Produktionsnotizen zu Untreu

Untreu ist ein Filmprojekt, das Adrian Lyne seit vielen Jahren im Sinn hatte. Sein Ursprung reicht zurück ins Jahr 1968, als "Die untreue Frau", eines der großen Meisterwerke des französischen Regisseurs Claude Chabrol, erstmals aufgeführt wurde. "Das war immer einer meiner Lieblingsfilme", sagt Adrian Lyne. "Das hat etwas von Hitchcock, wenn dem Ehemann mehr und mehr bewusst wird, dass seine Frau eine Affäre hat. Ich habe den Film geliebt und es mir jetzt erlaubt, ihn sehr lose als Grundlage für eine eigene Regiearbeit zu verwenden."

Lyne zeigt in seinen Filmen von jeher ein starkes Interesse an intensiven emotionalen Beziehungen - und vor allem die Konsequenzen von Betrug und Vertrauenskrisen. "Schuld und Sexualität faszinieren mich als Themen", gesteht der Regisseur. "Ich glaube, jeder von uns hat diesen Knackpunkt, an dem man potenziell jede Rationalität hinter sich lässt. Was treibt uns an diesen Punkt? Ich bin sehr interessiert an den Details, die mit Täuschung und Verdächtigung zu tun haben. Dies ist eine Geschichte, in der es dem Publikum womöglich leichter fällt, einem Mörder zu vergeben als einer Ehebrecherin - was natürlich verrückt ist."

Nachdem Richard Gere das Drehbuch gelesen hatte, ließ es ihn nicht mehr los. "Es ist ein sehr vielschichtiges, sehr intimes Drehbuch, das ich nicht nur interessant fand - es verfolgte mich richtiggehend", erklärt er. "Man kann sich nicht auf ein Projekt einlassen, wenn sich dieses ureigene Gefühl von Geheimnis und Irritation nicht irgendwie einstellt, dieser unverkennbare Kitzel, dem man Zeit und Energie einräumen mußs, um ihm auf die Spur zu kommen. Welcher Makel in uns ist es, der sich so einfach in Gewalt umwandeln lässt? Mich hat schon immer der Gedanke fasziniert, dass wir einander niemals wirklich kennen können.

In diesem Fall geht es um eine normale amerikanische Familie, die aus irgendeinem Grund aufgehört hat, sich weiterzuentwickeln. Sie geben sich mit etwas zufrieden, das sehr angenehm ist und für beide funktioniert, aber es bringt sie nicht vorwärts. Die Liebe wird nicht größer, die Intimität wird nicht größer, beide können keine neuen Ebenen der Wahrheit entdecken. Jeder für sich findet in sich, dass da ein ganzes Feld von schwarzen Löchern entstanden ist. Da sind Ebenen von Intimität, die sie nicht voreinander offenbaren. Wir alle sind auf gewisse Weise verschlossen. Wir alle haben Schichten eines Schutzwalls um uns errichtet. Ich glaube, das war es, was uns allen an der Geschichte gefiel: Wenn wir in den Spiegel des Films blicken, dann sehen wir uns selbst."

Richard Gere betritt mit der Darstellung des Edward Sumner Neuland. "Es ist verdammt schwierig, so normal zu sein", lacht er. "Ungewöhnlich zu sein, ist viel einfacher. Meine Karriere besteht im Grunde aus einer ganzen Riege von Außenseitern. Aber Edward ist in Untreu in keinster Weise ein auffälliger Typ. In einem Faustkampf hätte er nicht den Hauch einer Chance. Adrian sagte die ganze Zeit zu mir: Richard, nein, nein! Das ist der alte Richard! Ich will den neuen Richard! Ich will nicht den Typen sehen, der in der Schule die Sportskanone hätte sein können. Ich will den Typen, der sich die Spiele von außen angesehen hätte! Er suchte nach einer wiedererkennbaren Jedermann-Qualität."

"Als ich Richard in dem Robert-Altman-Film Dr. T & The Women sah, hatte ich den Eindruck, dass er darstellerisch ein neues Niveau erreicht hat", sagt Adrian Lyne. "Da war eine Ernsthaftigkeit und Nettigkeit, die ich vorher noch nicht bei ihm entdecken konnte. Ich fand es sehr interessant, wie er dort eingesetzt wurde. Wenn sie sich seine Darstellung in Untreu genau ansehen, werden sie überrascht sein. Nach einem langen Drehtag ging er in den Klamotten nach Hause, die er in dem Film trägt, und seine Frau sah ihn an, umarmte ihn und sagte: Diesmal bist du nur ein stinknormaler Kerl. Das gefiel mir außerordentlich gut. Wir haben hart daran gearbeit, dass Richard sich regelrecht neu erfindet - selbst sein Gang ist anders. Es ist eine echte Offenbarung, ihn in dieser Rolle zu sehen. Tatsächlich spielt Olivier Martinez die Rolle, wie Richard sie wohl vor 20 Jahren dargestellt hätte."

