Ausführlicher Inhalt zu Gosford Park

Ein düsterer Nachmittag im November 1932 in einer der weitläufigen Grafschaften Mittelenglands. Es regnet wie aus Gießkannen. Keine guten Aussichten für die Jagdpartie auf Gosford Park, zu der Lady Sylvia und ihr Mann Sir William McCordle einige Freunde und Familienmitglieder (samt Domestiken versteht sich) geladen haben. Aber das Wetter kann morgen schon ganz anders aussehen. Überhaupt kann morgen alles ganz anders aussehen. Wie sehr, davon hat keiner der ankommenden Gäste bislang auch nur die geringste Ahnung ...

Auf Gosford Park sind alter Adel und neues Geld eine einstmals vielversprechende Verbindung eingegangen. Glück gebracht hat diese Konstellation aber im Lauf der Zeit niemandem - jeder ist in dieser Familie des andern Last, doch das Geflecht aus Macht und Dünkel, bürgerlichem Reichtum und adeligem Bankrott, Ränkespiel und Demütigung verbindet die Beteiligten unauflöslich in einem nach außen hin komfortablen, aber im Inneren vergifteten Status Quo. Der alte Sir William ist erfolgreicher Fabrikant, seine deutlich jüngere Frau Sylvia hat den Titel und umfangreichen Grundbesitz in die Ehe gebracht. Ihre Tochter Isobel ist etwa 15 Jahre. Etwa genauso lange sind sie verheiratet.

Zu Lady Sylvias Familie gehören ihre jüngere Schwester Louisa und ihr Mann Raymond, das sind Lady und Lord Stockbridge, sowie das ?Nesthäkchen' Lady Lavinia mit ihrem Mann, dem finanziell ruinierten Ex-Offizier Lieutenant Commander, Anthony Meredith.

Geladen sind außerdem die alte Tante der drei Schwestern, Constance, Countess of Trentham, sowie der junge Lord Rupert Standish, der sich um die Gunst von Isobel bemüht. Im Schlepptau hat er einen Freund, Jeremy Blond. Aus dem Bekanntenkreis von Sir William stammt das zerstrittene, unglückliche Ehepaar Mabel und Freddie Nesbitt und der berühmte Sänger und Filmschauspieler Ivor Novello, der seinerseits den amerikanischen Filmproduzenten Morris Weissman und dessen Diener Henry Denton zur Jagdpartie mitbringen durfte. Man sieht: eine illustre Gesellschaft aus Adel, Ruhm und Geld - Geld was man hat oder eben nicht.

Begleitet werden all diese Herrschaften von ihren Dienern und Dienstmädchen, so dass mit den ständigen Bewohnern des Herrenhauses und dem regulären Hauspersonal an diesem Wochenende ungefähr fünfunddreißig Menschen in Gosford Park durch Flure, Stuben und Treppenhäuser sowie Salons, Gemächer und Kaminzimmer wuseln.

Auf einer Landstraße irgendwo in der Umgebung von Gosford Park: Die grantelnde Countess von Trentham sitzt im Fond ihres Rolls Royce. Es gelüstet sie nach Tee aus ihrer Thermoskanne. Da Milady aber ungeschickt im Umgang mit solch modernen Utensilien ist, mußs die Karosse halten. Ihre junge Dienerin Mary steigt aus, um im strömenden Regen die Angelegenheit zu richten und durchnässt zu warten, bis es der alten Dame beliebt, die Fahrt fortzusetzen. Bei diesem unvorhergesehenen Stop wird die Karosse von einem anderen Wagen überholt, dessen Fahrer anhält, um zu erfahren, ob er helfen kann. Am Steuer sitzt der amerikanische Filmproduzent Weissman, neben ihm der berühmte Schauspieler Ivor Novello, auf dem Rücksitz der Diener. "Sind Sie okay?" fragt der Amerikaner die adlige Engländerin. "Ob ich was bin?" fragt die Countess zurück. In ihrem pikierten Tonfall steckt Snobismus, aber auch wirkliches Nicht-Verstehen.

Nach und nach treffen die meisten Gäste in Gosford Park ein. Während Sir William die Herrschaften am Haupteingang begrüßt, bekommen die mitgereisten Domestiken von der Haushälterin, Mrs. Wilson, ihre Zimmer zugeteilt. In dieser sowohl hektischen wie konzentrierten Arbeit horcht sie erst auf, als einer der jungen Diener - alter Sitte gemäß werden sie nur mit dem Namen ihrer Herrschaft gerufen - seinen eigenen Namen nennt: Robert Parks. Irritiert versucht sie ihn in ein Gespräch zu verwickeln und über ihn wird die Oberköchin Mrs. Croft später am Abend ihre Mädchen ausfragen, wie alt er wohl sein kann: zweiunddreißig, ungefähr.

