Produktionsnotizen zu In The Bedroom

Wenn es um Menschen geht, die uns sehr nahe stehen, wissen nur wenige, wie weit man auf sie zugehen kann oder was man im Namen der Liebe für sie tun kann. Was passiert in Krisenmomenten mit ihnen? Befolgen sie die Gesetze oder üben sie Gewalt aus, um sich selbst für immer auszuschalten? Todd Fields Film In The Bedroom wirft diese Frage anhand der Geschichte einer Familie auf, die sich mitten in solch einer Krise befindet. Er sucht die Erklärung für eine außergewöhnliche Tat, die aus Liebe erfolgt ist und deshalb auf gewisse Weise verständlich erscheint, sofern man bereit ist, moralische Grundsätze zu überdenken und gegebenenfalls auch außer Acht zu lassen.

Der Gewinner des Special Jury Prize for Acting des diesjährigen Sundance Film Festivals beeindruckte auf Grund seines intensiven Realismus und der einzigartigen Darstellung der Schauspieler Sissy Spacek, Tom Wilkinson, Marisa Tomei und Nick Stahl die Zuschauer wie auch Kritiker. Mit In The Bedroom gibt Regisseur Todd Field sein Spielfilmdebüt. Das Drehbuch schrieb Rob Festinger zusammen mit Todd Field, basierend auf einer Kurzgeschichte des verstorbenen Andre Dubus.

Regie-Debütant Todd Field, ein angesehener Schauspieler, sah man zuletzt in Filmen wie Victor Nunezs "Ruby in Paradise" und Stanley Kubricks Eyes Wide Shut. Seine Inspiration zu In The Bedroom holte sich Field durch die Arbeit des anerkannten amerikanischen Kurzgeschichten-Schreibers Andre Dubus, der im Jahre 1999 verstarb. Dubus zeigte ein mitfühlendes, aber unsentimentales Porträt der amerikanischen Seele auf.

Um die Geschichte zum Leben erwecken zu können, wusste Field, dass er eine Besetzung benötigen würde, die die Fowlers, so wie Dubus sie beschrieb, eindeutig verkörpern konnte. Kern dieser Geschichte ist die sich plötzlich verändernde Ehe von Matt und Ruth Fowler, dargestellt von Tom Wilkinson und Sissy Spacek. Diese emotionale Darstellung von höchster Glückseligkeit, übergehend in Zerstörung bis zur absoluten Entschlossenheit verlangte eine große Bandbreite der Schauspielkunst.

Spacek war sofort angetan vom Inhalt der Story und dem emotionalen Feuerwerk. "Hier gab es dieses wunderbare Skript mit den wunderbar zerrissenen Charakteren, die unerwartet und völlig unvorbereitet durch Höhen und Tiefen gehen mußsten", sagt sie. "Ich konnte es einfach nicht zur Seite legen. Es erinnert mich so sehr an das wirkliche Leben, das jedem von uns widerfahren kann - man geht seinen normalen Weg und plötzlich, zwei Sekunden später, gerät alles aus der Kontrolle. So passiert es mit den Fowlers - sie sind so wie die Leute, die wir kennen oder wie wir selbst sind, das geht einem unter die Haut."

Tom Wilkinson versuchte auch herauszu-finden, was er an Matt Fowlers Stelle getan hätte. "Ich mußste es mir selbst erklären, um zu begreifen, wie ein Mann, der warmherzig, freundlich und liebenswürdig ist, Dinge tut, an die er niemals auch nur im Entferntesten gedacht hat", erklärt der Schauspieler. Ebenso war Wilkinson von der kompakten Story beeindruckt. "Das ist eine Geschichte über die Ehe, über Liebe, über Verluste, es ist aber auch ein unkonventioneller Thriller. Was den Film so spannend macht, ist die Tatsache, dass man ständig unsicher ist, was als nächstes passiert", sagt er.

Die Arbeit mit Wilkinson war für Sissy Spacek ein wichtiger Punkt. Sie nannte ihn "ein Kraftpaket von Schauspieler". "Er ist einfach süß und warmherzig, lustig und kompliziert, und all diese Eigenschaften lebt er bei der Charakterisierung von Matt aus. Es war einfach, sich vorzustellen, mit ihm seit vielen langen Jahren verheiratet zu sein", bemerkt sie.

