Produktionsnotizen zu Gosford Park

Spätestens seit 1970, seit dem überwältigenden internationalen Erfolg von M*A*S*H, sowie der Oscarnominierung für diesen Film gilt Robert Altman als einer der bedeutendsten Autoren des Weltkinos. Sein Gespür für perfekte Darsteller-Ensembles, sein ausgeprägter Sinn für Teamwork und seine überzeugenden Drehbücher haben regelmäßig Klassiker der neueren Kinogeschichte hervorgebracht. Für seine neueste Produktion hat dieser ur-amerikanische Filmemacher nun erneut den Atlantik überquert und in Großbritannien Gosford Park gedreht, eine ur-englische Story - sowohl vom Personal, vom Humor, von der Moral und vom Ambiente -, die so nur im United Kingdom denkbar ist.

Bob Balaban - zugleich Produzent des Films und Darsteller des amerikanischen Filmproduzenten Morris Weissman - erinnert sich: "Vor ungefähr zwei Jahren hatte ich ein paar Ideen für einen Film skizziert, für den ich mir aber von Anfang an nur Robert Altman als Regisseur vorstellen konnte. Wir fingen dann an, uns zu verständigen, und nach und nach nahm wie von selbst eine Story im Stil dieser Murder Mysteries der dreißiger Jahre Gestalt an. Wir kamen dann dazu, dem ganzen einen klaren Rahmen zu geben, und so entwickelte sich die Idee einer Landpartie bzw. einer Jagdgesellschaft zu der einige sehr dünkelhafte und ausweglos miteinander verstrickte Vertreter der Upper Class auf einem englischen Landsitz zusammenkommen - das ganze allerdings erzählt aus der Sicht der Dienerschaft."

Robert Altman: "Ich habe bisher in fast jedem Genre gearbeitet, doch noch keinen Murder-Mystery-Film gedreht. Ich nutze gerne diese traditionellen Formen, um sie aber in ihrem Verlauf gegen den Strich zu bürsten und einen neuen Blick auf sie zu werfen. Wir diskutierten die unterschiedlichsten Ideen und Materialien, auch die Romane von Agatha Christie, aber nichts entsprach wirklich unseren Vorstellungen.

Erst langsam bekam der Film Gestalt, denn ich wollte keinen schlichten Wer-war-der-Mörder-Film drehen, mir ging es eher um ein Und-so-geschah-es. Man mußs dafür ?nur' die dramaturgischen Hits anders verteilen. Wir hatten uns eine sehr verkrustete Gesellschaft ausgesucht, aber gerade das ist ja so spannend, denn wenn dort etwas aufreißt, gehen die Risse sehr tief - und dort hinein zu leuchten ist sehr aufschlussreich. Wir wollten also von den gesellschaftlichen Verhältnissen jener Periode erzählen, die tatsächlich die Blütezeit dieser Mystery-Stories war. Zuerst spielte die Geschichte 1934 oder 1935, aber damit hätte Hitlers politischer Aufstieg die Stimmung beherrscht, und das hätte in diesem Fall von unserem eigentlichen Thema abgelenkt. Deswegen spielt die Geschichte jetzt etwas früher, 1932."

Drehbuchautor Julian Fellows hatte bereits an einem anderen Drehbuch mit Bob Balaban zusammen gearbeitet. Nachdem Balaban ihn Altman vorgestellt und in das Gespräch über Gosford Park einbezogen hatte, war Fellows sowohl von den Möglichkeiten der Geschichte an sich, aber auch davon, was deren Inszenierung versprach, wenn sich Altman ihrer annehmen würde, absolut begeistert: "Robert interessiert sich seit jeher für Geschichten und Ereignisse, in denen die Menschen nicht aus Neigung sondern aus äußerlichen Gründen zusammen gekommen sind: das Familientreffen anlässlich einer Hochzeit (Eine Hochzeit, 1978) oder das breite Spektrum der Charaktere ein Hollywood-Studio zueinander führt (The Players, 1992).

In solchen Zusammenhängen sind die Leute eigentlich nie aus freien Stücken zusammen. Deshalb verfolgen sie oft ganz unterschiedliche Ziele. Robert dachte, dass ein Wochenende auf einem englischen Landsitz genau eine solche Konstellation ermöglichen würde. Dieses Aufeinandertreffen von Herrschaft/Dienerschaft ermöglichen viele Charaktere mit völlig unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Zielen, die alle unter einem Dach zusammen kommen. Der Mord ist nur ein Kunstgriff, damit keiner der Gäste gehen kann und alle an das Haus gefesselt sind. Im Unterschied zu den Romanen von Agatha Christie und der Standard-Konstellation solcher Mystery-Filmen wollte Altman, dass der Mord nicht die Handlung in Gang bringt, sondern umgekehrt aus der Handlung heraus entwickelt wird. Ich mußste die einzelnen Figuren so modellieren, dass jeder Gründe für den Mord haben könnte.

Robert wollte unbedingt, dass die Geschichte glaubwürdig ist. Jedes Detail der vielen unterschiedlichen Handlungsstränge in einem Landsitz wie Gosford Park, in den Herrschafts- oder den Wirtschaftsräumen, "Above Stairs and Below Stairs", wie man im Englischen sagt, sollte stimmig und authentisch sein.

Um einen größtmöglichen Realismus zu gewährleisten, entschied sich Altman sehr früh, Gosford Park in England und vor allem mit englischen Schauspielern zu drehen. Als das Projekt dann im Spätsommer 2000 in Produktion ging, haben sich viele Branchenbeobachter skeptisch gefragt, ob ein so amerikanischer Regisseur wie Altman sich wirklich kompetent diesem ausgesprochen englischen Thema würde widmen können - und auch warum er es so unbedingt wollte! Konnte ein Filmemacher, der die Country-Musik-Szene von Nashvillle (Nashville, 1975) so sensibel einzufangen vermochte oder die intrigante Welt der Filmindustrie in "The Players" zu charakterisieren verstand, der Richtige sein, um die hermetische Adels- und Klassengesellschaft Englands mit ihren ausgeprägten aber auch rätselhaften Gegensätzen zum Leben zu erwecken?

