eine Star-Anwältin. Sie redet sehr hektisch. Also mußs sie eine wichtige Person sein."

Rita lässt sich schließlich überreden - aber nur, um eine Wette gegen ihre Kollegen zu gewinnen: Die werfen ihr nämlich vor, sie arbeite nie umsonst. Michelle Pfeiffer sagt: "Rita übernimmt den Fall aus völlig falschen Motiven. Aber wenn man dann mit der ungeheuren Herzlichkeit dieser Menschen konfrontiert wird, ist man eben sehr gerührt, man engagiert sich für sie. Genauso geht es Rita auch."

Indem sie sich auf Sam einlässt, beschäftigt Rita sich auch mit seiner Rolle als Lucys Vater. Erst durch ihn wird ihr klar, dass sie selbst ihre Mutterrolle auch nicht im Griff hat, obwohl man sie als "normal" einstuft. "Sie hat sich mit ihren zahlreichen Pflichten völlig verrannt", sagt Pfeiffer. "Sie lässt sich von tausend Geräten, von der modernen Kommunikationstechnik total versklaven, mußs viel zu viele Termine wahrnehmen, ordnet sich ihrem Zwang zum Perfektionismus unter. Ihre Emotionen hat sie verdrängt - sie gehört zu den Leuten, die ständig auf Achse sein müssen. Denn wenn sie mal Luft holen würden - Gott bewahre - dann könnten sie ja vielleicht sogar etwas empfinden."

"Rita kann ohne diese rigorose Disziplin gar nicht existieren", sagt Produzent Richard Solomon. "Aber diese Fassade kaschiert natürlich nur, dass sie im Grunde sehr verletzlich ist. Unser Film begleitet sie in ihrer Entwicklung, die durch die entscheidende Begegnung mit Sam ausgelöst wird."

Hilfestellung bekommt Sam von seiner Nachbarin Annie, gespielt von Oscar-Preisträgerin Dianne Wiest. Die Pianistin Annie leidet unter Platzangst. Sie hat Sam mit seiner Tochter von Anfang an unterstützt. "Wir alle müssen bestimmte Ängste und mentale Blockaden überwinden", stellt Produzent Marshall Herskovitz fest. "Annie ist dafür ein gutes Beispiel, denn sie erlebt ihre Angst, ihre Panik wie ein Gefängnis - in mancher Hinsicht hat sie es schwerer als Sam."

Außerdem stehen Sam noch weitere treue Freunde zur Seite: Ifty, Robert, Brad und Joe sind immer da, wenn er sie braucht. Sie begleiten ihn beim wöchentlichen Ritual im Pfannkuchenrestaurant, beim Videogucken und beim Karaoke, und sie geben ihm emotionalen Halt, unterstützen ihn sogar finanziell, wenn er mit seinen Vaterpflichten mal nicht zurechtkommt. Doug Hutchison spielt Sams besten Freund Ifty, der schwer unter seinen Konzentrationsstörungen zu leiden hat. "Seine Persönlichkeit setzt sich aus zwei Widersprüchen zusammen", sagt Hutchison. "Trotz seiner manischen Ausbrüche bildet er gewissermaßen den ruhenden Pol in all dem Chaos."

Stanley DeSantis stellt Robert dar: Er leidet unter einer ausgewachsenen Paranoia, hat einen ausgeprägten Beschützerinstinkt und fühlt sich als Aufpasser in Sams Gruppe behinderter Freunde. "Ich habe den Eindruck, Robert hält sich für die Vaterfigur der Gruppe", erklärt DeSantis. Er übernimmt die Rolle der Eltern, die ständig mahnen: ,Mit einer Schere in der Hand läuft man nicht!' - ,Schiel nicht, sonst bleiben deine Augen über Kreuz stehen!' Für jedes Mantra, das man uns eingehämmert hat, übernimmt Robert die Verantwortung - er ist überzeugt, dass er seine Vorsicht und seine Lebenserfahrung an die Freunde weitergeben mußs. Ständig macht er sich Sorgen. Oder mit anderen Worten: Sam liegt ihm wirklich am Herzen."