Der Engländer Wilkinson vertiefte sich selbst in die Kultur von Maine und den besonderen Akzent dieses Staates, und er machte zusammen mit Nick Stahl einen Crash-Kurs in Sachen Lobsterfang. Beide Schauspieler unternahmen einige Trips mit einem professionellen Lobsterfänger, um sich in seine Arbeit hineinversetzen zu können. "Diese Arbeit verband Matt und Frank", bemerkt Wilkinson. "Aber ich wusste nicht, dass Lobsterfang eigentlich ziemlich gefährlich ist. Um zu sehen, ob der Lobster von guter Qualität ist, mußs man seine Scheren untersuchen, und die schnappen schnell mal zu. Ich war also nicht gerade darauf versessen, meine Hände diesen Seeungeheuern zu nahe kommen zu lassen. Aber letztendlich machte es doch großen Spaß, und ich verstand, wa-rum Matt so gerne mit Frank hinaus auf die See ging - man vergisst Raum und Zeit".

Frank, Fowlers fast erwachsener Sohn, überraschte seine Eltern mit der Nachricht, dass er sich in Natalie, die wesentlich älter ist als er, total verliebt hat. Natalie wird in einer höchst gefühlvollen Art und Weise von Marisa Tomei gespielt. Tomei war sofort von dem Drehbuch überzeugt, und vor allem von der Rolle der Natalie, die sie, wie sie glaubt, vollkommen versteht.

"Natalie ist ein sehr verletzlicher Mensch und mußs doch tapfer ihren Mann stehen", beobachtet Tomei. "Sie ist sehr enttäuscht von ihrer Familie, ihrer zerbrochenen Ehe und von der Liebe überhaupt. Und dann ist sie wirklich überrascht, dass ihr das alles wiedergegeben wird von einem Mann, der so viel jünger ist als sie und der aus einem ganz anderem Milieu stammt als sie. Aber mir gefällt das, wie sie damit umgeht, und das in einer so kleinen Stadt. Sie ist eine völlig unkonventionelle und meinungsoffene Frau. Natalie handelt gegen deine Erwartungen - und das finde ich gut." Tomei war vor allen Dingen von Natalies Entwicklung im Verlauf des Films begeistert. "Sie ist eine Frau, die jedem verzeiht - Richard, Frank, den Fowlers - nur sich selbst nicht", bemerkt sie.

Am Anfang dachte Tomei, sie müsse für diese Rolle kämpfen, da sie sich von ihren sonstigen Rollen, die oft sehr komisch sind und für die sie bekannt ist, wesentlich unterscheiden. "Ich hatte etwas Angst, dass Todd Field glauben würde, dass ich nicht die richtige Person für diese Rolle sei, aber ich wusste, dass ich Natalie spielen würde", sagt sie. "Als wir uns dann schließlich trafen, war es wunderbar. Todd arbeitete in solch einer vertrauten und kreativen Art, es war einfach schön." Um den richtigen Akzent und die Umgebung zu erlernen, verbrachte Tomei einige Tage mit den Frauen von Maine, die Natalie sehr ähnlich waren.

Als sie dann endlich am Set war, gehörte die Zusammenarbeit mit einer ihrer Lieblingsschauspielerinnen, Sissy Spacek, zu den absoluten Höhepunkten. "Mit Sissy zu arbeiten, gab mir unheimlichen Ansporn, denn sie ist ein Genie ihres Faches", sagt sie. "Ich lernte viel von ihr. Etwas, was mich besonders inspirierte, war die komplette Hingabe in ihren Job. Sie legt einfach alle Kraft in ihre Rolle, was schon fast beängstigend ist. Aber sie macht das auf eine Art und Weise, die Spaß macht und die höchste Kreativität aus den Leute herausholt, die mit ihr arbeiten. Wir hatten eine gute Zeit zusammen."

Schließlich mußste Tomei dann mit Nick Stahl spielen, der ihren wesentlich jüngeren Liebhaber darstellt. "Ich nannte ihn den Baby-Bräutigam", lacht sie. "Aber er war wirklich wundervoll und sehr reif". Stahl, der vom Kinderstar zum aufstrebenden Schauspieler wurde, kehrte für In The Bedroom an die Küste von Maine zurück, wo er seinen ersten Kinofilm, Mel Gibsons "Der Mann ohne Gesicht", drehte.

