Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin

• Inhalt • Darsteller & Stab • Filmkritiken • Hintergrund • Interview mit André Heller und Othmar Schmiderer • Filmplakat im Großformat: Deutschland

Titel Deutschland: Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin
Titel USA: -
Genre: Dokumentarfilm
Farbe, Österreich, 2002

Kino USA: -
Kino Deutschland: 2. Mai 2002
Laufzeit Kino: 90 Minuten, FSK 12

DVD Deutschland: 4. Oktober 2004
Video Deutschland: 31. Januar 2003
Laufzeit DVD/Video: 87 Minuten

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Inhalt Traudl Junge war von 1943 bis zum Zusammenbruch der Naziherrschaft eine der Privatsekretärinnen von Adolf Hitler. Sie arbeitete für ihn im Führerhauptquartier in der Wolfsschanze, im Berghof am Obersalzberg, im Sonderzug und in Berlin. 1944 wurde sie Zeugin des missglückten Stauffenberg-Attentats, die letzten Kriegstage und den Selbstmord Hitlers erlebte sie im Führerbunker der eingekesselten Hauptstadt. Traudl Junge war es auch, der Hitler sein "Testament" diktierte.

Im Film äußert sich Traudl Junge erstmals öffentlich über ihr Leben, ihre Erinnerungen, Verstörungen und Selbstreflexionen. Sie spricht über ihre Kindheit in München, die Zufälle und Lebensumstände, die sie zunächst in die Berliner "Kanzlei des Führers", später als Privatsekretärin in die Wolfsschanze führten, der täglichen Routine im inneren Kreis von Hitlers Umgebung, von Tagesabläufen, deren freundliche Banalität in absurdem Widerspruch zur Vernichtungspolitik des NS-Regimes stand.

Wenn Traudl Junge von den letzten Tage vor Hitlers Selbstmord im Führerbunker erzählt ? ein 25-minütiger Monolog ohne jeden Filmschnitt ? entsteht das in seiner Eindrücklichkeit und Präsenz fast beängstigende Bild der Leere im Zentrum einer menschenverachtenden Macht, die angesichts ihrer Niederlage in sich zusammenfällt.

Nach dem Krieg zur wütenden Gegnerin des Nationalsozialismus geworden, konnte sich Traudl Junge ihre damalige Naivität und Ignoranz, ihr Versagen nicht verzeihen. Die Frage nach der eigenen Verantwortung bleibt nicht akademisch, sondern wird in der schonungslosen, ernsten Erzählung, in der Mimik und Gestik der Protagonistin, in den Nebensächlichkeiten, in denen sich unvermittelt die Hauptsache zeigt, erlebbar und lebendig.


Darsteller & Stab Darsteller: Traudl Junge

Stab:Regie: André Heller, Othmar Schmiderer • Produzenten: Danny Krausz, Kurt Stocker für Dor Film, Heller Werkstatt • Drehbuch: - • Vorlage: - • Filmmusik: - • Kamera: Othmar Schmiderer • Spezialeffekte: - • Ausstattung: - • Schnitt: Daniel Pöhacker • Kostüme: - • Make Up: - • Ton: Othmar Schmiderer • Ton(effekt)schnitt: - • Stunts: - •


Filmkritiken Dirk Jasper FilmLexikon: Der Film verzichtet auf jedes Beiwerk und konzentriert sich ganz auf die Erzählerin: die intensive, äußerste Verdichtung jahrzehntelangen, vorbehaltlosen Nachdenkens über Geschichte, Verdrängung, eigene Verantwortung und Schuld. Der Film verweigert sich jedem spekulativen Interesse an Geschichten über die Person Adolf Hitlers. Aber er enttäuscht die Sensationslust nicht: er widerlegt sie. In seiner Kargheit für die Leinwand gedacht und gemacht, ist Im toten Winkel ein Film zum Zuschauen und zum Zuhören, spektakulär ohne special effects.

Berliner Zeitung: Was diesen Film so substantiell macht: Hier legt jemand Zeugnis ab, wo man es nicht erwartet hätte. Da spricht eine Frau, die keine Zuflucht in billigen Freudianismen sucht, die weder Abstraktion noch Verdrängung gelten lässt (...) Othmar Schmiderer fand die einzig adäquate Form dafür. Zu sehen ist nichts anderes als das schöne Gesicht einer alten Frau vor ihrem Bücherregal. Ein paar Mal sieht man sie, wie sie sich die eigenen Aufnahmen anschaut. Sie bewegt ihre Lippen, als souffliere sie sich selbst. Es ist selten, dass eine innere Stimme so unverstellt nach aussen dringt.

