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Wetten, dass ...? oder: Wie das
Projekt seinen Anfang nahm
Das Jahr der
ersten Küsse fing mit einer Wette an. Markus Gruber von
der D&D-Film- und Fernsehproduktion und Drehbuchautor Sathyan
Ramesh, der als freier Autor kontinuierlich an Stoffen der D&D
mitarbeitet, haben sich eines Tages über Teenagerfilme
unterhalten.
Was uns gereizt hat war, das alles zusammenzubringen: das Alberne mit dem Erotischen, das Melancholische mit der überbordenden Fröhlichkeit. Weil ja die Jungendzeit das auch alles beinhaltet." Und dann haben die zwei gewettet, dass es Sathyan Ramesh gelingt, ein Drehbuch zu verfassen, das Markus Gruber auf die Leinwand bringen wollen würde. Wie man sieht, hat Ramesh die Wette gewonnen. Und Gruber mußste am Tag, als das fertige Drehbuch vorlag, den Wetteinsatz einlösen: eine Grillparty für die ganze Firma auf dem Dachgarten von D&D. Ähnlichkeiten des realen Festes mit dem gemeinsamen Projekt waren nicht beabsichtigt und rein zufällig. Als Regisseur Kai Wessel, der kurz zuvor 6 Folgen der 13-teiligen Reihe nach den Tagebüchern von "Victor Klemperer für die ARD verfilmt hatte und 2001 für seinen ZDF-Film "Hat Er Arbeit" mit dem VFF TV Movie Award auf dem Filmfest München ausgezeichnet wurde, das Skript las, war er sofort begeistert. An der Geschichte um eine Jugendclique in den 80ern auf dem Weg zum Erwachsenwerden gefiel ihm besonders, dass die Jungendlichen bei aller Komik mit ihren Problemen ernst genommen werden. "Es geht überhaupt nicht darum, junge Leute zu verarschen. Der Film will unterhalten, keine Frage, aber nicht auf Kosten von Wahrheit. In der Pubertät ist man ja immer auf der Suche nach etwas, das die eigenen Gefühle relativiert, indem man sagen kann: Ach, dem geht's auch so. Oder: Dem geht's ganz anders. Jeder kennt doch diese Probleme. Deshalb ist es gut, solche Filme zu machen" Zehn Freunde sollt ihr sein oder: Wie entsteht eine Clique Die erste Schwierigkeit bestand in der Besetzung. "Zehn Protagonisten zu haben heißt auch, zehn Geschichten zu erzählen", sagt Kai Wessel, "dafür hat der Film aber nur bedingt Platz. Deshalb mußsten wir Darsteller finden, die einerseits glaubhaft eine Clique bilden, von denen aber andererseits auch jeder für sich bestehen kann. So dass man beim ersten Eindruck bereits weiß, wer das ist."Als nach wochenlangem Casting die zehn Auserwählten feststanden, galt es, sie zu einer glaubwürdigen Clique zusammenwachsen zu lassen, in der sich alle gut und lange kennen. Deshalb hat Kai Wessel seine jugendlichen Darsteller schon eine Woche vor Drehbeginn zusammengeholt, Schauspielübungen und Aufwärmspiele mit ihnen gemacht. Während des gesamten Drehs haben die zehn außerdem in einer alten Kölner Villa zusammengelebt. "Indem sie zusammen wohnten, kochten und gemeinsam etwas unternommen haben, konnte daraus wirklich eine Art Clique entstehen. Und es war toll zu sehen, wie professionell die waren, wie jeder genau wusste, wo in der Geschichte die wichtigen Punkte sind, wie alle 100%ig da waren", schwärmt Kai Wessel für seine Jungcrew. Neben den formalen Dingen, die man beachten mußs, wenn man mit Minderjährigen dreht, also Arbeitsgenehmigung, schulischer Begleitunterricht, Beschränkung der Arbeitszeiten, kein Dreh nach 22 Uhr, hatte Kai Wessel auch sonst nicht immer leichtes Spiel: "Zehn Jugendliche sind schon manchmal wie ein Bienenhaufen". Mit Johanna ter Stege, Germain Wagner und Oliver Korittke wurden schließlich die "Profis" gecastet. Die Entscheidung für Oliver Korittke fiel schon dadurch leicht, dass er seinem jungendlichen Alter Ego Max Mauff verblüffend ähnlich sieht. "Das passt gut", findet er selbst, "er hat eng zusammenstehende Augen und ein schmales Gesicht. Außerdem kann man sich durch sein und mein Spiel, das eine gewisse Sensibilität besitzt, glaube ich gut vorstellen, dass das derselbe Mensch ist." Wenn seine physische Präsenz als erwachsener Tristan, der DAS JAHR DER ERSTEN KÜSSE rückblickend aus dem Off erzählt, auch nur gering ist, wollte Oliver Korittke doch unbedingt dabei sein: "Was man heute so an Teeniefilmen sieht, das ist alles so laut und unterleibsorientiert. Dieses Buch dagegen erinnert mich mehr an meine eigene Zeit, da ging es nämlich um viele Kleinigkeiten, um Zwischenmenschliches. Ich ärgere mich bei so einem schönen Buch richtig, dass ich schon älter bin, das hätte ich auch gerne gespielt in dem Alter, weil es so ehrlich ist, und nicht aufgepuscht." Der Bienenhaufen oder: Wo eine Villa ist, ist auch viel Spaß Die Dreharbeiten zu Das Jahr der ersten Küsse wurden für die zehn Jungdarsteller zu einer Art ausgedehnter Klassenfahrt. "Jeden Tag Party", übertreibt Thomas Drechsel maßlos, denn natürlich mußste auch mit den eigens engagierten Lehrern für die Schule gelernt werden, damit hinterher niemand den Anschluss verpasst.Luana Bellinghausen hatte sogar als Einzige das Pech, in Köln zu wohnen, so "durfte" sie in den Drehpausen in ihre eigene Schule gehen. Abends standen dann noch die Texte für den nächsten Tag auf dem Programm. "Texte lernen ist ein großes Thema", sagt Thomas Drechsel, "aber wir stressen uns nicht gegenseitig, sondern achten auf den anderen. Manchmal machen wir was zusammen, manchmal macht jeder sein Ding". Überrascht waren alle ein bisschen darüber, dass man sich so gut verstand. "Wir sind alle total unterschiedlich, aber das passt trotzdem gut, das hätten wir nicht gedacht", staunt Luana Bellinghausen. Vom Drehbuch inspiriert wurde sogar einen Abend lang die Flasche gedreht. Und zu heftigen Flirts kam es natürlich auch, die führten sogar zu einer kurzzeitigen Pärchenbildung. "Aber wir sind uns einig", versichert Diane Siemons-Willems "dass wir uns nicht verlieben wollen, weil es ja auch ein Arbeitsverhältnis ist." Zurück in die 80er oder: An ihrem Outfit sollt ihr sie erkennen "Ich glaube, man wird auf die Mode und auf das Ambiente seiner Jungendzeit immer mit einem liebevollen Auge zurückblicken", findet Autor Sathyan Ramesh, Jahrgang 68, und fügt einschränkend hinzu, "wenn man sich allerdings heute Fotos von damals ansieht, dann kriegt man schon Pickel".In Das Jahr der ersten Küsse die 80er Jahre wieder auferstehen zu lassen, wurde für die meisten im Team zum Trip in die eigene Jugendzeit. Oliver Korittke z.B. erinnert sich mit Grauen: "Ich war damals mal für 2 Jahre ein Popper. Wir haben uns die Haare blond gefärbt, dazu Seitenscheitel, Hochwasserkarottenhose, weiße Socken, Slipper und so ne blöde Hüftjacke getragen - schön brav, wie Mamis Liebling." Auch Kai Wessel sind die 80er Jahre noch sehr präsent: "Es gab damals größere Gegensätze als heute, z.B. in der Mode - von Punk bis Yuppie, das ist schon eine Spanne. Damals waren das alles noch richtige Gruppen, heute sind's nur noch vereinzelte Erscheinungen. Vielleicht war man auch gesellschaftspolitisch engagierter, aber damit hat der Film nur am Rande zu tun, wenn z.B. Tümai offensichtlich aus der Ökoecke kommt mit Latzhose, Halstuch und