Produktionsnotizen zu Der Brief des Kosmonauten
Zum Thema des Lebenstraums In Der Brief des Kosmonauten sind alle auf der Suche nach ihrem eigenen Traum. Der Lebenstraum erhält somit die Funktion eines wahren Leitmotivs. "Für mein erstes, eigenes Projekt als Autor und Regisseur wählte ich ein Thema, das mit dem Kindesalter verknüpft ist. Ein Debut ist eine Art Kindesalter für einen Kunstschaffenden, das Kind sehe ich gewissermaßen als eine Art Tor zur Welt", sagt Vladimir Torbica über Der Brief des Kosmonauten.

Das Kind im Autoren sieht die Welt mit anderen Augen, die Parallele zum Kind schaltet, zumindest temporär, die Ratio aus, und drückt den Wunsch aus, zu träumen und in diesen Träumen leben zu können. Das Kind entwickelt sich, wie man sich selbst entwickelt: während Heinrich Wormsbecher auszieht, um seine Träume umzusetzen, mußs der Autor als eine Art Peter Pan auf die eigenen Kindheitsgefühle zurück greifen, um diese Erfahrungen sichtbar zu machen.

Die Handlung scheint eine exzellente Parabel zu sein für die Redewendung "Der Weg ist das Ziel": im Laufe der Story und durch die Konfrontation mit der Realität ändert sich Heinrichs Lebenstraum von der Raumfahrt zur Musik. Wird er dieses neue Ziel erfolgreich verfolgen können? Die Leichtigkeit eines offenen Endes hat sich Vladimir Torbica für seinen Film bewahren wollen, damit die Emotionen freien Raum bekommen, damit der Film den Träumen der Zuschauer entgegen kommen kann. "Wir wollten das Publikum nicht irgendwo hinzwängen", betont Torbica, "denn jeder hat einen eigenen Traum. Aber es handelt sich sozusagen um einen kleinen Schubs, um vielleicht den ganz persönlichen Lebenstraum realisieren zu können ... Insofern haben die Franzosen recht, wenn sie den Ausdruck "réalisateur" für den Regisseur verwenden: es ist jemand, der Träume umsetzt, realisiert", so Torbica. "Als Regisseur hat man die Möglichkeit, die Phantasie in die Realität umzusetzen". Kindheit Jede Figur des Drehbuchs könnte man als des Autors alter ego ansehen. Allerdings ist auch jede der Figuren dem echten Leben entsprungen. Besonders fruchtbar und facettenreich ist das Thema der Entdeckungsreise durch die Augen eines Kindes: das Kind, d.h. Heinrich, erfährt die Welt aus nächster Nähe und wir beobachten hier, wie ein Kind erwachsen wird.

Das ist das spannende Element aus der Gattung des "coming-of-age"-Films, die Wandlung der ursprünglichen Unschuld, die ersten individuellen Gedanken. Das kann jeder nachvollziehen. Vladimir Torbica war sehr gerührt über die spontane Freudensbekundung seines 10-jährigen Schauspielers Frederick Lau: "Vladimir, ich wollte Dir sagen, ich finde dieses Buch sehr schön". Das war ein wenig die Bestätigung, dass Torbica beim Schreiben ins Schwarze getroffen und somit Heinrichs Sehnsucht nach seinem Lebenstraum sogar für einen Gleichaltrigen verdeutlicht hatte.

Zur Arbeit mit Frederick Lau Schon nach den Probeaufnahmen hatte Frederick Lau die erste, spezifische Charaktereigenschaft seiner Filmfigur erkannt: "Ich bin ja eher ein fröhlicher Typ, der Heinrich ist ein bisschen traurig". Was Fredrick bei den Dreharbeiten den meisten Spaß bereitete, waren jedoch die Actionsequenzen: z.B. die erste Schlägerei seiner Figur Heinrich Wormsbecher ? da darf der Kleine zum ersten Mal mit den Großen gewinnen und sich mit den Männern verbunden fühlen. Und dann natürlich die Sequenzen im Weltraum, bei denen Luk Piyes und Frederick Lau frei schwebend, acht Meter über dem Boden in den Münchner Arri-Studios fast wie echte Kosmonauten agieren konnten.