Der charismatische Jungstar aus Frankreich spielt die Art von selbstsicherem Charmeur, wie sie Richard Gere in seinen frühen Jahren für sich abonniert hatte. Die Figur des Paul ist ein hinreißender Herzensbrecher, der voll und ganz im Hier und Jetzt lebt. "Ich würde Paul als unschuldig beschreiben", sagt Martinez. "Er weiß nicht, was sich aus seinen Handlungen entwickeln kann, er hat keine Kontrolle über seine Zukunft. Dieser Aspekt gefiel mir besonders gut an der Figur. Er ist wie ein Kind, frei ... zu frei. Er ist kein Manipulator, aber er ist ein Spieler. Wir wissen nicht immer ganz genau, wer er ist; er erscheint ziemlich geheimnisvoll. Die Rolle lässt sich mit nichts vergleichen, was ich bisher gemacht habe."

Der Part steckte voller Herausforderungen. "Zunächst einmal: die Sprache", gibt Martinez zu. "Englisch reden ist eine echte Bewährungsprobe für mich. Und ja, die Sexszenen waren eine Herausforderung. Aber es ist ein Film, und alles kann nachgestellt werden. In einer Kampfszene wird ja auch niemand wirklich vermöbelt. Und ich gehöre nicht zu den Leuten, die auf die tiefe Stanislavski-Methode pochen. Stimmt schon: Das war das erste Mal, dass ich solch explizite Liebesszenen gedreht habe - und ich kann sagen, dass das nicht zu meinen Lieblingsdingen gehört, weil ich tatsächlich ziemlich schüchtern bin. Ich mußste mich selbst vergessen, um mich in meine Figur zu vertiefen. Aber alle waren nett und verständnisvoll, wir saßen alle im selben Boot. Da ging es schon. Adrian und Diane waren sehr entspannt, nur ich war verklemmt und zierte mich. Sie sorgten dafür, dass auch ich mich entspannte. Und das half ganz enorm dabei, die Figur sympathischer werden zu lassen."

Obwohl Paul im Drehbuch ursprünglich nicht als Franzose angelegt war, war Adrian Lyne instinktiv sofort davon überzeugt, dass Olivier Martinez der richtige Schauspieler für den Part sei. Lyne sagt: "Er hat einen guten Sinn für Humor. Die Tatsache, dass er Franzose ist, fügt eine weitere Ebene hinzu. Selbst die gewöhnlichsten, banalsten Dinge sind interessant, wenn sie von einer französischen, italienischen oder hispanischen Person getan werden: die Gesten, der Humor - das ist so anders und sehr spannend anzusehen. Ich denke, das trägt zum Verständnis bei, warum sich Connie auf diese Affäre einlässt - er ist sehr betörend, auch wenn er ganz normale Dinge anstellt."

"Die Vorstellung, dass diese vermeintlich glücklich verheiratete Frau mit Kind losgehen und sich mit diesem Mann auf eine Affäre einlassen könnte, ist erschreckend", meint der Regisseur. "Allerdings glaube ich, dass Frauen, die Olivier Martinez auf der Straße sehen, wie Connie es getan hat, verstehen können, warum sie mit ihm in seine Wohnung geht - auch wenn sie es ihren Freundinnen nie gestehen würden."

Lyne wählte Diane Lane aus einer Reihe von nahe liegenden Gründen für die Rolle der Connie aus. Ihre vielfach gelobte Darstellung in Tony Goldwyns Regiedebüt "A Walk On The Moon" (1999) gab nicht zuletzt den Ausschlag. "Das war ein wunderbarer Film", lobt Lyne. "Und Diane war sehr sympathisch und verletzlich in ihrer Rolle. Man mochte sie ganz einfach. Meine Überlegung war, dass Connie ein Kind hat und glücklich verheiratet ist und deshalb als Ehebrecherin keinen leichten Stand beim Publikum haben wird.

Also mußs man als Regisseur verdammt sicher gehen, dass sie von einer Schauspielerin gespielt wird, der man umgehend Sympathie entgegenbringt. Und natürlich ist Diane eine umwerfende Mimin. Wenn man genau darüber nachdenkt: Es gibt nur sehr wenige attraktive Schauspieler oder Schauspielerinnen, die nicht wenigstens ansatzweise eine harte Seite haben. Das gehört irgendwie zusammen: Sexualität und Härte. Diane wiederum strahlt Sexualität und Nettigkeit aus, und das ist eine seltene Mixtur. Sie hat eine Art von wissender Qualität. Mir gefällt, dass man wirklich glaubt, dass sie versucht, das Richtige zu tun, aber scheitert."

