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Das für einen Oscar als bestes Originalskript nominierte Drehbuch zu Monster's Ball von den Autoren Milo Addica und Will Rokos entstand bereits 1995 und machte seither in Hollywood die Runde. Regisseure wie Oliver Stone und Sean Penn standen dicht davor, das Projekt zu verfilmen, während Stars wie Tommy Lee Jones und gar Marlon Brando über die Jahre mit Rollen flirteten.
Das Mitwirken Forsters kam durch den Produzenten und Manager Lee Daniels zustande, der von den zwei frustrierten Monster's Ball-Autoren für einige Monate eine Option auf die Realisierung des Stoffes erhielt. "Innerhalb der Branche galt das Projekt als Evergreen", erinnert sich Daniels, "von dem ich so besessen wurde wie viele andere Produzenten vor mir, da es die Direktheit des Lebens mit rohen und vielschichtigen Figuren erfasst, für die gute Schauspieler alles geben."
Bei der Suche nach einem adäquaten Regisseur stieß Daniels im August 2000 auf Marc Forsters vorangegangenes Drama "Everything Put Together", das ebenfalls eine tragische Familiengeschichte thematisiert und beim Sundance Festival und bei den Independent Spirit Awards für Furore gesorgt hatte. "Der Film ging direkt unter die Haut", sagt Daniels, "und man spürte sofort, dass Marc sowohl mit diffizilem Material als auch mit Schauspielern umgehen kann."
Parallel dazu befand sich auch der Regisseur selbst auf Stoffsuche und erhielt eine Empfehlung für Monster's Ball von Mark Urman, einem damaligen Manager der Produktions- und Distributionsfirma Lions Gate. "Ich las das Skript", erinnert sich Forster, "und hatte keinen Zweifel, dass ich diesen Film machen wollte," und Mark Urman ergänzt: "Der Schlüssel zur Sicherung der Rechte lag darin, die Autoren nie um Änderungen zu bitten. Wir wollten nur den Film, der nun auf der Leinwand ist. Dank der Zusage von Billy Bob Thornton waren wir auch abgesichert, um grünes Licht für die Produktion zu geben. Nicht genug, dass sein Mitwirken die Aufmerksamkeit von Zuschauern und Lizenzkäufern außerhalb der USA garantierte. Er stieg auch für einen Bruchteil seiner üblichen Gage ein, was Signalwirkung auf die weiteren mitwirkenden Stars hatte."
Im Rahmen des Besetzungsprozesses erwies sich Thornton weiterhin nicht nur "als der einzige echte Hillbilly im gesamten Film", wie er es selbst formuliert, sondern er war auch aus kreativer Perspektive die sicherste Bank. Denn selbst beim Casting von kleineren Rollen ging Forster fortan vorliebig Wagnisse ein, indem er etwa die Rap-Stars Sean "Puffy" Combs und Mos Def komplett gegen ihre Images besetzte.
Bei der Figur des Sonny hingegen mußste er denkbar kurzfristig umdisponieren, als der gebuchte Wes Bentley ("American Beauty") ausstieg und Heath Ledger ("Ritter aus Leidenschaft") buchstäblich erst am Vorabend seines ersten Drehtages am Set eintraf - und sich makellos ins Ensemble einfügte. Doch bei keiner Entscheidung tat sich die Produktion so schwer wie bei der Besetzung der weiblichen Hauptrolle. Forster: "Als relativ junger Filmemacher war ich in einer sonderbaren Situation, denn scheinbar wollte jede großartige, farbige Schauspielerin in Hollywood den Part der Leticia, und die Wahl fiel exorbitant schwer.
Halle Berry lag ehrlich gesagt für lange Zeit schlecht im Rennen, weil wir zuerst nicht über ihre Schönheit und ihr glamouröses Charisma hinausblicken konnten. Aber sie kämpfte um den Part und war unnachgiebig in ihrem Einsatz. Irgendwann sah ich die Traurigkeit in ihren Augen, die sich durch ihre persönlichen Konfrontationen mit Rassismus in Amerika abgelagert hat. Da spürte ich allmählich, es mit der perfekten Frau für die Rolle zu tun zu haben. Ihr Schauspiel erinnerte mich später oft an jemanden, der als Kind verletzt wurde und diesen Schmerz nie exorzieren konnte. So wie es Leticia lernt, weiß auch Halle, dass sich seelische Wunden lediglich mit Liebe heilen lassen." Die Schauspielerin ergänzt: "Ich habe mich sehr mit Leticias Geist und ihrem Herzen verbunden gefühlt, denn gerade als schwarze Frau in diesem Geschäft weiß ich genau, wie schwer es ist, um etwas Gutes im Leben zu kämpfen."
