All or Nothing

Ausführlicher Inhalt

Ein langes, quälendes Wochenende in einer tristen Hochhaussiedlung im Südosten Londons. Für einige Menschen Tage der Entscheidung, Katharsis, Neuanfang - Beginn einer Reise in die fast vergessene Welt der Gefühle.

Diejenigen, die hier wohnen, stehen nicht auf der "sunny side of life". Wie Phil Bassett (Timothy Spall) und seine Lebensgefährtin Penny (Lesley Manville) mit ihren zwei übergewichtigen, erwachsenen Kindern Rory (James Corden) und Rachel (Alison Garland). Phil verdient als Taxifahrer seine Brötchen, steht aber morgens erst spät auf, da ist das beste Geschäft schon gelaufen.

Um seinem Chef den Wochenobulus zahlen zu können, mußs er sich schon mal bei Frau und Tochter Geld leihen. Penny arbeitet als Supermarktkassiererin, schmeißt den Haushalt und ist abends fix und fertig. Ihre Liebe ist verdorrt, wie ein Blumenstock, der kein Wasser bekommt.

Die Gespräche beschränken sich auf das Notwendigste, manchmal reißt Penny der Geduldsfaden, wenn Phil beispielsweise drei Dutzend Burgerbrötchen anschleppt, die ihm ein Fahrgast statt Trinkgeld gegeben hat und deren Haltbarkeitsdatum schon vor vier Monaten abgelaufen ist.

Das gemeinsame Abendessen - ein Desaster. Rory sitzt am liebsten mit dem Rücken zum Tisch, bugsiert den vollen Teller auf den Knien, schmatzt vor sich hin und starrt dabei in die Glotze. Ermahnungen seiner Mutter quittiert er mit wüsten Beschimpfungen. Der Coach Potato hat Null Bock aufs Arbeiten, selbst der Gang zum Arbeitsamt scheint ihm zu anstrengend. Da futtert er lieber fette Würste und Pommes und verprügelt zwischendurch schwächere Jungs.

Ganz anders dagegen Rachel, Putzhilfe in einem Altersheim. Sie frisst den Kummer über die aggressive Atmosphäre zu Hause oder über die primitiven Annäherungsversuche ihres älteren Kollegen in sich hinein. Eine junge Frau, hinter deren gewichtigen Körper sich eine sensible Seele versteckt.

Auf der gleichen Etage krebst auch Pennys bodenständige Arbeitskollegin Maureen (Ruth Sheen) am Existenzminimum herum, verdient sich durch Bügeln ein paar Pfund dazu. Ihre Tochter Donna (Helen Coker) jobbt als Kellnerin in einem Café und liegt ständig mit ihrem Freund Jason (Daniel Mays) im Clinch, der außer schnellem Sex wenig von ihr will. Als sie ihm sagt, dass sie schwanger ist, rastet der Typ aus, schlägt sie und verlangt eine Abtreibung.

Während die sonst so zickige Donna die Fassung verliert und bei ihrer Mutter Trost und Unterstützung findet, wirft sich ihre "Konkurrentin" Samantha (Sally Hawkins) an den Hals des Machos und schiebt eine flotte Nummer mit ihm im Auto. Das arbeitslose Mädchen ist nicht wählerisch, abends küsst sie aus Spaß einen verklemmten Nachbarjungen, der sich tags drauf prompt ein großes "S" in die Brust ritzt und von ihr als Perversling beschimpft wird.

Samanthas Eltern verbindet der Hang zur Flasche. Vater Ron (Paul Jesson), Phils Kollege, und seine Frau Carol (Marion Bailey) trinken sich das langweilige Leben erträglich. Bei einem ausgelassenen "Frauenabend" in einer Karaoke-Bar mit Penny und Maureen bricht Carol gar wegen ihres übermäßigen Alkoholkonsums zusammen.

Am nächsten Tag flieht Phil aus der familiären Ödnis in die Arbeit. Das Gequatsche seiner Fahrgäste geht ihm auf die Nerven. Nachdem er eine redselige Französin, die ihn ausgerechnet in ein Gespräch über die Liebe verwickelte, abgesetzt hat, schaltet er Funk und Handy aus und fährt ans Meer.

Nach all dem Druck, ein Moment zum Durchatmen, ein kleiner Augenblick der Freiheit. Gerade in diesen Stunden passiert etwas Schreckliches. Maureen beobachtet vom Balkon, wie Rory zusammenbricht. Ein Notwagen bringt ihn ins Krankenhaus. Maureen wacht an seinem Bett, bis Penny hereinstürzt. Der Arzt diagnostiziert einen angeborenen, irreparablen Herzfehler: nicht lebensgefährlich, aber der Junge mußs sich in Zukunft gesund ernähren und ständig Medikamente nehmen.

Penny ist völlig fertig und auf sich allein gestellt, da ihr Mann nicht zu erreichen ist. Als Phil dann endlich auftaucht, überschüttet sie ihn mit Vorwürfen. Rorys Krankheit wird zum Katalysator, löst die Vereisung zwischen den Eltern. Phil will wissen, ob Penny ihn noch liebt.

Sie bleibt die Antwort schuldig und aus dem massigen Mann bricht es heraus: "Du magst mich nicht, du respektierst mich nicht, du behandelst mich wie ein Stück Scheiße". Ein Befreiungsschlag, der eine neue, zaghafte Annäherung erlaubt. Beide gestehen sie sich ihre Enttäuschung und Einsamkeit ein, die Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Zuneigung.

Am nächsten Tag startet Phil seine Arbeit früh. Er will Geld verdienen, um irgendwann mal mit Frau und Kindern eine Reise nach Disney-World zu unternehmen. Und wenn Phil, Penny und Rachel geeint an Rorys Krankenbett sitzen, ist ein Hauch von Hoffnung zu spüren. Sie sind wieder eine Familie. Vielleicht.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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