Produktionsnotizen zu Das Tribunal

In seinem Roman Hart's War verarbeitete Autor John Katzenbach zum Teil die Erlebnisse seines Vaters Nicholas Katzenbach, der während des Zweiten Weltkriegs im Stalag Luft III als Kriegsgefangener interniert war. Nachdem er diese Gefangenschaft überstanden hatte, wirkte Katzenbach später als Justizminister unter Präsident Lyndon Johnson.

"Als mein Vater älter wurde, fiel mir auf, dass wir nie wirklich über das gesprochen hatten, was er als Kriegsgefangener hatte durchmachen müssen", sagt John Katzenbach. "Deshalb begann ich, Fragen über diese Zeit seines Lebens zu stellen. Als Autor und Geschichtenerzähler erkannte ich, dass man einige seiner Erlebnisse zu einer aufregenden und interessanten Kriminalgeschichte weiterentwickeln konnte. Schon bald schrieb ich die ersten Sätze von Hart's War."

Katzenbach entdeckte im Kriegsgefangenenlager nicht nur ein packendes Umfeld für einen Thriller, sondern betrachtete die Geschichte auch als Mahnmal für die Strapazen seines Vaters. "Einen Weg, um der Wahrheit näher zu kommen", so definiert er seine Geschichte. Hart's War gab ihm sowohl die Gelegenheit, das mutige und heroische Verhalten amerikanischer Kriegsgefangener zu thematisieren, als auch seinem Vater die Ehre zu erweisen, da dieser ihm im Verlauf seines gesamten Lebens stets Vorbild und Inspiration gewesen war.

Auch mehrere Mitglieder des Produktionsteams hatten in ihren Familien Erfahrungen mit dem Krieg gemacht. So war der Großvater der Kostümdesignerin Elisabetta Beraldo ein italienischer Kriegsgefangener. Der Großvater des ausführenden Produzenten Wolfgang Glattes war der erste deutsche U-Boot-Kommandant, der von den Alliierten gefangen genommen wurde, und ebenso durchlebte der Vater des Studiochefs Chris McGurk eine Zeit als Kriegsgefangener. Einer der technischen Berater des Films, Colonel Hal Cook, war in demselben Lager wie Nicholas Katzenbach interniert.

Der Grundstein für die Verfilmung von Hart's War wurde gelegt, als die Produzenten David Ladd und David Foster unabhängig voneinander die Anfangskapitel des Romans zugesandt bekamen. Beide sprachen - ohne voneinander zu wissen - sofort mit verschiedenen Personen bei MGM über das aufregende Vorhaben. Als sie sich entschlossen hatten, zusammenzuarbeiten, kaufte MGM-Pictures-Chef Michael Nathanson das Projekt für sein Studio und begann mit der Verwirklichung.

"Die Herausforderung an der Entwicklung bestand darin, all die im Buch enthaltenen Handlungsstränge und Spannungsfelder in eine zusammenhängende Geschichte einzubinden", sagt Ladd. "Wir mußsten eine weitläufige, detaillierte und vielschichtige Handlung in einen zweistündigen Film packen, ohne den Charakter und die Integrität des Romans zu verlieren."

Nachdem die von Jeb Stuart und Terry George verfassten Entwürfe abgesegnet waren, wurde Billy Ray verpflichtet, das endgültige Drehbuch zu schreiben.

"Dieses Projekt gab mir die Gelegenheit, einen öffentlichen Dankesbrief an all jene Männer zu schreiben, die im Zweiten Weltkrieg gedient und gelitten haben; ich habe sozusagen den Hut vor ihnen gezogen", sagt Billy Ray, der sich schon vor diesem Projekt mit Militärgeschichte befasst hatte. Ray brachte viel Zeit mit seinen Nachforschungen über den Alltag der Soldaten und die Mühsal des Überlebens in Gefangenschaft. Dabei verwendete er Quellen wie "The Greatest Generation" von Tom Brockaw, "Darkness" von W. Manchester und "Stalag Luft III: The Secret Story" von Arthur Durand. "Ich gehöre zu der ersten Generation amerikanischer Männer, die nicht zum Kriegsdienst eingezogen wurden", sagt er weiter, "und dafür habe ich mich sowohl dankbar als auch schuldig gefühlt. Je älter ich werde, desto mehr Hochachtung empfinde ich für diese Veteranen, denn ihre Leistungen werden im Lauf der Geschichte immer deutlicher."

