Ernst sein ist alles

Produktionsnotizen

Ernst sein ist alles markiert die zweite Verfilmung eines Oscar Wilde-Stückes durch den britischen Regisseur Oliver Parker, der 1999 bereits das Publikum mit Ein perfekter Ehemann begeisterte. "Ich fühlte mich nicht zuletzt zu Adaptionen von Wildes Material ermutigt", erinnert der Filmemacher, "weil seine Arbeit auch heute noch sehr zeitgenössisch wirkt und seine Sprache nicht das Geringste an funkelndem Witz eingebüßt hat.

Ganz im Gegenteil besitzt Wilde ewige Modernität, und die Frische seiner Visionen zeitigt ungebrochene Inspiration. Ganz im Einklang mit den Paradoxen, die er beherrschte wie kein anderer, zielt Wildes Einsicht in den menschlichen Charakter am tiefsten, wenn seine Herangehensweise am leichtesten ist.

Ernst sein ist alles nannte er eine ?köstliche Fantasie', obwohl das Stück Themen wie Identitätssuche und soziale Schranken aufgreift. Die Wurzeln in den Komödien Shakespeares sind absichtsvoll, doch ganz besonders reizvoll ist der Vergleich mit "A Midsummer Night's Dream", da Liebende in beiden Geschichten vor der Enge der Stadt fliehen und auf dem Land die Freiheit genießen lernen."

Der Stoff wurde bereits 1952 einmal von Sir Anthony Asquith verfilmt, doch nachdem Regisseur Oliver Parker schon "Ein perfekter Ehemann" mit Wildes gesamter Eleganz und Eloquenz auf die Leinwand brachte, ermutigte ihn mit Harvey Weinstein der Chef des Produktionsstudios Miramax, Ernst sein ist alles als nächsten, fast logischen Karriereschritt anzugehen.

über den Adaptionsprozess des Textes bemerkt Parker: "Für das Drehbuch übernahm ich einige Schlüsselszenen des selten aufgeführten Vier-Akte-Stückes, das Wilde ursprünglich geschrieben und später zum Dreiakter umfunktioniert hat. Ansonsten ist das Skript natürlich zu grob geschätzten 96 Prozent dem Originalautoren zuzuschreiben - ich habe das Stück lediglich visuell geöffnet und mit kinotauglicheren Szenenanweisungen versehen."

Produzent Barnaby Thompson ergänzt: "Oliver Parker hat selbst als Schauspieler begonnen und besitzt daher beim Drehbuchschreiben ein sehr praxisnahes Verständnis von Dialogen und der nötigen Szenengewichtung bei einem Ensemble."

über die Stärke des Stückes, die sprachliche Raffinesse von Oskar Wilde und Oliver Parkers Lesart sagt Rupert Everett als Darsteller des charmanten Bonvivants Algernon Moncrieff: "Wilde ist der Meister der Widersprüchlichkeit und an Ernst sein ist alles liebe ich insbesondere, dass alle Charaktere ihr unterdrücktes Innenleben mit einem exzentrischen Auftreten kompensieren. Alle haben hier Wunschvorstellungen voneinander, die der Realität kaum entsprechen - und dieser amüsante Abgleich von Fassaden und Fakten ist typisch Wilde."

Everetts Co-Star Colin Firth ist im Film als liebestoller John Worthing zu sehen und fügt hinzu: "Die Geschichte besitzt enorme Universalität und für jene Zuschauer, die sich zuvor nicht mit Wilde beschäftigt haben, ist dieses Stück eine perfekte Einstiegsdroge. Denn abgesehen davon, dass Ernst sein ist alles unwahrscheinlich komisch ist und die Dialoge messerscharf sind, besitzt die Geschichte Energie, überraschungen und Romantik."

über die Besetzung geben Parker und sein Produzent Thompson im Folgenden zu Protokoll. " Rupert Everett war als Erster an Bord und spielt als Algernon Moncrieff einen echten Schlawiner, der am liebsten auf anderer Leute Kosten seinen Spaß hat. Rupert war nicht nur unsere erste Wahl, weil er bereits in "Ein perfekter Gentleman" Sensationelles leistete, sondern sich scharfsinnige Figuren auch überstreifen kann wie andere Leute ihren Mantel - Schlagfertigkeit passt ihm einfach."

über das Casting von Colin Firth in der zweiten männlichen Hauptrolle heißt es weiterhin: "Es war spannend, Rupert und Colin das erste Mal wieder miteinander agieren zu sehen, seit sie gemeinsam in "Another Country" begonnen hatten. Colin war fabelhaft, obwohl seine Rolle des Jack sicher die seriöseste inmitten eines sehr heiteren Ensembles ist."

Doch der Mime selbst erläutert, warum ihn genau dieser Part reizte: "Bei der Figur des Jack bieten sich so viele interessante Möglichkeiten, ihn zu spielen. Ist er ängstlich und etwas steif oder entspannter als alle anderen? Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte, und da der Stoff einen der Höhepunkte britischen Humors markiert, mußste ich keine zwei Minuten überlegen, ob ich Oliver Parkers Angebot annehmen wollte."

Oscar-Preisträgerin Dame Judi Dench ist in Ernst sein ist alles als autoritäre Lady Bracknell zu sehen und begeistert sich ebenfalls für die sprachlichen Stärken des Stoffes: "Das Stück ist perfekt, und man findet solche geschliffenen Sätze wirklich nur bei Wilde. Hinzu kommt, dass ich Oliver schon seit seiner Kindheit kenne und mit Vergnügen mit ihm drehen wollte, denn er hat sich zu einem sehr begabten Filmemacher entwickelt.

