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Heiraten für Fortgeschrittene, so sieht es Regisseur und Drehbuchautor John McKay, "ist eine Komödie über tiefe Freundschaft und deren Schattenseiten."
John McKay und Produzent Lee Thomas lernten sich bereits auf der National Film & Television School in London kennen und realisierten noch während ihrer Studienzeit die ersten gemeinsamen Kurzfilmprojekte. Ihr 1996 entstandener Kurzfilm "Doom And Gloom", der auch im Wettbewerb der Filmfestspiele in Cannes lief, wurde auf dem Festival im französischen Brest mit dem prestigeträchtigen Preis als Bester Film ausgezeichnet. Der Erfolg von "Wet And Dry" (1997), eines weiteren Kurzfilms, der von den TV-Sendern Channel Four und BBC 2 mitproduziert wurde, ermutigte die Produktionsfirma FilmFour dazu, den beiden Filmemachern ihr erstes großes Spielfilmprojekt für die Kinoleinwand zu ermöglichen: Heiraten für Fortgeschrittene.
Im Verlauf der Arbeit rückte dann die Beziehung zwischen den beiden Freundinnen immer mehr in den Mittelpunkt. Wie funktioniert eine derartig enge Frauenfreundschaft? Was passiert, wenn eine von beiden sich in eine aufregende Liebesaffäre stürzt, wie reagiert die andere?" Im fertigen Skript ist aus einer Zweierschließlich eine Dreierfreundschaft geworden. Dieser kleine Kunstgriff bewirkte eine noch komplexeres Beziehungsgeflecht zwischen den Frauen, die alle drei die Vierzig bereits überschritten haben, gesellschaftlich anerkannt, beruflich erfolgreich aber alleinstehend sind.
Regisseur McKay entschied sich ganz bewusst dafür, die Filmhandlung nach Cotswolds zu verlegen, in eine ländliche Gegend im Herzen Englands mit sanft dahinfließenden Hügeln und hübschen kleinen Natursteinhäusern. "Die etwas verfahrene Situation der drei Frauen", erklärt McKay, "ist wesentlich davon beeinflusst, dass sie in einem zwar sehr idyllischen aber gleichzeitig auch ziemlich langweiligen Landstrich leben. Ich bin selbst in einer kleinen schottischen Gemeinde aufgewachsen, daher kenne ich das Landleben besser als den Großstadtalltag, obwohl ich nun mittlerweile schon seit fünfzehn Jahren in London wohne. Eine Kleinstadt kann sehr viel Geborgenheit geben, aber auf der anderen Seite auch sehr einengend auf die Persönlichkeit wirken. Lebten die drei Frauen in einer Großstadt, so hätten sie vielleicht niemals zueinander gefunden", vermutet der Regisseur. "Weil sie sich innerhalb der konservativen Sozialstruktur der Kleinstadt tagtäglich zurücknehmen und verstellen müssen, ist ihnen ihr wöchentliches Ritual so wichtig geworden.
Jeden Montag können sie sich ganz undamenhaft gehen lassen und endlich sie selbst sein. Die regelmäßigen Treffen stellen für das Trio eine Art Ventil dar, durch das all das, was sich im Laufe der Woche angestaut hat, herausgelassen werden kann."
Das Casting für Heiraten für Fortgeschrittene war kein einfacher Prozess, denn einerseits galt es, drei Darstellerinnen unterschiedlichen Temperaments zu finden, mit denen das komplizierte Gefüge des Damentrios perfekt ausbalanciert werden konnte, und andererseits zwei Darsteller, die die beiden charakterlich extrem gegensätzlichen Verehrer Kates glaubhaft verkörpern konnten.
Für die Rolle der gesellschaftlich etablierten, aber insgeheim nach Abenteuern dürstenden Schulleiterin Kate, hielt man sowohl in Großbritannien als auch jenseits des großen Teichs Ausschau. Hollywoodstar Andie MacDowell wurde das Drehbuch von ihrem Manager zur Ansicht vorgelegt. Andie MacDowell war zunächst von dem ursprünglichen, ziemlich drastischen Filmtitel ("Sad Fuckers Club") etwas irritiert, obwohl sie als Hauptdarstellerin der Erfolgskomödie "Vier Hochzeiten und ein Todesfall" (1994) an die exzessive Verwendung des F***-Wortes im britischen Kino wahrhaft gewöhnt gewesen sein sollte.
