Ausführlicher Inhalt zu Va Savoir

Camille und Ugo

Camille und Ugo sind mit ihrem ganzen Ensemble in Paris, um eine Reihe von sechs Aufführungen von "Come tu mi vuoi" (von Luigi Pirandello) zu geben. Fünf Jahre lang hat Camille keinen Fuß nach Paris gesetzt. Nach zwei Jahren misslicher Abenteuer und Qualen ist sie schließlich in Turin gelandet. Dort vermochten ihre Aufnahme in das Ensemble, die Liebe zu Ugo, die kontinuierliche Arbeit, die Gewissensbisse zu mildern, welche Camille auf ihrer Flucht begleitet haben.

Es sind also schon drei Jahre, dass sich Camille und Ugo lieben, sich zanken, zusammen leben und arbeiten. Sie sind Komplizen. Sie streiten sich. Sie versöhnen sich. Beide unterhalten sich auf Französisch, was in Bezug auf das Ensemble intimer ist, aber mitunter, wenn der Tonfall sehr lebendig wird, untermalen Einschübe im Turiner Dialekt ihren Austausch. Es ist ein Paar, das - wie man so sagt - "funktioniert", mit Höhen und Tiefen, aber im Gesamten gut funktioniert.

Auch mit ihren kleinen oder großen Geheimnissen, mit den unvermeidlichen Unausgesprochenheiten. Zum Beispiel hat sich Camille nur sehr ausweichend über den Grund für ihre "Flucht" nach Italien geäußert: Es ist so weit weg! Die Affäre beendet. Seit ihrer Ankunft hat aber Camilles Unruhe Ugo neugierig gemacht. Natürlich ist es für eine französische Schauspielerin auch sehr verwirrend, in Paris Pirandello auf Italienisch zu spielen.

Sie begegnen sich auf der Bühne, hinter den Kulissen oder in ihren Garderoben, sie berühren sich, sie sprechen über das Spielen bestimmter Szenen. Aber der letzte Schliff beim Aufbau der Dekors, die technischen Anschlüsse etc. lassen ihnen nur wenig Zeit sich auszusprechen. In dem Wirbel, der der Generalprobe vorausgeht, zieht sich Camille so gut es geht in ihrer Garderobe zurück. Sie kämpft dort mit ihrem Lampenfieber.

Mademoiselle Pamina, die Kostümbildnerin, beobachtet mehr oder weniger diskret die Äußerungen und Gesten des Star-Paares. Je schlechter Camille gelaunt ist und je mehr sie sich verschließt, desto mehr erstrahlt Pamina. Man begreift, dass die Kostümbildnerin in den Regisseur verliebt ist.

Ein Teil des Ensembles ist in einem Hotel unweit des Theaters abgestiegen. Ugo und Camille haben sich in einer Suite mit zwei Zimmern eingerichtet. Ugo verbringt fast die gesamten ersten beiden Nächte im Theater, um das Licht richtig einzurichten.

Wovor also hat Camille Angst? Es ist fünf Jahre her, dass sie aus Paris geflohen ist. Das weiß Ugo. Aber was er nicht weiß: Sie ist vor einem Mann geflohen. Vor Pierre, dessen zu große, zu intensive Liebe für sie allmählich erstickend und unerträglich geworden war. Ja, um zu überleben, mußste sie weggehen. Einfach so, ohne Vorwarnung. Sie hatte Angst, dass eine Erklärung nur eine noch stärkere Bindung zur Folge gehabt hätte.

Camille wird von der Vorstellung gequält, dass Pierre plötzlich wieder vor ihr auftaucht. Das bereitet ihr Alpträume. Sie fürchtet das Erscheinen Pierres im Theater oder, schlimmer noch, in ihrer Garderobe. Sie versucht, bei der Arbeit diese paralysierende Gefahr zu vergessen, aber alle bemerken ihre veränderte Haltung, ihre Angst.

Der Abend der Generalprobe rückt schnell heran. Camille ist angespannt, wie blind und taub gegenüber des allgemeinen Wirbels um sie herum. Beim Abgang nach dem ersten Akt scheint sie auf dem Gipfel des Zorns über sich selbst zu sein. Sie wurde während ihres großen Monologs von einem nervösen Lachen befallen: "Ob ich will? ... Ja, ich möchte vor mir selbst fliehen. Mich an nichts mehr erinnern ... an absolut nichts ... mich von meinem ganzen Leben entleeren ... Sehen Sie: ein Leichnam sein ... nur ein Leichnam sein ..."

