Produktionsnotizen zu Waking Life

"Sie mögen es glauben oder nicht: Diesen Film habe ich vor 20 Jahren wirklich geträumt. Ich hatte den Traum immer wieder, und wie im Film glaubte ich immer wieder aufzuwachen." Einen Film über Träume wollte Richard Linklater eigentlich trotzdem nie machen: "Filme sind schon selbst so sehr wie Träume, dass ich nicht glaube, dass Filme über Träume funktionieren." Interessant wurde es für ihn erst, als er noch einen Schritt weiter ging: In Waking Life geht es nicht nur um Sein und Schein, sondern darum, sich im Traum über sich selbst klar zu werden, Bewusstsein im Unterbewussten zu erlangen. "Ich habe mich über Jahre gefragt, ob das in einem Film überzeugend rüberkommen kann. Ich glaubte eigentlich nicht daran, bis ich einige Kurzfilme von Tommy [Pallotta] und Bob [Sabiston] sah. Da machte es Klick bei mir. Und ich wusste: Ja, auf diese Art würde es gehen."

Es war Linklater wie seinen Freunden Pallotta und Sabiston von Anfang an klar, dass Waking Life ein gewagtes Experiment werden würde - und eine doppelte Anstrengung: Denn zuerst mußste ein kompletter Realfilm gedreht und dieser dann vollständig in einen Trickfilm verwandelt werden.

Die "realen" Dreharbeiten begannen im Sommer 1999 und dauerten 25 Tage. Die Crew war gerade mal so groß wie bei einem Dokumentarfilm: Da waren Linklater und sein Produzent Tommy Pallotta, beide ausgerüstet mit einfach zu bedienenden Videokameras, und dann noch ein Tontechniker, der zugleich für die Abmischung zuständig war. Diese Mini-Truppe erlaubte eine enorme Freiheit und Beweglichkeit. "Bei einem großen Filmstab verschleißt der Regisseur eine Unmenge an Zeit, bis er allen erklärt hat, was er eigentlich will. Aber in diesem Fall war es ganz einfach für Rick: Er nahm die Kamera einfach selbst in die Hand", sagt Pallotta. "So zu sehen ist einfach ein Traum."

"Man hat den Eindruck, dass die Menschen durch ihr Leben schlafwandeln und in ihren Träumen wach sind"

Linklater ergänzt: "Ich kehrte an einige Locations zurück, an denen ich früher schon mal gedreht habe. Damals waren wir eine 100-Mann-Crew, diesmal nur zu viert." Am deutlichsten wurde der Unterschied bei der Knastszene, in der ein Häftling Rache schwört. Dazu fuhren sie nach Lockhart, wo Linklater schon eine Szene für seinen vorherigen Film "Die Newton Boys" gedreht hatte. "Damals standen hier eine Menge Trucks und Generatoren herum, eine riesige Produktionsmaschinerie. Diesmal kreuzten wir mit nur einem Auto auf, drehten die ganze Szene in anderthalb Stunden ab und schon waren wir wieder weg."

Die Filmemacher waren selbst vollkommen überrascht, wie schnell sie dadurch mit den Dreharbeiten vorankamen - an einem einzigen Tag hatten sie insgesamt 22 Drehbuchseiten verfilmt. Normalerweise schafft man zwei oder drei pro Tag. "Das war ein ziemlich intensiver Tag", erinnert sich Linklater, "der den ?Traumraum' und zwei weitere, ziemlich lange Sequenzen enthielt. Wir drehten die Szenen wieder und wieder und arbeiteten uns so durch. Und plötzlich war es fünf Uhr und wir hatten 22 Dialogseiten im Kasten. Ich glaube, es gibt nicht viele Filme, bei denen das passiert. Das war echt scharf."