Zwei Rollen werden von tatsächlich Behinderten dargestellt: Joseph Rosenberg als Joe und Brad Allan Silverman (der bereits im Zentrum des ABC-TV-Specials "The Kid Who Wouldn't Quit" stand) als Brad. Brad sieht sich als Frauenheld der Gruppe. "Mir gefällt die Geschichte sehr, und ich halte Sam für einen wunderbaren Vater. Er ist sehr herzlich und liebevoll, deswegen kommt er auch so gut mit seiner Tochter Lucy aus", erklärt Silverman. "Ich weiß, dass Sam geistig behindert ist, aber das spielt für mich keine Rolle. Denn ich finde, dass Sam ein ganz normaler Mensch ist."

Am anderen Ende des Spektrums begegnet Sam dem messerscharf argumentierenden Staatsanwalt Turner, der sich vor Gericht mit Rita heftige Rededuelle liefert. "Eine wahrhaft zu Herzen gehende Geschichte", sagt Richard Schiff, der Turner verkörpert. "Natürlich erleben die meisten Zuschauer Turner nur als Bösewicht. Aber im Grunde erfüllt er ganz einfach nur seine Pflicht - er trifft seine Entscheidungen aufgrund jahrelanger Erfahrung."

Laura Dern spielt Lucys hin- und hergerissene Pflegemutter Randy, die mit Lucy sehr gut auskommt. "Randy stellt für das Kind eine wunderbare Alternative dar, aber natürlich steht Lucy Sam sehr nahe - es bricht einem das Herz, wenn man darüber nachdenkt, dass sie sich von ihm trennen soll", sagt Dern. "Randy steht vor dem schier unüberwindlichen Problem herauszufinden, was denn nun das Beste für die Kleine ist. Die Fragestellung dahinter lautet letztlich: Worin besteht eigentlich angemessenes Elternverhalten? Wer will Liebe messen? Wie will man ,das Beste fürs Kind' überhaupt definieren? Eindeutige Anworten darauf gibt es nicht."

Schließlich wurde Loretta Devine mit der Rolle der Margaret betraut: Sie spielt die Sozialarbeiterin, die Lucy aus ihrem Elternhaus abholt. "Margaret ist überarbeitet und steht unter großem Druck", sagt Devine. "Bestimmt kennt sie Fälle, in denen das Kind unter der Situation leiden mußste. Deswegen empfiehlt sie, was sich für Lucy als die hoffentlich beste Lösung herausstellen wird. Nachdem Margaret diese Entscheidung erst einmal getroffen hat, stellt sie sie nie mehr in Frage. Sie will Sam gar nicht näher kennen lernen - sie ist einfach davon überzeugt, dass sie richtig handelt."

Als der Moment der Wahrheit näher rückt, schließen Sam und Rita einen überraschenden Pakt. "Man mußs sich eines klar machen", erklärt Pfeiffer. "Jedermann erwartet, dass Rita als Einzige in der Geschichte einen klaren Kopf behält. Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Sie ist die Irrste von allen, sie steht kurz vor dem Kollaps. Sam ist so direkt, ehrlich und ohne Falsch, dass es ihr die Sprache verschlägt. Normalerweise lassen sich die Menschen von Ritas dominanter Persönlichkeit einschüchtern, sie bekommen es mit der Angst zu tun. Aber Sam beeindruckt das überhaupt nicht. So fest der Panzer um ihr Herz auch verschlossen ist - Sam verblüfft uns alle und findet den Schlüssel." "Für mich ist entscheidend: Sams Behinderung schränkt seine Individualität, seine Menschlichkeit überhaupt nicht ein", sagt Penn.

Ein Plädoyer für die Menschlichkeit Ohne L.A. Goal wäre Ich bin Sam nie zustande gekommen: Diese karitative Organisation wurde 1969 in Los Angeles gegründet und betreut behinderte Erwachsene. Während der Arbeit am Drehbuch waren die Autorinnen Jessie Nelson und Kristine Johnson ständig vor Ort, um vor allem etwas über geistig behinderte Eltern zu erfahren. "Vorgefasste Meinungen sind ihnen fremd", erinnert sich Nelson. "Alles, was sie erreichen, macht sie stolz." Und Johnson fügt hinzu: "Natürlich weiß ich, dass die Menschen, die wir dort kennen lernten, Schweres durchmachen. Aber sie ließen uns an allem teilhaben, und in ihrer Menschlichkeit wirken sie absolut integer."