Und dann ... nichts mehr. Das Loch. Ohne Ugo, der neben seiner Aufgabe als Regisseur auch die Rolle des Boffi spielt, wäre sie immer noch in diesem Loch! Er hat sich ihr genähert und ganz behutsam zu ihr gesagt: "Der von Cia?". Das hat Camille erlaubt, wie am Ende eines langen Aufwachens fortzufahren: "Ihr, Ihr sagt, das ist der von Cia?"

Nach dem Applaus - und obwohl Ugo sie daran erinnert hat, dass es ihre Aufgabe ist anwesend zu sein - ist sie unfähig, in ihrer Garderobe zu bleiben, um dort die klassischen Komplimente der Bewunderer entgegenzunehmen. Und das ist wirklich das erste Mal! Gerade sie, die sonst nie genug kriegen kann von den Komplimenten und dem Champagner. "Es ist keine Frage, dass sich das wiederholt."

Camille und Pierre

Daher beschließt Camille am folgenden Tag, den Stier bei den Hörnern zu packen, mutig zu sein und das Objekt ihrer Angst zu konfrontieren: Sie begibt sich am späten Vormittag zu der Adresse, wo Pierre zur Zeit ihres Liebesverhältnisses wohnte. Nachdem sie sich anhand der Namensschilder vergewissert hat, dass er nicht umgezogen ist, geht sie hoch und klingelt. Aber zu ihrer großen Überraschung öffnet ihr eine Frau. Eine Unbekannte, die sie aber zu kennen scheint.

Beide sind verwirrt. Ohne Erklärung tritt Camille den Rückzug an. Sie flieht zu dem Platz, wo Pierre jeden Morgen hingeht ... Er ist tatsächlich dort, sitzt auf der selben Bank wie früher. Wie einst durchblättert er die Morgenzeitung, sein "Morgengebet" wie es Hegel formulierte, den er gerne zitiert.

Trotz des Schocks, den er erleidet, als er sie wiedersieht, kann Pierre Camille die Antwort geben, auf die sie gewartet hat: Ja, er habe schwierige Zeiten durchgemacht. Jetzt laufe alles gut. Er habe sich in eine andere Frau, Sonia, verliebt, mit der sein Leben wieder lebenswert wurde. Es ist die Frau, die Camille die Tür geöffnet hatte. Das Gespräch scheint ruhig und freundschaftlich, aber unter der Oberfläche brodelt das Feuer. Entgegen allen Anscheins ist Camille weit davon entfernt, beruhigt zu sein, sie ist vielmehr auf neue Art beunruhigt. Ist sie erleichtert, enttäuscht zu sein, oder enttäuscht, erleichtert zu sein? Beim Abschied verspricht sie Pierre, ihn wiederzusehen und seine neue Freundin kennen zu lernen. Auf diese Weise glaubt sie, definitiv die Vergangenheit vergessen zu können. Womit sie, ohne Zweifel, Unrecht hat.

Pierre und Sonia

Pierre ist mit Sonia glücklich. Mit ihr ist ihm das gelungen, woran er mit Camille gescheitert ist: sie ganz in sein intellektuelles und berufliches Leben zu integrieren und nicht nur in sein häusliches. Sie hilft Pierre bei seiner Arbeit. Sie tippt seine Manuskripte und beantwortet seine Post. Um aber der totalen Vereinnahmung durch Pierre (den sie vor etwa drei Jahren getroffen hat) zu entkommen, hat Sonia beschlossen, ihr Leben in zwei Teile zu teilen. Die andere Seite ihres Lebens ist der Tanz. Als ehemalige Tänzerin hat sie beschlossen, ihre Leidenschaft an andere weiterzugeben, an Kinder und Jugendliche.