Zur Arbeit mit Frederick sagt der Regisseur: "Seine schauspielerische Entwicklung war erstaunlich. Nach den ersten Anweisungen konnte ich schon nach dem 4. oder 5. Tag die erforderlichen Emotionen bei Frederick mühelos abrufen. Auf seinem Gesicht vollzog sich diese unglaubliche Metamorphose". Sonst bedarf es bei Dreharbeiten mit Kindern einiger verbindlicher, jedoch erstaunlich einfacher Regeln: "Kinder dürfen nie Angst haben", sagt Vladimir Torbica zu dieser Herausforderung. "Man mußs sie als Freund und als Vater gewinnen. Das Wichtigste ist, ihnen genauso gut zuhören, wie sie es können!".

Zum Casting Von dem ersten Storyboard ausgehend, konnte Vladimir Torbica seine exakten Vorstellungen realisieren. Erstaunlich war z.B., dass seine Vorstellung vom kleinen Heinrich Wormsbecher sich mit der Entdeckung von Frederick Lau präzise deckte. "Außerdem sind Schauspieler wie Katja Medvedeva und Oliver Bäßler wahre Geschenke an den Regisseur", schwärmt Torbica. "Sie ähneln meiner Idee der Familie Wormsbecher absolut und ihre Leistungen sind mehr als herausragend", betont Torbica stolz. Die Familie Wormsbecher harmonierte zudem auch untereinander so ausgezeichnet, dass der Regisseur sie auf dem Set tatsächlich so nannte: der Zuruf "Familie Wormsbecher, zur Probe!" wurde bald ein liebevoller Standard.

Besonders spannend war das Casting der vier Russen, wofür Vladimir Torbica eigens nach St. Petersburg reiste. Mit der Ausnahme von Valeri Konitschew, der zweisprachig tätig, in Berlin gecastet wurde, fanden sich die markanten Typen von Sergej und Dschengis, respektive Sjewa Tsurila und Eduard Kuular, am Ende eines langen Tages an der Schauspielakademie in St. Petersburg. Beide studieren noch dort und für sie ist es die erste Erfahrung in einer ausländischen Produktion.

Für den Hauptdarsteller Luk Piyes änderte Vladimir Torbica sogar das Drehbuch. Piyes trug beim Casting derart wichtige Elemente zur Figur des Ruslan Karimov bei, dass der Autor und Regisseur kurzerhand beschloss, sein Buch diesem außergewöhnlichen Schauspieler anzupassen. So wurde aus dem vierten Deserteur die Figur eines Kulturflüchtlings, eines Lebenskünstlers und Bohémiens, der gleichermaßen melancholische und heitere Eigenschaften in sich vereint, Grazie und Gefahr, Jugend und Männlichkeit.

Das Schwierige an der Figur des Ruslan ist, dass er gleichwohl die Nähe zur Kindheit, als auch die Gehörigkeit zur Welt der Erwachsenen, und der rauen Welt von eigentlichen "desperados" noch dazu, zum Ausdruck bringen mußs. Durch das sichere Spiel von Piyes spürt der Zuschauer, dass Ruslan die Suche und die Wandlung, die Heinrich Wormsbecher durchmacht, vor nicht allzu langer Zeit selbst erst abgeschlossen hat, und dass er deshalb das Kind durch dessen widersprüchliche Emotionen lotsen und ihm beistehen kann, als Freund und als Ersatz für den Vater. Zudem verkörpert die Figur von Ruslan das Gebiet um Südrussland, dort wo tatsächlich die russische Raumfahrt ihren Sitz hat, und macht somit seine Vergangenheit und die Verbindung zum Lebenstraum des kleinen Heinrichs ? und mit ihr den symbolträchtigen Brief des Kosmonauten ? umso glaubwürdiger. "Das Auffälligste und Spannendste an Luk sind seine schauspielerische Präsenz, sowie sein Instinkt beim Spielen", erläutert Vladimir Torbica seine Wahl.