Die Aufnahmen waren auf drei Städte begrenzt - Austin mit seinen umliegenden Ortschaften, San Antonio und New York. Um den surrealen Grundton des Films zu wahren, gibt es aber keine deutlichen örtlichen Bezüge. In manchen Momenten sieht man eine Brücke, die nicht von ungefähr an die Brooklyn Bridge erinnert, eine U-Bahn, die der New Yorker Subway ähnelt, oder eine Skyline, die einem eine Ahnung von Austin gibt. Aber nie sind diese Kulissen eindeutig zu erkennen.

Viele der Locations weisen persönliche Bezüge zu den Filmemachern auf. Das Zimmer etwa, in dem der Hauptdarsteller Wiley Wiggins permanent aus dem Schlaf aufschreckt, ist einfach das Schlafzimmer des Artdirectors Bob Sabiston - in dem Haus, das er mit Pallotta teilt. Selbst der Digitalwecker, der Wiley daran erinnert, dass er noch immer träumt, stand bereits drehfertig auf dem Nachttisch. Die Szene mit Ethan Hawke und Julie Delpy wurde hingegen in Linklaters Wohnung in Austin gedreht. Aber wie es sich für einen Independent-Film gehört, gab es auch unorthodoxe Kulissen wie für die Szene im Güterwaggon. Für diesen speziellen Tag kroch das Team unter einem Stacheldrahtzaun hindurch, um seine Aufnahmen machen zu können. "Wir sahen ganz dreckig und abgerissen aus", amüsiert sich Linklater, "als wollten wir einbrechen und Sachen klauen."

Letztlich entstand Waking Life auf ganz spontane Art, bei der nicht selten Kollege Zufall Regie führte. Nichts belegt das besser als folgender Vorfall: Einen ganzen Tag lang waren Pallotta und Linklater in einem Helikopter über Austin gekreist, um Material für die Flugsequenzen zu sammeln. Als Linklater sich die Aufnahmen später ansah, war er jedoch enttäuscht, weil sie nicht den ätherischen Schwebezustand wiedergaben, den er sich vorgestellt hatte. Da stellte sich rein zufällig heraus, dass der Nachbar von Pallotta und Sabiston ein Heißluftballon-Fahrer ist. Und er war sogar einverstanden, Linklater für einen Tag in seine Gondel steigen zu lassen. So kam er am Ende doch noch zu seinem gewünschten Effekt.

Während ein Film üblicherweise erst dann geschnitten wird, wenn alle Szenen abgedreht sind, gingen Linklater und seine Cutterin Sandra Adair noch während der Dreharbeiten in den Schneideraum. Es war absolut notwendig, dass das Real-Material vollständig fertig war, bevor mit der Animation begonnen wurde, so dass dort überflüssige Arbeiten erst gar nicht entstehen konnten.

Sowie der Realfilm im Kasten war, rief Sabiston ein Team von über 30 Künstlern zusammen; viele von ihnen kannte er bereits von seiner PBS-Serie "Figures of speech". Sein Kriterium war simpel: "Gute Künstler und gute Leute." Das Grafik-Team besetzte die Büros von Linklaters Filmproduktion in Austin vollkommen und nahm praktisch jeden Raum, einschließlich des Konferenzraumes, in Beschlag; massenweise wurden Mac-G4-Computer gekauft und mit Sabistons Software bestückt. Diese hat Sabiston vor langer Zeit entwickelt und immer weiter verfeinert. Seine Software ermöglicht den Künstlern, das Digital-Material in einem Rotoskopie-Verfahren zu "übermalen". Daraus ergab sich ein Effekt, den das "Filmmaker Magazine" als "schimmernden Impressionismus mit einem Flair Pop-Cartoon" beschrieb.

"Die herkömmliche Animation ist zu sehr an das Design der Figuren gebunden", erklärt Sabiston. " Waking Life ist nicht im wahrsten Sinne des Wort animiert. Er ist eine Montage von Bild gewordenen Videosequenzen, in einem sich wild verändernden, Cartoon-artigen Stil." Jedem Animator wurde dabei ein Charakter zugewiesen, an dem einzig und allein er arbeiten sollte. Linklater verglich das mit Schauspielern, "die sich die Rolle rauspicken, die sie spielen wollen, weil sie sie am meisten interessiert."