Pierre ist ein Denker und ein anerkannter, wenn auch nicht dem großen Publikum bekannter, Schriftsteller und damit in gewisser Hinsicht sehr beschäftigt. Er ist aber auch sehr geschickt im Delegieren. Er ist ein berühmter Hochschullehrer, ein Philosoph, mit einem Lehrstuhl in Caen, wohin er sich zwei Tage pro Woche begibt. Er ist ein sehr integrer Mann. Als Sonia ihn kennen gelernt hat, fühlte sie sich von dieser Integrität, dieser Aufrichtigkeit, sehr angesprochen.

In seinen Schriften mit starker ethischer Konnotation, die in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht werden, geht er dem Ausgekochten, dem heimlichen Groll in den Gedanken der anderen nach. Er arbeitet seit über 15 Jahren an einer Doktorarbeit, die ihn in Beschlag nimmt. Vorläufiger Titel: "Heidegger, der Missgünstige". Das Motto, ein Zitat von Malaparte: "Die Diktatur ist die totalste Form der Missgunst."

Trotz ihrer Hingabe und der Liebe, die sie Pierre geschworen hat, ist es Sonia bewusst, dass sie niemals Camille, an die Pierre nie aufgehört hat zu denken, vollständig ersetzen kann. Und außerdem fühlt sie sich schuldig, weil sie einem jungen Mann gegenüber, den sie zufällig kennen gelernt hat und der sie verfolgt, nicht ganz unempfänglich ist. Er sagt, dass er nicht versteht, wie eine so "wunderbare" Frau ihr Leben einem "Schikaneur" wie Pierre opfern kann, von dem er nicht mal den kleinsten Text lesen möchte.

Arthur erheitert Sonia durch seine Respektlosigkeit, durch seinem Willen, Pierre zu "entmystifizieren". Er führt sie heraus aus einem Klima, das sie zwar noch nicht als erstickend erkannt hat, das sie bisweilen aber bedrückt. Auch ist er voll Leidenschaft und Hoffnung und verdoppelt seinen Charme ihr gegenüber.

Ugo und Dominique

Auch Ugo hat ein Geheimnis neben dem offiziellen Grund, der ihn nach Paris bringt. In Wahrheit ist er auf der Suche nach einem einzigartigen Text: dem verlorenen oder in einer privaten Bibliothek versteckten Manuskript eines Stücks von Goldoni, das der Autor während eines langen Aufenthalts in Paris geschrieben hat.

Aus Aberglauben hat es Ugo vorgezogen, niemandem etwas davon zu erzählen. Aber nicht nur aus Aberglauben: Sein Interesse an dem Manuskript ist professioneller Natur. Denn in Wahrheit steckt die Theatertruppe, der er vorsteht, in ernsten Schwierigkeiten. Einige Stücke waren sehr teuer, andere sind nicht sehr gut gelaufen. Ugo zählt auf diese europäische Mini-Tournee, um die Finanzen seiner Truppe wieder in Fluss zu bringen; aber eine Kalkulation nach seiner Ankunft in Paris gibt ihm zu verstehen, dass diese Hoffnung trügerisch war: Der Saal ist für diese Art von Schauspiel sehr schlecht geeignet, die Miete ist verheerend und das Echo auf die Generalprobe sehr geteilt.

Die Theatergesellschaft ist in Verzug mit den Löhnen für die Techniker und die Schauspieler. Die Stimmung schlägt manchmal um. Der Geschäftsführer verschwindet in den Fluren und vergräbt sich hinter seiner Rechenmaschine.

Ugo nimmt auch - wenn die Arbeit ihm einen Moment Freiheit gestattet - Aufträge eines Buchhändlers an, der auf alte und seltene Bücher spezialisiert ist. Er hat Ugo bei dem Gedanken an ein unveröffentlichtes Manuskript von Goldoni ohne Umschweife erklärt, dass er Kunden kennt, die ein Vermögen geben würden, um es im Geheimen zu besitzen. Er sagt, dass er diese mit Hilfe einer Provision sogar untereinander in Konkurrenz treten lassen könnte, um den Preis explodieren zu lassen. "Wenn das Manuskript existiert", sagt er im Wesentlichen zu Ugo, "dann kopieren Sie es nicht, schauen Sie nicht auf das Geld, nehmen Sie es, ich kümmere mich um den Rest."

