Besessen

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Im Londoner Auktionshaus Sotheby's kommt ein berühmtes Liebesgedicht des viktorianischen Poeten Randolph Henry Ash (Jeremy Northam) als Originalmanuskript unter den Hammer - Mindestgebot £ 40.000. Die legendären Verse des Dichters sind heute wieder en vogue, und zwei Literaturforscher konkurrieren mit ihren biografischen Veröffentlichungen: der eingebildete Professor Morton Cropper (Trevor Eve) aus New Mexico, der für seine Universität bei der Versteigerung mitbietet, und der kauzige Londoner Professor Blackadder (Tom Hickey), bei dem der Amerikaner Roland Michell (Aaron Eckhart) einen Job als wissenschaftlicher Assistent ergattert hat.

Roland hat selbst dichterische Ambitionen, weiß aber schon genug vom Leben, um die Welt ohne große Illusionen zu sehen - er wäre auch mit einer Karriere als Dozent zufrieden. Im Augenblick mußs er für Blackadder den Nachlass des großen Ash nach allerdings recht prosaischen Themen durchforsten, zum Beispiel: Wie viele Gläser Stachelbeermarmelade hat Ashs Frau Ellen (Holly Aird) 1855 eingemacht?

Bei seinen Recherchen in der Bibliothek findet Roland in einem Buch aus Ashs persönlichem Besitz einen handgeschriebenen Originalbrief des Dichters, der ihn sofort fasziniert. Er entwendet den Brief und diskutiert seinen Fund mit seinem englischen Freund Euan (Tom Hollander): Ash schreibt diesen sehr intimen Liebesbrief an eine nicht näher benannte "Madam", die aber nicht seine Frau zu sein scheint. Unklar bleibt, ob der Brief je abgeschickt wurde.

Randolph Henry Ash gilt als unantastbarer Dichter, dessen Worte der reinen romantischen Liebe unvergesslichen Ausdruck verleihen - sollte der treusorgende Ehemann insgeheim eine außereheliche Affäre gehabt haben, die selbst den anerkannten Spezialisten entgangen ist? Dann müsste die Geschichte in der Tat neu geschrieben werden.In literarischen Zirkeln wäre das eine Sensation.

Von Euan bestärkt, erwacht in Roland das Jagdfieber. Er macht halbherzige Anstalten, Professor Blackadder von seinem Fund zu berichten, doch der nimmt seinen schlampig gekleideten und unrasierten amerikanischen Assistenten nicht ernst, lässt ihn gar nicht erst zu Wort kommen. Roland ist das ganz recht, er recherchiert auf eigene Faust weiter und forscht besonders nach Frauen in Ashs Bekanntenkreis.

1859 lernt Ash auf einer Abendgesellschaft die weniger berühmte Dichterin Christabel LaMotte (Jennifer Ehle) kennen. Sie macht starken Eindruck auf ihn - nicht zuletzt, weil sie den gefeierten Dichter ohne Umschweife und mit treffsicheren Formulierungen wegen seiner frauenfeindlichen Verse angreift. Dennoch sind sich die beiden sympathisch.

Roland findet in den überlieferten Tagebuchaufzeichnungen und Briefen jedoch nur vage Andeutungen über die beiden. Sein Kollege, der Assistent Fergus Wolff (Toby Stephens), weiß, wo Roland mehr über Christabel LaMotte erfahren kann: In der englischen Stadt Lincoln arbeitet seine Bekannte Dr. Maud Bailey (Gwyneth Paltrow) über LaMotte. Roland besucht sie also und bittet um Unterstützung.

Er ist von Fergus bereits vorgewarnt, und tatsächlich erlebt er Maud als sehr zugeknöpft, abweisend und schnippisch. Sie reagiert empört, als Roland zugibt, Ashs Originalbrief aus der Bibliothek gestohlen zu haben. Sie glaubt auch nicht an irgendwelche Verbindungen zwischen Ash und Christabel und erklärt dem überraschten Roland, LaMotte sei lesbisch gewesen und habe mit der Malerin Blanche (Lena Headey) zusammengelebt. Von ihr sind praktisch keine Briefe überliefert.

Übrigens ist Maud mit Christabel sogar blutsverwandt - eine Großnichte in der fünften Generation. Roland staunt ein zweites Mal, als Maud sich spontan bereit erklärt, ihn bei sich übernachten zu lassen, denn er hat kein Geld fürs Hotel, möchte aber auch am nächsten Tag in der örtlichen Bibliothek weiter recherchieren. Maud erzählt, dass sie einst mit Fergus zusammen war, ihm dann aber enttäuscht den Laufpass gegeben hat - was dessen bissige Bemerkungen erklärt.