Alan Bates, der im Film Sir Williams' Butler Jennings spielt, lässt mit seiner Antwort auf diese Frage keinen Zweifel: "Mich hat das keineswegs überrascht. Robert ist der Regisseur der feinen Nuancen, der Bezüge, der Atmosphäre und Stimmungen - das zeichnet all seine Filme aus. Gosford Park ist ein Film über Menschen, der so nur unter seinem speziellen Blick entstehen konnte. Ich spürte immer, dass er das Leben versteht - er beobachtet die Menschen genau und amüsiert sich dabei ein bisschen. Das macht den besonderen Altman-Touch aus."

Die direkten Produktionsvorbereitungen wurden im Herbst 2000 getroffen. Am wichtigsten hierbei war, wie bei allen Altman-Filmen die Besetzung. Also eigentlich Business As Usual, nur bei diesem Projekt lebten die meisten Schauspieler eben auf der anderen Seite des Atlantik. David Levy, Produzent und langjähriger Mitarbeiter Altmans, rühmt in diesem Zusammenhang vor allem die Arbeit der für das Casting zuständigen Mary Selway. "Sie hat ein außergewöhnliches Gespür und kennt scheinbar jeden in London. Bei keiner anderen Produktion habe ich erlebt, dass wirklich jeder Schauspieler, der sich vorstellte, interessant, lebhaft und charismatisch war und eine mögliche Alternative für die Rolle gewesen wäre."

Für Schauspieler, die jede Zeile vorher kennen müssen und jedes Detail bereits im Drehbuch ausgearbeitet finden wollen, war dieser Film zugegebenermaßen nicht das richtige Projekt. Waren sie aber bereit, eine gewisse ?Schwebe' zu akzeptieren und verstanden sie es, für die Figur, die sie spielen sollten, einen Charakter zu entwickeln, dann wurden sie von Robert absolut ins Herz geschlossen und konnten sich jeder Unterstützung sicher sein.

Gosford Park lebt, wie viele Altman-Filme zuvor, vom überraschenden Nebeneinander berühmter Darsteller und ?neuen Gesichtern'. Für englische Schauspielerinnen ist der Titel ?Dame' eine der größten Ehrenbezeugungen. Gosford Park kann gleich zwei ?Dames' aufweisen: Maggie Smith und Eileen Atkins. (Eileen Atkins hat übrigens seit langem mit dieser Parallelwelt von Herrschaft und Dienern zu tun, da sie vor fast dreißig Jahren, zusammen mit der Schauspielerin Jean Marsh, das klassische britische TV-Drama Das Haus am Eaton Place schrieb.). Den beiden Dames zur Seite finden sich zwei Sirs: Michael Gambon und Derek Jacobi.

Altman ist des Lobes voll für all seine Darstellerinnen: "Vermutlich sind es ihre Bühnenerfahrungen, weshalb die englischen Schauspieler so gut sind. Ich glaube auch, dass die Schauspieler sich in England grundsätzlich immer als Teil eines Ensembles verstehen und einbringen." Richard E. Grant, für den Gosford Park bereits die dritte Zusammenarbeit mit Altman ist und der hier den Part des Hausdieners George spielt, ergänzt: "Dieser Film ist eine Studie über menschliches Verhalten und Beziehungen, bei der allzu individuelle Geschichten für den Gesamteindruck fast störend wären. Die Entwicklung einer Szene im Ensemble ist für jeden sehr erfüllend, auch weil man weiß, dass keiner so leicht versuchen wird, sich insgeheim in den Vordergrund zu drängeln. Bei Altman ist die szenische Arbeit immer eine sehr demokratische und gemeinschaftliche Angelegenheit."

Clive Owen, der die Rolle von Robert Parks, des persönlichen Dieners von Lord Stockbridge, spielt, ergänzt: " Gosford Park ist ein typischer Film von Robert Altman, d.h. auch ein Produkt seines Ensembles. Jede Figur hat ihre eigene Persönlichkeit, ihre eigene Charakterisierung. Dadurch ist die Geschichte sehr reich. Die Dreharbeiten ähnelten häufig der Arbeit beim Theater. Wir kamen jeden Tag zum Drehort und waren so Teil eines wirklich einmaligen Ensembles."

Robert Altman beschreibt, wie er sich die Zusammenarbeit zwischen ihm und den Schauspielern vorstellt: "Die Personen von Gosford Park sind nur in einigen Punkten wirklich festgelegt. Die meisten Schauspieler werden das Drehbuch gelesen und sich vorbereitet haben. Ich sage ihnen dann natürlich nicht: Du mußst das jetzt so oder so spielen!' ich gehe davon aus, dass sie den Charakter ihrer Figur besser kennen als ich, und warum sollte ich mir davon nur eine dünne Scheibe abschneiden.

Mich interessiert weniger die Handlung als die Beziehungen der Figuren. Bei den Dreharbeiten kümmern sich eine ganze Menge Mitarbeiter darum, dass wir die entscheidenden Entwicklungen der Geschichte nicht vergessen, aber wenn ich mich beim Drehen nur um diese Sachen kümmern würde, würde ich nach den falschen Sachen suchen. Was ich von einem Schauspieler bekommen möchte, habe ich vorher noch nicht gesehen - wie könnte ich es ihm dann bereits beschreiben!

Normalerweise drehen wir jede Aufnahme mehrmals, auch wenn die erste bereits ausgezeichnet war, denn ich hoffe immer auf einen ,Fehler' im Ablauf. Ich glaube, dass die schönsten Momente in meinen Filmen nicht geplant waren. Es waren Dinge, die zufällig passierten und wir dachten dann am Schneidetisch: ,Wunderbar!. Das wollen wir behalten!.' Das ist der Moment, an dem man die Gefühle des Publikums berührt und ich möchte, dass jeder, der Gosford Park sieht, von solchen Momenten der Wahrheit berührt wird."

Der größte Teil der Filmcrew arbeitete bei diesem Projekt erstmals mit Altman zusammen und fand sich plötzlich mit einer für sie vollkommen neuen Art des Filmemachens konfrontiert, die sie zugleich überrumpelte wie anregte. Kristin Scott Thomas (sie spielt Lady Sylvia McCordle, die junge Frau von Sir William) beschreibt diese Erfahrung: "Altmans Arbeitsstil war ganz anders als bei vielen anderen Filmen, bei denen man sich vorbereitet und genau weiß, was man wann tun soll. Wir haben vorher nie geprobt, sondern kamen einfach an den Drehort.