Produzent David Foster, Veteran des Koreakrieges, ist auch der Meinung, dass mit dem Drehbuch einige der größten Helden seines Landes verehrt werden. "Als ich in der Armee war", erinnert er sich, "habe ich die Reden für Mike Daniels, den befehlshabenden General der U.S.-Armee im Pazifik (USARPAC) zu Papier gebracht. Dieser schwelgte immer in schrecklichen, lustigen und Furcht erregenden Geschichten über den Krieg in Europa. Eine Geschichte handelte von der Befreiung eines Kriegsgefangenenlagers durch amerikanische Soldaten und wie emotionsgeladen es sowohl für die Gefangenen als auch deren Befreier war. Man sah all diese starken Militärangehörigen, die sich umarmten und weinten. Diese Geschichte konnte ich seither nie mehr vergessen, und sie war das Erste, an das ich dachte, als ich das Buch las. Wir sollten alle immens stolz sein auf deren Opfer und Leistungen."

Nachdem also das Drehbuch fertig war, bestand die nächste Hürde darin, einen geeigneten Regisseur zu finden. Ganz oben auf der Wunschliste der Produzenten stand Gregory Hoblit. Dieser erfahrene Filmemacher gab unter anderem Edward Norton mit Zwielicht schauspielerische Starthilfe und wurde überaus gelobt für seine wegweisenden TV-Regiearbeiten zu Serien wie "NYPD Blue" und "Hill Street Blues."

"Greg hat die einzigartige Fähigkeit, männliches Konkurrenzdenken und Konflikte zu verstehen, und eine männlichere Thematik als in diesem Film wird man wohl kaum finden", sagt Ladd. (Sehr wahr, gibt es doch keine einzige weibliche Rolle unter den 43 Sprechrollen dieses Films.) "Außerdem kennt er sich aufgrund seiner Erfahrungen mit Zwielicht oder "L.A. Law" sehr gut mit Justizdramen aus. Wir brauchten nämlich jemanden, der auch mit diesem Aspekt der Geschichte umgehen konnte."

Hoblit, der bereits bei Frequency und Dämon - Trau' keiner Seele" Regie geführt hat, fühlte sich sehr von dem Projekt angezogen, weil die vielschichtige Story gut geschrieben war und immer noch große Aktualität besitzt. "Ich wollte schon immer einen Film über den Zweiten Weltkrieg machen. Dieser hier hat mich besonders gereizt, weil er sich mit politischen und gesellschaftlichen Themen beschäftigt, die heute noch genauso bedeutsam sind, wie sie es damals waren", sagt er. " Das Tribunal beleuchtet viele faszinierende Aspekte, derer sich die meisten Leute wahrscheinlich gar nicht bewusst sind, die aber die Anziehungskraft des Militärs und der Geschichte des Zweiten Weltkriegs ausmachen.

Ich erkannte, dass die Handlung vollgepackt war mit Charakteren, deren Leben ich genauer betrachten wollte. Natürlich beinhaltet der Film viele beeindruckende Effekte - Flugzeuge, Explosionen und Stunts -, aber der Kern der Sache ist eine einfühlsame Geschichte über Männer, die unter großem Druck gemeinsam handeln. Für mich als Regisseur war dies der Aspekt, der mir am meisten Spaß machte - und dabei gleichzeitig mit einem guten Drehbuch und großartigen Schauspielern zu arbeiten."