Die herrschaftlichen Gäste wie die Diener bereiten sich auf den Höhepunkt des Ankunftsabends vor, das große Begrüßungsdinner. Während sich die einen zum Aperitif versammeln, sind die anderen beschäftigt die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Mal in den Wirtschaftsräumen, mal in den Schlafgemächern und dann gleich wieder in den Salons - das Hin und Her aller Personen und Beziehungen in diesem kleinen Mikrokosmos legt Schicht um Schicht die Hierarchien, Abhängigkeiten und Hoffnungen aller Beteiligten offen, aber auch das prekäre Gleichgewicht des ganzen Zusammenhangs: Die Tochter Isobel weist einen Lakaien schroff zurecht, als sie sich von ihm beim Gespräch mit ihrem Verehrer Lord Rupert Standish beobachtet fühlt, während es den ebenso adeligen Freund dieses Lords keineswegs geniert, als er später von dem gleichen Lakaien beim Sex mit einem der Hausmädchen überrascht wird. Für ihn ist der Lakai praktisch gar nicht anwesend.

Sir William ist ein alter Schürzenjäger. Gleich zu Beginn, wenn Lady Sylvias Schwester Louisa sich von der wartenden Abendgesellschaft absondert, um den Hausherrn in der Bibliothek zu treffen, wird aus flüchtigen Berührungen und Vertraulichkeiten der Sprache deutlich, dass die Nähe der beiden nicht nur verwandtschaftlicher Natur ist - oder zumindest war. Wenig später wird Sir William dann gegenüber Lady Sylvia grob darüber räsonieren, dass er die Unterhaltskosten für ihre Tante nicht mehr tragen will und nicht daran denkt, eine finanzielle Hilfe für die Ehe ihrer anderen Schwester Lavinia zu leisten. Die Handbewegung, mit der er kurz darauf die Haare seines Schoßhundes von der Bluse des Hausmädchens Elsie wischt, deuten ebenfalls auf ein Verhältnis der beiden.

Um Standesregeln geht es aber nicht nur unter den feinen Leuten. Als der Amerikaner Weissman den Butler des Hauses als Mr. Jennings anspricht, wird er von diesem korrigiert: "Nur Jennings bitte. Das ist genug, Sir." Es klingt wie Nachhilfe-Unterricht in Fragen des Benimms.

Später beim Abendessen der Dienerschaft, achtet Jennings auch darauf, dass die Diener entsprechend dem Rang ihrer Herrschaft am Tisch ihren Platz erhalten. Bei dieser Gelegenheit erfahren wir auch, dass Mr. Stockbridges Diener, Robert Parks, in einem Waisenhaus aufgewachsen ist, und viel später werden wir erfahren, dass er von seinem Vater dorthin abgeschoben wurde und seine Mutter gestorben sei.

Der Abend klingt aus und während die meisten in ihren Zimmern zur Ruhe kommen, mußs Mary in der Waschküche noch die Bluse ihrer Herrschaft auswaschen und beobachtet dabei Sir William mit einem der Hausmädchen ... Und der amerikanische Diener Harry Denton bringt Lady Sylvia ein Glas Milch aufs Zimmer und schließt die Tür hinter sich. Es ist ein Uhr nachts.

Am frühen Morgen versammeln sich die Treiber für die Jagd. Morris Weissman und Ivor Novello wollen selber nicht jagen, begleiten aber, wie auch Weissmans Diener Denton, als Beobachter die Jagdgesellschaft. Dieser Denton ist den anderen Dienern innnerhalb kürzester Zeit schon suspekt geworden. Es geht bereits die Rede um, dass dieser impertinente junge Mann bestimmt etwas zu verbergen hat - und allein dass er als einziger Diener die Herrschaft zur Jagd begleitet, zeugt von einer beispiellosen Ungehörigkeit.

Die Damen werden erst später, zum Lunch in einem kleinen Gartenpavillon, die glorreichen Jäger treffen. Isobel, die von dem arbeitslosen Bekannten ihres Vaters erpresst wird, sucht bei dem Hausmädchen Elsie Rat - und Hilfe, denn sie weiß offensichtlich von dem Verhältnis zwischen Elsie und Sir William.

Währenddessen im Haus: unter dem Vorwand nach dem Rechten zu sehen, besucht die Haushälterin Mrs. Wilson auch das Zimmer von Robert Parks. Parks selbst verhält sich sehr ablehnend gegenüber der Hausdame. Ihre Aufmerksamkeit wird von einem Foto auf dem Nachttisch in Anspruch genommen. Es zeigt seine verstorbene Mutter.

Im Badezimmer der Dienstboten berichtet die irritierte Mary ihrer neuen Freundin Elsie, dass sie gestern nacht Sir William mit einem der Mädchen beobachtet hat, was Elsie sichtlich verletzt.

