Ausführlicher Inhalt zu Tanguy - Der Nesthocker

Szenenfoto Er ist höflich. Wortgewandt. Charmant. Und klug. Doch mit seiner Gelehrtenbrille und dem schütteren Haar wirkt Tanguy (Eric Berger) auch recht schmächtig und unscheinbar. Als ob die elterliche Zuneigung während seiner Pubertät den 28-Jährigen in seiner Entwicklung gebremst hätte. "Du bist ja soooo süß" - mit dieser Liebeserklärung hatte sich Edith (Sabine Azéma) nach der Geburt über ihren Tanguy gebeugt. Und dem Säugling gurrend versprochen: "Wenn du willst, kannst du dein ganzes Leben bei uns verbringen."

Ach, hätte sie es doch sein lassen! Denn diese prophetischen Worte prägten sich Tanguy anscheinend so sehr ein, dass er mit knapp 30 Jahren nicht die geringste Neigung zeigt, das elterliche Nest zu verlassen. dass ihn sein Vater Paul (André Dussolier) ab und zu frotzelnd als "Riesenbaby" bezeichnet, kratzt Tanguy wenig. "Habt ihr mich auch lieb?", fragt er seine Eltern statt dessen beim Frühstück. "Ja", antworten sie mit leuchtenden Augen. "Bestimmt?" - "Bestimmt!" Ein alltägliches Ritual, so rührend wie lächerlich - und für unbeteiligte Beobachter ein sicheres Zeichen dafür, dass bei Familie Guetz eitel Sonnenschein herrscht. Wirklich?

Na ja, wie so häufig sieht es hinter den Kulissen ganz anders aus. Denn Edith kann Tanguy nicht mehr ertragen! Heimlich geht sie zu einem Psychiater und spricht stockend über ihre wachsenden Hassgefühle gegenüber ihrem einzigen Kind. Eigentlich sollte sie mächtig stolz sein auf den Knaben und ihn von ganzem Herzen lieben. Irgendwo tut sie es ja auch noch, gewiss, aber gleichzeitig verabscheut sie Tanguy. Von ganzem Herzen. Und von Tag zu Tag mehr! Nicht immer, aber immer öfter würde sie ihrem eigen Fleisch und Blut am liebsten den Hals umdrehen.

Zum Beispiel, wenn er eine seiner unzähligen weiblichen Eroberungen bei sich übernachten lässt und es nicht für nötig hält, die junge Frau am nächsten Morgen vorzustellen. Aber Edith macht gute Miene zum bösen Spiel. Und lächelt, bis der Arzt kommt. Vielleicht weil sie glaubt, am Ende des Tunnels einen Lichtschein zu erblicken.

Szenenfoto Ihr werter Herr Sohn, der nach brillant bestandenem Staatsexamen in Philosophie die Notwendigkeit sah, auch noch Sinologie zu studieren, hat nämlich verkündet, dass er seine Doktorarbeit in Peking schreiben will. Zu schön, um wahr zu sein? Tatsächlich droht Edith wenig später die Nerven zu verlieren. Denn der Musterknabe überrascht seine Eltern mit der Hiobsbotschaft, die Dissertation müsse doch noch ein Jahr warten. Die Vorstellung, dass Tanguy nicht nur weitere zwölf Monate, sondern vielleicht sogar auf immer und ewig bei ihnen bleiben könnte, versetzt Edith und Paul in Panik.

Nachdem die beiden endlich den Mut finden, sich gegenseitig einzugestehen, wie sehr ihr Sohn ihnen auf die Nerven geht, schließen sie einen Pakt: Tanguy mußs weg! Nur - wie stellt man das am geschicktesten an? Indem man den Filius aus den eigenen vier Wänden ekelt. "Wenn er sich bei uns zu Hause nicht mehr wohl fühlt", kombinieren Edith und Paul scharfsinnig, "wird er schon von allein gehen." Theoretisch ja.

Szenenfoto Phase eins ihres Schickt-Tanguy-in-die-Wüste-Plans läuft an. Edith und Paul lassen sich allerhand Tricks einfallen (stinkenden Fisch im Kleiderschrank, lockere Schrauben auf der Badezimmerschwelle), um ihrem Sohn das Leben zur Hölle zu machen. Zunächst eher zaghaft. Doch mit der Zeit entwickeln die schrecklichen Eltern nicht nur Talent fürs Gemeinsein, sie finden auch richtig Spaß am Piesacken.

Wider Erwarten stellt sich das Unternehmen jedoch als extrem schwierig heraus. Tanguy ist wie eine Klette, die sich nicht abschütteln lässt. Wie ein Kaugummi, der hartnäckig an der Schuhsohle klebt. Wie ein Rotweinfleck, der zehn Kochwäschen überlebt. Der Versuch, in einer von Paul finanzierten Wohnung allein zu leben, schlägt bei Tanguy erwartungsgemäß fehl und führt direkt in die Notaufnahme eines Krankenhauses. In ihrer Verzweiflung bemühen die Eltern schließlich sogar das Gesetz. Doch nicht mal Justitia schlägt sich auf ihre Seite, um Tanguy in die Wüste zu schicken.

Innerhalb kürzester Zeit sind Edith und Paul mit ihrem Latein am Ende. Denn sie haben wirklich alles versucht. Restlos alles?

Dirk Jasper FilmLexikon
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