Nachdem auch Hoblit mit an Bord war, ging es an die Besetzung des Films. Bruce Willis als McNamara war der erste, der Michael Nathanson durch den Kopf schoss, als er das Buch las. Er hatte das Gefühl, dass Willis dank seines durchtrainierten Körpers und seiner beeindruckenden schauspielerischen Leistungen der perfekte Kandidat sein würde, um den Oberst auf der Leinwand darzustellen. Er schickte eine Kopie des Drehbuchs an Arnold Rifkin, der zusammen mit Bruce Willis die Produktionsfirma Cheyenne Enterprises leitet. Auch Rifkin war nach der Lektüre des Skripts von Nathansons Idee vollkommen überzeugt.

"Ich habe mich in den Film verliebt, während ich das Drehbuch las", sagt Rifkin, "und ich erkannte sofort, dass McNamara die perfekte Rolle für Bruce sein würde. Es ist schwierig, gutes Material zu finden, aber Das Tribunal erzählt eine aufregende Geschichte auf anspruchsvolle Weise. Ich wusste, dass Bruce gerne Teil dieses Unternehmens sein würde." Rifkin erzählte Willis ganz begeistert von dem Projekt und schon bald entschied sich der Schauspieler, die Rolle zu übernehmen.

Es sah gut aus für den Film, nachdem auch Rifkin und Bruce Willis eingestiegen waren. "Ich habe mich schon seit langer Zeit mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt und merkte, dass dies ein großartiges, straff erzähltes, aufregendes Skript war", erzählt Willis über seine Beweggründe, bei dem Film mitzuspielen.

"Ich bin unglaublich dankbar", sagt Hoblit über Willis' Besetzung, "denn er ist wie geschaffen für die Rolle. Bruce ist ein sehr guter Schauspieler mit einem Gespür für Führungsqualitäten. So etwas kann man nicht einfach ?spielen'. Du mußst es einfach in dir haben. Bruce Willis hat sich in eine Person verwandelt, die Respekt einflößt und eine Uniform tragen kann. Er hat einfach das Zeug, McNamara zu spielen."

Als McNamara gefunden war, galt es, die zweite Hauptfigur des Drehbuchs, Lieutenant Thomas Hart, zu besetzen. Nachdem die Produzenten Joel Schumachers Tigerland gesehen hatten, waren sie davon überzeugt, fündig geworden zu sein. In jenem packenden Vietnamkriegs-Drama zeigte der junge irische Darsteller Colin Farrell eine mitreißende schauspielerische Leistung als aufmüpfiger Rekrut. Hoblit brachte den Film nach Idaho, wo er ihn Willis und Rifkin in dessen Haus vorführte, und beide waren sofort von Farrells Arbeit angetan. Alle waren hochzufrieden.

"Colin springt einen förmlich aus der Leinwand an. Er ist genau das, was wir gesucht hatten", sagt Produzent David Forster. " Das Tribunal ist insbesondere eine Geschichte über das Erwachsenwerden, mit einem weiten Charakterbogen, den der Schauspieler darstellerisch spannen mußs. Colin besitzt sowohl die Jugendlichkeit, die der Rolle innewohnt, als auch die schauspielerische Reife, um zu überzeugen."

Ladd stellt fest: "Bruce bringt sowohl als Schauspieler als auch als Persönlichkeit eine wirkliche Intensität mit an das Set. Als Newcomer mußste Colin sich da hineinfügen und daran sowohl als Schauspieler als auch als Person reifen. Es war so, als ob das Leben die Kunst imitiert hätte. Sein Wandel zum Mann fand sowohl am Set als auch auf der Leinwand statt, und es war faszinierend, dies zu beobachten."

Bevor die Dreharbeiten begannen, verbrachte Farrell einige Zeit in Yale, um sich mit dem Leben in einer Eliteuniversität vertraut zu machen. Mit seinen 24 Jahren ist er genauso alt wie Tommy Hart, was natürlich auch Hoblit aufgefallen war, der bekanntlich ein Auge für junge Talente hat. So ließ der Regisseur etwa mehr als 2000 Schauspieler vorsprechen, bevor er den völlig unbekannten Edward Norton für Zwielicht aussuchte, und er führte eine ähnliche Talentsuche für Frequency durch, bevor er Jim Caviezel besetzte.