"Das ist eine Geschichte, mit der sich früher oder später jeder identifizieren kann", sagt Diane Lane. "In gewisser Weise kennen wir alle diesen menschlichen Makel, dass man seine Augen schweifen lässt. Die Frage ist doch, was die Konsequenz ist. Werden damit Familien zerstört? Wachsen Menschen daran? Am Anfang der Geschichte stellt Connie ihre Ehe nicht in Frage. Sie liebt ihren Ehemann, liebt ihr Kind. Sie ist zufrieden mit ihrem Leben. Ihre gesamte Welt wird darüber definiert, wer sie in ihrer Ehe ist. Auf gewisse Weise nimmt sie ihre Beziehung zu Edward als gegeben hin. Man kann ja beobachten, dass man sich bei Beziehungen auf Dauer ausschließlich über die Person definiert, die man da kennen gelernt, die man da getroffen hat. Mit einem Mal reift das Gefühl, dass man nicht immer nur diese eine Person ist. Wir alle machen Veränderungen durch. Manchmal erkennt man das selbst erst, wenn ein gewisser Funke überspringt, der es einem erlaubt, sich in einem anderen Licht zu sehen. Genau das ist es, was Connie so verletzlich macht."

Für Richard Gere und Diane Lane bedeutete die Arbeit an Untreu ein Wiedersehen. Als Lane noch im Teenageralter war, standen sie gemeinsam in Francis Ford Coppolas "Cotton Club" (1983) vor der Kamera. "Ich habe es geliebt, mit Diane zu arbeiten", erinnert sich Gere. "Ich war verrückt nach ihr. Und ich bin heute noch genauso elektrisiert. Sie ist zu einer schönen Frau und wunderbaren Schauspielerin herangereift. Weil wir uns bereits seit Jahren kennen, wirkt die Beziehung ganz natürlich und normal, wie es bei Menschen der Fall ist, die Jahre miteinander verbracht haben. Das ist für Schauspieler nicht immer so einfach: Man trifft einen Kollegen erst ein paar Wochen vor Drehbeginn und füllt die gemeinsamen Momente mit all dem, wie man sich eine ganz alltägliche Beziehung vorstellt. Obwohl ich Diane seit "The Cotton Club" nicht mehr gesehen hatte, fiel es uns sehr leicht, uns da hineinzufühlen."

"Es war, als würde man nach Hause kommen, wie ein Schutz im Sturm", stimmt Diane Lane zu. "Man hatte sehr viel von mir verlangt, weil wir die Szenen zwischen Connie und Paul zuerst drehten und Richard erst dann zu uns stieß. 18 Jahre davor war ich gerade einmal 18 Jahre alt, als wir gemeinsam vor der Kamera standen. Jetzt ist er erwachsen, und ich bin erwachsen. Richard ist ein sehr einfühlsamer Mensch, und die Sensibilität, die er schon immer hatte, hat er mittlerweile noch weiter verfeinert. Er hegte und pflegte mich und unterstützte mich während des Drehs. Er stellte mich stets ins Rampenlicht und kümmerte sich überhaupt nicht um sich selbst. Ich kann gar nicht ausdrücken, wie selten das ist - und wie gut mir das tat."

Nicht die körperliche, sondern die psychologische Nacktheit während der erotischen Szenen erwies sich für Lane als die größte Herausforderung. "Es gab keinen großen Kampf bei den Nacktszenen", erinnert sich die Schauspielerin und witzelt danach: "Ich war in diesem Film, Einstellung um Einstellung, Kamerawinkel um Kamerawinkel, öfter nackt, als ich es während meines kompletten Privatlebens war. Daran mußs man sich gewöhnen. Viele Schauspieler haben in ihren Karrieren diese Erfahrung machen müssen. Jetzt gehöre ich zum Club der Wissenden, die berichten können, wie es sich anfühlt. Für mich bestand die Herausforderung in der emotionalen Arbeit während dieser Szenen - die Verletzlichkeit, die Connie empfindet und ihr schlechtes Gewissen wegen der sexuellen Beziehung. Das war der Punkt, an dem meine Arbeit richtig begann."

Untreu wurde hauptsächlich in Manhattan und dem Westchester-County-Vorort White Plains gefilmt. Während des gesamten Drehs arbeitete Lyne eng mit der Kostümdesignerin Ellen Mirojnick und Ausstatter Brian Morris zusammen, um den höchst realistischen Look des Films - voller feiner Texturen und doch monochrom - zu erzielen. Die Farbe Rot ist beispielsweise nur in einer einzigen Schlüsselszene zu sehen. "Wir haben uns bewusst für gedeckte Farben für den Film entschieden", berichtet Morris. "Damit unterstützen wir die grundsätzliche Atmosphäre der Verdrossenheit."