FAZ: Ein höchst bemerkenswertes Dokument über die Banalität der Freundlichkeit im Zentrum des Grauens (...) Zu sehen ist einzig und allein Traudl Junge, mal in einem Pullover von leuchtendem Orange, mal in einem ganz weißen und mal in einem schwarzen. Eine schöne alte Dame, die vollkommen klar formuliert, völlig unsentimental erzählt und die Dinge sehr prägnant auf den Punkt bringt. (...) Man darf sich davon keine bisher unbekannten, gar sensationellen Informationen erwarten. Man wird aber auch keinen einzigen Satz der Rechtfertigung finden.

Süddeutsche Zeitung: Eineinhalb Stunden des Selbstzeugnisses einer hellwach Zerknirschten, gelegentlich aufschlußreich konfrontiert mit der Reaktion der Erzählerin selbst auf ihre eigenen Worte. Kaum sonst hat diese Gespensterwelt solche Greifbarkeit bekommen wie in den atemberaubenden Schilderungen der Traudl Junge. Ein Selbstzeugnis von unvergleichlicher Eindringlichkeit, wie sie die ansonsten überhand nehmenden Unheilsoperetten im pathetischen Tremolo ersäufen. Und von erstaunlicher Härte.

film-dienst 09/2002: Die Dokumentaristen haben ihren Film formal aufs Äußerste reduziert: es gibt keine Musik, keine Archivaufnahmen, erst recht keine nachgestellten Szenen. In dieser kargen Form wird das strenge Ringen Traudl Junges mit ihrem eigenen biografischen Material reproduziert und die damit einher gehenden Metamorphosen glaubhaft gemacht.

Kultur Spiegel 05/2002: Der puristische Ansatz, die Erinnerungen von Hitlers letzter Privatsekretärin in nahezu einer Einstellung aufzuzeichnen ist letztlich so banal wie das, was die 81-jährige, inzwischen Verstorbene aus der Schaltzentrale des Bösen zu berichten weiß. bei der Berlinale als substanzielles Zeugnis gefeiert.

Oranienburger Generalanzeiger: Nichts lenkt von dem ab, was Traudl Junge zu erzählen hat. Die längste Sequenz dauert rund 25 Minuten. Die Kamera rückt in diesem Abschnitt immer näher an die Erzählerin ? wie ein Zuschauer, der gebannt lauscht. Und genau so fühlt sich der Zuschauer im Kinosaal.

Die Presse: Die Verdrängung, das kann man hier studieren, ist ein Selbstschutzmittel mit beschränkter Wirkung: Irgendwann kommt all das hoch, was man sich selbst so lang verschwiegen hat.

Rhein-Zeitung 3. Mai 2002: Multitalent und Regisseur André Heller sowie Autor Othmar Schmiderer lassen die Zeitzeugin 90 Minuten lang in der Dokumentation zu Wort kommen.


Hintergrund Die Gespräche zwischen André Heller und Traudl Junge kamen im Jahr 2001 durch Vermittlung der Autorin Melissa Müller zustande, die zu dieser Zeit an der Herausgabe und Einleitung der von Traudl Junge bereits 1947 niedergeschriebenen Erinnerungen arbeitete. Othmar Schmiderer, der die Gespräche mit der Kamera aufzeichnete, wählte eine filmische Herangehensweise, die von wenigen Kameraeinstellungen und dem Verzicht auf zusätzliches Kunstlicht ausging. Er selbst war für Kamera und Ton verantwortlich, da so während der Begegnungen mit Traudl Junge der ausgestellte Charakter eines Filminterviews vermieden werden konnte.

Die Gespräche mit Traudl Junge fanden im Frühjahr 2001 in ihrer Münchner Wohnung statt. André Heller und Othmar Schmiderer montierten aus dem über 10-stündigen Material zunächst eine dreieinhalbstündige Fassung, die sie Traudl Junge vorführten. Während der Vorführung hatte Traudl Junge Gelegenheit, vor der Kamera Ergänzungen und Korrekturen vorzunehmen. Unter Einbeziehung der neuen Aufnahmen komprimierten André Heller und Othmar Schmiderer den Film schließlich auf die 90-minütige Kinofassung.

Seine Uraufführung erlebte Im toten Winkel auf den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2002, wo er mit dem Panorama-Publikumspreis ausgezeichnet wurde. Traudl Junge verstarb nach schwerer Krankheit in der Nacht des 11. Februar 2002, wenige Stunden nach der Uraufführung des Films.

Filmplakat
Videocover
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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