Stricken-im-Unterricht." Vor allem die "historischen" Kostüme lösten bei den Jugendlichen heftige Reaktionen aus, die reichten von "bäh, schrecklich, würd ich nie anziehen" über "ich kann nicht verstehen, dass die Leute so rumlaufen konnten" bis "was ich absolut hasse sind diese Hosen, die sind so eng unten, da kommt man kaum rein. Und diese Collegeschuhe, Hammer!" oder "supergeil, dass man alles in die Hose zieht und die so hoch ist, sogar den Pullover mußs ich in der Hose tragen. Aber ich würd mir das nicht kaufen, wenn auch die 80er jetzt wieder Hit werden". Obwohl die 80er noch gar nicht so lange zurückliegen, hatten Ausstatter und Kostümbildner ihre liebe Mühe, authentisches Material aus der Zeit zu finden. Allein um original 80er-Klamotten wie Karotten- und Röhrenjeans, Sweatshirts, Schulterpolsterjacken oder Fledermausärmelpullover für die zehn Hauptdarsteller und an die hundert Statisten zusammenzubekommen, mußste Susanne Witt etliche Flohmärkte und Altkleidersammlungen durchstöbern, denn: "die Sachen aus den 70ern haben die Leute alle noch auf dem Dachboden. Aber die 80er auszustatten war schwierig, weil die das alles weggeworfen haben." Und die Erklärung dafür hat sie auch: "Die Hosen wurden ganz hoch getragen, alles war viel weiter geschnitten, nicht so figurbetont, man versteckte sich eher, und das sah, je nach Figur, oft einfach unvorteilhaft aus." Auch die Ausstattung der verschiedenen Drehorte, an denen Das Jahr der ersten Küsse spielt, sorgte für jede Menge Probleme. Weil nur an Originalschauplätzen in Köln und Umgebung gedreht wurde, galt es zunächst einmal, passende Objekte zu finden: neben einer Schule mit Aula für die Wilhelm-Tell-Aufführung und einem Raum für die Tanzstunde auch einen Bungalow, der sich zu Tristans Elternhaus umrüsten ließ. Das Glück kam zu Hilfe: Es fand sich ein entsprechender Besitzer, der sowieso renovieren wollte und deshalb nichts dagegen hatte, dass seine Wände mit beige-braun-gemusterten Tapeten beklebt wurden. Nach dem geeigneten "Wandschmuck" mußste die Requisite erst suchen: "In Belgien haben sie noch Lager mit alten Tapeten", erklärt Hannah Solms, "Belgien ist ein richtiges Ausstattungsland, auch auf Flohmärkten kriegt man viele der Sachen noch. Es macht Spaß, mit dem Stil zu spielen, das Hässliche und das Schöne herauszustellen. Die 80er sind eine spannende Zeit, wegen der starken Kontraste, es gab warme Holzmaterialien aus den 70ern, dann das kalte Design der 80er, ein sehr hartes Design, schick aber brutal. Die Tapeten sind auch ziemlich brutal." Zum authentischen 80er-Jahre-Feeling des Films gehört natürlich auch die entsprechende Musik. In der Tanzstunde proben Tristan und seine Freunde den Disco-Fox nach den angesagten Hits der Zeit: von Roland Kaisers "Amore Mio" bis zu "Good Thing" von den Fine Young Cannibals ist alles dabei. Auf den Partys werden "Lady Marmelade" von La Belle oder "Your Eyes" aus dem Soundtrack zum Kultfilm "La Boum" gespielt. Zeitgemäß mußste vor allem auch der Sprachslang der Clique sein. Den hatte Sathyan Ramesh aus seiner eigenen Jugendzeit noch im Ohr: "Ich habe viel vom Dialogwitz der Zeit hinübergerettet. Ein Ausdruck wie ?boah ey' z.B. war mir wichtig, ein Satz klingt ganz anders, wenn er so anfängt. Oder ?geil'; es war damals ein Erlebnis, das zum ersten Mal auszusprechen, man fühlte sich irgendwie locker dabei." A propos "geil" oder: Ich schau dir in den Ausschnitt, Kleines Flaschendrehen, Strippoker, Mädchen in den Ausschnitt gucken - Tristan und seine Freunde sind ziemlich trickreich, wenn es darum geht, ihre frisch aufgeblühten, erotischen Phantasien zu beflügeln. Im Drehbuch liest sich das ja alles ganz witzig, aber solche Szenen zu spielen fällt jungen, unerfahrenen Darstellern vielleicht nicht ganz leicht.In Das Jahr der ersten Küsse mußs z.B. Specki Jana küssen, Tristan mit der Morgenlatte kämpfen und dauernd an Sex denken und Judith ihren Deutschlehrer verführen. Regisseur Kai Wessel hat sich bemüht, ihnen in den heiklen Momenten beizustehen: "Ich hab versucht, ihnen nah zu sein, ein Berater zu sein, der für alle Fragen offen ist. Ich hab sie aber nie gefragt: ist das dein erster Kuss? Hast Du schon mal mit jemandem geschlafen? Ich finde, das ist ihr Geheimnis und wer darüber reden wollte, konnte das ja tun. Nachdem der erste Filmkuss gelandet war, hat diese Info aber bestimmt die Runde gemacht. Und es gab natürlich auch rote Backen nach dem ersten Kuss." Den ersten Kuss hatten im wahren Leben alle schon hinter sich, und was Pubertätsprobleme sind, wussten sie auch genau. Deshalb konnten sich die zehn gut in das Lebensgefühl ihrer Filmfiguren hineinversetzen: "Pickel, Mädchen und das ganze Drum und Dran ist einfach schrecklich", stöhnt Marvin Gronen, "wenn man sich mit Mädchen nicht so gut versteht, weil die was völlig anderes wollen - das ist kein gutes Gefühl". Max Mauff dagegen beneidet seinen Tristan in gewisser Weise um sein aufregendes "Pubertätsjahr" im Film: "Ihm passiert alles, was einem in einem Jahr an peinlichen Sachen passieren kann. Erster Samenerguss, er denkt: toll, eine neue Welt tut sich auf, er onaniert jeden Tag sechsmal, er findet seine große Liebe, er hat das tollste Jahr seines Lebens. Dagegen ist mein Leben richtig langweilig." Vor der Strippoker-Szene hatten natürlich die Jungen ziemlichen Bammel. Schließlich mußsten sie am Ende nackt dastehen und sich von den Mädchen auslachen lassen. dass dieser Partyspaß der Phantasie des Autors entsprungen sein könnte, weist Sathyan Ramesh vehement zurück. "Wer den Film sieht, wird sich vielleicht wundern, dass so was wie Strippoker wirklich passiert ist. Aber wir haben das selbst gespielt und es hat genauso geendet. Wir waren scharf drauf, dass die Mädchenhüllen fallen, am Ende aber standen die Jungen alle splitternackt da und die Mädchen waren angezogen. Das ist genau so passiert". dass Erwachsenwerden auch viel damit zu tun hat, Verantwortung zu übernehmen, zeigt sich ganz deutlich in der Szene, in der Tristan allen Mut zusammennimmt und Simones strengem Vater die Meinung sagt. "Tristan ist ein Mensch, der von seinem Elternhaus viel Sinn für Gerechtigkeit mitbekommen hat", erklärt Kai Wessel, "In dieser Szene setzt er sich für Gerechtigkeit und für Simones Freiheit ein. Simone wird von ihrem Vater unterdrückt, sie darf nicht in die Disco, er schlägt sie. Tristan kämpft für ein Stückchen Freiheit für Simone und gewinnt. Und Kerstin beobachtet das mit Interesse." Mit dem Dreh dieser Szene fiel dann auch am 28. November 2001 in Köln-Hürth nach 35 Drehtagen die letzte Klappe. Bis auf Max Mauff, der noch "Elternurlaub auf Teneriffa" nachdrehen mußste, und zwar vor Ort, hieß es für den Rest der Clique: Abschied nehmen. Der große Trennungsschmerz wurde etwas abgemildert durch eine riesige Abschlussparty am Tag darauf. Nach der tollen Erfahrung war für alle klar, dass sie mit der Schauspielerei auf jeden Fall weiter machen wollen. |
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