Richard Solomon, Leiter der Bedford Falls Company, konnte die Firmengründer Edward Zwick und Marshall Herskovitz für das Projekt gewinnen. Die Firma hat unter anderem die Oscar-Sieger Shakespeare In Love und Traffic produziert. "Es geht um den Zusammenhalt einer sehr ungewöhnlichen Familie - also eines unserer Lieblingsthemen", stellt Zwick fest. Und Herskovitz fügt hinzu: "Ich war beeindruckt von der Wahrhaftigkeit des Drehbuchs - es setzt sich realistisch mit einem Mann wie Sam auseinander, mit seinem Problem als Vater. Vor allem wird keine der unbequemen Fragen ausgeklammert."

Die Suche nach dem geeigneten Darsteller für Sam begann und endete in Mailand, wo Jessie Nelson gerade mit ihrer Familie Urlaub machte, als Sean Penn dort an einem anderen Film arbeitete. Er hatte das Drehbuch bereits gelesen. "Zugesagt hatte Sean noch nicht - wir schlichen irgendwie umeinander herum", erinnert sich Nelson. "Er entwickelte eigene Ideen für eine bestimmte Filmszene, sprang dann plötzlich auf und spielte mir seinen Sam in einer ganz anderen Szene vor. Da dachte ich: ,Mein Gott, das ist ja toller, als ich je zu träumen gewagt hätte!' In dem Moment, wo Sean mir Sams Art zu gehen vorspielte, sah ich den ganzen Film vor mir."

"Das Drehbuch hat mich auf mehreren Ebenen berührt - ich fühlte mich auch als Vater angesprochen", sagt Sean Penn. Als Penn den Vertrag unterschrieb, wusste Nelson, dass er der ungewöhnlichen Rolle seinen ganz eigenen Stempel aufdrücken, sie absolut authentisch gestalten würde. "Ich weiß, wie sehr sich Sean in seine Rollen vertieft, wie penibel er der Wahrheit seiner Figuren auf den Grund geht", erzählt die Regisseurin. "Ich halte ihn für den fähigsten Schauspieler seiner Generation. Als er zusagte, hob er damit das Projekt in eine ganz neue Dimension."

Als Penn an Bord kam, besuchten die Filmemacher mit ihm als erstes L.A. Goal. "Sobald Sean das Zentrum betrat, ging er völlig in der Umgebung auf, tauchte in diese Erfahrung ein", erinnert sich Autorin Kristine Johnson. "Sein Ego hat er zu Hause gelassen. Er wollte Erfahrungen sammeln, Entdeckungen machen."

"Natürlich interessierte es mich, die Menschen kennen zu lernen und zu beobachten, die ähnlich behindert sind wie Sam in unserer Geschichte", sagt Penn. "Ich selbst habe einen mongoloiden Verwandten. Aber ich hatte mich noch nie mit behinderten Männern meines Alters auseinandergesetzt. Mit jedem Besuch im L.A.-Goal-Zentrum spürten wir auf beiden Seiten, dass wir uns näher kamen, uns wohl fühlten in dieser Gemeinschaft. Was die wichtigen Dinge im Leben angeht, gibt es zwischen uns tatsächlich keine wesentlichen Unterschiede."

"Sean hat uns bei L.A. Goal besucht, und ich finde, er hat sich ganz gut eingefügt", sagt sein Darstellerkollege Joseph Rosenberg, der der Organisation schon lange angehört. "Wir fühlten uns in seiner Gesellschaft wohl, und jeder mochte ihn, weil er ein guter Mensch ist. Umso lieber mochte ich im Film Sams Freund spielen."

Rita Harrison, die energische Star-Anwältin, die sich auf Sams Seite schlägt, um das Sorgerecht für seine Tochter zu erstreiten, war der nächste entscheidende Punkt auf der Besetzungsliste. Nelson kannte Michelle Pfeiffer bereits seit An deiner Seite, zu dem sie das Drehbuch geschrieben hatte. Von Anfang an stellte sie sich Pfeiffer in der Rolle der Rita vor. "Mir bringt es immer besonderen Spaß, eine Rolle mit einem Schauspieler zu besetzen, von dem das Publikum schon ganz klare Vorstellungen hat - um diese Vorstellungen dann in eine ganz andere Richtung zu lenken", erklärt die Regisseurin. "Aber natürlich konnte ich nicht wissen, ob auch Michelle mir auf diesem neuen Weg vertrauen würde. In ernsten Rollen zeigt sie erstaunliche Tiefe, wunderbares Einfühlungsvermögen. Aber genauso perfekt beherrscht sie das Timing einer großen Komödiantin. Diese Kombination findet man nur sehr selten."