Robert verglich das damit, dass er Perlen auf den Parkettboden werfen würde - wir müssten dann beim Suchen selbst sehen, wer mit wem zusammen stoßen würde und was sich daraus ergäbe. Das war sehr anregend, weil man dabei Risiken eingehen und Dinge ausprobieren mußste, ohne vorher zu wissen, ob sie wirklich gelingen. Robert hat mit der Wahl der Schauspieler, seinem Drehbuch und der Regiearbeit selbst eine Arbeitsatmosphäre geschaffen, in der sich fast Familiengefühle zwischen den drei Schwestern (gespielt von Kristin Scott Thomas, Geraldine Somerville, und Natasha Wightman) und ihren Ehemännern (Sir Michael Gambon, Charles Dance und Thomas Hollander) entwickelten."

Altmans Kameraführung ist - ebenfalls wie immer - ungewöhnlich. In Gosford Park erneuerte er seinen Ruf für ungewöhnliche Kameraarbeit, weil er die meisten Szenen immer von zwei Kameras gleichzeitig aufnehmen ließ. So wurden Licht und Kadrage von dem amerikanischen Kameramann Andrew Dunn immer für zwei unterschiedliche Blickwinkel eingerichtet, was zum einen deutlich längere Aufbauzeiten erforderte, dafür aber auch einige Umbauten ersparte und längere Takes und somit authentischeres Spiel ermöglichte.

Emily Watson (sie spielt das Hausmädchen Elsie und hat eine Affäre mit Sir William) hat bereits früher einmal - allerdings als Produzentin - mit Altman gearbeitet. Für sie waren die Dreharbeiten von Gosford Park befreiend, da man nicht immer genau wusste, wann man was zu tun hatte: "Deshalb hatte man gar keine Wahl, als die ganze Zeit mitzuspielen. Die Kameras glichen zwei herumstreunenden, auf Beute lauernde Bestien, die sich umschauten, was denn los ist."

Stephen Fry (Scotland Yard Inspector Thompson) ergänzt: "Das ist eine faszinierende Methode. Robert gleicht einem großen zotteligen Bär, und er hat einen wirklich eigenen Arbeitsstil. Eine oder auch beide Kameras bewegten sich und man stand zwischen beiden, sprach seinen Text, wurde dabei aber aufgenommen. Das hielt ich doch für ziemlich absurd. Wir machten manchmal vier Probeläufe für die Kameras und es war das absolute Chaos, ein einziger Albtraum. Aber nach der sechsten Probe hatte sich dieses Ballet der Kameras plötzlich geklärt. Bob vermittelt eine Ruhe und besitzt die Fähigkeit, den gesamten Film bereits vor Augen zu haben. Er ist wirklich bemerkenswert."

Jeremy Northam (der die einzige historische verbürgte Person, den englischen Schauspieler und Sänger Ivor Novello spielt): "Robert hat eine wunderbare Begabung Sequenzen zu choreographieren, so dass sie oft mit einer Kamerafahrt eingefangen werden können. Er beobachtet, was ein Schauspieler von sich aus gerne tun würden und findet dann eine Möglichkeit, das in sein Bildarrangement nahtlos einzufügen und ihn zugleich von seiner besten Seite zu zeigen. Selbst in einer Geschichte mit so vielen und verzweigten Nebengeschichten."

Richard E. Grant, der mit Altman bereits "Pret-á-Porter" und "The Players drehte, bestätigt: "Robert will überrascht werden. Er will nicht vorher wissen, was die Schauspieler tun werden oder noch einmal sehen, was er bereits gesehen hat. Es gibt wenige Regisseure, die ein solches Spiel von einem Schauspieler verlangen - zu Beginn der Arbeit behaupten es viele, aber später wollen sie genau das, wofür man bereits bekannt ist. Robert geht aber tatsächlich immer bis an den Rand der Möglichkeiten."

Auch für Ryan Philippe (er spielt Henry Denton, den Diener des amerikanischen Filmproduzenten Weissman), einer von nur zwei Amerikanern im Ensemble, war Altmans Arbeitsweise sehr anregend: "Die Arbeit fühlte sich sehr natürlich an, als würde man die Geschichte gerade selbst erleben, was für einen Schauspieler die beste Erfahrung ist. Die Stimmung kann bei Dreharbeiten oft sehr künstlich sein - das Licht blendet und es sind so viele Leute auf dem Set - , so dass es schwer fällt sich frei zu fühlen. Bei der Arbeit mit Robert weiß man nie, ob man gerade von der Kamera erfasst wird und man mußs daher ständig in seinem Spiel sein."

Helen Mirren (Mrs. Wilson, Haushälterin in Gosford Park): "Robert hat eine sehr eigenwillige, charakteristische Art zu arbeiten. Das ist für einen Schauspieler sehr wichtig, weil da einer ist, der den scheinbar nebensächlichen Details einer Szene die gleiche, wenn nicht größere Aufmerksamkeit widmet als den Hauptmotiven. Die Szene überlässt er sich selbst und konzentriert seine Aufmerksamkeit, seine Phantasie und seine ganze Energie auf all das, was um das Hauptgeschehen herum passiert. Das ist großartig, weil dadurch die gesamte Szene voller Details und Nuancen ist."

Dialoge, die sich oft gnadenlos überlappen, sind ein weiteres Markenzeichen von Altmans Filmen. Der Regisseur legt großen Wert darauf, dass bereits bei den Dreharbeiten sämtliche Dialoge ?sauber' aufgezeichnet werden. Der Tonmeister Peter Glossop stattete jeden Schauspieler mit einem drahtlosen Mikrofon aus - bei einzelnen Takes hatte er sechzehn Kanäle abzuhören und vorzumischen. Durch diese Sorgfalt beim Drehen kann Altman beim Schnitt schließlich uneingeschränkt auswählen, was er für besonders interessant hält Altman: "Wirklich gute Dialoge sind oft improvisiert. Ich ermutige die Schauspieler oft, keine eingeschliffenen Reden zu führen sondern eine Plauderei wie eine Plauderei zu führen. Schließlich merken sie, dass das eine Menge Spaß machen kann und wenn mal etwas daneben geht, ist das auch nicht besonders schlimm, weil man es noch einmal drehen oder es auch etwas anders versuchen kann."