Roland besucht mit Maud Christabels Grab und den Landsitz, auf dem sie gelebt hat - heute wohnen dort Mauds Verwandte, Lady und Sir George Bailey (Anna Massey, Graham Crowden). Vor allem Sir George empfängt Roland eher reserviert. Aber die beiden jungen Wissenschaftler dürfen im Herrenhaus übernachten und durchstreifen Christabels Gemächer, die nach ihrem Tod im Originalzustand erhalten wurden.

Maud lässt sich von Rolands Jagdeifer anstecken, denn es scheint so, als hätten Christabel und Ash eine starke Seelenverwandschaft empfunden, die für den verheirateten Mann nicht statthaft war und die Eifersucht von Christabels Lebensgefährtin Blanche provozierte. Maud analysiert Christabels Verse und glaubt in einem Schlüsselgedicht Hinweise auf im Haus versteckte Dokumente zu finden. Und tatsächlich: Die beiden entdecken in einer Puppenwiege ein Bündel Briefe, die den intensiven, sehr poetischen, geistreichen und respektvollen Gedankenaustausch zwischen Christabel und Ash belegen.

Als Ash Christabel gesteht, dass er von ihr "besessen" ist, lehnt sie weitere Kontakte ab - sie will keine Geheimnistuerei, sie will Ashs Frau nicht hintergehen und erbittet ihre eigenen Briefe von Ash zurück, um keine Beweise zu hinterlassen.

Da erst gesteht Ash, dass er seine Frau Ellen zwar auf seine Art liebt und ihr die Treue hält, doch die Ehe ist nicht glücklich, besteht offensichtlich nur als platonische Beziehung. Er bezeichnet Christabel als seine Muse, schreibt weiter an sie. Doch die Briefe erreichen sie nicht, denn die eifersüchtige Blanche fängt sie ab und vernichtet sie. Durch einen Zufall erfährt Christabel davon und reagiert wütend. Gleichzeitig ist sie tief unglücklich darüber, dass durch die Begegnung mit Ash beider Leben auf den Kopf gestellt wurde.

Aber sie liebt ihn - das gibt sie zu. Ganz bewusst stellen sich beide ihrem (Un-)Glück. "Man kann nicht im Feuer stehen, ohne von ihm verzehrt zu werden", schreibt Christabel. Der letzte Brief der Sammlung enthält den Plan, heimlich einen gemeinsamen Urlaub in Yorkshire zu verbringen. Blanches verzweifelter Versuch, Ellen anhand der Liebesbriefe die Untreue ihres Mannes zu beweisen, schlägt fehl - Ellen lehnt es ab, Blanche zu empfangen.

Was ist in Yorkshire geschehen? Maud und Roland fahren in den Küstenort Whitby und steigen in genau demselben Zimmer im Bay-Hotel ab, in dem Ash und Christabel 1859 ihre erste Liebesnacht verbrachten. Sie entdecken auch den Fluss und den Wasserfall, den Ash damals so intensiv und anschaulich beschrieben hat.

Roland springt ins Wasser und taucht unter dem Wasserfall hindurch: Hinter ihm befindet sich tatsächlich die von Ash beschriebene verborgene Höhle, die beweist, dass Maud und Roland auf der richtigen Spur sind.

Die beiden können die Parallelen zwischen den unglücklichen Liebenden von 1859 und sich selbst nicht mehr übersehen: Maud und Roland fühlen, dass sie aus dem gleichen Holz geschnitzt sind, gut zueinander passen. Maud erzählt, dass Fergus vor allem ihr langes blondes Haar bewunderte - bis Maud das Gefühl hatte, nur wegen ihrer Schönheit geliebt zu werden. Deswegen schnitt sie ihr Haar eines Tages radikal kurz.

Und tatsächlich verlor Fergus darauf das Interesse an ihr. Auch Roland hat schmerzliche Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht hinter sich - beide scheuen eine neue Bindung. Es gehört also nur ein kurzer missverständlicher Moment im Hotelbett dazu, die sich sanft anbahnende Liebesnacht zu verhindern. Traurig beschließen sie, "gute Freunde" zu bleiben.

Auch Christabel und Ash müssen nach ihren kurzen glücklichen Wochen in Yorkshire für immer auseinander gehen. Christabel schreibt ein Gedicht über ihre Liebe, zerreißt es aber sofort wieder, denn diese Zeilen sind nicht für die Welt bestimmt - ihre Liebe darf sie aus gesellschaftlichen Gründen unmöglich ausleben.