Penn und Pfeiffer kennen sich bereits seit 20 Jahren, damals waren sie in derselben Schauspielklasse. Und beide reagieren ähnlich emotional auf die Geschichte. "Geschichten über Familienthemen, über die Frage, was die Elternrolle ausmacht, gehen mir immer ans Herz", sagt Pfeiffer. "Dennoch hat mich die Rolle etwas verunsichert. Rita ist derart mit sich selbst beschäftigt, sie hat so viel um die Ohren, dass sie zehn Minuten braucht, um überhaupt zu kapieren, dass Sam geistig behindert ist."

"Michelle ist einfach spitze: wunderschön, verletzlich, aber mit Ecken und Kanten. Und mit jeder Rolle geht sie Risiken ein", sagt Produzent Marshall Herskovitz. "Selbstverständlich wollten wir ihr diese Rolle anvertrauen - sie bildet das perfekte Gegengewicht zu Sean." Doch dann standen die Filmemacher vor der nächsten schwierigen Aufgabe: Es galt eine junge Schauspielerin zu finden, die intellektuell und emotional reifer ist als für ihr Alter üblich - und trotzdem soll sie sich die Unschuld und das Schutzbedürfnis eines Kindes bewahrt haben. Lucy Diamond fand man in der praktisch unbekannten Dakota Fanning.

"Dakota wirkt sehr viel selbständiger und klüger, als man das in ihrem Alter erwarten würde", bemerkt Regisseurin Jessie Nelson. "Da stellte sich heraus, dass sie einen Verwandten wie Sam hat. Sie ist mit ihm aufgewachsen und bringt daher Verständnis für ihre eigene Rolle mit." Nelson war überrascht, wie gut sich Fanning in die Situation einlebte. "Oft sprach sie mich nach einem Take an: ,Ich glaube, das würde ich noch intensiver hinbekommen, da könnte ich noch mehr geben.' Verblüffend, wie präzise sie die Bandbreite ihrer Möglichkeiten mit ihren sieben Jahren beurteilen kann. Wir hatten großes Glück, dass wir sie für diese Rolle gefunden haben." Sams allzeit hilfsbereite Nachbarin Annie wurde mit Dianne Wiest besetzt. "Unsere erste Wahl war Dianne, weil sie außergewöhnliches Talent mitbringt", sagt Produzent Richard Solomon. "Also haben wir uns sehr um sie bemüht." Dazu Edward Zwick: "Dianne gefiel das Drehbuch so sehr, dass sie sich bereit erklärte, ständig zwischen New York und Los Angeles zu pendeln, weil sie gleichzeitig eine Folge der Serie "Law and Order" ("Die Aufrechten - Aus den Akten der Straße") drehte. "Was sie in die Rolle einbringt, geht weit über unsere Erwartungen hinaus."

Die Rolle des Bezirksstaatsanwalts Turner übernahm Richard Schiff, der mit der viel gepriesenen NBC-Serie "The West Wing" große Erfolge feiert. "Wir haben schon oft mit Richard zusammengearbeitet. Und jetzt, mit seinem Serienerfolg, merkt auch die Öffentlichkeit, was sie an ihm hat", sagt Zwick.

Laura Dern hat bereits Erfahrungen mit kontroversen Sorgerechtsfällen: "Baby Blues" und ("Baby Business". Sie spielt Randy, Lucys Pflegemutter. "Laura stellt die Rolle so ehrlich, sympathisch und menschlich dar, dass man sie wirklich nicht als diabolisch oder verschlagen empfinden kann", sagt Solomon.