"Nach der ersten Lektüre des Skripts", sagt die Leinwanddiva schmunzelnd, "waren meine Bedenken aber sehr schnell verflogen." Zwei Tage nachdem sie erfahren hatten, dass Andie MacDowell sich über das Skript und ihre Rolle darin ganz begeistert gezeigt hatte, flogen John McKay und Produzent Lee Thomas nach Los Angeles, um sie dort zu treffen. "Andie", erinnert sich McKay, "äußerte bei unserer ersten Begegnung, dass sie Kates emotionale Lage sehr gut nachfühlen könne und diese Rolle für sie genau die richtige zur richtigen Zeit sei."
"Besonders bemerkenswert fand ich die Tatsache", so Andie MacDowell, "dass dieses sehr einfühlsame Drehbuch über eine Freundschaft unter Frauen aus der Feder eines Mannes stammte. So etwas hat wirklich Seltenheitswert. Meine Rolle in Heiraten für Fortgeschrittene, schwärmt sie weiter, "ist die vielschichtigste und komplexeste seit "Sex, Lügen und Video" (1989).
Darauf mußste ich lange warten. Kates Charakter weist so viele unterschiedliche Facetten auf. Johns wunderbares Drehbuch deutet viele davon nur an und lässt mir somit viel Raum zur Ausgestaltung der Rolle. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn in den meisten Filmen fühlt man sich als Darstellerin, ehrlich gesagt, ziemlich unterfordert. Heiraten für Fortgeschrittene ist eine Komödie mit Tiefgang, die sowohl komische als auch tragische Momente enthält. So ist das Leben - wie hart es einem auch immer mitspielen mag. Fast immer gibt es im Unglück doch noch etwas zu lachen."
"Wir suchten eine Schauspielerin", erläutert McKay, "die glaubhaft eine Frau darstellen konnte, die sich ihr ganzes Leben lang konservativ, vernünftig und zurückhaltend verhalten hat, dann plötzlich eine Hundertachtziggradwendung vollzieht, Dinge tut, von denen sie vorher nicht einmal zu träumen wagte, und das Leben in vollen Zügen genießt. Keine einfache Aufgabe! Andie ist eine der wenigen Darstellerinnen, die solch ein Kunststück mühelos vollbringen können. Man nimmt ihr die pflichtbewusste und emotional etwas gehemmte Schulleiterin genauso ab wie die lebenshungrige Abenteurerin, zu der sie sich im Verlauf der Handlung schließlich wandelt. In vielen Filmen mußste sich Andie mit der Rolle der reizenden Freundin oder Ehefrau - drastischer gesprochen: des schmückenden Beiwerks - begnügen.
Heiraten für Fortgeschrittene bot ihr seit längerer Zeit erstmals wieder die Chance, einen vielschichtigen, kompletten, runden Charakter zu zeichnen." Ihre Zusammenarbeit mit John McKay bewertet Andie MacDowell im Nachhinein ausnehmend positiv: "Mit Regisseuren, die ihr eigenes Drehbuch verfilmen, Autorenfilmern also, habe ich bereits in der Vergangenheit sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich denke dabei etwa an Steven Soderberghs (Sex, Lügen und Video, 1989) oder Peter Weir (Green Card - Schein-Ehe mit Hindernissen", 1990). Da er das Material naturgemäß so gut wie niemand sonst kannte, wusste auch John ganz genau, was er wollte und wie er es haben wollte.
Nichtsdestoweniger ließ er seinen Darstellerinnen und Darstellern viel Freiheit bei der Rollenausgestaltung und war offen für neue Ideen und ernstgemeinte Verbesserungsvorschläge. Eine ziemlich angenehme Haltung, wenn Sie mich fragen."
Schon in einem sehr frühen Stadium des Filmprojekts stand fest, dass niemand anderes als Imelda Staunton die Rolle der Kriminalkommissarin Janine spielen sollte. Regisseur McKay begründet diese eindeutige Wahl folgendermaßen: "Wie kaum eine Zweite ist Imelda in der Lage, großen Ernst und haarsträubende Komik innerhalb ihrer Darstellung nebeneinander zum Zuge kommen zu lassen. Sie ist einerseits eine hinreißende Komödiantin, die während der Dreharbeiten das gesamte Team mit ihren Späßen bei Laune gehalten hat. Andererseits versteht sie es, den Filmfiguren, in die sie sich vor der Kamera verwandelt, eine große menschliche Tiefe und Ernsthaftigkeit zu verleihen."