"Ich finde es sehr aufregend, dass Colin für die meisten Zu-schauer ein neues Gesicht ist", sagt Hoblit. "Er hat zwar in ein paar Filmen mitgespielt, dennoch müssen die meisten Zuschauer sowohl ihn als auch seine Rolle völlig neu besetzen. Man hat das Gefühl, etwas zu entdecken, insbesondere mit einem so begabten Schaupieler wie Colin, und ich glaube, dass auch das Publikum positiv auf ihn reagieren wird."

Terrence Howard, Cole Hauser, Marcel Iures und Linus Roache vervollständigen als Lt. Lincoln A. Scott, Staff Sgt. Vic W. Bedford, Oberst Werner Visser und Capt. Peter A. Ross den Kern des Ensembles. Jeder Akteur brachte seine ganz persönlichen Stärken in die jeweilige Rolle ein, und - so stimmen die Filmemacher überein - das Ergebnis ist erstaunlich. "Die Art, wie das Drehbuch die einzelnen Charaktere herausarbeitete, beeindruckte mich und der Aufgabe wollte ich gerecht werden", sagt Hoblit. "In ihren jeweiligen Rollen als Visser, Beford, Archer und Ross gaben die Darsteller den Figuren echte Tiefe, anderenfalls hätten sie allzuleicht stereotyp, steif oder schablonenhaft wirken können."

Das Lager wird errichtet Das Kriegsgefangenenlager in Das Tribunal ist in seiner Kälte, Beengtheit und Kargheit ein unwirtlicher, grausamer Ort, an dem nur ein Mann das Sagen hat: Oberst Visser. Seine Macht ist absolut. Als er im Film von McNamara wegen der Missachtung der Genfer Menschenrechtskonvention zur Rede gestellt wird, ist seine Entgegnung eisig und endgültig: "Colonel, sehen Sie sich um. Hier ... ist nicht Genf."

Während der Realisierung dieses Films betrachteten dessen Schöpfer das Lager sowohl als Schauplatz als auch als Mitspieler. Das von der Bühnenbildnerin Lilly Kilvert entworfene Lager Stalag VI ist eine Mischung aus verschiedenen Einzelheiten der circa 130 deutschen Kriegsgefangenenlager, die während des Zweiten Weltkriegs existierten und die in Erscheinungsbild und Funktion sehr unterschiedlich waren.

Während der sechsmonatigen, meist nächtlichen Dreharbeiten war das auf etwa 40.000 m2 Fläche erbaute Lager mit seinen Dutzenden Baracken und Wachtürmen meist schlammig, verschneit und eiskalt. Es wurde in Milovice erbaut, einem etwa eine Stunde von Prag entfernten kleinen tschechischen Ort, der früher auch die letzten russischen Armeeunterkünfte des Landes beherbergte. "Egal, wie gut meine Laune war, etwa zehn Minuten bevor wir Milovice erreichten, wurde ich jedesmal missmutig", sagt Bruce Willis. "Ich wusste lange nicht, warum, bis mir klar wurde, dass es das öde, elende Lager selbst sein mußste. Die Rolle war eine der körperlich und seelisch anspruchsvollsten, die ich je gespielt habe."

Die Nacht, bevor die Dreharbeiten begannen, verbrachte Willis mit mehreren Schauspielkollegen in einer der Holzbaracken. Die Temperatur fiel auf etwa minus 30° Celsius. Hoblit erzählt: "Wir sind sehr früh am nächsten Morgen eingetroffen, um verschiedene Abläufe in Szene zu setzen, und ich sah, wie Bruce aus einem Bett in einer der Baracken kroch." Das Bett war ein originalgetreuer Nachbau der Betten in echten deutschen Kriegsgefangenenlagern: ein grober Holzrahmen, der mit Querlatten belegt und einem Strohsack bedeckt war. Da die alliierten Gefangenen nur eine einzige Decke erhielten, um die Kälte abzuhalten, waren sie gezwungen, in Mantel und Schuhen zu schlafen.