Sams Freundeskreis besetzten die Filmemacher eher gegen den Strich - was sich im Endeffekt als idealer Schachzug erwies. Doug Hutchison hat sich vor allem durch gruselige Auftritte in der Serie Akte X und in The Green Mile profiliert. Er nahm seine Aufgabe als Sams bester Freund Ifty so ernst, dass er die Rolle während der gesamten Dreharbeiten ständig spielte - auch wenn die Kamera nicht lief. "Ifty ist Sams bester Freund. Wir träumten also davon, dass wir beim Casting jemand entdecken würden, der Sam in seiner Einzigartigkeit entspricht und so auf einer Wellenlänge mit ihm kommuniziert", sagt Nelson. "Sean und ich haben miterlebt, wie Doug vorsprach. Doug fiel die ganze Zeit nicht aus der Rolle, und wir dachten schon: ,Kapiert der überhaupt, dass dies ein Vorsprechen ist?' In dem Moment sahen wir uns an und begriffen: Das war unser Ifty."

Stanley DeSantis wurde ursprünglich eingeladen, um für eine ganz andere Rolle vorzusprechen, aber Nelson sah in ihm den perfekten Robert. "Stanley gelingt es traumhaft, Roberts Verfolgungswahn, seine Ängste zu vermitteln, und gleichzeitig kümmert er sich äußerst liebevoll um Sam", sagt Nelson.

Die letzten noch fehlenden Teile des Puzzles waren Brad und Joe - auch sie gehören zu Sams Clique. Schon beim Abfassen des Drehbuchs orientierten sich Nelson und Johnson an den Charaktereigenschaften zweier realer Vorbilder: Brad Allan Silverman und Joseph Rosenberg, die schon lange Jahre Mitglieder bei L.A. Goal sind. Was lag also näher, als die beiden ihre Rollen gleich selbst spielen zu lassen?

"Ich wollte von vornherein echte Behinderte vor der Kamera einsetzen, aber natürlich brauchte ich dafür geeignete Darsteller", erklärt Nelson. "Brad und Joe sind wunderbare Schauspieler - wir haben nicht das Gefühl, dass hier Behinderte mitwirken: Hier arbeiten Schauspieler, die zufällig behindert sind." Seit 1990 beschreitet L.A. Goal mit einem therapeutischen Kunstprogramm neue Wege: Behinderte bekommen dort ein Forum für Gefühlsäußerungen, die sie auf konventionelle Art nicht zum Ausdruck bringen können. Silverman und Rosenberg haben beide in dem Schauspielworkshop mitgewirkt. Rosenberg ist in Los Angeles bereits in "Anatevka" "Cats", "Der Zauberer von Oz" und "Peter Pan" aufgetreten. "Mir war klar, dass der Film durch ihre Mitwirkung erheblich gewinnen würde, denn der ganze Film ist ja aus unserer Erfahrung mit ihnen entstanden. Sie mußsten einfach mitmachen", stellt Nelson fest.

Natürlich freuten sich die Filmemacher über diese Traumbesetzung. Und gleichzeitig spürten sie auch ganz deutlich, wie leidenschaftlich sich alle Beteiligten für das Projekt einsetzten. "Jeder wollte sein Bestes geben. Wir hätten uns keine besseren Mitwirkenden wünschen können", sagt Produzent Richard Solomon. Vor Beginn der Dreharbeiten wollte Nelson den hochkarätigen Schauspielern unbedingt Gelegenheit geben, das Drehbuch zu diskutieren, "um sicher zu gehen, dass sie sich in ihren Rollen und untereinander wohl fühlten", sagt sie. "Allerdings haben wir nicht sehr intensiv geprobt, um uns die Frische und Spontaneität für die Dreharbeiten aufzusparen."

Schauplatz Los Angeles Die Dreharbeiten begannen im Los Angeles County Museum of Art, wobei der erste Drehtag gleich einen dramatischen Höhepunkt darstellte. "Mir war bis zum ersten Drehtag gar nicht klar, wie Sean seine Rolle anlegen würde", erinnert sich Michelle Pfeiffer. "Das hat wohl für uns beide auf mehreren Ebenen sehr gut funktioniert, weil wir eben nicht schon vorher ewig über unsere Rollen diskutiert haben. Wir sind einfach angetreten und haben uns bei der Arbeit entdeckt."