"Ich mag Frank wirklich", sagt Stahl. "Und zwar deshalb, weil er ein junger Mann am Scheideweg ist. Er mußs sich entscheiden zwischen dem Leben, das seine Eltern für ihn vorgesehen haben - den Collegebesuch, um einen guten, einträglichen Beruf zu ergreifen - und dem Leben mit der Frau, die er liebt, und dem Wunsch, als Lobsterfischer zu arbeiten, so wie es hier üblich ist."

Franks Zwangslage ist von dem Wunsch gesteuert, Natalies Kindern den Vater zu ersetzen, doch der eigentliche Vater, Richard, versucht das zu verhindern. "Frank weiß genau, was er will, aber er rechnet nicht mit Richards Gefühlen, die dieser durchlebt", sagt er. "Es wächst ihm über den Kopf". Um den Charakter von Frank, den Stahl darstellt, besser zu verstehen, verbrachte er auch einige Tage auf See als Lobsterfischer. "Das ist eine ganz andere Welt, die mich faszinierte", sagt Stahl, "aber ich könnte das nicht für den Rest meines Lebens machen. Es ist eine sehr harte Arbeit. Wahrscheinlich mußs einem das im Blut stecken, so wie es bei Frank ist. Und Frank liebt dieses Leben".

Aber was Frank am meisten liebt, ist Natalie. Sie führt allerdings einen Kampf mit ihrem in Scheidung lebenden Mann, Richard Strout, darstellt von William Mapother, der seine eigene Intensität in diese Rolle einbringt. Richard ist in den Augen Franks eine Bedrohung, aber Mapother gewinnt der Figur von Richard eine gewisse Sympathie ab. "Ich sehe Richard nicht als den Bösen", sagt er. "Er ist ein Mann, dessen Leben anders verläuft, als er es geplant hatte. Er war ein hoffnungsvoller High School-Athlet, er heiratete eine wunderbare Frau, hat zwei Kinder; es hätte alles perfekt sein können, doch er hatte es nicht verstanden, das alles zu halten."

Auf der anderen Seite von Richards Spektrum gibt es Matts liebevollen und warmherzigen Freund Willis, gespielt von William Wise. Wise mochte die recht seltene Freundschaft zwischen zwei Männern, die sich in der Mitte ihres Lebens befinden. "Das ist ein großartiges Porträt einer Männerfreundschaft", sagt er. "Willis ist ein Mann in einem geregelten Leben, aber als er sieht, dass sich sein Freund in einer großen Krise befindet, ist er da, ohne lange zu fragen".

Wie auch der Rest der Besetzung, machte Wise sich seine Gedanken über die moralischen Fragen, die die Geschichte aufwirft. "Ich glaube, der Kern der Geschichte ist die Frage, was passiert, wenn sich Menschen in einer Krise befinden", sagt er. "Wir kümmern uns um sie und sie sind uns in vielen Dingen ähnlich. Aber sind wir fähig, zu verstehen, was sie tun? Man kann es unmöglich wissen".

Todd Field unterstützt den Film durch starke visuelle Ansichten, die den Inhalt widerspiegeln, indem er die Gegend und die Erinnerungen an seine Heimat Maine als Gegensatz zu den Gefühlen, die quasi unter einer Maske zu brodeln beginnen, einsetzt.

Obwohl es seine erste Regie bei einem Spielfilm war, halfen ihm seine Erfahrungen als Schauspieler immens. "Er ging an die Sache mit außergewöhnlicher Leidenschaft ran", sagt Sissy Spacek, "er ist ein wirklicher Künstler im althergebrachten Sinn, jemand, der sich innigst um jeden Aspekt seiner Arbeit kümmert."

Tom Wilkinson fügt hinzu: "Was mir so gefällt an der Arbeit mit einem Regiedebütant ist die Tatsache, dass sie manche Dinge aus einem völlig unorthodoxen Blickwinkel sehen. Ich liebe die Art, Dinge auszuprobieren. Und Todd kann das. Er hat einen tollen Job mit jeglicher Herausforderung abgeliefert."

Field ließ die Schauspieler aber auch ihre eigene Kreativität ausspielen. Zum Beispiel arbeitete Sissy Spacek eng mit dem Set-Designer Shanon Hart an der Ausgestaltung des Fowler-Hauses zusammen. Spacek sagt: "Es war großartig, bei der Auswahl des Designs mitreden zu können, denn das Haus ist der eigentliche Anker der Familie, speziell für Ruth. Jedes Detail ist für die Story wichtig, und es zeigt, wie die Fowlers wirklich sind."

Dirk Jasper FilmLexikon
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