Der Drehbuchautor Julian Fellows war einem solchen Arbeitskonzept gegenüber sehr aufgeschlossen: "Bei allen großen Gruppenszenen war das Drehbuch nur eine Art Rahmen. Es gibt Dialogteile, die für die Entwicklung der Handlungsfäden oder die Beziehungen zwischen einzelnen Personen wichtig sind. Aber da die Schauspieler so außergewöhnlich gut waren, konnten sie fehlende Dialogteile selbstständig überbrücken."

Da Julian Fellows auch als Schauspieler arbeitet, hat sein Wort doppeltes Gewicht: "Robert besitzt eine wirkliche, ungekünstelte Liebe zu den Schauspielern - und echte Begeisterung und Respekt für ihren Beitrag. Das ist für sich genommen schon ungewöhnlich, diese Begeisterung bezieht aber wirklich jeden Schauspieler am Drehort ein und ist nicht nur eine Masche.

Außerdem hat Robert eine außergewöhnliche bildliche Vorstellungskraft. Ich denke dabei an eine ganz bestimmte Szene: als sich die Frauen vor dem Lunch der Jagdgesellschaft alle zuerst im Haus treffen, hatten wir die Szene bereits einige Male geprobt, als Robert den Schauspielerinnen plötzlich vorschlug, während der ganzen Szene ständig umherzugehen, zu reden und alles mögliche zu tun ohne auf Anschlüsse oder genau abgegrenzte Dialoge zu achten. Ich dachte zuerst: ?Was soll der Quatsch?'. Als ich aber am nächsten Tag die Muster sehen konnte, war jedes wichtige Detail, jede feine Nuance der einzelnen Charaktere einerseits so überzeugend gespielt während die Szene wie das alltägliche ungeordnete Chaos wirkte und nicht wie eine künstliche Filmszene. Ein solches Risiko zu wagen ist schon Ausdruck eines übermenschlichen Vertrauens."

Sir Michael Gambon (Sir William McCordle, Besitzer von Gosford Park und späteres Mordopfer): "Die Dreharbeiten waren wunderbar. Gosford Park ist witzig, hat ein großartiges Drehbuch und wurde vom besten Regisseur inszeniert, den ich mir dafür vorstellen kann, und da viele meiner Freunde darin mitgespielt haben, war es für mich außerdem eine einzige große Party."

Die Ausstattung Die meisten Szenen in den herrschaftlichen Räumen wurden in einem Landsitz etwas nördlich von London gedreht. (Einige Einstellungen, vor allem die Szenen in den Schlafzimmern, wurden in Syon House, Middlesex gedreht). Stephen Altman, der für das Production Design von Gosford Park zuständig war, wechselte manchmal nur einige Möbel oder Teppiche aus, damit die Räume den dreißiger Jahren entsprachen, aber meistens entsprach die Einrichtung bereits seinen Vorstellungen: "Diese Häuser sind vollgestopft mit zwei-, dreihundert Jahre alten Gegenständen und wir mußsten oft nur einige damals moderne Sachen hinzufügen. Wir wollten, dass die Räume bequem und komfortabel sind, während viele der Häuser, die wir uns angesehen hatten, eher wie Museen denn wirklich bewohnte Räume wirkten."

Die Hauswirtschaftsräume wurden in den berühmten Shepperton Studios gebaut. Stephen Altman: "Wir entschlossen uns dazu, diesen Teil des Hauses im Studio nachzubauen, weil wir keine originalen Räume mehr fanden, die noch erhalten und zugleich für Filmaufnahmen geeignet waren. Die Studiobauten sind dabei ein Destillat all der Wirtschaftsräume, die wir - in Bildbänden oder in Wirklichkeit - gesehen hatten. Wir versuchten sie nur so zu adaptieren und nachzubauen, dass sie zu unseren Herrschaftsräume passten. Einige Treppenhäuser haben wir fast genau kopiert, aber die Räume selbst sind eine Mischung von mehreren wirklichen Orten."

Wegen der gründlichen Recherchen entstand in den nachgebauten Studiobauten gleichsam die Idealversion von Wirtschaftsräumen. Stephan Altman und seine Mitarbeiter wollten einen eigenen Raum, in dem nur die Kleider ausgebürstet und die Schuhe geputzt wurden; einen kleineren Raum, in dem Liköre reiften, Marmelade gekocht oder Frühstückstabletts zusammengestellt wurden; man wollte einen Schrank, indem das Silber eingeschlossen und das wertvolle Chinaporzellan verwahrt wurde, das Bügelzimmer, der Wäscheraum, die Küche, das Esszimmer der Bediensteten, eine Spülküche und einige Räume für die höheren Angestellten.

Stephen Altman hat sich die Freiheit erlaubt, die Räume etwas zu weiten und auch das beklemmend düstere zu nehmen, das er überall dort vorfand, wo es solche Wirtschaftstrakte tatsächlich noch gab: "Die meisten Wirtschaftsräume, die wir uns angesehen hatten, glichen Labyrinthen, in denen es sehr kompliziert gewesen wäre, zu drehen. Deshalb bauten wir zusätzliche Korridore und Fenster ein, die es in einigen Häusern aber auch wirklich gegeben hat, denn so sollte Tageslicht in diese dunklen Winkel fallen. Für die konkreten Erfordernisse der Dreharbeiten habe ich nur ein paar hinzugefügt, weshalb es besonders an den Kreuzungen oft Türen und Fenster gibt, durch die wir auch drehen und damit ein Gefühl für den Raum vermitteln konnten. Sonst hätten diese ganze Etage vielleicht eher wie ein Tunnelsystem gewirkt. Wir haben einfach unterschiedliche Sachen ausprobiert, um der Kamera größeren ?Spielraum' - im wahrsten Sinn des Wortes - zu geben."