Die Jagd ist inzwischen abgeschlossen und beim Lunch kommt es zu einem demütigenden Wortwechsel zwischen Sir William und Sylvias Schwager Meredith, als dieser für einen Moment seine Contenance verliert und den Gastgeber um finanzielle Hilfe anfleht. Ein feiner Riss hat sich aufgetan.

Der Abend naht. Ein weiteres Dinner wird gerichtet: Bei Tisch kommt es nun zu einem wirklichen Eklat. In die belanglose, mit kleinen Spitzen gewürzte Konversation bei Tisch rutscht dem servierenden Hausmädchen Elsie ein Widerspruch gegen Lady Sylvia heraus, womit sich nun für alle sichtbar das offiziell wohlgehütete Geheimnis ihres Verhältnisses mit Sir William enthüllt.

Dieser Bruch der Etikette erschreckt alle und kostet Elsie ihre Stellung. Lady Sylvia kommentiert schnippisch die Situation, und Sir William zieht sich wütend in seine Bibliothek zurück. Ablenkung finden die Gäste im Bridgespiel, während der Abend durch einen Liedervortrag von Ivor Novello umrahmt wird. Elsies Verhalten ist unter den Dienern Gesprächsstoff Nummer Eins, aber von der Musik gelockt, schleichen sich nach und nach alle in die Belle Etage und lauschen im Dunkeln, hinter Türen oder im Treppenhaus, den schmachtvollen Liedern Novellos.

Sowohl Anthony Meredith als auch Freddie Nesbitt stehlen sich aus der Gesellschaft heimlich davon, und auch Robert Parks sondert sich aus der Gruppe der Diener ab. Die Haushälterin Mrs. Wilson, serviert inzwischen Sir William, der in der Bibliothek eine Pistole reinigt, einen Cafe. Wütend schlägt er ihr die Tasse aus der Hand und verlangt Whisky. Irgendwo anders im Haus vertauscht unterdessen ein Mann seine sauberen Schuhe gegen schmutzverkrustete Stiefel, greift ein verstecktes Messer, schleicht in die Bibliothek und stößt die Klinge dem eingenickten Sir William heftig in die Brust.

Lady Lavinia will Sir William versöhnen und aus seiner Bibliothek zurück in den Salon holen, und während Nesbitt, Meredith als auch Parks wieder in ihre jeweilige Gruppe zurückkehren, während die Herrschaften duldsam und die Diener begeistert dem Gesang Novellos lauschen, fährt ein spitzer Schrei aus der Bibliothek in die harmonische Stimmung. Lady Lavinia hat den Toten entdeckt und fällt in Ohnmacht. Fürchtet sie, dass ihr Mann Anthony der Täter sein könnte?

Spät nachts noch treffen Inspektor Thompson und Constable Dexter in Gosford Park ein. Erst jetzt wird der am Tisch zusammen gesunkene Leichnam aufgehoben und dabei das Messer in seiner Brust entdeckt. Die Wunde selbst hat aber nur wenig geblutet, wie der Constable feststellt, weshalb auf eine andere Todesursache geschlossen werden mußs. Von all dem hat Morris Weissman, der wegen seines neuen Films, einem der berühmten Murder-Mystery-Filme um den Detektiv Charlie Chan, ständig mit Hollywood telephoniert, nichts mitbekommen. Sein Diener Denton allerdings hat Jennings inzwischen ein Geständnis gemacht: er ist Schauspieler, der sich nur zu Studienzwecken als Diener ausgegeben hat. Nach ersten Verhören geht die erschöpfte Gesellschaft zu Bett. Elsie und Mary unterhalten sich in ihrem Zimmer über Elsies unsichere Zukunft und Denton kümmert sich um Lady Sylvia.

Im kalten Frühlicht des nächsten Morgens wird der Sarg abtransportiert. Die Gäste frühstücken und der Inspektor beginnt mit einzelnen Verhören. Auch im Zimmer der Köchin, Mrs. Croft, steht ein Foto auf dem Nachttisch. Es zeigt ein Baby, das aber, wie Mrs. Croft auf die tollpatschige Frage des Inspektors antwortet, früh gestorben ist. Anthony flüstert seiner Frau auf der Treppe zu, dass der Tod dieses Bastards ihn (und sie) gerettet habe ... Letztlich scheint jeder ein Motiv gehabt zu haben, Sir William zu töten. Der mußs aber bereits tot gewesen sein, als er erstochen wurde.