"Die Lagererfahrung war, gelinde gesagt, sehr intensiv", meint Colin Farrell. "Sie gab uns zumindest einen winzigen Einblick in das, was die Gefangenen hatten ertragen müssen. Neben den offensichtlichen körperlichen Strapazen mußsten sie auch extremen psychischen Druck aushalten. Dauerüberwachung durch die Wärter, keine Privatsphäre, keine Momente, in denen man ganz für sich sein konnte. Es gab sozusagen keine Zukunftsperspektive, da der Gedanke, bis morgen zu überleben, alles andere verdrängte."

Kilvert verbrachte mehrere Monate damit, Bücher zu lesen, Filmmaterial und Fotos zu sichten sowie Dokumente auszuwerten, um sich auf das Entwerfen der Kulissen vorzubereiten. Sie wollte wissen, wer die Insassen der Lager waren, wie die Lager gebaut und welche Materialien und Werkzeuge verwendet wurden. "Es interessierte mich, auf was die Männer schliefen, was sie aßen, wie sie ihre Kleidung wuschen, wie oft sie sich rasierten, wie sie sich warm hielten - einfach alles", sagt Kilvert. "Aber vor allem wollte ich, dass alles real wirkte. Ich wollte die drückende Enge innerhalb des Zaunes vermitteln, die im krassen Gegensatz zur riesigen Weite und Einsamkeit stand, die das Lager umgab. Diese Männer waren wirklich am Ende der Welt. Ich wollte auch die Kälte ausdrücken, andauernde Kälte und Schneefall, die das Entkommen unmöglich machten."

Obwohl sie farblich auf die Verwendung verschiedenster Braun- und Grautöne beschränkt war, erinnert sich Kilvert, dass der Schnee ihr nicht nur die Möglichkeit bot, die Strenge des Winters auszudrücken, sondern dass er auch einen schönen Hintergrund zu dem gespenstisch trüben Olivgrün der Gefangenenuniformen abgab. Während der ersten Nachtaufnahme bildete ein Schneesturm dann auch gleich die erstaunliche Kulisse für eine imposante Totale, in der 1500 Soldaten in einer mondhellen Nacht durch die Wälder in das gespenstisch hell erleuchtete Lager marschieren.

Mehr als 3000 Komparsen wurden eingesetzt, um eine weitere Masseneinweisungsszene zu filmen. Für diese Aufnahme waren kriegsähnliche logistische Leistungen nötig, um Transportmöglichkeiten, Verpflegung und den Arbeitsablauf für alle Mitwirkenden sicherzustellen. Im Lager war Genauigkeit oberstes Gebot. Angefangen von der Kleidung der Komparsen über die Blechtassen in den Baracken bis hin zum Stacheldraht, der die Szenerie umgab. Alles sollte aussehen wie 1944.

"Die Regel lautete, dass man einen sehr guten Grund dafür haben mußste, wenn etwas nicht authentisch aussah", erinnert sich Innendekorateur Patrick Cassidy: "Einen sehr, sehr guten Grund sogar." Ein Zugeständnis, das an die Kunst gemacht wurde, lag darin, alliierte Offiziere und Unteroffiziere entgegen der Realität in gemeinsamen Unterkünften schlafen zu lassen. Normalerweise wurden sie in verschiedenen Lagern interniert, bevor dies durch die große Anzahl an Gefangenen nach der Ardennenschlacht unmöglich wurde.

Nach all den präzisen Vorbereitungen und der harten Arbeit wurde das Streben des Filmteams nach Authentizität belohnt. Als John Katzenbach und sein Vater Nicholas, dessen 27 Monate währende Gefangenschaft in Stalag Luft III den Anstoß für das Buch des Sohnes gab, das Lager besuchten, waren sie sichtlich bewegt. Nicholas Katzenbach erinnert sich: "Das Lager war so wirklichkeitsnah, richtig erschreckend. Aber bei einem Film wie Das Tribunal mußs man so ehrlich und realistisch wie möglich sein. Sowohl in Bezug auf die guten als auch die schlechten Dinge. Ich bin sehr stolz auf das, was hier geleistet wurde."

