Produktionsnotizen zu Auf Herz und Nieren
Das Dreamteam: Auf ein Neues Eine Geschichte wie aus Hollywood: Taxifahrer schreibt Drehbuch, trifft Star auf der Straße, begeistert ihn für die Story, der Star produziert den Film, vertraut dem Neuling die Regie an - gemeinsam landen sie den erfolgreichsten deutschen Film des Jahres 1997: Knockin' on Heaven's Door.

So hat es sich wirklich zugetragen: Und so begann die Freundschaft zwischen Deutschlands Spitzenstar Til Schweiger und Regisseur Thomas Jahn. "Ich schätze Thomas als Mensch, ich lache über seinen Humor, und er hat ein unglaubliches Talent als Filmemacher - ich arbeite gern mit ihm zusammen", sagt Til Schweiger.

Jahn war plötzlich ein gefragter Regisseur, bekam noch vor der Premiere einen Vertrag von Warner Bros. angeboten und gründete seine eigene Produktionsfirma Dream Joint Venture Filmproduction. Auch Schweiger nutzte den Riesenerfolg seiner neu gegründeten Firma Mr. Brown Entertainment und produzierte (neben seinen zahlreichen Auftritten in internationalen Produktionen) anschließend Der Eisbär und Jetzt oder nie.

"Wir hatten nie ausdrücklich über weitere gemeinsame Projekte gesprochen", sagt Regisseur Jahn. "Aber dann lernte ich in den USA den berühmten Science-Fiction-Autor Harlan Ellison kennen, dessen Roman "Ein Junge und sein Hund" ich unbedingt verfilmen wollte. Überraschenderweise war Ellison einverstanden, zog sogar ein unverfilmtes Drehbuch aus der Schublade. In dem Moment machte ich mir klar, dass als Hauptdarsteller nur einer in Frage kam: Til Schweiger."

Also rief Jahn den Star an und fragte, ob er einen Mann spielen würde, der Gespräche mit seinem Hund führt. Schweigers erste Reaktion: "Du spinnst!" Doch dann las er das Drehbuch und war begeistert. dass Ellison es sich dann anders überlegte, steht auf einem anderen Blatt - jedenfalls kam der Film nicht zustande. Inzwischen hatte Schweiger jedoch die Vorbereitungen zu seinem eigenen Regieprojekt Auf Herz und Nieren aufgenommen. Die beiden diskutierten die schwarze Komödie, Jahn sagte seine Mitarbeit zu und wollte diesmal den Schnitt übernehmen. Das Drehbuch zu Auf Herz und Nieren stammt vom Schweizer Autor Jürg Brändli. "Als ich damals Der Eisbär in Zürich vorstellte, lernte ich den Filmemacher Michael Steiner kennen", berichtet Til Schweiger. "Er erzählte mir von Jürg Brändlis Skript, und mir hat die Idee sofort gefallen."

Schweiger und Steiner entwickelten das Projekt gemeinsam, Steiner übernahm die Co-Produktion und die Regie des zweiten Drehteams. Til Schweiger begann mit dem Casting der vier Hauptfiguren - einem Kleeblatt von Freunden, die dem Gangster Banko eine Million schulden und sich mit dem Verkauf von menschlichen Organen sanieren wollen.

Wer wird Millionär: Casting als Herzensangelegenheit "Für mich sind die Darsteller das Herzstück des Films", sagt Til Schweiger. "Ich nehme mir also beim Casting immer sehr viel Zeit. Weil es in diesem Fall um vier relativ gleichstarke Hauptrollen geht, wusste ich wirklich nicht, wer wofür geeignet war. Die Schauspieler bereiteten sich zum Casting also auf mehrere Rollen vor, und wir verbrachten Tage damit, die Dialoge mit ständig wechselnder Besetzung durchzuprobieren." In dem langwierigen Prozess fand er zumindest drei seiner Hauptdarsteller: Martin Glade als Sigi, das moralische Gewissen der Gruppe, Niels Bruno Schmidt, der den Anwalt des Teufels spielt und die makabren Unternehmungen der Freunde mit rationalen Argumenten ins günstigste Licht rückt, und Steffen Wink als Rico, der als Führer der Gruppe letztlich die Entscheidungen trifft. "Steffen hat ein wunderbares Timing, er wirkt außerordentlich überzeugend", sagt Schweiger. "Denn er übernimmt in der Gruppe die komplizierteste Rolle - man kann also seine Leistung gar nicht hoch genug bewerten."

Doch dann mußste Schweiger die Vorbereitungen unterbrechen: "Ich bekam das Angebot, neben Sylvester Stallone in Renny Harlins Action-Film Driven einen Rennfahrer zu spielen. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Also entschloss ich mich, die Regie bei Auf Herz und Nieren abzugeben." Aber wer sollte ihn ersetzen? "Außer Thomas Jahn fiel mir niemand ein."

