Der Pianist

Produktionsnotizen

Für die Produktion von Der Pianist war es nötig, das Warschauer Ghetto und andere Teile der Stadt aus der Zeit um 1939 aus den Ruinen wieder auferstehen zu lassen, denn Warschau war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges fast vollständig zerstört.

Seitdem wurde die polnische Hauptstadt komplett neu aufgebaut, so dass sich nur noch wenige Viertel überhaupt für die Dreharbeiten eigneten. Regisseur Roman Polanski und sein Ausstatter, Oscar-Gewinner Allan Starski, waren bei der Gestaltung der Kulissen also zum großen Teil auf Archivmaterial und die persönlichen Erinnerungen Polanskis aus dieser Zeit angewiesen. Sie verbrachten viele Monate mit intensiver Location-Suche in Warschau und der Gegend in und um Berlin, um passende Drehorte für die über 100 Filmszenen zu finden.

Am Ende entschied man sich dafür, einige Straßenzüge des alten Warschau auf dem Gelände von Studio Babelsberg aufwendig und detailgetreu nachzubauen. Die größte Herausforderung stellte aber die Rekonstruktion der vollkommen verwüsteten polnischen Hauptstadt dar, die Szpilman erblickt, als er am Ende des Krieges aus seinem Versteck hervorkriecht.

Schließlich entdeckte Starski in der kleinen ostdeutschen Stadt Jüterbog ein verlassenes Gelände der russischen Armee, auf dem heruntergekommene und stark demolierte Baracken herumstanden, die sowie abgerissen werden sollten. Dort, in den schneebedeckten Ruinen, begannen dann am 19. Februar 2001 die Dreharbeiten zu Der Pianist.

Nach zwei Tagen Drehzeit in Jüterbog zog das Team nach Potsdam um. Eine alte Villa war zu dem deutschen Armeehauptquartier umgerüstet worden, in dem sich Szpilman im Dachboden versteckt hielt. In diesem Haus wurde die Szene gefilmt, in der Szpilman dem deutschen Offizier, der ihn entdeckt, auf einem verstaubten Flügel das Nocturne Cis-Moll von Chopin vorspielt.

Für diese Schlüsselszene wurde der bekannte polnische Pianist Janusz Olejniczak engagiert, der Adrien Brody gewissermaßen seine Hände lieh. Dieser Augenblick mit dem frierenden jüdischen Pianisten am Klavier und dem sichtlich bewegten deutschen Offizier ging sogar den erfahrenen Mitgliedern der Crew nahe. Viele hatten Tränen in den Augen.

Am 2. März 2001 wurde in Beelitz, einer kleinen Stadt im Südwesten Berlins, weiter gedreht. Hier gibt es ein großes, leerstehendes Krankenhaus, das noch aus der Zeit der Jahrhundertwende stammt. Bis zur Wende hatte es als russisches Militärkrankenhaus gedient, inzwischen steht es leer - eine optimale Kulisse für den Klinikkomplex. Szpilman hatte sich zeitweilig in dem ausgebrannten deutschen Armeehospital in Warschau versteckt.

In einer Szene sieht man den Pianisten aus dem brennenden Teil des Gebäudes fliehen. Dabei stolpert er über am Boden liegende, verkohlte Leichen. Die auf der Leinwand schockierend echt wirkenden Brandwunden und Hautabschürfungen an den Körpern der Statisten sind das Werk des international renommierten Maskenbildners Waldemar Pokromski.

Am 15. März begannen in Babelsberg die Aufnahmen einer der wichtigsten und technisch aufwendigsten Szenen des Films, die mit drei auf unterschiedlicher Höhe postierten Kameras gedreht werden sollte. Diese Sequenz zeigt den Angriff der Deutschen auf das Ghetto nach dem Aufstand: Die SS marschiert auf das Ghetto zu und gerät unter Beschuss aus einem Haus auf der jüdischen Seite. Die SS-Leute rücken daraufhin mit einem Flak-Geschütz an und feuern mit großkalibrigen Granaten.

Gewaltige Löcher werden in die Hauswand gerissen, Steine fliegen durch die Straßen. Schließlich dringen die Deutschen mit Flammenwerfern in das Haus ein und setzen es in Brand. Viele jüdische Widerstandskämpfer stürzen sich als lebende Fackeln aus den Fenstern in den Tod. Am 26. März wurde die letzte Szene in Babelsberg gedreht, alle Crew-Mitglieder und das gesamte Equipment mußsten jetzt nach Warschau befördert werden.

Am 29. März wurden die Dreharbeiten im dortigen Praga-Viertel fortgesetzt. Hier, am anderen Ufer der Weichsel, gegenüber vom Zentrum der polnischen Hauptstadt mit der penibel restaurierten Altstadt und den daneben elegant aus dem Boden schießenden Bürohochhäusern, schien die Zeit seit dem Krieg stehen geblieben zu sein.

Das Viertel wurde nur wenig zerstört und deshalb wurde auch kaum etwas renoviert oder gar wieder aufgebaut, so dass man in diesem ärmsten Stadtteil Warschaus noch die Einschusslöcher im Mauerwerk der alten grauen Mietshäuser sehen kann, die an das ehemalige Ghetto erinnern. Nach dem Vorbild alter Photographien gestalteten Allan Starski und sein Team eine Straße in Praga in die Hauptstraße das Ghettos um. Sie brachten historische Schilder an den Häusern an, legten längst vergessene Produkte in die Schaufenster und nagelten offizielle Dekrete der deutschen Besatzer an die Mauern.

In Warschau konnten viele Innen- und Außenaufnahmen realisiert werden. Eine Militärakademie bildete schließlich die Kulisse für den großen Umschlagplatz im Ghetto. Hier wurde auch die Massen-Szene gedreht, in der Tausende von Statisten als jüdische Ghetto-Bewohner gekleidet, darunter auch Familie Szpilman, in endlose Waggons verladen und abtransportiert werden.

Die Kostümbildnerin Anna Sheppard hatte vor allem die Aufgabe, Hunderte von historischen Kleidungsstücken und Uniformen aus ganz Europa zusammenzutragen. Als notorischer Perfektionist verlangte Polanski bezüglich der Ausstattung, der Kostüme, Uniformen und sonstigen Requisiten absolute Authentizität. Sogar die Statisten, die in einem aufwendigen Verfahren einzeln ausgewählt wurden, sollten dem äußeren Erscheinungsbild der damaligen Polen, Juden und Deutschen haargenau entsprechen.

Die Postproduktion von Der Pianist erfolgte in Paris und München (bei Das Werk München). Der Film wurde erstmals im Wettbewerb der 55. Internationalen Filmfestspiele von Cannes aufgeführt und dort am 22. März 2002 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Ein Jahr später wurde der Film mit drei Oscars (Beste Regie, Bester Hauptdarsteller, Bestes Original-Drehbuch) ausgezeichnet.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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