"Als er durch das Lager ging, kamen ihm lebhafte Erinnerungen, und ich bin sehr froh, dass Nicholas das Gefühl hatte, wir hätten es richtig gemacht", sagt Hoblit. "Wir möchten den Veteranen mit dem Film die Ehre erweisen. Es ist wichtig, dass sie ihn sehen und sich denken: ?Ja, die Filmemacher sind respektvoll und wahrheitsgetreu mit unseren Erfahrungen umgegangen.'"

Die Zugszene Nach der Verhaftung Thomas Harts wird dem Publikum zu Anfang des Films die Unmenschlichkeit der Kriegsgefangenentransporte vor Augen geführt. Die Bedingungen waren einfach unvorstellbar. Schon bevor die Männer wie Vieh in die Güterwaggons gezwängt wurden, waren viele der amerikanischen Gefangenen schwer verletzt, unzureichend gekleidet und krank. Wegen der Überfüllung der Züge mußsten sie stehen oder sich abwechselnd setzen. Ein einziger Eimer stand zur Entrichtung der Notdurft zur Verfügung.

Als der Zug in einen Bahnhof einfährt, fliegen amerikanische Kampfflugzeuge einen Luftangriff, weil sie wegen des Schnees auf den Waggondächern die Markierung POW (Kriegsgefangene) nicht lesen können. Hart und seine Kameraden versuchen verzweifelt sich zu retten und so entspinnt sich eine fesselnde, überaus beeindruckende Szene.

Diese Zugsequenz, die im Laufe von fünf Tagen sowohl außen als auch innen gedreht wurde, stellt eine der kompliziertesten und actiongeladensten Szenen des gesamten Films dar. Tausende von Feuerwerkskörpern, mehrere pyrotechnische Explosionen und ein Flaschenzug-Stunt wurden eingesetzt. Der Drehort, die kleine tschechische Stadt Zvoloneves, verfügte über ideale Gleisanlagen neben einem 15 Meter hohen Hügel und einer malerischen Brücke.

Flying Pictures, eine englische Firma, die sich auf Luftaufnahmen spezialisiert hat, stellte zwei P-51-Oldtimerflugzeuge für diese Sequenz bereit. Diese flogen während der Dreharbeiten wiederholt in nur wenigen Metern Entfernung im Tiefflug über die Brücke. (Eines der Flugzeuge wurde bereits von Fliegerlegende Ray Littge aus Missouri geflogen, der 24 Mal als Sieger aus einem Luftkampf hervorging, bevor er 1949 mit 25 Jahren beim Probefliegen eines Düsenflugzeugs ums Leben kam.) Zwölf Kameras wurden eingesetzt, um die Flugszenen festzuhalten; währenddessen saßen Hoblit und Chefkameramann Alar Kivilo hinter einer geradezu unendlichen Reihe von Videomonitoren. Für Kivilo war es eine ziemliche Herausforderung, genau die Aufnahmen zu bekommen, die sowohl ihn als auch Hoblit zufrieden stellen würden - aber am Ende gelang es ihm doch ganz vorzüglich.

Die Filmaufnahmen Der in Montreal geborene Kivilo war sehr erfreut, nach Frequency wieder einmal mit Hoblit an einem Film arbeiten zu können. "Wir haben uns von Anfang an darauf geeinigt, sehr unkompliziert an die Sache heranzugehen", sagt Kivilo. "Greg ist für seine aktive, mit der Tiefenschärfe spielende Kameraarbeit bekannt, doch für diesen Film versuchte er, einfachere Effekte zu erzielen, die nicht mit der Geschichte in Konflikt kommen würden. Was wir dann im Endeffekt erzielten war eine gute Mischung aus scheinbar improvisierten Szenen und präzise durchdachten Einstellungen."

Hoblit und Kivilo inspizierten jeden Zentimeter des vorgesehenen Lagerareals, um den Verlauf der Sonnenstrahlen durch den angrenzenden Wald zu verfolgen und sich Gedanken über Einstellungen und Perspektiven zu machen. Nur wenige Weitwinkel- oder Tele-Aufnahmen wurden verwendet, ebenso verzichteten sie auf eine Steadycam. Hunderte heller, einfach zu verwendender Wolframlampen - wie es sie 1944 schon gegeben hat - wurden auf dem Lagerareal aufgestellt und an einen Dimmer angeschlossen, um sie in das Beleuchtungssystem des Lagers zu integrieren.