Jahn erklärte sich schnell bereit, Schweigers Verantwortung hinter der Kamera zu übernehmen: "Wir haben uns in einem Hamburger Hotelzimmer eingeschlossen und in fünf Tagen und Nächten das Drehbuch noch einmal überarbeitet, denn ich wollte einige eigene Ideen einbringen." Jahn sah sich auch die Testaufnahmen der bereits besetzten Darsteller an und war hundertprozentig mit Schweigers Wahl einverstanden - zumal Steffen Wink bereits die Titelrolle in Jahns Kai Rabe gegen die Vatikankiller gespielt hatte. "Martin Glade ist ebenfalls ein ganz hervorragender Schauspieler", sagt Jahn. "Und Niels Bruno Schmidt hat das Gesicht und das Talent eines Stars - von ihm erwarte ich auch in Zukunft noch einiges." Schweiger kann dem nur zustimmen: "Beide sind derart stilsicher, bringen erstaunlich viel Energie in ihre Rollen ein - ein wirkliches tolles Ensemble."

Doch der Darsteller für die vierte Hauptrolle, der laut Drehbuch etwas einfältige, dicke und blonde Glotze, war nach wie vor nicht gefunden. Jahn führte also den Casting-Prozess fort: "Ich bin zwischen Hamburg, Berlin und München gependelt, habe buchstäblich Hunderte von Schauspielern vorsprechen lassen - praktisch alle deutschen Darsteller im Alter zwischen 23 und 30. Aber keiner entsprach exakt dem, was wir uns vorstellten."

Bei ihren Überlegungen kamen Schweiger und Jahn immer wieder auf Thierry van Werveke zurück- denn die Rolle des Glotze wirkt im Grunde wie für ihn geschrieben. "Thierry hat in allen meinen Filmen mitgespielt", sagt Schweiger. "Er ist einer der besten Schauspieler Europas." In Knockin' on Heaven's Door war er als Henk zu sehen, der zusammen mit Abdul (Moritz Bleibtreu) als Ganoven-Duo zur deutschen Filmlegende wurde. "Thierry stand von Anfang an als Henk fest", erinnert sich Schweiger. "Moritz Bleibtreu engagierten wir erst anschließend, weil er gut zu Thierry passte."

Van Werveke ist allerdings weder blond noch dick, und der Altergruppe entspricht er auch nicht. Die beste Lösung bestand also ganz offensichtlich darin, die Rolle des Glotze an Thierry van Werveke anzupassen. Warum sollte er nicht einige Jahre älter sein als seine Freunde? Bei seinem Intelligenzquotienten hat er sicher ein paar Schuljahre doppelt abgesessen. "Viele Schauspieler scheuen sich, einen Dummen auch dumm zu spielen", sagt Thomas Jahn. "Sie wollen irgendwie andeuten, dass sie im Grunde natürlich höchst intelligente Menschen sind, die nur so tun als ob. Thierry ist anders - er spielt den Glotze ganz ohne Pose geradlinig und absolut überzeugend. Der Glotze ist die schwierigste Rolle im Film, aber auch die sympathischste - und Thierry meistert sie ganz hervorragend."

"Wenn Til produziert, dann überwacht er jede Phase des Films", sagt Regisseur Jahn. "Er hatte zwar die Regie abgegeben, wollte aber die Vorbereitung zusammen mit mir weiterführen. Weil er nun in Kanada mit Stallone und Burt Reynolds Driven drehte, flogen die vier Hauptdarsteller und ich zu ihm nach Montreal und probten dort in seinem Wohnwagen den ganzen Film intensiv durch. Sobald Til eine Drehpause hatte, stieß er zu uns. In dieser Phase wollten wir natürlich auch wissen, was die Darsteller selbst in ihre Rollen einbringen, haben entsprechend zahlreiche Änderungen eingefügt - das erwies sich als ein sehr fruchtbarer Arbeitsprozess."

Rein organisch: Patienten und Ärzte Als die Freunde einen (unfreiwilligen) Herzspender gefunden haben, bekommen sie es mit dem unheimlichen "Doc" zu tun, der bereit ist, den geforderten Preis des Kleeblatts zu zahlen. Denn er hat einen schwerreichen Patienten an der Hand, der dringend ein neues Herz benötigt. Die Rolle des Doc übernimmt Udo Kier, der sich als deutscher Star fest in Hollywood etabliert hat (Armageddon, End Of Days - Nacht ohne Morgen, Blade), während in Europa Kultfilmer wie Lars von Trier und Christoph Schlingensief weiterhin Wert auf seine ständige Mitarbeit legen. "Vor Udo Kier hatte ich Angst", gibt Thomas Jahn zu. "Er hat mit derart vielen berühmten Filmemachern gearbeitet, dass er jedes Recht hätte, genauso exzentrisch zu sein wie die Figuren, die er darstellt. Aber das Gegenteil war der Fall: Ich erlebte ihn als einen echt kölschen Jung, der sich freute, mal wieder in der Heimat zu drehen."