Imelda Staunton nahm das ihr angetragene Rollenangebot sofort an und erwartete mit Spannung den Beginn der Dreharbeiten für Heiraten für Fortgeschrittene. "Ich finde es ziemlich bemerkenswert und - besonders wenn ich mein eigenes Lebensalter in Betracht ziehe - zudem ausgesprochen nett, dass ein junger Mann um die Dreißig eine so einfühlsame Story über drei Frauen in den Vierzigern verfasst. John ist aber nicht nur ein hochtalentierter Drehbuchautor, sondern auch ein wundervoller Regisseur, der seine Darsteller sehr sensibel zu dirigieren versteht und dabei immer charmant und freundlich bleibt. Er wusste stets sehr genau, was er von uns wollte, und ich hoffe, dass wir seine Erwartungen nicht enttäuscht haben." Weil er Frauen ohnehin viel interessanter findet als Männer, hatte McKay, laut eigener Aussage, keine größeren Probleme damit, sich in das Denken und Fühlen seiner drei weiblichen Hauptfiguren hineinzuversetzen.
Als Anna Chancellor zum ersten Mal mit McKay und Thomas zusammentraf, sprach sie sogleich die Schwierigkeiten an, die sie als Darstellerin der sexuell aufreizenden und gegenüber der unkonventionellen Liebschaft ihrer Freundin Kate höchst skeptischen Ärztin Molly auf sich zukommen sah. "Molly ist die bisweilen ziemlich fiese Antagonistin, die die Handlung vorantreibt und am Laufen hält", erklärt Anna Chancellor. "Es ist nicht einfach, eine solche Unsympathin so darzustellen, dass sie vom Publikum nicht ausschließlich gehasst wird. Dabei kommt es weniger darauf an, ihre Verhaltensweise zu rechtfertigen oder gar zu entschuldigen, sondern vielmehr darauf, die Motive dafür durchschaubar zu machen. Molly möchte Kate ja eigentlich nur vor einem großen Unglück bewahren und die ihrer Meinung nach chaotische Situation wieder unter Kontrolle bringen. Aber gut gemeint ist, wie wir alle wissen und zu unserem Leidwesen oftmals auch erfahren mußsten, noch lange nicht gut." Chancellor findet, dass John McKays Portrait einer Frauenfreundschaft der Realität in vielem sehr nahe kommt.
"Unter Frauen", sagt sie, "entsteht oft eine unglaubliche Intimität, die Männern zumeist unverständlich bleibt. Manchmal kann diese große emotionale Nähe zwischen Freundinnen jedoch eine enorme Zerstörungskraft entfalten. Das liegt daran, dass die eine oftmals ganz genau zu wissen glauben, was zu der anderen passt und was nicht, was ihr guttut und was ihr schaden könnte. Molly will unbedingt beweisen, dass sie mit ihrem vernichtenden Urteil über Kates jugendlichen Liebhaber Jed absolut richtig liegt. Ihre felsenfeste Überzeugung von Jeds Unaufrichtigkeit und die letztlich fatale Entschlossenheit ihres Vorgehens sind nur vor dem Hintergrund ihrer problematischen Biographie zu verstehen. Molly blickt nämlich auf bereits drei gescheiterte Ehen zurück. Ihr Gefühlsleben ist dadurch natürlich entscheidend geprägt worden: Männern begegnet sie prinzipiell mit Misstrauen." "Anna", meint John McKay, "spielt Molly so elegant, eloquent und witzig, dass diese bei den Kinozuschauern nicht nur Antipathie, sondern auch Bewunderung hervorrufen wird." Und Produzent Thomas fügt hinzu: "Anna überspielt nicht Mollys unerbittliche Härte, aber sie führt sie in einer sehr sensiblen Weise und mit vielen Zwischentönen vor. Sie gibt einfach eine hinreißende Vorstellung."
Chancellor vergleicht die Rolle des Regisseurs mit der eines Familienoberhauptes. "Die Stimmung auf einem Filmset", macht sie deutlich, "hängt einzig und allein vom Verhalten des Regisseurs ab. John hat wirklich alle Mitarbeiter gleich und sehr fair behandelt. Seine Freude an der Arbeit wirkte auf die übrigen ansteckend. Man konnte ihm blind vertrauen, weil man das sichere Gefühl hatte, dass er einem auch vertraut."