Die Rolle der Lady Bracknell habe ich zuvor bereits am Theater gespielt und genossen, wobei ich sie nicht für monströs halte wie manch andere Zeitgenossen. Vielmehr goutiere ich den Humor und die menschliche Wärme hinter ihrem außergewöhnlich kraftvollen Auftreten."

Die Tatsache schließlich, dass Dench als letztes Mitglied der Besetzung zu Ernst sein ist alles stieß, tat ihrer hinreißenden Szenenbeherrschung keinen Abbruch. "Es ist erstaunlich", erinnert Parker, "wie leicht sie in Lady Bracknells Kostüm schlüpfte, denn diese Figur schleicht ja nun wirklich nicht durch die Szenerie, sondern beherrscht jeden Raum, den sie betritt."

Doch Dench leitet jedes Lob an ihre Kollegen weiter: "Als ich zum Set kam, wurde es mir vor allem von Colin und Rupert sehr leicht gemacht, mich einzufügen, denn beide waren wunderbar gerissen und unartig, wie es sich für ein Wilde-Stück gehört ..."

Abgerundet wird das Ensemble durch die Amerikanerin Reese Witherspoon, die Australierin Frances O'Connor und den frisch gebackenen Oscar-Preisträger Tom Wilkinson ("In the Bedroom"). Regisseur Parker noch einmal über seine Schauspieler: "Nachdem wir bei ?Ein perfekter Ehemann' viel Erfolg mit Julianne Moore hatten, erschien es uns auch diesmal interessant, nicht nur Britinnen zu besetzen.

Reese fühlte sich herausgefordert, weil sie noch nie in einem Kostümfilm und britischem Akzent gedreht hatte - doch sie ist bekanntlich um sehr unterschiedliche Projekte bemüht und meisterte ihre Aufgabe tadellos. Gleiches gilt für Frances O'Connor, die eine sehr smarte Frau aus der gehobenen Gesellschaft spielt und hier wunderbar ihre Intelligenz aufblitzen lassen kann."

Tom Wilkinson sagt schließlich über das Material: "Oscar Wilde mußs im Raum gewesen sein, als Oliver das Stück adaptierte, denn die Parts sind im Film nicht minder fabelhaft als auf der Bühne und Ernst sein ist alles bleibt in jeder Verkörperung einer der singulären Komödienstoffe Großbritanniens."

Ernst sein ist alles wurde im April und Mai 2001 als erste Produktion seit über vierzig Jahren in den legendären Ealing Studios gedreht, in denen früher Klassiker wie "The Ladykillers" oder "Lavender Hill Mob" entstanden. "Es ist ein glücklicher Zufall", sagt Produzent Thompson, "dass der Rückkauf des Studios durch ein Firmenkonsortium mit dem Relaunch des Ealing-Logos korrespondierte, denn es stand immer für britische Qualitätsfilme mit hohem schauspielerischem Niveau."

Regisseur Parker nutzte viele Drehorte des Landkreises Buckinghamshire in der Umgebung des Studios und konnte den erfrischenden Geist des Stoffes dank frühsommerlicher Atmosphäre auch visuell einfangen. Für den Dreh von Jacks ländlichem Anwesen wählte die Produktion nach der Besichtigung von rund dreißig potenziellen Locations den West Wycombe Park.

Da es weiterhin unmöglich war, eine Dreherlaubnis in Londons wohl berühmtestem Hotel The Savoy zu erhalten, funktionierte die Ernst sein ist alles-Crew kurzerhand das ebenfalls in der britischen Hauptstadt gelegene St. Ermine's Hotel um und schuf ein Savoy der Jahrhundertwende - woraufhin das Management so beeindruckt war, dass es die Räume im restaurierten Zustand behielt ...

Oscar Wilde und "The Importance Of Being Earnest" "The Importance of Being Earnest" wurde 1883 von Oscar Wilde auf dem Höhepunkt seines Schaffens geschrieben - im Urlaub. Auf der Bühne feierte das Stück des in Dublin geborenen und in London lebenden Autors am Valentinstag 1885 im St. James Theatre Premiere und war ein sofortiger Erfolg.

Doch in den Monaten danach geriet der offen homosexuell lebende Wilde in die Mühlen der Justiz, als ihn der Marquis von Queensberry wegen grober Verstöße gegen die Sittlichkeit anklagen ließ und eine zweijährige Haftstrafe gegen Wilde erwirken konnte.

"The Importance of Being Earnest" wurde am 8. Mai abgesetzt - zwei Wochen, bevor Wilde hinter Gitter kam und erst als gebrochener Mann wieder in Freiheit leben sollte. Nach seiner Entlassung schrieb er keine Komödien mehr, sondern vornehmlich melancholische und bewegende Stücke.

Doch selbst als ihn ab 1899 seine Gesundheit verließ, hatte Wilde seinen Witz noch nicht verloren. "Meine Tapete und ich", schrieb er am 29. Oktober 1900, "kämpfen ein Duell auf Leben und Tod, und einer von uns beiden mußs gehen." Wilde unterlag seinem Gegner am 30. November 1900.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Concorde © 2003 Dirk Jasper