Jochen Nickel spielt den undurchsichtigen Fialka, der in den Diensten des Gangsters Banko steht. "Jochen sprach mich schon damals nach Knockin' on Heaven's Door an und wollte mit mir arbeiten", erinnert sich Jahn. "Es hat einige Zeit gedauert - umso mehr freue ich mich, dass es jetzt klappt, denn ich halte ihn für einen der fähigsten Darsteller, die wir hierzulande haben."

In der Rolle des Banko ist Hollywood-Veteran Burt Reynolds zu sehen. "Der Part war noch nicht besetzt, als ich an Bord kam", berichtet Jahn. "Und eines Tages fragte Til: ,Was hältst du davon, wenn Burt Reynolds den Banko spielt?' Ich war verblüfft - mir fiel dazu nur ein: ?Würde der denn mitmachen?'"

Dazu Til Schweiger: "Ich habe mit Burt in Driven zusammen gespielt, und er lachte mich aus, weil ich in jeder Drehpause mit Deutschland telefonierte, um die Produktion von ,Auf Herz und Nieren' zu unterstützen. Eines Tages fragte er: ,Was hast du denn ständig so Wichtiges zu regeln? Fällt da vielleicht auch eine Rolle für mich ab?' Natürlich habe ich ja gesagt!"

"Burt kennt keine Starallüren, ich habe ihn sogar eher als schüchtern erlebt", sagt Jahn. "Am Tag vor Drehbeginn setzten wir uns in seinem Hotel zusammen und diskutierten stundenlang, worum es bei seiner Rolle geht. Da taute er auf - er fügte sich reibungslos ins Team ein. Es hat ihm offensichtlich Spaß gemacht, denn am Schluss hat er sich sehr nett bei mir bedankt."

In der Gastrolle des illegal eingewanderten Inders Shamalan ist der Charts-Stürmer Xavier Naidoo zu sehen, der mit seinem jüngsten Doppelalbum "Alles für den Herrn / Zwischenspiel" derzeit einen weiteren Erfolg verzeichnet. "Als ich mit Til Schweiger das Drehbuch überarbeitete, gab es diese Rolle noch gar nicht", erzählt Jahn. "Im Buch war von einer Leiche die Rede, der die Freunde das Herz entnehmen wollen. Das gefiel mir nicht, und so erfanden wir den Inder, dessen Name übrigens eine Verballhornung des Hitregisseurs M. Night Shyamalan (The Sixth Sense) ist. Wir überlegten: Wer kann den spielen? Und so kamen wir auf Xavier Naidoo. Til rief ihn sofort an, und Xavier sagte: ,Wenn ihr sagt, die Rolle ist gut, dann mache ich mit!' Wir haben dann vier oder fünf Drehtage mit ihm gearbeitet, und da zahlte sich wieder einmal aus, dass ich immer um eine lockere, familiäre Atmosphäre am Set bemüht bin. Xavier fühlte sich sehr wohl, und eines Tages gab er mir einen Kopfhörer und spielte mir einen Song vor, zu dem er sich hatte inspirieren lassen: So entstand das Lied ,Auf Herz und Nieren', ganz ohne Auftrag. Er sagte einfach: ,Benutzt es oder auch nicht - es gehört euch!'"

Brückenköpfe der Produktion: Die Schauplätze Das Schloss, in dem der finstere "Doc" sein gruseliges Hauptquartier aufgeschlagen hat, befindet sich nach den Vorgaben des Drehbuchs in den Bergen. "Weil wir auch in München gedreht haben, ging ich also davon aus, dass wir einen passenden Schauplatz irgendwo am Alpenrand finden würden", sagt Thomas Jahn. "In Berchtesgaden gefiel mir ein schön gelegenes Hotel, in dem früher Nazi-Größen Urlaub gemacht haben und das jetzt fast verfallen ist. Aber die Anreise von München wäre für das Team doch sehr weit gewesen. Umso mehr freute ich mich, als wir dann nur eine Stunde von Hamburg entfernt einen ähnlich prächtigen Bau entdeckten - wo wir ihn nie vermutet hätten. Er soll übrigens demnächst zum Hotel ausgebaut werden. Und er war genau die richtige Location für unser Horrordomizil."