Im Souterrain wollen die Küchenmädchen von Mrs. Croft mehr über Sir William wissen, da sie doch bereits vor dreißig Jahren in seiner Fabrik gearbeitet habe. Das weist Mrs. Croft empört zurück: Sie sei keines der vielen Mädchen in seiner Fabrik gewesen, sondern habe dort als Köchin gearbeitet. Immerhin würden sie sich ja vorstellen können, wozu Williams die Mädchen damals genötigt habe. Meistens hätten die armen Dinger abgetrieben, aber einige hatten ihr Baby auch behalten wollen. William habe diese Kinder dann in einem Heim untergebracht ...

Dentons Entschuldigung, dass er sich als Schauspieler auf die Rolle eines Dieners vorbereiten wollte, wird weder von den Dienern noch den Herrschaften akzeptiert Die einen fühlen sich benutzt und schneiden ihn, die anderen ahnen, dass ihr gesellschaftlicher Rang Teil eines austauschbaren Spieles ist. Deshalb erheitert es alle, dass einer der Diener diesem Denton, der jetzt mit den anderen Gästen beim Aperitif sitzt, mit absichtlichem Versehen Kaffee über die Hose schüttet.

Nach dem Lunch verabschiedet sich der Inspektor, der allen versichert, dass der Mörder sicher gefasst werden wird. Elsie packt ihre Sachen ein und unterhält sich mit Mary, die aus einer beiläufigen Bemerkung intuitiv erspürt, dass Robert Parks Williams erstochen hat. Sie stellt ihn in seinem Zimmer, und will von ihm wissen, weshalb er Williams so gehasst hat: Robert Parks ist eines der unehelichen Kinder von Sir William, eines der Kinder dieser Fabrikmädchen, die der Fabrikbesitzer in einem Heim unterbringen ließ und deren Mütter er verstoßen hat. Mary hat sich in den vergangenen Tagen gehörig in Parks verguckt und klammert sich an die Hoffnung, dass er nicht der Mörder sein kann, da William bereits tot war. Robert Parks ist das aber egal. Ihm ist wichtig, dass William tot ist.

Am morgen bereiten sich alle auf die Abreise vor. Elsie mußs ihre Stelle aufgeben und hat den kleinen Hund von Sir William in Pflege genommen. Weissman bietet ihr an, sie im Auto mit nach London zu nehmen. Während Mary die Koffer ihrer Herrschaft packt, unterhält sich Lady Sylvia mit ihrer Tante. Die frischgebackene Witwe weiß noch nicht, ob sie Gosford Park eigentlich behalten will, und sie weiß auch noch nicht, was sie mit all den Bediensteten anfangen soll.

Solche Überlegungen sind ein schwerer Schlag für alle, die in Gosford Park ihr bescheidenes Auskommen gefunden haben. Besonders aber für Mrs Croft und Mrs. Wilson. Diese beiden arbeiteten bereits vor dreißig Jahren in Williams Fabrik, der sie dann hier als Dienstboten anstellte. Mrs. Wilson hieß damals aber anders: Parker oder Parkers ...

Als Mary diesen Namen hört, fügen sich für sie schlagartig die wirklichen Zusammenhänge: sie geht zu Mrs. Wilson und stellt ihr nur eine einzige Frage: Warum? Mrs. Wilson hat vor über dreißig Jahren ihren Sohn fort geben müssen, der nun als Diener wieder in das Haus von Sir William gekommen ist. Damals konnte sie ihrem Kind nicht helfen, aber jetzt wollte sie ihren Sohn schützen. Deshalb hat sie William vergiftet, bevor ihr Sohn ihn ermorden konnte. Woher wusste sie aber, dass Robert William ermorden wollte? Weil es ihr Beruf ist und weil sie in ihrem Beruf die Beste ist. Eine gute Dienstkraft weiß immer im voraus, was zu tun ist. Sie will Robert aber nicht offenbaren, dass sie seine Mutter ist. Sie will nur, dass er glücklich ist.

Nachdem Mary gegangen ist, bricht Mrs. Wilson schluchzend zusammen. Mrs. Croft läuft zu ihr - in diesem Augenblick ist die lebenslange Unverträglichkeit zwischen den beiden wie ausgelöscht. Aus tiefstem Herzen kann die Köchin den Schmerz der Hausdame nachempfinden, und so tröstet sie sie, dass sie richtig daran getan habe, ihr Kind damals wegzugeben: immerhin lebe ihr Sohn! Sie selbst habe vor langer Zeit gegen Williams Forderung darauf bestanden, ihr Kind bei sich zu behalten, und später mußste sie mit ansehen, wie es doch wegstarb.

Inzwischen sind weitere Gäste abfahrbereit und Mary verabschiedet sich von Robert. Er soll nie erfahren, was an diesem Wochenende wirklich geschah ... Die Limousinen fahren eine nach der anderen davon - aber nichts wird mehr so sein wie zuvor.

Dirk Jasper FilmLexikon
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