Monster's Ball entstand im Mai und Juni 2001 in den Randbezirken von New Orleans, Louisiana, wobei das Budget von gut vier Millionen Dollar gerade mal dramatisch knappe 21 Drehtage erlaubte. "Der Drehplan war rigoros", erinnert sich Forster, "und viele Entscheidungen hinsichtlich unserer Kameraarbeit mußsten unter Hochdruck gefällt werden. Doch diese ständige Deadline-Arbeit gestaltete sich zu unserem Vorteil, weil es aus dem kompletten Team das Optimum an Kreativität herausholte und wir auf die Essenz des Stoffes konzentriert blieben."
Für eine Woche zog die Crew zwischenzeitlich ins zwei Autostunden entfernte Angola um, wo im Louisiana State Penitentiary die Gefängnisszenen gedreht wurden. Während Außenaufnahmen wechselweise durch Sommerhitze oder -stürme verkompliziert wurden, ging vielen in der Crew auch die Arbeit in der Besserungsanstalt an die Nieren, da unter Inhaftierten in Gemeinschaftszellen oder in der echten Todeszelle gearbeitet wurde. Manche Teammitglieder machten ihrer Beklemmung durch Witzeleien Luft. Andere mußsten die Erfahrung sehr langsam sacken lassen wie Co-Autor Milo Addica, der im Holz des elektrischen Stuhles die eingeritzten Initialen eines Mannes fand.
Für Regisseur Marc Forster war es essentiell, im Gefängnis von Angola zu drehen: "Ganz egal, wer man ist oder was man über Gefängnisse oder Todeszellen zu wissen glaubt - es verändert jeden zutiefst, den Gang entlang zu laufen, der zum elektrischen Stuhl führt. Der Dreh in Angola hat beim Verständnis des Stoffes und der Figuren geholfen. Man mußs sich das als völlig von der Außenwelt abgeschlossene Anstalt vorstellen, in der der Direktor ein König ist und unabhängig von Staat oder gar Gouverneur regiert. Ein Wort von Direktor Burl Cain und wir hatten freie Hand. Doch das Gefühl der Isolation schüttelt man nie ab, und das übertrug sich auf den Dreh, denn die Gänge und Zellen sind so klein, dass auch wir sprichwörtlich ohne Fluchtmöglichkeit blieben und für lange Tage und Nächte dazu gehörten. Mitunter führte das genau zu den zwischenmenschlichen Grauzonen, die der Film zeigt.
In Monster's Ball ist Heath Ledger wegen seines verständlichen, aber unangebrachten Mitgefühls für Häftlinge nicht in der Lage, dem harten Vater zu folgen. Und als wir bei der Arbeit im Knast einen Koch kennen und schätzen lernten, klärte uns der Direktor erst viel später darüber auf, dass der Mann einst seine Mutter zerhackt und in den Kühlschrank gelegt hatte." Im Gegenzug für die Dreherlaubnis erklärte sich die Produktion bereit, die Gefangenen als Komparsen anzuheuern und zu bezahlen, wobei die Tagesgagen in einen Gemeinschaftsfonds gingen. In Angola löste Forster auch ein Versprechen ein, das ihm die Monster's Ball-Autoren Rokos und Addica bei Vertragsunter-zeichnung abgerungen hatten: In Kurzauftritten sind die zwei als Gefängnisangestellte zu sehen.
Einer der Gründe, warum Forster ursprünglich an der Besetzung von Halle Berry zweifelte, war die Sexszene zwischen Hank und Leticia, die ein enormes Maß an Mut und Selbstaufgabe verlangte. "Im Skript ist nichts festgelegt", sagt der Regisseur, "doch uns war klar, dass es sich hier um zwei Menschen handelt, die viel Schmerz aufgestaut haben und etwas Agonie überwinden, indem sie sich wie Tiere aufeinander stürzen und sich körperlich versichern, dass sie überhaupt noch am Leben sind, wo ihre Gefühle für alles andere zu betäubt sind. So eine Sequenz wäre für jede Schauspielerin eine Herausforderung gewesen, und bei Halle kam ihr Status als Star und Revlon-Beauty dazu. Doch als es soweit war, zögerte sie keine Sekunde, und wir drehten die volle Sequenz wie in einem Rausch in weniger als vier Stunden.