Um Penns Leistung zu würdigen, vergleicht Nelson ihn mit Basketball-Legende Michael Jordan. "Wenn Sean auf den Platz läuft, dann gewinnt jedes Match an Klasse. Er wirkt wie ein Wahrheitsserum, das Wellen schlägt und sich auf alle Mitarbeiter verteilt: Jedes Requisit, jeder Kamerawinkel soll die Wahrhaftigkeit widerspiegeln, die er in seine Arbeit einbringt. Sogar wenn Sean gar nicht selbst im Bild ist, hilft er den Kollegen ungeheuer bei ihren Großaufnahmen."

dass Brad Silverman und Joe Rosenberg mit zur Besetzung gehörten, hinterließ ähnlich nachhaltige Spuren im gesamten Team. "Sie sind ungeheuer liebenswürdig - und genau darum geht es ja in unserem Film", sagt Penn. "Wenn man sie näher kennen lernt, spürt man ihre Warmherzigkeit und Aufrichtigkeit. Sie sind von Natur aus sehr lieb - das wirkt ansteckend. Und in ihrer Darstellung kommt das voll rüber."

"Als Sean Penn schließlich in den Zeugenstand trat, weinte Brad, weil er nicht verstehen konnte, wie jemand Lucy kidnappen und Sam als unfähigen Vater hinstellen kann", erinnert sich Nelson. "Er war emotional aufgewühlt, wusste seine Gefühle gleichzeitig als Schauspieler für seine Darstellung zu nutzen - aber er empfand das wirklich. Brad und Joe bewegen sich ständig auf dem sehr schmalen Grat zwischen eigener Lebenserfahrung und ihrer wachsenden Technik als Schauspieler. Sehr interessant, diese dynamische Entwicklung zu beobachten."

48 Tage dauerten die Dreharbeiten in Los Angeles. Nach dem Dreh im Museum folgten das Veteran's Memorial Building, Echo Park, Pershing Square und der Grand Central Market, natürlich auch das Pfannkuchenrestaurant IHOP (International House of Pancakes), das Kaufhaus Target, das Schuhgeschäft Payless Shoe Store und das Kaffeehaus Starbucks. Laut Drehbuch arbeitet Sam seit sieben Jahren bei Starbucks - er räumt die Tische ab. Die Filmemacher bemühten sich um enge Zusammenarbeit mit der Starbucks Corporation, um die Arbeitsatmosphäre möglichst authentisch darzustellen.

Besonders intensiv arbeitete Nelson mit Kameramann Elliot Davis (Out of Sight) zusammen, um ein möglichst ungefiltertes Stück Leben einzufangen. "Ich wollte den Film als eine Sequenz besonderer Momente gestalten", sagt Nelson. "Mir schwebte eine Art Tagebuch dieser Menschen vor - Ereignisse, die man üblicherweise nicht zu sehen bekommt." "Elliot ist eine wahre Inspiration", fährt Nelson fort. "Wenn die Schauspieler in einer Szene weinen mußsten, kam er ebenso traurig hinter seiner Kamera hervor, als ob er selbst in der Szene mitgespielt hätte."

Davis drehte fast nur mit sehr beweglichen Handkameras. "Wir hielten uns in jeder Szene an Jessies Vision", sagt Davis. "Wir wollen mit unserem Film eine sehr subjektive Sicht der Dinge vermitteln - so, als ob der Zuschauer Sam bei seinen Erlebnissen belauscht. Aus diesem Konzept ergab sich die Aufnahmetechnik mit den beweglichen Kameras - so kann man Szenen zeitlich dehnen oder raffen, um formal immer der entsprechenden emotionalen Stimmung gerecht zu werden."

Die Beleuchtung setzte Davis "immer als Kommentar, als Ausdruck der Atmosphäre ein. Das Licht war also nie einfach nur so da. Sams Blickwinkel ist schillernd, immer in Bewegung - ständig saugt er in sich auf, was um ihn herum passiert. Was er interessant findet oder das, woran er das Interesse verliert, bestimmt sofort die Blickrichtung der Kamera und die Beleuchtung. Zooms der Handkamera verstärken noch die emotionale Wirkung seiner Empfindungen, und die Heftigkeit der Bewegung spiegelt genau sein jeweiliges Gefühl."

