|
|
|
Die Großmutter (Danielle Darrieux) im Rollstuhl empfängt sie. Marcel, ihr Vater, ist der einzige Mann im Haus. Er schläft in der oberen Etage, und nach und nach erscheinen auch die anderen Frauen auf der Bühne des Salons: Gaby (Catherine Deneuve), Suzons Mutter, die elegante Hausherrin mit großbürgerlichem Flair; Suzons jüngere Schwester Catherine (Ludivine Sagnier), das quirlige Nesthäkchen; und schließlich das ältliche Fräulein Augustine (Isabelle Huppert), die immer giftige und leicht reizbare Schwester Gabys, die ausnahmslos jeden ihre Frustration über das Ausbleiben ihres Traumprinzen spüren lässt.
Neu im Haus ist Louise (Emmanuelle Béart). Als Zimmermädchen kam sie auf Betreiben des Hausherren in die Familie. Sie strahlt eine selbstgewisse Erotik aus.
Als Marcel mit einem Messer im Rücken auf seinem Bett gefunden wird, überschlagen sich die Ereignisse. Jede der Frauen rückt allen anderen mit schlimmen Enthüllungen und Schuldzuweisungen zuleibe, und schnell wird offensichtlich, dass eine von ihnen die Mörderin sein mußs, deren Überführung aber deshalb so komplex ist, weil jede ein Geheimnis hat, dessen Aufdeckung sie unbedingt vermeiden möchte: Was hatte Augustine zum Beispiel fünfmal in der Nacht im Badezimmer verloren, und warum waren sowohl Catherine als auch die Großmutter spätabends noch im Zimmer des Vaters? Und weiß eigentlich jemand, dass Mademoiselle Chanel eine Schwäche fürs Pokern hat und deshalb oft viel länger wach ist, als sie offiziell immer erklärt? Diese scheinheilige Andeutung macht Louise, als man die Vorliebe des Ermordeten für junge Frauen andeutet.
Bei einem Handgemenge zwischen Gaby und Augustine, den so unterschiedlichen Schwestern, steht die Großmutter plötzlich aus ihrem Rollstuhl auf und eilt zur Treppe - in der Aufregung kann sie auf einmal gehen. Nun geht es gegen sie: Sie sei vor allem geizig und schlafe mit ihren Aktien unterm Kopfkissen, heißt es. Wem war eigentlich in diesem Hause klar, so konterte sie, dass Marcel so gut wie pleite war? Großmutter hatte ihm mit ihrem Aktienpaket helfen wollen. Doch bevor es dazu kommen konnte, mußs es jemand gestohlen haben - man spürt, wie der Verdacht im Raum schwebt, dass das nur vorgetäuscht ist.
Als die Spekulationen mit allen durchgehen, tritt plötzlich Pierrette (Fanny Ardant), die Schwester des Opfers, ehemalige Nackttänzerin und Intimfeindin der Hausherrin, in den Salon. Sie hat einen anonymen Anruf erhalten und will sofort ihren Bruder sehen. Der Schlüssel zu seinem Zimmer, das Catherine abgeschlossen hatte, damit niemand Spuren verwischen kann, mußs jedoch vertauscht worden sein. Offiziell hat Pierrette noch nie einen Fuß in dieses Haus gesetzt, wie kann es dann sein, dass sie auf Anhieb das richtige Zimmer findet? Und wo man gerade dabei ist: Wann hat sie eigentlich ihren Bruder zuletzt gesehen? Noch am gestrigen Tag hätten sie sich heimlich getroffen. Des nachts aber habe sie mit Mademoiselle Chanel gepokert, gibt sie unumwunden zu ...
Man hat schon viel zu lange gezögert, die Polizei zu verständigen. Jedoch, das Telefonkabel ist durchtrennt worden. Auch das Tor des Grundstücks ist inzwischen zugeschneit, und das Auto springt ebenfalls nicht an. Fazit: man ist von der Außenwelt abgeschnitten und eingesperrt mit einem Mörder - oder vielmehr: einer Mörderin.
Die acht Frauen versuchen nun noch einmal systematisch, die vergangene Nacht Revue passieren zu lassen: die Laute in Marcels Zimmer, die Augustine in der Nacht hörte, waren das Schreie der Lust? Stammten sie von Gaby oder vielleicht eher von Louise? Ja, Louise war tatsächlich im Zimmer des Herren gewesen, und sie bekennt sich gern des Lasters schuldig, aber nicht des Mordes, entgegnet die Kammerzofe.