"In diesem Film gibt es eine genauestens vorgegebene Farbpalette, die durch das Design der Kulissen und der Kostüme eingeschränkt war, und ich wollte dies auch durch die Art der Fotografie unterstützen", erklärt Kivilo. "Ich stellte mir vor, es gäbe keine Sonne in diesem Film und die Atmosphäre sollte grau und kalt, mit bläulichen Farbnuancen gestaltet werden. Ich wollte damit die freudlose Stimmung im Camp hervorheben."

Während der Produktion wurde auch in den nahe gelegenen Barrandov Studios gearbeitet. Wegen der Möglichkeit der Filmentwicklung und digitalen Nachbearbeitung konnte David Rosenbloom schnell Szenen vor Ort zusammenschneiden. Dieser Vorteil, gepaart mit dem Umstand, dass riesige Bühnenanlagen, erfahrene Techniker und ein immenser Fundus an Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg vorhanden waren, sprachen für die Entscheidung der Filmemacher, in Prag zu drehen. Bereits seit den 20er Jahren ist die tschechische Hauptstadt für ihre Filmtradition bekannt und sie beginnt langsam, Hollywood-Produktionen anzuziehen. Ein interessantes Detail: Bereits Adolf Hitler ließ in den Barrandov Studios einige seiner Propagandafilme produzieren.

David Ladd erinnert sich: "Ich habe mich 1997 während eines Besuches in die Schönheit und Tradition Prags verliebt. Bei einer Tour durch die Barrandov Studios war ich sehr beeindruckt von der großen Auswahl an Kostümen und Requisiten. Drei Wochen später erhielt ich das Manuskript zu Das Tribunal und wusste, dass Prag der ideale Drehort sein würde."

Barrandovs höhlenartige Bühne 6 - das zweitgrößte Studio Europas - diente als Kulisse der C-Baracken, in denen die ersten Drehtage stattfanden. Mehrere komplizierte Szenen entstanden dort, in denen Hart den abgebrühten Rekruten vorgestellt wird. Es war eine schwierige Aufgabe, 17 Schauspieler und mehr als 60 Komparsen in diesem beengten Raum unterzubringen. Während die Proben und Aufnahmen stattfanden, bat Hoblit immer wieder die gesamte Mannschaft zu sich, um an Hand der Videomonitore ihre Positionen zu besprechen und abzustimmen.

"Greg inszeniert selbst im Schlaf. Er lebt sozusagen die Dreharbeiten mit", sagt David Ladd. "Er hat schon hart dafür gekämpft, um einige großartige Szenen für "Hill Street Blues" und "NYPD Blue" auf die Beine zu stellen, deshalb wusste er genau, was er in diesem Fall wollte."

Michael Stokey, der bereits mit Cole Hauser und Colin Farrell in Tigerland zusammenarbeitete, wurde dem Projekt als technischer Berater zugeordnet. Er hat Farrell, Hauser und anderen Ensemblemitgliedern das militärische Grundwissen für Das Tribunal beigebracht. "Mein Ziel war es, ihnen dabei zu helfen, militärische Verhaltensregeln und die Erlebnisse der Kriegsgefangenen zu verstehen", erklärt Stokey, ein hochdekorierter Vietnamkriegs-Veteran, der im Zuge seiner drei Einsätze dreimal verwundet wurde. "Es ging weniger darum, die Kampfszenen zu proben. Es war wichtiger, angemessenes Verhalten und Abläufe zu trainieren. Es gab damals nämlich eine strenge Befehlskette in den Lagern. Nur weil du Gefangener warst, bedeutete das nicht, dass du kein Soldat mehr warst." Dadurch, dass sie allierten Befehlshabern ein beträchtliches Ausmaß an Autorität überließen, versicherten sich die Deutschen der Einhaltung von Ordnung und Disziplin.