Derart ermutigt, lenkt Ugo seine Schritte auf die Bibliothek des Arsenals in Sully-Morland. Dort verliert er sich ein wenig in der Stille des Vorzimmers in der Kartei. Er kommt mit den vielen Möglichkeiten der Klassifizierung nicht zurecht. Ein seltsames junges Mädchen beobachtet ihn. Sie wartet eine Weile, bevor sie ihm arglistig anbietet, ihm die verschiedenen Arten der Recherche zu erklären. Sie bringt ihn zum Lachen. Sie ist erstaunt darüber, wie leicht sie ihn zum Lachen bringen kann. Sie entschuldigt sich, dass sie zu ihrer Arbeit im Lesesaal zurückkehren mußs. Schließlich verlässt Ugo das Arsenal, nicht ohne zuvor noch einen letzten Blick auf seine junge Fremdenführerin geworfen zu haben. Er ist ganz aufgeregt wegen eines neuen Anhaltspunkts, den er erhalten hat.

Zwei Tage später geht er in das XVII ième Arrondissements zu einem Haussmannschen Gebäude. Dort ist die Wohnung, in der der überwiegende Teil der Bücher und Dokumente einer privaten Bibliothek gesammelt sind, die einst einem gewissen Monsieur Vernet gehörte, einem Juristen und Theaterliebhaber, geboren 1723 in Lille, gestorben 1796 in Paris. Er hat Goldoni zu jener Zeit finanziell unterstützt, als dieser einige Jahre vor der Enthauptung von König Louis XVI in Paris wohnte und am Hungertuch nagte. Um ihm zu danken, hat ihm der Dramaturg das Manuskript eines Stückes angeboten, das er in Paris um 1780 geschrieben hatte ... Von Erbe zu Erbe und nach so manchem Umzug, gibt es vielleicht trotzdem eine Chance, dass der Schatz hier gelandet ist.

Die sehr unordentliche Hausherrin empfängt Ugo höflich. Sie sagt, dass sie noch nie wirklich auf dem Laufenden war über den genauen Inventar der Bibliothek, dem Erbe ihres verstorbenen ersten Mannes, der über diesen ganzen Reliquien mit Leidenschaft gebrütet habe. Ihr jetziger Mann habe überhaupt kein Interesse an dieser Ansammlung von Bücherstaub. Vielleicht sei ihre Tochter (Tochter ihres zweiten Manns, eine Literatin, im Unterschied zu ihrem älteren Sohn aus erster Ehe) mehr auf dem Laufenden ...

Sie geht mit Ugo in den großen Salon, der gleichzeitig das Büro der Bibliothek ist. Sie fragt ihn nach allem aus. Italien, Turin, das Theater. Doch es ist spät geworden. Ugo mußs zurück ins Theater. Auf der Treppe stürzt ein junges Mädchen die Stufen hinab. Ugo findet sich von Angesicht zu Angesicht mit der jungen Leserin vom Arsenal wieder. Sie übergibt ihm einen Umschlag, den er oben vergessen hat. "Meine Mutter hat mir gesagt, das gehöre Ihnen." Und so macht er die Bekanntschaft von Dominique, genannt Do, die genauso überrascht ist wie er.

Als Ugo beim nächsten Mal zurückkehrt, um die Bibliothek mit der Komplizenschaft Dos zu erkunden, trifft er den Stiefbruder des jungen Mädchens, Arthur, den Sohn des Erben der Bibliothek von Monsieur Vernet. Ein seltsamer Typ, dieser Arthur: Trotz der Aussagen seiner Mutter ist er gar nicht so desinteressiert an allem, was mit diesen seltenen Editionen zu tun hat.

Man versteht später, dass er Streifzüge in den Salon unternimmt, um dort wertvolle Bände zu stibitzen, die er verkauft. Und seit kurzem hat er noch weniger Geld, weil er einer Frau den Hof macht, die er ihrem Gatten "ausspannen" will. Eine Frau, die er betören will... Nun, diese Frau ist Sonia, die Frau von Pierre.

Arthur und Sonia

Arthur lebt von kleinen Schwindeleien und seinen weiblichen Eroberungen. Er ist genauso sehr frauenfeindlich, wie er das Geld liebt, und dennoch überzeugt davon, die Frauen anzubeten und die Kohle zu hassen. Wenn er Sonia den Hof macht, so hat das nichts mit seinem Herzen zu tun. Er träumt vom Luxus. Sonia besitzt etwas, das es ihm für eine gewisse Zeit erlaubt, diesen unersättlichen Traum zu befriedigen.