Keine dieser Freiheiten aber nahm sich Stephen Altman leichtfertig heraus. Für das gesamte Design-Department galt natürlich, was für Gosford Park insgesamt bestimmend war: größtmögliche Authentizität. Jenny Beavan, die die Kleider entwarf, sagt: "Wir haben jedes Detail der Garderobe diskutiert, bis hin zur Unterwäsche der Dienstmädchen. Robert Altman sind diese Details sehr wichtig: er wollte alles möglichst genau haben, ohne dass es dabei überdreht oder falsch wirkte. Deshalb hatte ich mich gut vorbereitet und mir originale Kleider der dreißiger Jahre angesehen, die wir dann kopierten. Während wir für die Kleider der Herrschaften viele Vorlagen fanden, war das bei den Dienerschaft schwerer. Sie wurden, wie man sich vorstellen kann, damals selten fotografiert. Aber zum Glück gibt es einige ausführliche Erinnerungen oder Tagebücher, vor allem von Nancy Astors Hausmädchen Rosina Harrison und auch von Lady Troubridge."

So kann Bob Balaban als Produzent des Films feststellen: "Ich bin auf die Ausstattung des Films sehr stolz. Man sieht diese Zeit um 1932 eigentlich sehr selten im Kino. Dabei sehen die Frisuren und diese wunderbaren, sinnlichen Kleider großartig aus."

Die Welt der Herrschaften Gosford Park spielt im November 1932, zu einer Zeit also, als sich in England die Epoche der großen Dienerscharen bereits ihrem Ende zuneigte. Der zweite Weltkrieg hat noch nicht begonnen, aber der Status quo verändert sich fast unmerklich und die festgefügten sozialen Grenzen, die in England Jahrhunderte gültig waren, beginnen sich aufzulösen.

Stephen Fry, der sich sowohl als Autor wie Schauspieler in dieser Zeit der festgefügten Klassenverhältnisse gut auskennt, stellt dazu fest: "In England kennt buchstäblich jeder diese Zeit aus der Fernsehserie Das Haus am Eaton Place oder solchen Kinofilmen wie "Was vom Tage übrig blieb". Nie aber wurden solche Geschichten aus diesem Blickwinkel erzählt. In Gosford Park wird jede Szene, die im herrschaftlichen Kreise spielt, erst dadurch legitimiert, dass sie über die Beobachtungen einer Dienstkraft vermittelt wird - alles wird aus dem Blick der Dienerschaft berichtet. Ein Lakai reinigt die Aschenbecher, ein Dienstmädchen kämmt das Haar ihrer Herrin - aus diesen Beobachtungen fügt man das Bild der oberen Klasse zusammen. Und die Welt der Dienerschaft selbst wird als gigantischer Betrieb vergegenwärtigt, der in sich ebenfalls sehr strenge Protokoll- und Etiketteregeln hat."

Robert Altman beschreibt diese Struktur noch genauer: "Wir entschieden, dass wir das Publikum immer nur dann in die herrschaftlichen Räumen führen wollten, wenn es sozusagen von einem Diener begleitet wurde. Wir konnten also nicht einfach nach oben - zu einer Szene der Herrschaften - schneiden, um die Geschichte voranzutreiben. Daraus entwickelte sich die Idee, dass das Publikum über die Herrschaft immer nur wenige Bruchstücke erfährt - und was man erfährt, hört man eben nur aus der Gerüchteküche des Dienstpersonals, manchmal widerspricht sich das dann auch."

Helen Mirren: "Der Film wird durchzogen von stilistischen Widersprüchen: das ist einerseits so wie es eben ist, andererseits gibt das Gelegenheit für wunderbar melodramatische Einschübe."

Kelly MacDonald spielt Mary Maceachran. Sie ist das junge Dienstmädchen von Lady Constance, Countess of Trentham, der ältlichen Schwester von Lady Sylvia. Mary ist sozusagen das ?Medium' des Publikums. Zusammen mit ihr betreten wir zum ersten Mal die Welt von Gosford Park. Kelly Mac Donald erinnert sich an die Szenen, wenn sie nach oben in die herrschaftlichen Räume gerufen wurde: "Ich stand gewöhnlich im Hintergrund und suchte keinerlei Augenkontakt mit den anderen. Ich konnte aber beobachten, wie sich langsam Beziehungen ?dort oben' herausbildeten, so wie sich auch ?unten' Beziehungen entwickelten. Zusätzlich beeindruckend aber war, dass es auch außerhalb des unmittelbaren Drehs Grenzen zwischen oben und unten gab. Natürlich viel durchlässiger als in der Geschichte - aber immerhin."

Sir Derek Jacobi (in der Rolle von Probert, dem Kammerdiener von Sir William) fügt stoisch hinzu: "Wir mischen uns nicht unter die Lords und Ladies oben. Wir sind sehr, sehr anspruchslos, wir Dienstkräfte!" In etwas ernsterem Ton ergänzt Stephen Fry: "Indem der Film die Klassenverhältnisse untersucht ohne dabei mit der politischen Fahne zu wedeln, deckt er auch deren Lächerlichkeit auf - die Abhängigkeit der Reichen, die oft über enormen Besitz verfügten, von einer Dienerschaft, ohne die sie fast hilflos waren. Hitler und der zweite Weltkrieg zum einen, die Labour-Regierung von 1940 zum anderen werden diese Verhältnisse völlig verändern."

Helen Mirren sieht das anders: "Die Charaktere dieses Films hegen über sich keine Zweifel und halten dieses Verhältnisse für vollkommen normal. Ich finde, der Film ist kein politischer Kommentar über das britische oder englische Klassensystem."

Richard E. Grant hält dagegen, dass Gosford Park "selbstverständlich eine Studie über das englische Klassensystem ist. Er untersucht, wie das Verhalten der Menschen von diesem Klassensystem bestimmt wird und wie diese Klassenverhältnisse notwendigerweise gewisse Heucheleien produzieren: während man ?oben', in den Herrschaftsräumen arbeitet, mußs man völlig teilnahmslos sein, erst ?unten', in den Wirtschaftsräumen, darf eine Dienstkraft ihre wirklichen Empfindungen zeigen. Das ist eine der Quellen des englischen Humors und der Literatur der letzten 1.000 Jahre und in dieser Hinsicht - aber nur in dieser Hinsicht - könnte man sich gar der zynischen Hoffnung hingeben, dass es doch so bleiben möge."