Die Suche nach einem geeigneten Darsteller für die Rolle Jeds, Kates jugendlichen Liebhaber, blieb lange Zeit erfolglos. "Dann aber, als sich ein junger Schauspieler namens Kenny Doughty bei uns vorstellte, wussten wir sofort, dass wir unseren Mann gefunden hatten", erinnert sich John McKay. "Kenny besitzt eine ganz besondere Ausstrahlung, eine faszinierende Mischung aus Männlichkeit und Jungenhaftigkeit, Ruhe und Erotik - außerdem sieht er verdammt gut aus. Vor allem unsere weiblichen Team-Mitglieder werden das gerne bestätigen." Produzent Lee Thomas skizziert den Filmcharakter Jed folgendermaßen: "Wäre Heiraten für Fortgeschrittene ein Western, dann wäre er unser Clint Eastwood, ein cooler, wortkarger Fremder, der aufreizend lässig in die Stadt geritten kommt."
Kenny Doughty findet an Jed interessant, dass dieser überhaupt nicht so unbekümmert daherkommt, wie man es von ihm erwarten würde. "Jed", sagt der junge Schauspieler, "agiert zuweilen zwar sehr impulsiv und spontan, aber mit Kate und seiner Musik ist es ihm sehr ernst. Nur einmal, als er sich auf Kates Dinnerparty auf die Anklagebank gesetzt fühlt, begehrt er auf. Aber sogar dabei erklärt er Kate seine Liebe." Doughty nimmt Jed insgesamt als einen für sein Alter bereits sehr reifen Fünfundzwanzigjährigen wahr: "Er verfügt über ein ausgeprägtes Gespür für Timing. Das heißt, er weiß ganz genau, in welchen Situationen man sich besser zurückhalten sollte, was mir persönlich selten gelingt. Es klingt etwas merkwürdig, aber von Jed habe ich gelernt, die Lage erst einmal genau abzuchecken, bevor ich den Mund aufmache oder handle."
Der erfahrene Film- und Fernsehdarsteller Bill Paterson spielt Gerald Farquhar Marsden, den Schulvikar, der für Kate allem Anschein nach die perfekte Partie darstellt. "Gerald ist wirklich ein guter Kerl", findet Paterson. "Obwohl konservativ im besten Sinne, nimmt er doch aktiv und mit großer Freude am weltlichen Leben teil. Außerdem ist er sozial sehr engagiert und kümmert sich, ebenso wie Kate, in vorbildlicher Weise um seine Schüler. Bestünde Kates Zukunftstraum in einem unkomplizierten, ruhigen und auf gegenseitigem Respekt begründeten Eheleben, dann wäre Gerald für sie genau der Richtige.
In Geralds Augen ist Kate eine zuverlässige und anständige Person, die Hemmungen davor hat, ihre Gefühle zu zeigen - auch ihm gegenüber. Deshalb macht er sich hinsichtlich einer möglichen Verbindung mit ihr allzu viele falsche Hoffnungen." Da sie vor zehn Jahren für die BBC-Produktion "The Object of Beauty - Verliebt, verwöhnt und abgebrannt" (1991) gemeinsam vor der Kamera gestanden hatten, kannten sich Andie MacDowell und Bill Paterson schon vor dem Beginn der Dreharbeiten für Heiraten für Fortgeschrittene sehr gut. Diese Vertrautheit kam ihrer erneuten Zusammenarbeit natürlich zugute. Vorteilhaft wirkte sich auch der Umstand aus, dass Paterson, genauso wie seine Filmfigur Gerald, Schotte ist. Der schottische Akzent, den das Drehbuch vorschreibt, wirkt aus seinem Mund gesprochen deshalb niemals aufgesetzt, sondern stets natürlich.
Regisseur John McKay
und Produzent Lee Thomas kommen abschließend darin
überein, dass Heiraten für
Fortgeschrittene sich offensichtlich in erster Linie an ein
weibliches Kinopublikum wendet. "Jedoch", gibt McKay zu bedenken,
"geht dieser Film auch ganz allgemein der Frage nach, wie wir uns
verhalten, wenn unsere eigenen emotionalen Bedürfnisse den
herrschenden gesellschaftlichen Konventionen zuwiderlaufen. Dies
ist eine universelle Frage, die sich beiden Geschlechtern in jeder
Altersklasse stellt."
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| © Fotos: Senator Film © 1994 - 2010 Dirk Jasper |