Arthur hat zunächst an Sonia nur ihren Ring gesehen. Er kennt sich aus mit Schmuck. Er hat sich damit beschäftigt. Ein alter Ring, von dem er den Wert kennt. Er weiß, dass er diesen Ring haben mußs. Er weiß, an wen er ihn verkaufen kann. Für Sonia hat dieses Schmuckstück, das von ihrer Großmutter stammt, trotz der Reinheit des Diamanten und der Perfektion des Schliffs vor allem einen immateriellen Wert. Arthur hat schon einen Plan: Es genügt, eine Replik davon zu machen und ihn auszutauschen. Und eine zeitlang wird Arthur reich sein. Nicht so wie seine Eltern, die inmitten eines Vermögens von Büchern leben "in einer schändlichen Not, einem Apartment, das zu Trümmern zerfällt, das nicht gepflegt ist, einer Bibliothek, die mit Staub bedeckt ist. Diese Schande."

Pierre und Camille

Pierre ist nicht so ruhig von ihrem ersten Gespräch weggegangen, wie Camille glaubte. Er weiß, dass die Wunde, die sie ihm zufügte, als sie ihn vor fünf Jahren verließ, noch nicht ganz verheilt ist, und dass ihre Rückkehr diese wieder aufbrechen ließ. Von nun an hat sich sein Kummer verdoppelt: Er liebt Sonia sehr und er hat wenig Hoffnung, Camille zurückzuerobern. Er wird auch doppelt leiden, weil er vor Sonia seine wiedererwachende Leidenschaft verbergen mußs, und die, die ihn einst verließ, nicht wiedergewinnen kann.

Sonia glaubt, ihm einen Gefallen zu tun, indem sie ihm vorschlägt, das Paar Ugo und Camille zum Abendessen einzuladen. Er sagt weder ja noch nein, in Unkenntnis der daraus folgenden Ereignisse. Vielleicht hofft er vor allem, dass es bei dem einen Besuch Camilles bleibt und dass es ihm von Neuem gelingt, sie zu vergessen oder ihr gegenüber zumindest gleichgültig zu werden.

Camille ihrerseits, nach der "ungeheuren Erleichterung", die sie nach ihrem ersten Treffen mit Pierre empfunden zu haben glaubte, spürt während der Aufführung am Abend, wie die Unruhe zurückkehrt. Aufgrund einer plötzlichen Eingebung denkt sie - da ihre Beziehung ja nun normal ist - es auch normal wäre, dass er das Stück sieht. Und in der Pause schickt sie ihm eine Einladung, begleitet von einem kleinen Spruch des Inhalts: "Kommen Sie, wenn Sie möchten, aber kommen sie nicht"

Er kommt am folgenden Abend, und das Unglück ist geschehen. Er kommt allein, ohne Sonia. In der Pause begibt sich Camille zum Kartenbüro um zu erfahren, ob Pierre gekommen ist. Nach der Aufführung erwartet sie ihn in ihrer Garderobe. Aber er erscheint nicht.Als sie in die Nacht hinausgeht, sieht sie, wie er auf der anderen Straßenseite gegenüber dem Künstlereingang auf sie wartet. Sie sagt zu Ugo, er solle essen gehen, ohne auf sie zu warten, "sie wird ihn im üblichen Restaurant treffen", und sie fasst sich ein Herz, überquert die Straße und trifft Pierre.

Pierre fragt, ob er sie einige Schritte zu ihren Hotel begleiten kann. Sie ist einverstanden, und während eines scheinbar sehr neutralen Gesprächs übermittelt er ihr die Einladung seiner Gefährtin Sonia zum Essen für sie und Ugo für den folgenden Sonntag nach der Matineevorstellung. Camille akzeptiert unter dem Vorbehalt, "dass Ugo noch nichts anderes vorhat". Sie aber stellt mit Schrecken fest, dass das Feuer, das unter der Asche schwelte, schon wieder aufgeflammt ist. Sie erkennt die Zeichen.

Mit den Augen von Pierre und aus seinem Gesichtspunkt (wie später aus dem Gesichtspunkt von Sonia, Dominique und Arthur) wohnen wir einem bestimmten Ausschnitt des Stücks von Pirandello bei und jedes Mal - je nach Zuschauer - einem anderen.