Dieser ausgeprägte Gegensatz zwischen beiden Schauplätzen war von Anfang an beabsichtigt: während die Herrschaften in den meisten Szenen etwas gelangweilt herumsitzen, müssen die Diener und Küchenkräfte ständig schuften, um alle Wünsche zu erfüllen. Altman äußerte die deutlich Bitte an die Schauspieler, beim Drehen bloß keinen Moment lang still zu sitzen, sondern immer beschäftigt zu sein, auch wenn sie nur im Hintergrund zu sehen waren und dort nähten, bügelten oder Schuhe putzen.

Altman fand aber auch Gemeinsamkeiten zwischen beiden Klassen: "Unter der Dienerschaft gibt es fast stärkere Hierarchien als bei ihren Herrschaften. Bei den Mahlzeiten sitzen jedes Mal die gleichen Menschen nebeneinander, entsprechend ihrem Rang, ihrem Titel oder ihrem Ehepartner. Ähnliches passiert aber auch unter der Dienerschaft, die diese Hierarchie vielleicht noch ernster nimmt: das Mädchen des ranghöchsten Gastes sitzt nächst dem obersten Butler des Hauses, die Hierarchien der Herrschaft werden hier regelrecht nachgeahmt. Und es ist interessant, dass sie sich sogar ähnlich kleiden: die Männer tragen Frack, egal ob sie die Gäste sind oder die Diener der Gäste."

Gleich in einer der ersten Sequenzen von Gosford Park wird man übrigens auf dieses Phänomen eingestimmt: Die Haushälterin von Gosford Park, Mrs. Wilson, unterweist den Diener des amerikanischen Produzenten Morris Weissman, dass die Dienerschaft der Gäste mit dem Namen ihrer Herrschaft gerufen wird. Während ihres Besuches soll der Diener Henry Denton daher den Namen seiner Herrschaft ?Mr. Weissman' tragen. Eine Sitte, die für den amerikanischen Diener so befremdlich wirkt wie auf das Filmpublikum.

Die charakterlichen Besonderheiten beider Klassen wurden von den Filmemachern äußerst gründlich recherchiert und untersucht. David Levy berichtet: "Ich habe sehr viel über die Zeit und diese Leute gelesen - und dabei auch viel Spaß gehabt. Einige Bücher haben wir den Schauspielern zum Lesen gegeben, damit sie sich in ihrer Rolle sicherer und souveräner fühlen können. Den Darstellern in der Oberschicht haben wir Bücher über die Etikette oder wie man Konversation führt, gegeben, während die Darsteller der Dienerschaft genaue Berichte erhalten haben, wie der Tag eines Dieners ablief, welche Pflichten Stunde für Stunde von ihm erwartet wurden.

Von den Butlern über die Diener zu den Lakaien, von der Haushälterin zu den Köchen, von den Hausmädchen zu den Küchenhilfen: jedes Mitglied der Dienerschaft hatte ganz bestimmte Verpflichtungen einzuhalten, damit das Haus ordentlich und komplikationslos funktionierte. Jeder, der in Gosford Park arbeitete, war bemüht, sicherzustellen, dass es im Tagesverlauf der Herrschaften keine unliebsamen Überraschungen gab. Deshalb sicherte sich Drehbuchautor Julian Fellowes den Rat ehemaliger Diener dieser hochherrschaftlichen Häuser. Dieser Rat wurde auch während der Dreharbeiten immer wieder gerne eingeholt.

Arthur Inch begleitete das Projekt als beratender Butler, Lakai und Kammerdiener. Inch wurde 1915 geboren ; sein Vater war Butler und seine Mutter Hausmädchen. Er wuchs unter Dienern auf und wurde ab dem fünfzehnten Lebensjahr von seinem Vater in die hohe Kunst des Dienens eingewiesen. So beherrschte er schon als Teenager den berühmten Satz "Dinner is served, Madam." Aber nicht nur das, er durfte ihn auch tatsächlich sprechen.

Während der Dreharbeiten war der inzwischen als Rentner lebende Inch deshalb eine wertvolle Hilfe um die männlichen Schauspieler der Diener und Helfer dabei zu beraten, wie sie sich verhalten, anziehen oder bewegen sollten. Alan Bates spricht hier für alle: "Wir verbeugen uns alle vor ihm. Inch war einfach wunderbar und kennt in diesem Job noch das kleinste Detail."

Inch gefielen die Ergebnisse sehr gut. Er genoss die Erfahrung, will aber auch eingestehen, dass die Dreharbeiten für ihn sehr berührend waren: "Es war fast eine Verfilmung meines eigenen Lebens. Wenn ich auf dem Set war, schien die Zeit zurückgesetzt. Es war für mich verblüffend, das zu erleben."

Ruth Mott betreute die Dreharbeiten als beratende Köchin. Sie begann ihre Ausbildung zur Köchin zu Beginn der dreißiger Jahre als sie ungefähr vierzehn Jahre alt war. Anfangs arbeitete sie in einem nahe gelegenen Herrschaftssitz und verdiente fünf Shilling die Woche, von denen sie wiederum etwas mehr als die Hälfte an ihre Mutter schickte. Ruth Mott arbeitete die meiste Zeit ihres Lebens als Köchin und sagt heute: "Ich glaube nicht, dass es etwas gibt, was ich in einer Küche nicht kenne. So konnte ich den Schauspielern immer wieder helfen. Es gibt bei der Küchenarbeit der Vorkriegszeit und der Nachkriegszeit bedeutende Unterschiede und ich hatte das Glück, dass ich beides kennen lernte."

Dame Eileen Atkins, (die Oberköchin Mrs. Croft) verstand die Bedeutung, dass jede Abteilung eines solchen Hauses ihren eigenen Chef hat: "Mrs. Croft legt Wert auf strikte Trennung der einzelnen Bereiche, denn wenigstens in ihrem kleinen Bereich ist sie die Königin. In der Hierarchie des Hauses stehen nur die Haushälterin Mrs. Wilson und der Butler Jennings über ihr - mit denen sie aber nicht viel zu tun hat. Sie hat einen Schelmen-Charakter und scheint sich immer wieder auch auf Kosten der anderen Angestellten ein bisschen Spaß zu gönnen."