Eines der effektivsten Mittel der Bestrafung war eine Einzelzelle, genannt "das Kittchen." Lt. Scott findet sich während seiner einwöchigen Kriegsgerichtsverhandlung in solch einer Zelle wieder. Die Zelle war außen an die Kulisse der C-Baracken von Bühne 7 in Barrandov angebaut und so mußsten sich die Crewmitglieder genauso warm anziehen wie im Lager.

Auch auf Bühne 7 untergebracht war die Kulisse des Wohnhauses von Oberst Visser. Das Haus ist günstig gelegen und spiegelte geschmackvoll Vissers Reichtum und Faible für Art déco wider. Bis zum Bersten gefüllt mit feinstem Porzellan dekoriert mit Nazi-Insignien, Militärfotografien - darunter auch das seines verstorbenen Sohnes - und einem Globus mit dem Konterfei Hitlers auf dem Sockel, zieht dieser Raum eine deutliche Grenze zu den unwirtlichen Bedingungen der Außenwelt. Aus einem Grammophon erklingen amerikanische Jazz-Platten. "Wenn man das so sieht, kann man sich gut vorstellen, dass es Visser gefallen hätte, sein kultiviertes Dasein in Amerika fortzusetzen, wenn der Krieg und seine Verpflichtung dem Vaterland gegenüber ihn nicht an seine Heimat gebunden hätte", sagt Innendekorateur Patrick Cassidy.

Zudem zierte eine große Theaterkulisse die Bühne 7, auf der die Kriegsgefangenen eine mitreißende Bühnenshow aufführen. Diese Darbietungen wurden oft auch von den Deutschen begeistert aufgenommen, waren sie doch sehr ausgefeilt und spitzzüngig, perfekt in puncto Kostüme, Musik und Maske. Vier Soldaten führen in Das Tribunal eine Gesangs- und Tanzpersiflage auf Adolf Hitler auf, nämlich Bedford (Cole Hauser), Moose (Sebastian Tillinger), Cromin (Scott Michael Campbell) und West (Tony Devlin). Dafür probten die Schauspieler mit dem englischen Choreografen Jack Murphy, der ihnen die nötigen Schritte beibrachte und half, den richtigen Ton zu treffen.

Auch die dafür nötigen Kostüme befanden sich unter den 4000 Outfits, die von der Kostümbildnerin Elisabetta Beraldo mit ihrem 20-Mann-Team für den Film hergestellt wurden. Neben 3000 Soldatenuniformen aus sieben Ländern organisierte Beraldo "eine Unmenge an Stiefeln" aus Mexiko, Strickpullover aus Belgien (die heute noch exakt so hergestellt werden wie damals) und zahlreiche Leder-Fliegerjacken aus einem japanischen Laden namens "The Real McCoy." Einige der Uniformen, die die Hauptdarsteller tragen, sind Originalstücke, die von "Western Costumes" in Los Angeles aufbewahrt werden.

Der Hass zwischen Deutschen und Russen war in den Lagern allgegenwärtig, was noch dadurch verschlimmert wurde, dass die Sowjetunion sich weigerte, die Genfer Konvention zu unterzeichnen. In einer eindrucksvoll-fürchterlichen Szene lässt Visser zur Abschreckung der neu ankommenden Gefangenen drei Russen hängen, die versucht hatten zu fliehen. Schätzungsweise 983.000 der sechs Millionen russischen Kriegsgefangenen in Deutschland starben während ihrer Inhaftierung.

"Die Deutschen hatten einen gewissen Respekt vor den amerikanischen Offizieren und Piloten", sagt Hoblit. "Mit den Russen war das eine ganz andere Geschichte. Sie wurden als Zwangsarbeiter missbraucht und ihre Überlebensrate war erschreckend niedrig." Dennoch war kein einziger Kriegsgefangener ausgenommen von dem täglichen Überlebenskampf. "Nur die Stärksten überleben", hieß die Parole im Stalag. Für die amerikanischen Kriegsgefangenen war es wichtig, den Feind zu kennen. Selbst, wenn er die gleiche Uniform trug.

Dirk Jasper FilmLexikon
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