Auch Burt Reynolds als Gangster Banko wohnt im Film sehr komfortabel: Die Außenfassade seiner Villa wurde von einem Münchener Museum gedoubelt, und auch der Saal, in dem Banko seine Kunststudien betreibt, war eine Museumshalle voller antiker Statuen. "Wir durften die Skulpturen nicht einmal anfassen", sagt Jahn. Das fast unveränderte Originalset ergibt eine spektakuläre Kulisse für den exzentrischen Unterweltboss. Bankos Pool, in dem Steffen Wink als Rico ein unfreiwilliges Bad nimmt, fand sich im Millerschen Volksbad in München.

Ein anderes beeindruckendes Motiv entdeckten die Filmemacher im Hafengebiet von Hamburg-Wilhelmsburg: Dort steht die alte Rethe-Hubbrücke, eine der letzten ihrer Art - sie soll demnächst abgerissen werden. Von dieser Brücke will sich Glotze in den Tod stürzen, damit die Freunde seine Lebensversicherung kassieren können. "Faszinierend, von oben zu erleben, wie so ein riesiges Schiff unter der hochgefahrenen Brücke hindurchfährt", berichtet der Regisseur. "Die Aufnahmen dort erwiesen sich allerdings als sehr kompliziert: Wir haben nachts gedreht, denn dann passieren weniger Schiffe die Brücke. Trotzdem konnten wir sie nicht beliebig hoch- und herunterfahren - wir bekamen die Auflage: Packt eure Ausrüstung auf die Brücke, dann fahren wir die Brücke hoch und ihr bleibt da oben, bis ihr fertig seid." Glücklicherweise ließ sich die Brücke mitsamt der Produktionsfahrzeuge anheben, sodass Jahns Team in luftiger Höhe vier Nächte lang relativ unbehelligt arbeiten konnte. Denn bei heruntergelassener Brücke hätte jedes ankommende Schiff die Dreharbeiten sofort unterbrochen, denn den Verkehr auf dem Wasser durfte die Filmcrew nicht aufhalten.

"Herz"-Massage ist Teamwork Bisher hat Til Schweiger in seinen Produktionen immer auch vor der Kamera mitgewirkt - und sei es nur in einem kleinen Gastauftritt. "Aber ich produziere meine Filme durchaus nicht, um mich selbst auf der Leinwand zu sehen", sagt Schweiger. "Insofern war die Entscheidung klar: In ,Auf Herz und Nieren' spiele ich nicht mit. Im Laufe der Arbeit begeisterte mich der Stoff allerdings immer mehr, und als ich dann mit Thomas Jahn täglich 12, 13 Stunden im Schneideraum saß und den Film immer vor Augen hatte, habe ich schließlich dann doch bedauert, dass ich selbst nicht mitgemacht habe."

"Wenn ich einen Film produziere, dann gestalte ich ihn auch immer mit", fährt Schweiger fort. "Aber es ist eindeutig Thomas Jahns Film: Er hat Regie geführt. Gleichzeitig ist es eine Teamarbeit, denn wir haben das Drehbuch gemeinsam überarbeitet und den Film gemeinsam geschnitten."

Während der Dreharbeiten in Hamburg stand Schweiger gleichzeitig in Berlin als Hausbesetzer in "Was tun, wenn's brennt?" vor der Kamera. Täglich ließ er sich die Muster zu Auf Herz und Nieren schicken und diskutierte sie ausführlich mit Thomas Jahn. Nur einen Tag lang war der Produzent selbst am Set, um die wichtige Boxkampfszene gemeinsam mit Jahn zu inszenieren: Laut Drehbuch versucht Glotze Geld aufzutreiben, indem er bei einem Preiskampf gegen den Champion antritt. "Wir hatten wirklich nur einen Tag Zeit", sagt Schweiger. "Deshalb mußsten wir noch konzentrierter als üblich arbeiten - Thomas in der einen Ecke und ich in der anderen."

Jahn kommentiert: "Til und ich haben das Glück, dass wir in 92 bis 94 Prozent der Fälle einer Meinung sind, also sehr konstruktiv zusammenarbeiten. Über die restlichen sechs Prozent gibt es aber auch manchen Streit - da geht es dann schon mal handfest zur Sache." "Ich sage einfach mal: Wir sind wie die Coen-Brüder", sagt Schweiger. "Die fragt auch niemand, wer was macht - sie arbeiten halt zusammen. Und das gilt auch für Thomas und mich. Aus meiner Erfahrung lassen sich die Aufgaben des Produzenten und des Regisseurs unmöglich trennen. Wir sind ein Team."

Dirk Jasper FilmLexikon
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