Der renommierte Cutter Richard Chew (Krieg der Sterne; "Der Dialog") entwickelte die ungewöhnliche Optik und Erzählstruktur des Films noch weiter. "Wir haben lange gebraucht, um die Geschichte und die Kamerabewegungen auch mit einem entsprechend subjektiven Schnittstil zu komplementieren", sagt Chew. "Weil die Geschichte derart stark von Gefühlen bestimmt wird, haben Jessie, Elliot und ich versucht, den Film sehr unmittelbar zu gestalten, und natürlich leisten die sehr bewegliche Kamera und die improvisierenden Schauspieler dafür einen ganz entscheidenden Beitrag."

Chew stellte sich dieser Herausforderung sehr gern, "weil ich die Tradition der Anschlüsse innerhalb der Szenen brechen durfte. Passende Anschlüsse stehen für eine streng objektive und repräsentative Realität. Jessie hat mir dagegen Mut gemacht, das Subjektive mehr zu betonen - also eine psychologische und emotionale Realität."

Produktionsdesigner Aaron Osborne schuf mit Nelson und Davis für jede der Hauptfiguren unterschiedliche Lebensräume. "Der Look der Sets entstand aus der subjektiven und dysfunktionalen Sicht der Figuren - aus der Opposition, in der sie sich jeweils befanden", erläutert Osborne. "Natürlich lebt eine Star-Anwältin in einer völlig anderen Welt als ein geistig Behinderter."

Die Kostümbildnerin ließ sich von ihren Erfahrungen bei L.A. Goal inspirieren, um Sams Kleidung zu entwerfen. Bei der Vorbereitung fragte sie die Mitglieder der Organisation, was sie an Sams Stelle aussuchen würden. "Ich wollte wissen, wo sie einkaufen gehen und welche Kleidung sie bevorzugen", sagt sie. "Außerdem ließ ich mir erzählen, wie sie ein kleines Mädchen anziehen würden."

DeSanto fährt fort: "Ich habe daraufhin Anproben mit Sean gemacht, bis wir einen Look fanden, der ihm zusagte. Wir wollten sein Erscheinungsbild eher unauffällig und sehr einfach gestalten. Khaki-Töne, blasses Grün, gedämpfte Farben." Ritas Äußeres und ihre Umgebung spricht ebenfalls für sich: "Rita soll sehr kantig und abweisend wirken", erklärt Nelson. "Wir wollen deutlich machen, dass sie sich nie die Zeit nimmt, um ihrem Kind ein schönes Zuhause zu schaffen. Unser Team baute Sets und fand Schauplätze, die ihren Charakter repräsentieren: Geld, Macht, Eleganz - das bedeutet aber gleichzeitig: extrem minimalistische Kälte und Leere."

DeSanto wollte in Ritas Kleidern ihren hektischen, stromlinienförmigen Lebensstil ausdrücken. "Sie ist zwar sehr stilsicher und hat reichlich Geld, nimmt sich aber kaum Zeit zum Einkaufen", stellt die Kostümbildnerin fest. "Grauzonen gibt es in ihrem Leben wenige, ich wollte sie also fast ausschließlich in Schwarz und Weiß kleiden. Zum Glück verstehen wir uns gut mit Armani - es passt zur Geschichte, dass Rita sich ausschließlich von Armani einkleiden lässt. Als sie gegen Ende ein wenig auftaut, fügen wir ein bisschen Lavendel und blasses Blau hinzu, sie darf auch weichere Stoffe tragen."

"Suzy hat bei der Gestaltung der Garderobe unglaublich intensiv mit Elliot Davis und Aaron Osborne zusammengearbeitet", kommentiert Nelson. "Ständig überlegt sie, wie man das Innenleben der Figuren durch ihr Äußeres verdeutlichen kann." Am Ende der Dreharbeiten war allen Beteiligten vor und hinter der Kamera klar, dass sie eine gemeinsame Reise glücklich abgeschlossen hatten. "Ich habe noch mit keinem Regisseur derart gute Erfahrungen gemacht wie mit Jessie", sagt Penn. "Sie geht sehr behutsam und liebevoll auf die Schauspieler und das Team ein. Dadurch stellt sich ein echtes Gruppengefühl ein, jeder versucht mit seinem ureigenen Beitrag sein Bestes zu geben."