Sind denn aber wirklich schon alle Möglichkeiten durchdacht worden? Was ist eigentlich mit Suzon? Kam sie tatsächlich erst an jenem Morgen im Haus an, fragt ihre kleinere Schwester, die bis in den frühen Morgen Kriminalromane in ihrem Zimmer gelesen hat? Tatsächlich war auch Suzon bereits in der Nacht bei ihrem Vater gewesen. Sie brauchte seinen Rat, und jetzt schließlich gesteht sie auch ihrer Mutter, dass sie schwanger ist.
Auf den Schock von Suzons Enthüllung folgt unmittelbar jener, dass sie gar nicht die leibliche Tochter ihres Vaters ist. Gaby hatte dem Mädchen bis heute ihren wahren Vater verschwiegen, der die große Liebe ihres Lebens war. Suzon in ihrer Nähe zu haben, sei für sie immer "eine Freude und ein Schmerz" gewesen. Als die Haushälterin in das Verhör einbezogen wird, gesteht sie ihre leidenschaftliche Liebe für Pierrette. Welch schöne Gesellschaft, räsonniert die Großmutter kaltschnäuzig: lauter Lesben und ledige Mütter.
Jede offenbarte Lüge öffnet nur die Tür zu einem anderen Geheimnis: Louise und Marcel kannten sich zwar schon fünf Jahre. Hatte Gaby aber womöglich ausgerechnet gestern Nacht das Kammermädchen und ihren Gatten in flagranti erwischt? So mutmaßt ausgerechnet Augustine, die alte Jungfer, der es ein seltenes Glücksgefühl bereitet, ihre Schwester auf diese Weise zu demütigen. Aber kaum ist sie obenauf, offenbart Pierrette, die im gleichen Buchclub Mitglied ist wie Augustine, dass sie in einem ausgeliehenen Liebesroman einen Briefentwurf des späten Mädchens entdeckt habe, worin sie dem Hausherren ihre Leidenschaft gesteht.
Nicht nur die Integrität der einzelnen Charaktere wird immer obsoleter, auch Macht und Ohnmacht verteilen sich nach anderen Regeln als denen des sozialen Gefüges: kaum sind Augustine und Louise einmal allein im Salon, so fragt die verklemmte Tante die selbstsichere Maitresse über die Waffen der Weiblichkeit und Verführung aus. Und später, als Louise in einem anderen Zimmer Gaby unter vier Augen begegnet, legt die Kammerzofe demonstrativ die Domestiken-Attribute ab, öffnet ihr Haar und lässt das Foto einer früheren Herrin sehen - es ist ein Porträt von Romy Schneider - , die sie geliebt habe. Zugleich sieht Louise aus, zumal wenn sie vor einem prächtigen Ölporträt Gabys steht, wie eine Reinkarnation der jungen Catherine Deneuve.
Gegen Ende, der Show-Down der Diven: Gerade noch hat Pierrette ihrer Schwägerin an den Kopf geworfen, dass es ja sein mag, dass sie selbst eine gescheiterte Bürgerliche sei, Gaby jedenfalls sei eine gescheiterte Hure, da stürzen die beiden Damen schon wie Furien ineinander, nicht wissend und nicht sichtbar, wo der hasserfüllte Schlag endet und wo die lustvolle Umarmung beginnt.
Zwei Feindinnen, die ineinander verschlungen den Salon zur Arena machen. Ihr Kampf eröffnet wie in einer Schlussvolte weitere Geheimnisse um Geld, Begehren und Verzicht - und über allem das Drama der wahren (und unglücklichen) Liebe: "Il n' y a pas d' amour heureux", so singt die Großmutter in einem letzten großen Chanson, nachdem zuvor bereits jede der jüngeren - wie in selbstverständlichen Offenbarungs-Exkursen - mit einem eigenen Solo brillieren konnte.
Alles kommt ans Licht, nur der Mord bleibt vorerst noch ungeklärt, und wahrscheinlich löst sich der Fall sowieso ganz anders ...
|
|
| © Fotos: Constantin © 1994 - 2010 Dirk Jasper |