Camille und Tre

Camille ist ängstlich, unbefriedigt. Seit sie Pierre wiedergesehen hat, umkreisen sich Ugo und sie, liebkosen und bestärken einander, aber sie spürt, dass diese glückselige Vertrautheit etwas ausgesprochen Normales hat, um nicht zu sagen Automatisches. Ihre momentane Beziehung hat eine einschläfernde Wirkung auf die wahren Fragen ...

Und die Fragen stellen sich Camille mehr als je zuvor. Über die Liebe, über ihren Beruf, über die Zukunft, die trotz der verschiedenen Rollen, die sie spielt, nicht aufhört sich zu wiederholen. Und in Paris kommt die Vergangenheit mit nicht zu unterdrückendem stechendem Schmerz wieder zum Vorschein. Ist es nicht so, dass Camille unter diesen neuen Umständen mit dem Feuer spielen will? So finden sich Camille und Ugo am folgenden Sonntag bei Pierre und Sonia ein. Ugo beginnt, die Launen Camilles sonderbar zu finden. Wiederholt hat sie gesagt, dass sie nicht geht, "das kotzt mich an", aber als er ihr zustimmt, wird sie wütend: "Ich habe noch nie so einen Brummbär wie dich gesehen."

An dem Abend des Essens kommt Sonia zuerst an, ohne Ugo, der noch vorher zum Hotel wollte (in Wahrheit trifft er sich mit Do, die ihm etwas Wichtiges über das Manuskript von Goldoni mitzuteilen hat). Großes Unbehagen zwischen Sonia und Camille. Pierre lächelt und erzählt philosophische Anekdoten à la Thomas Bernhard, aber sein Blick gleicht dem eines Narren. Als Camille nach der Toilette fragt, überstürzt er sich, um sie hinzuführen, und fällt fast zu Boden. Sonia wird von einem nervösen Gelächter ergriffen.

Ugo kommt an, als die Peinlichkeit des Trios ihren Höhepunkt erreicht hat. Er schätzt die Situation ab und anstatt sich zu ärgern, amüsiert er sich. Er trägt dazu bei, die Atmosphäre ein wenig zu entspannen. Er findet Sonia charmant.

Der Schein ist gerettet. In Wahrheit aber ist es für jeden ein katastrophales Essen: Obwohl er der Hauptanstifter ist, scheint Pierre am wenigsten betroffen. Er wählt die Gewissenlosigkeit. Camille hat Angst bekommen, Sonia begreift alles und Ugo beschließt, sich lustig zu machen. Auf dem Rückweg macht Camille ihm eine schreckliche Szene. Sie werden beinahe handgreiflich, bis Camille nachgibt und ihn bittet, ihr zu verzeihen: "Es ist alles mein Fehler." Er versucht, ihr zu sagen, dass es nicht schlimm sei. Er tröstet sie.

Am folgenden Tag, in Erinnerung an den "schrecklichen Abend", ruft Camille Pierre an und bittet ihn, sie zu treffen, damit sie sich aussprechen können. Er gibt vor, nicht zu verstehen, akzeptiert aber sie zu treffen, "obwohl er sehr viel zu tun hat". Er bereitet seinen nächsten Kurs in Caen vor, wohin er am nächsten Tag abreisen mußs. Sonia ist bei ihrem Tanzkurs. Camille schlägt vor, zu ihm zu kommen: "Wann? Dann aber gleich", und sie geht hin. Sie geht, um ihn zu Verstand zu bringen. Gleichzeitig hofft sie sich zu beweisen, dass sie alles nur übertrieben hat, wie Ugo es ihr am Vorabend versichert hat. Es hat keine wirklich unangebrachten Gesten oder Worte gegeben. Vielleicht existiert alles nur in ihrem Kopf. Und wenn Pierre wieder angefangen hat zu "träumen", so wird sie ihn aus seinem Traum aufwecken, indem sie ihm sagt, was los ist: dass sie ebenso wie er ein neues Leben begonnen hat, dass sie mit Ugo und dem Theater glücklich ist.