Zur Musik Handlung und Musik gehen hier eine tiefe Bindung ein. Das ist nicht zuletzt auf die Begegnung mit Vladimir Genin zurück zu führen, der die eindrucksvollen Melodien komponierte, mit denen Ruslan Karimov als Figur charakterisiert wird und die gleichzeitig Landschaften und Stimmungen im Film ein gefühlvoller Kommentar sind. Genins Großvater arbeitete als Hauptszenenbildner bei Sergej Eisenstein ... auch in "Aleksandr Newskij". dass gerade dieser Film für den Kinobesuch von Ruslan und Heinrich ausgesucht wurde, ist ein vielsagender Zufall. "Vladimir hat meinen Traum hörbar gemacht", äußert sich der Regisseur über die außerordentliche Qualität der Zusammenarbeit mit dem talentierten Musiker Genin. Zur Atmosphäre des Films "Das Team unterstellte mir eine ausgezeichnete Verbindung zu Petrus ... es regnete die ganze Zeit der Dreharbeiten!" In diesem Fall hatte Vladimir Torbica Glück im Unglück: es sollte wirklich genau so sein. Die größte Angst galt der nicht allzu entfernten Möglichkeit sonniger Föntage, da die Dreharbeiten sich über die Frühjahrsmonate März und April in München erstreckten. "Sonniges Wetter gab es nur, als wir die Innenaufnahmen, z.B. im Filmmuseum, drehten", stellt Torbica zufrieden fest. Der fahle Himmel in einem pastelligen, kühlen Grau sollte die graue Zone symbolisieren, in der alle Figuren agieren.

Für die vier Russen ist Deutschland nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Amerika, für den kleinen Heinrich ist die Zeit, die er undercover mit den vier Männern verbringt, eine ebensolche graue Zone in der Transition zwischen Kindheit und Pubertät.Alle sind hier auf der Suche, alle jagen ihrem Lebenstraum nach und sind in der Zeitlosigkeit ihres Schwebezustands gefangen. Doch was künstlerisch stringent und dem Filmkonzept äußerst affin aussah, bedeutete unangenehme Kälte für die Schauspieler, die bei den Außenaufnahmen mit dem eisigen Wind und lästigen "Schnürlregen" zu kämpfen hatten. In dieser Hinsicht stellte die Sequenz auf der Parkbank mit Ruslan und Heinrich die vielleicht herausfordernden Takes der Dreharbeiten dar. "Es war der windigste Tag überhaupt", erinnert sich Torbica, "und es war eine Qual für die Schauspieler. Das Team war ja zumindest warm angezogen, aber wir fühlten uns den ganzen Tag so, als ob wir bald wegflogen!".

Ein wichtiger Beitrag zur Atmosphäre des Films stellte die Wahl von Andreas Höfer als Kameramann dar. Höfer photographierte zuvor "Nachtgestalten" und "Die Stille nach dem Schuss". "Andreas suchten wir wegen seines Stils bewusst aus", betont Torbica. "Er beherrscht diesen Wechsel zwischen Ost und West, der ja der Story zugrunde liegt. Und aufgrund seiner Herkunft weiß er genau, was es mit Kosmonauten auf sich hat ...". Unter den Anweisungen von Torbica an seinen Kameramann befand sich die scherzhafte Anmerkung, dass Der Brief des Kosmonauten mit der letzten Einstellung aus "Die Stille nach dem Schuss" anfängt.

Höfer, der noch nie in München war, hatte einen vollkommen unverbrauchten Blick für München, und bewegte sich deshalb gekonnt an der verführerischen Lieblichkeit der bayerischen Metropole vorbei. Das war besonders wichtig, weil sich die Handlung in keiner spezifischen Stadt vollzieht: es geht darum, universelle Gefühle auszudrücken. Diese Wandlung der Figuren findet in Deutschland statt, aber es sind keine Bilderbuch-Aufnahmen: nichts Vertrautes soll den Zuschauer daran hindern, sich von der Geschichte und ihren Emotionen berühren zu lassen und außerdem den Eindruck der Fremde und Orientierungslosigkeit erzeugen, den man so mit den Figuren teilt.

Für die Ausstattung konnte Heidi Lüdi gewonnen werden: "Meine Sicht und ihre Sicht haben sich hundertprozentig eingefunden", lobt der Regisseur die Ausstattungsdoyenne. "Sie hat soviel Erfahrung, denkt stark optisch ? und war deshalb extrem wichtig für den Film."

Dirk Jasper FilmLexikon
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