Wichtig war die sehr intime Atmosphäre, und darum waren nur die Darsteller, der Kameramann und ich am Set - wobei wir uns äußerste Mühe gaben, Halle und Billy Bob nicht zu unterbrechen. Fast so, als sähe man zwei Personen zu, die nicht wissen, dass sie beobachtet werden - und das sollte natürlich auch die besondere Wirkung auf der Leinwand sein." Berry erinnert sich ihrerseits: "Obwohl ich in der Vorbereitungszeit völliges Vertrauen zu Marc und Billy Bob gewonnen hatte, legten wir die Szene sehr weit ans Ende der Dreharbeiten. Natürlich hatte ich fürchterliche Angst, doch Mut bricht sich manchmal auf merkwürdigste Weise Bahn.
Denn als die Kamera lief, ließ ich mich gehen und war Leticia. Ich sage immer, dass Billy Bob und ich für drei Wochen miteinander ausgingen, und es dann ernst wurde, denn wir drehten vorsorglich erst am 19. von 21 Drehtagen. Obwohl ich zugeben mußs, dass ich mich frage, wer diese Frau auf der Leinwand ist, wann immer ich die Szene sehe." Überflüssig zu erwähnen wohl, dass den amerikanischen Zensoren solch rohe Körperlichkeit Verklemmungen bereitete und Forster zum Trimmen einiger Sekunden angehalten wurde. In Deutschland ist die vollständige Monster's Ball-Fassung zu sehen.
dass es der Filmemacher schafft, selbst die diffizilsten Gewalt- oder Sexszenen des Filmes mit Wahrhaftigkeit und ohne jedes Ausschlachten von Schauwerten zu erfassen, ist seiner Vision als Regisseur geschuldet, die er wie folgt umschreibt: "Ich sprach auf das Drehbuch aus persönlichen und aus gesellschaftlichen Gründen an. Zunächst waren mir die tangierten Themen wichtig - das Brechen familiärer Zyklen von Gewalt, Rassismus und Misshandlung ganz ohne predigerhafte Untertöne. Hinzu kam, dass ich selbst einen Bruder durch Selbstmord verloren habe und weiß, dass sich Hinterbliebene furchtbare Vorwürfe machen.
Doch wie im Leben ist auch in Monster's Ball am Ende Erlösung und Sühne möglich. Ohne diese Hoffnung hätte ich das Material nicht halb so stark gefunden. Ich glaube fest, dass sich Menschen ändern können - und manchmal fast zur Verbesserung ihrer Lebensumstände gezwungen werden müssen. Hank und Letitia etwa erleiden schwerste Verluste, bevor sie erkennen, dass all die schlechten Seiten ihrer verzweifelten Menschlichkeit im Wunsch wurzeln, geliebt zu werden. Beider schlechte Charakterzüge von Missmut bis Unnachgiebigkeit in der ersten Hälfte des Filmes sind Teile des Schutzwalles, den sie um ihre Einsamkeit errichtet haben und selbst einreißen müssen. Hank sehen wir zum Beispiel nie trauern, doch er verarbeitet seinen Verlust, indem er über seine Gefühle mit Leticia zu sprechen beginnt. Sie ist hingegen emotional so aufgewühlt, dass sie leicht zu massiven Gefühlsausbrüchen neigt."
Diese charakterlichen Nuancen und Brüche spiegeln sich vor allem in den darstellerischen Leistungen von Billy Bob Thornton und der Oscar-prämierten Halle Berry wieder, die jeweils mit Monster's Ball ein Karriere-Highlight verzeichnen. "Ich brauchte von Billy eine sehr reduzierte Form der Schauspielerei", sagt Forster, "um die Öffnung der Figur so subtil wie möglich vonstatten gehen zu lassen.
Seine Liebe und sein Vertrauen zu Leticia entsteht dann auch, weil er sich so hasst und schuldig fühlt - und darin in ihr endlich jemanden findet, mit dem er etwas gemeinsam hat. Im Gegenzug ist es Leticia, die am Ende die heimliche, bewusste Entscheidung trifft, bei Hank zu bleiben und den Weg der Vergebung zu wählen, als sie die ganze Wahrheit über seine Vergangenheit erfährt.
Weil sie diese Entscheidung allein für sich trifft, befreit sie sich innerlich auch von ihrer Abhängigkeit, was Finanzen und Obhut angeht. Hätte sie in diesem Moment einen Konfrontationskurs gewählt, wären beide nie zur Ruhe gekommen - denn wer weiß, ob Hank seine Güte überhaupt verteidigen und erklären könnte. Also bleibt sie bei ihm. Sie hat zu viele schlechte Menschen erlebt, um einen guten Mann nicht zu erkennen. Sie ist neugierig, wer er wirklich ist. Ein komplizierter Mann, natürlich. Aber ganz bestimmt kein Monster ..."
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