Das ist eine überzeugende Rede, die Pierre täuschen könnte - sogar wenn sie selbst nicht mal die Hälfte davon glaubt. Aber von den ersten Worten an begreift sie, dass das Gegenteil eintrifft und dass ihre Anwesenheit all die Worte überflüssig macht. Allein ihr Dasein ist eine Provokation für Pierre. Pierre verliebt sich aufs Neue, verliebt sich leidenschaftlich, verliebt sich mit Zorn, mit Freude, stürmisch und zitternd. Was tun gegen einen Vulkan, der ausbricht? Camille rennt Hals über Kopf davon.

Do und Ugo

Am nächsten Abend kommen Dominique und ihre Mutter zur Aufführung. Ugo stellt ihnen Camille nicht vor. Am selben Abend macht Camille Ugo eine neue Szene, weil er angeblich mit Pamina flirtet. Die Missverständnisse und Kurzschlüsse elektrisieren die Atmosphäre ...

Am folgenden Tag holt Ugo Do am Arsenal ab. Er fragt sie über ihr Leben aus. Über ihre Lieben. Ihre Abhandlung. Passend zu ihrer Doktorarbeit erzählt oder erfindet er mehr oder weniger für sie das Drehbuch eines Historienfilms, der in den Studios von Cinecittà gedreht wird. Und Ugo stellt dies alles durch eine Pantomime mit wenigen Worten auf Italienisch da und untertitelt dabei kurz auf Englisch. Do biegt sich vor Lachen. Ohne es zu merken, gehen sie an der Seine entlang bis zur Pont Neuf ... Es ist Abend geworden. Sie frieren. Sie kehren in ein leeres Café-Restaurant ein. Do klappert mit den Zähnen. Ugo nimmt sie in seine Arme.

Camille, Sonia, Arthur

Am selben Abend, während Pierre in Caen ist, begibt sich Sonia ins Theater und wohnt der Aufführung bei, nicht ohne ordnungsgemäß ihren Platz bezahlt zu haben. Camille hat sie beim Schlussapplaus nicht gesehen. Aber als sie anschließend in die Garderobe kommt, spricht sie mit ihr. Camille begreift, dass Sonia sie falsch beurteilt hat. Sonia hält sie für eine Anmacherin. Sonia ist verbittert. Camille möchte sie verstehen lassen, dass sie nicht das ist, wofür Sonia sie hält, dass sie kein doppeltes Spiel spielt, dass sie nur Gutes tun wollte. Aber die Garderobe, in der die Besucher vorbeiströmen, ist kein geeigneter Ort, um zu reden und Sonia möchte nicht woanders hingehen. Sie hatte etwas zu sagen, aber sie konnte es nicht so vermitteln, wie sie wollte. Sie wollte keine Feindseligkeit zeigen, keine Bitterkeit. Sie geht und Camille ist unfähig, sie zurückzuhalten.

Später geht Camille in Ugos Garderobe, um ihn zu treffen. Er ist schon weg. Auf dem Weg zum Hotel, wird es ihr kalt. Sie geht in ein Bistro und bestellt sich an der Theke einen Grog. Und da sieht sie sie im Spiegel hinter der Bar: Arthur und Sonia sitzen eng umschlungen beisammen. Camille verschlingt ihren Grog, bezahlt und verdrückt sich.

Arthur umarmt Sonia. Aber als ihre Lippen sich treffen, pressen die Finger seiner rechten Hand eine rosa Paste (wie sie von den Zahnärzten benutzt wird) auf die Fassung des Rings, auf dem der Diamant angebracht ist ... Und später mußs er, um das Maßnehmen zu vollenden, nur noch den exakten Fingerumfang messen. Das gefährliche Unternehmen verläuft ohne Zwischenfälle.

Am nächsten Tag geht Camilla zu Sonias Tanzkurs, um sich richtig mit ihr auszusprechen. Sie erträgt es nicht, von Sonia des Verrats und Doppelspiels angeklagt zu sein, wie sie es am Vorabend gespürt hat, während diese offensichtlich mit dem jungen Arthur flirtet. Als sie sich sehen, verschwindet all ihre Feindseligkeit angesichts einer Komplizen-schaft, die stärker, tiefer ist, wie sie mit Erstaunen entdecken. Endlich kann Camille wie Donnata (Figur aus Pirandellos "Se trouver") sagen: "Letztlich kann man sich nur allein finden. Das ist das, was wahr ist, man mußs es nur glauben, glauben! So findet man zu sich." Sonia stimmt zu. Schweigen. Plötzlich macht Sonia auf dem Boden einen Spagat. Camille bricht in Lachen aus. An diesem Abend wohnt Arthur dem Stück bei.Er kommt, um ihr in ihrer Garderobe zu gratulieren.