Lyne zieht es vor, an Originalschauplätzen zu drehen. Untreu bildet keine Ausnahme. Das Zuhause der Sumners ist ein Farmhaus aus dem 19. Jahrhundert, das auf vier Hektar Land in White Plains gebaut wurde, während sich Pauls Loft in Soho befindet. "Die Drehorte wurden in den meisten Fällen umgeändert und vollständig neu dekoriert", erklärt Morris. "Wir zeigen einen scharfen visuellen Kontrast zwischen der geordneten, heilen Welt von Edward Sumner und der Welt des Freigeistes Paul Martel, dessen ungezwungenes Leben durch herumliegende Gegenstände und spontane Stelldicheins charakterisiert wird. Pauls Loft ist angefüllt mit Gegenständen, die er im Lauf der Zeit auf der ganzen Welt angesammelt hat. Dazu gehören ganze Stapel mit Büchern, die er noch nicht im Regal einräumen konnte."

Morris fügt hinzu: "Im Gegensatz dazu ist Edwards Haus mit Gegenständen und Möbeln aus den besten Läden Manhattans und den wohlhabenden Vororten dekoriert. Alles ist makellos, nichts sticht hier heraus, daher gibt es auch keine Überraschungen. Das Haus strahlt ein Gefühl aus, als sei es absolut komplett. Damit drückt sich Edwards Bedürfnis nach Sicherheit aus. Gleichzeitig lässt uns das Haus Connies Rastlosigkeit verstehen, speziell als sie mit Pauls Loft konfrontiert wird, der konstant gemütliches Chaos ausstrahlt. Die Wohnung ist so voller Überraschungen, dass Connie sich auch von dem Mysterium und Abenteuer, das in der Luft liegt, und nicht nur von Paul verführen lässt."

Kostümdesignerin Ellen Mirojnick legte besonderes Augenmerk darauf, die Kleidung natürlich aussehen und doch voller Informationen für den Zuschauer stecken zu lassen. "Die Idee dahinter war, die Figuren real aussehen zu lassen", erläutert sie. "Hier geht es um eine Geschichte über eine echte Familie; echte Menschen. Adrian legt viel Wert auf die Wahrhaftigkeit der Figuren. Also darf ihre Garderobe nie wirken, als handle es sich um Kostüme. Das mußs sich anfühlen, als würde der Nachbar die Tür öffnen. Adrian ermutigt uns, alles sehr natürlich und menschlich aussehen zu lassen. Wenn es sich nicht echt oder wahrhaftig anfühlt, zieh' die Klamotten wieder aus und probier neue aus. Man soll die Kleidung im Film nicht wirklich wahrnehmen, wenn man nicht unbedingt ein wichtiges Handlungselement unterstützen will. Das Publikum soll ganz instinktiv auf sie reagieren."

Sie fährt fort: "Olivier kommt aus Paris, also spiegelt sich diese Tatsache auch in seiner Figur wider. Olivier hatte großen Input, wie seine Figur aussehen sollte. Er machte Vorschläge, was er zu Hause in Paris privat trägt und was andere Pariser Männer tragen. Ich bin immer froh, wenn ich Schauspieler zu dieser Form der Zusammenarbeit ermutigen kann. Dann arbeite ich das in meine Ideen ein."

Untreu ist vor allem ein New Yorker Film. Zu den Locations zählen bekannte New Yorker Merkmale wie der Strand Bookstore, das East Village Cinema, Grand Central Station, die Bars und Restaurants in Chelsea, Soho, Wall Street und Tribeca. Wie die anderen New-York-Filme von Adrian Lyne, "Fatal Attraction" und "Jacob's Ladder", wird die Stadt als lebendige, vitale, erotische Metropole inszeniert, in der Ausschweifung und Gefahr koexistieren und die Unachtsamen verführen.

Gegen Ende der Dreharbeiten blickte Adrian Lyne auf seine Erfahrungen mit Untreu zurück: "Schließlich und letztendlich sind die Schauspieler aufregend. Darum mache ich Filme. Wegen des Thrills der Momente, wenn man spürt, dass sie sich etwas von sich abgerungen und dir gegeben haben. Das ist das beste Gefühl. Und bei diesem Film stellte es sich sehr oft ein, dass ich nach einer Einstellung zu mir sagte: Verdammt, waren die gut!"

Dirk Jasper FilmLexikon
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