Wie Arthur Inch und Ruth Mott arbeitete auch Violett Liddell, die die Schauspielerinnen über ihre Pflichten bei der Hausarbeit beriet, in den dreißiger Jahren als Hausmädchen - unter anderem für George Bernhard Shaw und im Dienstsitz des englischen Premierministers, in Downing Street Number Ten. Das Selbstverständnis eines Hausmädchens, die alles Wichtige sieht und hört, dabei aber diskret bleibt - oder eben auch nicht - , wird in Gosford Park ebenfalls angesprochen. Emily Watson verkörpert diese schwierige Aufgabe, eine verschwiegene Plaudertasche zu sein hervorragend.

Die Schauspieler erhielten auch einige Auszüge von Lady Troubridges "Book of Etiquette", in dem man unter anderem die folgende Passage lesen kann. "Es mag sein, dass einige Herrschaften glauben, Diener seien niedrigere Menschen, aber ich versichere Ihnen, Menschen dieser Denkungsart haben meist selbst einen niederen Charakter. Wir schulden den Dienstkräften mehr als den Lohn, den wir ihnen zahlen. Wir schulden ihnen Dank, Rücksicht und Freundlichkeit. Diese wiederum sollten aber auch für ihre Herrschaft Rücksicht und Freundlichkeit empfinden und es für würdelos halten, Lohn für eine Arbeit zu fordern, die sie nicht bewältigen können. Ein verlässlicher Diener ist ein wichtiger Teil in einem Haushalt und diese Rolle sollte auch ihre soziale Anerkennung finden."

Lady Troubridges Unterweisungen der Dienerschaft betonen, wie wichtig es für eine Dienstkraft ist, schnell und leise zu sein, nur zu reden, wenn es unbedingt notwendig ist, mit dem Besteck oder Geschirr keine Geräusche zu machen, darauf zu achten dass die Hände peinlichst sauber sind und auch nicht schwer zu atmen.

Immerhin das Atmen wird der Herrschaft leichter gefallen sein, aber die richtige Etikette war natürlich auch für sie von allergrößtem Belang. Auch hier konnten sich die Schauspieler von Gosford Park auf gründliche Recherchen verlassen und zurückgreifen. Kristin Scott Thomas erzählt: "Wir erhielten eine Art Notpaket, mit all den Regeln, wie man Messer und Gabel hält, wann man sich erheben mußs oder sich setzen kann, und wie man andere korrekt anspricht. Für unsere moderne Gesellschaft wären die Verwicklungen und Fallstricke des täglichen Lebens der oberen Klasse in der Tat erdrückend."

Die Handreichungen eines anderen Buches, der "Complete Etiquette for Ladies and Gentlemen" unterweisen zum Beispiel auch in der Kunst des korrekten Verzehrs einer Pampelmuse: "Die Schiffchen der Pampelmuse werden zum Mund geführt und das Häutchen dann langsam abgezogen. Mit einer Gabel, die man zu diesem Behufe schräg zu Munde führt, nimmt man die Kerne auf und legt sie am Rand des Tellers ab." Und Eileen Terrys "Etiquette for All" gibt zahlreiche Beispiele, wie man sich bei solchen Weekend-Parties in englischen Herrschaftshäusern standesgemäß verhält: Hier finden sich Informationen über die passende Kleidung, korrektes Tanzen, richtiges Autofahren und - vielleicht am wichtigsten - wann man sich zur Nacht zurückziehen darf: "Bedenken Sie, dass Sie - gleichgültig wie erschöpft Sie sein mögen - nicht einfach zu Bett gehen können, ausgenommen Sie sind wirklich erkrankt, was bei einem Besuch selbstverständlich fürchterlich wäre. Es ist das recht und die Pflicht der Gastgeber, eine Abendgesellschaft aufzuheben und die Gäste in die Nachtruhe zu entlassen."

Wichtige Informationen über mögliche Unterhaltungen und korrektes Verhalten nach dem Essen finden sich wiederum in dem genannten Buch von Lady Troubridge: "Es ist heute durchaus üblich nach dem Abendessen etwas Musik spielen zu lassen. (...) Wenn die Aufführung nicht zu anspruchsvoll und zugleich unterhaltend ist, ist Musik durchaus angebracht. Falls die Musikdarbietung allerdings sehr anspruchsvoll zu werden verspricht, sollte man bereits bei der Einladung darauf achten, nur solche Gäste zu bitten, die an so etwas gefallen finden. Es ist ein betrüblicher Anblick, den armen Colonel Jones, der vielleicht an komischen Liedern oder sentimentalen Balladen Gefallen finden könnte, zu beobachten, wie er einem langen Streichquartett zuzuhören versucht. Aber abgesehen von der zum Vortrag gebrachten Musik würde es von außerordentlich schlechten Manieren zeugen, während einer Darbietung Konversation zu betreiben."

Die Figur des Ivor Novello "Es war Altmans ausdrücklicher Wunsch, in die fiktive Geschichte von Gosford Park wenigstens eine historische Figur, den damals populären Sänger und Schauspieler Ivor Novello einzufügen. Altman: "Vor über 20 Jahren arbeitete ich an einem Projekt, bei dem ich auf Ivor Novello aufmerksam wurde. Inzwischen habe ich eine ganze Sammlung mit seinen musikalischen Aufnahmen. Ich dachte, dass in einer erfunden Geschichte eine reale, zeitgenössische Persönlichkeit wie ein Zeuge wirken kann - außerdem ergab sich mit ihm ein Vorwand für ein paar Musikstücke."

Der 1893 in Wales geborene Novello war in den dreißiger Jahren ein äußerst populärer Schauspieler, Komponist und sehr talentierter Theater- und Drehbuchautor. Er produzierte außerdem zahlreiche Musicals, von denen wiederum einige verfilmt wurden.