Das "Übermalen" der Videoszenen war höchst künstlerisch, weil jeder Künstler die jeweilige Szene auf seine eigene, ganz persönliche Weise interpretierte. Der Prozess erwies sich aber auch als öde und zäh, weil er sehr viel Zeit verschlang: schätzungsweise 250 Stunden Animation für jede einzelne Filmminute. Dabei arbeiteten nicht nur Sabiston und seine Schwester Susan im Team: Auch Hauptdarsteller Wiley Wiggins wirkte an der Animation mit. Er gestaltete ursprünglich die Szene, in der er U-Bahn fährt; sie wurde im Nachhinein jedoch wieder verändert. "Wiley", so Sabiston, "hatte seinen Charakter dermaßen verändert, dass er aussah, als sei er gerade mal 12 Jahre alt." Aber der von ihm animierte Hintergrund blieb und ist im fertigen Film zu sehen.

Es dauerte etwa neun Monate, bis die Trickarbeiten an dem Film fertig waren. Das reichte gerade noch, um den Film auf dem Sundance Film Festival 2001 zu zeigen. Bei der Uraufführung haben laut Pallotta nicht nur die Zuschauer den Film zum ersten Mal gesehen, sondern auch die Filmemacher selbst. Nur eine Woche zuvor hatten Sabiston und Pallotta eiligst Disketten und Festplattenlaufwerke nach Zürich zu "Swiss Effects" geschickt, um das Werk überspielen zu lassen. "Ich mußste in Sundance noch zwei Tage vor der Premiere einräumen, dass wir den Film möglicherweise nicht würden zeigen können", erinnert sich Pallotta mit Grausen. Erst wenige Stunden vor der öffentlichen Vorführung hatten Linklater, Sabiston und Pallotta die Möglichkeit, einige Minuten des Films zu sehen, um den Sound und das Bild auf der großen Leinwand zu checken. Ihre Reaktion: "Es sah phänomenal aus. Wir guckten uns nur alle an und sagten: ?Hey, das wird großartig.'"

Der Film wurde nicht nur in Sundance mit Begeisterung aufgenommen, auf den Filmfestspielen in Venedig wurde er sogar mit dem Spezialpreis als Bester Film in der Kategorie "Kino der Zukunft" ausgezeichnet. Darüber hinaus erhielt er den New York Film Critics Circle Award als bester Trickfilm, wurde mehrfach nominiert (u.a. bei den Chicago Film Critics Awards und den American Film Institute Awards) und landete gleich bei 69 renommierten Filmkritikern der USA auf ihrer Top-Ten-Liste 2001.

Rückblickend betrachtet Linklater seinen Film als "interessante Kreuzung zwischen Kino und Computer" und als eine unglaublich kreative Erfahrung: "Ich habe einfach aus zwei Filmen einen gemacht. Obwohl ich", wie Linklater gleich hinzufügt, "die Prozesse nicht wirklich voneinander trennen kann. Ich hab einfach nur in der einen Phase mit Schauspielern gearbeitet und in der anderen mit Zeichnern und Grafikern."

Über die Besetzung Wie in vielen seiner Filme, hatte Richard Linklater auch bei Waking Life ungewöhnliche Vorstellungen bei der Besetzung. "Viele der Leute, die im Film mitwirken, sind keine Schauspieler. Ich wollte einfach kluge, interessante Leute, die was im Köpfchen haben." Um diese aufzuspüren, machten sich Casting Director Lizzie Martinez und die Produzentin Anne Walker-McBay daran, Leute zu entdecken und sie für ein Video-Interview zu gewinnen. Dabei wurden ihnen eine Menge Fragen gestellt: "Wofür schlägt Ihr Herz besonders? Was lesen Sie zurzeit? Was berührt Sie mehr oder weniger als die meisten Menschen?"