"Das war ein wilder, abgedrehter Trip", fügt Produzent Richard Solomon hinzu. "Ich finde, Sean, Michelle und all die anderen Darsteller leisten Außergewöhnliches. Vor allem Brad und Joe bei der Arbeit zu erleben gehört für mich zu den wunderbarsten Erfahrungen meines Lebens. Jessie ist ein wahrlich bemerkenswerter Film gelungen." Nelson sieht die Teamarbeit an "Ich bin Sam" als ein Unternehmen, das niemanden kalt gelassen hat: "Meiner festen Überzeugung nach erleben wir hier eines der seltenen Beispiele, bei dem die einzelnen Beiträge den Film derart intensiv fördern, dass er meine kühnsten Erwartungen bei weitem übertrifft."

Der Soundtrack Eine entscheidende Rolle in Ich bin Sam spielen auch die Beatles: Sam gibt seiner Tochter den Namen Lucy Diamond in Anlehnung an den Song "Lucy in the Sky with Diamonds", und er ist auch sonst der Beatlemania verfallen: alle Fakten und Trivialitäten, Konzertdaten und -orte rund um die Fab Four interessieren ihn.

Wie zeitlos die Musik der Beatles tatsächlich ist, merkten die Autorinnen Jessie Nelson und Kristine Johnson erst bei ihren Drehbuchrecherchen. "Immer wenn wir bei den Behinderten Musikkurse oder Chorstunden besuchten, bekamen wir unweigerlich zu hören, dass sie am liebsten die Beatles hören", sagt Nelson. "Wir haben viele Leute getroffen, die die Beatles nicht nur als Idole verehren, sondern sogar ihre Lebensphilosophie aus den Songtexten ableiten. Wenn eine Wohngemeinschaft auseinander ging, erinnerten sich die Beteiligten an das Ende der Beatles. Die Band hilft ihnen, die Welt zu erklären."

Entsprechend zieht sich das Beatles-Phänomen wie ein roter Faden durch den Film. Bei den Dreharbeiten lief ständig Beatles-Musik, um die Schauspieler in die richtige Stimmung zu versetzen. Natürlich lag es nahe, die Songs auch im Film zu verwenden. Doch rechtliche Probleme bewogen die Filmemacher, bei Sony Music die Erlaubnis einzuholen, die klassischen Songs von heutigen Musikern neu aufnehmen zu lassen.

Jon Sidel, Manager bei V2 Records, sah sich den Film an und legte die Angelegenheit sofort der Label-Managerin Kate Hyman und dem Label-Chef Andy Gershon ans Herz. Alle angesprochenen Künstler wollten unbedingt ihren Beitrag zu diesem Film leisten, und so entstanden die wohl ehrgeizigsten Cover-Versionen von Beatles-Songs überhaupt. "Wenn man überlegt, was alles in der Welt passiert, dann will man gern an einen Film wie ,Ich bin Sam' glauben", sagt Gershon. Regisseurin Jessie Nelson und Produzent Richard Solomon stellten mit V2 Records eine Wunschliste von Künstlern zusammen, die sie für den Soundtrack haben wollten. Die Stars ließen sich nicht zweimal bitten.

Als einer der ersten erklärte sich Eddie Vedder von Pearl Jam bereit - er ist nämlich mit Sean Penn befreundet. Vedder wollte das Lieblingslied seiner Jugendjahre aufnehmen: "You've Got to Hide Your Love Away". The Wallflowers spielten "I'm Looking Through You" ein, und zwar in Jackson Brownes Studio, der persönlich auch als Hintergrundsänger mitwirkt.

Aimee Mann und Michael Penn taten sich für "Two of Us" zusammen; Ben Harper sang "Strawberry Fields Forever" und Sarah McLachlan lieferte eine sehr bewegende Version von "Blackbird". Beteiligt waren außerdem The Black Crowes, Ben Folds, Rufus Wainright, Sheryl Crow und andere. Der Ich bin Sam-Soundtrack erschien im Januar in den USA, er wurde von Kate Hyman und Jon Sidel von V2 Records sowie von Regisseurin/Co-Autorin Jessie Nelson produziert.

"Hoffentlich spürt man beim Hören des Soundtracks, wie sich die Künstler vom Film haben inspirieren lassen und wie sehr ihnen die Musik am Herzen liegt", sagt Gershon. "Das Besondere an dieser Kollektion: Es gelingt den Künstlern, aus den Beatles-Klassikern ganz persönliche Songs zu kreieren."

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