Seine musikalische Ausbildung erhielt Novello an der Magdalen College Chair School in Oxford, wo er die Erste Sopranstimme im Knabenchor sang. Bereits 1910, mit 17 Jahren, veröffentlichte er sein erstes, selbst komponiertes Lied, dem viele weitere Songs für musikalische Komödien folgten. 1914 schrieb er das beliebteste englische Lied des Ersten Weltkriegs: "Keep The Home Fire Burning", mit dem er über Nacht berühmt wurde. Novello engagierte sich zuerst in der Betreuung der in Frankreich kämpfenden Truppen bevor er 1916 selbst Pilot des Royal Navy Air Service wurde - er nutzte aber weiterhin jede freie Minute, um zu komponieren.

Nach dem Krieg engagierte sich Novello verstärkt als Filmschauspieler und spielte in einem guten Dutzend Stummfilmen und mehreren frühen Tonfilmen, dabei zweimal unter der Regie von Alfred Hitchcock: "Downhill" (1927) und dem Publikumserfolg "The Lodger" (1926). Die Anspielung auf den Misserfolg des Films "The Lodger", wie sie die Countess of Trentham gegenüber Novello in Gosford Park äußert, bezieht sich allerdings auf ein 1932 unter der Regie von Maurice Elvey gedrehtes Remake, bei dem Novello erneut die Titelrolle spielte.

In diesem Jahr hatte er aber auch mit seiner Komödie Fresh Fields und dem Drama Proscenium einen beachtlichen Erfolg auf den Londoner Bühnen und der "Whiteaker's Almanac" wählte Novello zum Autor des Jahres. Insgesamt schrieb Novello vierzehn Bühnenstücke und spielte in vierundzwanzig Stücken auf der Bühne, unter anderem auch in einer Aufführung von Shakespeares Henry V. Seine Liebe galt allerdings weiterhin der leichten, romantischen Komödie. Zudem komponierte er Walzer und beliebte Melodien und produzierte in den dreißiger und vierziger Jahren acht Musicals, in denen er meistens auch als Schauspieler auftrat. Insgesamt komponierte er über 250 Lieder.

Als Novello 1951 starb begleiteten 7.000 Menschen den Sarg bei seiner Beerdigung, wobei man auf fünfzig Frauen nur einen Mann zählte.

Jeremy Northam, der Darsteller von Ivor Novello, erläutert seine Rolle so: "Es war merkwürdig in einer erfundenen Geschichte eine wirkliche, zudem sehr bekannte Figur zu spielen. Für die Geschichte ist er ein Glücksfall, weil er in diesen aristokratischen Kreis Menschen mitbringt, die sie auskundschaften können. Außerdem ist seine Musik für den Film sehr wichtig. Meine Vorbereitung bestand hauptsächlich darin, eine ihm angemessene Statur zu entwickeln. Ich sollte nicht Ivor Novello darstellen, sondern einen Charakter entwickeln, der ihm vielleicht entsprochen hat und die passenden Musikstücke dazu finden."

Northams älterer Bruder Christopher ist Pianist, den Jeremy, der selbst ein guter Klavierspieler ist, bei der Musikauswahl um Rat fragen konnte: "In einer solchen Umgebung kann der Platz am Klavier der sicherste Ort sein, da man die anderen beobachten kann, ohne selbst eingebunden zu sein."

Die Musik unterstreicht einen weiteren Unterschied zwischen den beiden Klassen: als Novello nach dem Abendessen Klavier spielt scheinen die Adeligen etwas gelangweilt, während die Dienerschaft herbeiläuft, um zumindest von fern, in den Nebenräumen, der Musik lauschen zu können - für sie ist das ein wirkliches Vergnügen.

Die Figur des Morris Weissman Der Charakter des Hollywood Produzenten Morris Weissman, der übrigens von dem Produzenten von Gosford Park Bob Balaban gespielt wird, wird von seinem Freund Ivor Novello nach Gosford Park mitgebracht. Anders als Novello ist er aber eine erfundene Figur.

Das Filmprojekt der 20th Century Fox, das Weissman aber in der Geschichte des Films vorbereitet, gab es wirklich: "Charlie Chan in London" wurde 1933 gedreht und kam 1934 in die Kinos. Der Drehbuchautor Julian Fellows amüsiert sich darüber: "Charlie Chan in London" (der unter der Regie von Eugene Ford entstand und von John Stone produziert wurde) handelt von einem chinesischen Detektiv (der in sechs der siebzehn Carlie Chan-Filme von Warner Oland gespielt wurde), der in diesem Film ebenfalls zum Wochenende auf einer dieser Landsitze eingeladen wurde.

Das ist ein kleiner Insider-Scherz, der für die Geschichte aber auch sehr wichtig ist, denn es ist einfacher, dieses merkwürdige, den Aristokraten selbst so natürlich erscheinende Verhalten zu zeigen, wenn es von Fremden, sei es Charlie Chan oder Morris Weissman, beobachtet wird.

Das Jahr 1932 In den turbulenten dreißiger Jahren zeichneten sich bereits zu Beginn des Jahrzehnts die kommenden Konflikte durch einige Ereignisse ab: die Nationalsozialistische Partei gewann bei der Wahl zum Deutschen Reichstag 230 Sitze. In der Sowjetunion herrschte eine verheerende Hungersnot. Und die Vereinigten Staaten legten gegen Japans Angriff auf die Mandschurei heftigen Protest ein.

Der amerikanische Kongress versuchte mit einem Förderprogramm die niederliegende Wirtschaft anzukurbeln, während Veteranen des Ersten Weltkrieges nach Washington marschierten um höhere finanzielle Unterstützung zu fordern, was der Senat aber verweigerte.

1932 überquerte Amelia Earhart als erste allein fliegende Pilotin den Atlantischen Ozean. Täglich wurden ungefähr vierzig Bücher veröffentlicht. Der englische Schriftsteller John Galsworthy erhielt den Nobelpreis und der Amerikaner Pearl S. Buck den Publitzer Preis für seinen Roman "The Good Earth". Den Oscar als Bester Film gewann in diesem Jahr Edmund Gouldings "Grand Hotel" mit Greta Garbo, John Barrymore und Joan Crawford in den Hauptrollen.

Dirk Jasper FilmLexikon
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