Maud hält zu ihrem Exfreund Fergus zumindest auf beruflicher Ebene sporadischen Kontakt, und aus einer unvorsichtigen Bemerkung schließt Fergus, dass sie und Roland tatsächlich eine bahnbrechende Entdeckung gemacht haben. Fergus nimmt Kontakt zu Blackadders Konkurrenten Professor Cropper auf, der Fergus' Angaben zu deuten vermag und selbst Lunte riecht.

Die beiden versuchen auf dem Landsitz der Baileys zu recherchieren, werden aber von Sir George mit vorgehaltener Schrotflinte abgewiesen. Doch als Cropper Bargeld für Christabels Briefe bietet, lässt Sir George sich erweichen. Cropper entdeckt eine Spur, die nach Frankreich führt - offensichtlich hat sich Christabel 1860 dort in ein Kloster zurückgezogen.

Roland findet heraus, dass Cropper und Fergus eigene Nachforschungen anstellen, denn alle in der Universität abgeschickten Faxe werden aufgehoben und abgelegt. Maud und Roland reisen nach Frankreich und erkundigen sich an jener Universitätsfakultät, von der Fergus schriftlich Auskünfte angefordert hat. Es gelingt den beiden, die von Fergus bestellten Unterlagen an sich zu bringen.

Offensichtlich hat Christabel im Kloster ein Kind zur Welt gebracht. Ash versucht sie dort zu besuchen, aber sie weigert sich, ihn zu empfangen. Gleichzeitig begeht ihre unglückliche Geliebte Blanche in England Selbstmord. Aber was wurde aus dem Baby?

Es gibt Aufzeichnungen, die belegen, dass sich Ash und Christabel später in England noch einmal getroffen haben. Obwohl Ash den Spiritismus strikt ablehnt, lässt er sich zur Teilnahme an einer Séance überreden, weil auch Christabel zugegen ist. Das Medium fällt in Trance und beschreibt die Liebesaffäre der beiden, ohne Namen zu nennen - Ash kann das nicht ertragen und schreit Christabel seine Verzweiflung ins Gesicht: "Wo ist das Kind?! Was hast du getan?!!" Ihre Antwort: "Du hast mich zur Mörderin gemacht!"

Maud und Roland haben sich auf der gemeinsamen Reise versöhnt, doch diese schrecklichen Entdeckungen deprimieren Maud zutiefst: Blanches Kind und ihre Lebensgefährtin fielen ihrer leidenschaftlichen Liebe zum Opfer. Deswegen kann Maud Rolands Gegenwart nicht ertragen. Er versteht sie nicht: "Ist das ein Spiel, das du mit mir treibst - mal stehst du auf Nähe, dann gehst du wieder auf Distanz?" Maud reagiert verstört - sie leidet wirklich; ihre tiefe Angst, verletzt zu werden, bricht wieder hervor. Aber ein "Spiel" ist das bestimmt nicht - sie fühlt sich verkannt.

Roland beschließt, Professor Blackadder endlich reinen Wein einzuschenken. Als er einen entsprechenden Brief auf den Schreibtisch des Professors legt, belauscht er zufällig Cropper und Fergus bei einem konspirativen Treffen in der Bibliothek: Cropper weiß, dass Ashs Frau Ellen bei dessen Beerdigung eine Schachtel auf den Sarg gelegt hat - sie mußs den Schlüssel zu einem Geheimnis enthalten, von dem Ellen wusste, das sie aber nie mit ihrem Mann geteilt hat.

Inzwischen sind etwa 20 Jahre seit Ashs Affäre mit Christabel vergangen, und diese erträgt es nicht, ihren ehemaligen Geliebten sterben zu lassen, ohne einen letzten Brief zu schreiben und ihm eine entscheidende Mitteilung zu machen. Den Brief schickt sie in einem versiegelten Umschlag an Ellen und überlässt es ihr, ob sie ihn selbst liest und dann erst Ash zu lesen gibt. Ellen behält den Brief für sich - ungeöffnet: Ash stirbt, ohne zu erfahren, was Christabel ihm mitteilen wollte.

Natürlich brennt Cropper darauf, den Brief in den Händen zu halten, der seit über 100 Jahren mit Ash in der Erde ruht. Also plant er, das Grab zu öffnen. Blackadder äußerst sich erstaunt über den unerwarteten Forscherdrang, den er seinem amerikanischen Assistenten gar nicht zugtraut hat, und er reagiert wohlwollend auf Rolands Eigenmächtigkeit, vor allem, weil er jetzt die Gelegenheit bekommt, Cropper eins auszuwischen. Auch Maud ist bereit, das Team zu unterstützen, und so lauern sie gemeinsam den Grabräubern auf dem Friedhof auf: Tatsächlich findet Cropper die unversehrte Blechschachtel in Ashs Grab ...

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Dirk Jasper FilmLexikon

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