Cosi Fan Tutti

Die zwischen ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart gefangene Camille beschließt, dass ihr etwas fehlt, irgendwer fehlt ... mit dem sie ihre Unentschiedenheit maskieren oder relativieren kann. Und wenn sie gleichzeitig eine "gute Tat" tut? Seltsame Gleichung! Trotzdem ist es ungefähr so.

Sie wird sich für Arthur interessieren, nicht eigentlich für ihn, aber um Sonia zu retten und sie auf gewisse Weise Pierre zurückzugeben - und um indirekt sich selbst zu retten. Weil er darauf besteht, gibt sie sich ihm hin, aber nur ein einziges Mal ... Wie in einem Taumel vergessen sie sich. Das klingt wie eine Affäre, die nur vom Sex beherrscht wird.

Nach soviel Lust schläft Arthur erschöpft wie ein Kind ein. Camille denkt nach. Sie betrachtet sich im Spiegel. Sie fühlt sich etwas komisch im Kopf. Sie sucht ein Glas. Sie öffnet alle Arten von Schubladen, von Schränken. In einem Möbelstück findet sie ein Schmuckkästchen. Sie öffnet es. Da ist ein Ring. Sie erkennt den Ring von Sonia. Sie durchschaut es, sie begreift ... (Denn zwei Tage vorher nutzte Arthur Sonias Schlaf aus, um die beiden Ringe auszutauschen). Arthur erwacht und ruft zärtlich nach Camille. Arthur steht auf, umarmt sie und geht dann Gläser holen. Camille versteckt den Ring in ihrer Tasche.

Ugo hat sich in den letzten Tagen im Kielwasser Dos treiben lassen. Sie ist verliebt, sein Charme überzeugte sie mehr und mehr. Sie ist zweimal zur Aufführung gekommen. Das erste Mal ganz offiziell mit ihrer Mutter, das zweite Mal allein, heimlich. Ugo sieht Camille nun mit anderen Augen. Er entdeckt ihre Lügen, ihre Abwesenheiten, ihre absurden Widersprüche.

Und seine Verwirrung erreicht den Höhepunkt, als Camille ihm mitteilt, dass er vielleicht für die Aufführungen in Wien, die im Anschluss an Paris folgen, einen Ersatz finden mußs. Es bleibt ihm nur noch eins übrig: allein zu diesem berühmten Pierre zu gehen, ihm gegenüber zu treten. Was er nicht weiß, ist, dass Pierre, dieser absolute Narr, bereit ist, bis zum Tod zu gehen, um sich mit Ugo, der ihm Camille genommen hat, zu messen.

Ugo versucht eine von Tolstoi inspirierte Version des Duells zu erfinden, aber auf "Italienisch". Er schlägt Pierre, der akzeptiert, vor, auf einen Steg unter dem Dach des Theaters zu steigen und dort bis zur Bewusstlosigkeit zu trinken. Der, der hinunterfällt, hat verloren. Das versteht sich von selbst. Und was passiert: Es ist Pierre, der fällt. Aber Camille ist den Armen Arthurs entflohen, rechtzeitig um das Stück zu spielen, das sie dieses Mal voll erfüllt: Ugo gibt ihr den Beweis seiner grenzenlosen Liebe. Sie sind alle ein bisschen idiotisch, diese Männer sagt sich Camille. Beinahe wegen eines Missverständnisse zu sterben! Ugo übrigens genauso wie Pierre! Aber er, das ist definitiv die Vergangenheit. Die Gegenwart, das ist die Liebe zu Ugo, riesengroß, die sie zum ersten Mal auf die Probe gestellt hat. Und auch die Zukunft? Für den Moment, das heißt gleich: die letzte Aufführung von "Come tu mi vuoi". Und danach? Auf jeden Fall Wien. Und die nächste Saison? Ein Goldoni? Warum nicht?

Dirk Jasper FilmLexikon
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