So kam eine interessante Mischung zusammen: wildfremde Laien, erfahrene Schauspieler sowie Freunde, Familienan-gehörige und Mentoren der Filmemacher. Richard Linklater ist nicht nur selbst in zwei Schlüsselrollen zu sehen. Das erste Gesicht, das man im Film sieht, gehört seiner Tochter Lorelei. Sie spielt in der Eröffnungssequenz mit ihrem Spielkameraden Trevor Jack Brooks und spricht das Grundthema des Filmes aus: "Traum ist Schicksal."

Pallotta und Sabiston haben nicht nur ihr eigenes Haus für die Dreharbeiten zur Verfügung gestellt, sondern auch ihre Vermieterin, Edith Mannix, zu einem Auftritt überredet. Sie verkörpert die ältere Künstlerin, die im Park eine andere alte Frau malt. Die beiden wollten sie unbedingt im Film haben, "weil sie diese wilden weißen Haare hat." Die Mutter der Produzentin, die Professorin Mary McBay, spielt wiederum jene Frau, die in einer Fernseh-Diskussion über Einzelheiten des Wachtraums philosophiert.

Pallotta, der Linklater erstmals als Philosophie-Student an der Universität von Texas begegnet ist, gewann zwei seiner früheren Professoren - Louis Mackey und Robert C. Solomon - für den Film. Auch Linklater hatte an Solomon gedacht: Bei einer Vorlesung in einem Kurs über Existentialismus viele Jahre zuvor hatte dieser einen Vortrag gehalten, der Linklater (der niemals offiziell an der Universität eingeschrieben war) immer noch im Kopf herumspukte. "Ich ging", so der Regisseur, "einfach auf ihn zu und fragte, ob er genau das, was er damals gesagt hat, vor der Kamera noch einmal wiederholen könnte."

Darüber hinaus waren sowohl Linklater als auch Pallotta Fans von The Cruise. Bennett Millers Dokumentarfilm über Speed Levitch wurde 1998 in der Austin Film Society gezeigt und dort lernten sie den Autor und Künstler auch persönlich kennen. "Noch bevor das Skript fertig war, wussten wir bereits, dass wir unbedingt Speed haben wollten", erklärt Pallotta. Als Mann auf der Brooklyn Bridge tritt er mehr oder weniger als er selbst auf - und darf einen der Schlüsselsätze des Films sagen: "Die Erkenntnis, dass man eine Traumfigur im Traum eines anderen ist, das ist Selbstbewusstsein." Schließlich konnte Linklater auch den Regie-Kollegen Steven Soderbergh zu einem kleinen Gastauftritt überreden. Er erzählte spontan eine Anekdote und Linklater hielt einfach die Kamera drauf.

Außerdem tauchen eine Reihe von Gesichtern auf, die man bereits aus früheren Linklater-Filmen kennt. Wiley Wiggins war 1993 einer der Hauptdarsteller aus "Dazed And Confused". Adam Goldberg und Nicky Katt, die sich in eben jenem Film gestritten haben (und auch in Suburbia" auftraten), wandeln nun eine Straße entlang und geben Aphorismen über die Gesellschaft und den Frieden von sich. Ethan Hawke und Julie Delpy knüpfen an ihre Rollen an, die sie 1994 in "Before Sunrise" gespielt haben. Hawke war darüber hinaus auch einer der vier Newton Boys.

Charles Gunning, der mit Linklater sowohl in "Slacker" als auch in "Die Newton Boys" zusammengearbeitet hat, ist hier als der Häftling zu sehen, der im Knast Rache schwört. Mona Lee, die in "Dazed And Confused" die Mutter von Wiley spielte, verwickelt ihn nun in einem Restaurant in ein kleines Gespräch. Und schließlich kehrt der alte Anarchist von Slacker, Louis Mackey, zurück, um darüber zu philosophieren, dass die Zeit "die beiden universalen menschlichen Eigenschaften in Frage stellt: Furcht und Faulheit." Ein Gedanke, den er schon in Slacker aufgegriffen hat und nun weiterführt.

Dirk Jasper FilmLexikon
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