One Hour Foto

Produktionsnotizen

Autor und Regisseur Mark Romanek nennt als Inspiration für One Hour Foto den "Drang, einen zeitgemäßen, an die ?lonely man'-Produktionen aus den 70er Jahren angelehnten Film zu drehen".

Dabei ließ er sich von Werken wie "Der Dialog" (1973), "Der Mieter" (1976), "Taxi Driver" (1976) oder "Beruf: Reporter" (1975) inspirieren. Yorkin, der Name der Familie, um deren Schicksal sich der Film dreht, wurde aus "your kin", was so viel wie "deine Angehörigen" bedeutet, abgeleitet.

Als Romanek das Drehbuch fertiggestellt hatte, schickte er es dem Produzententeam Christine Vachon und Pamela Koffler, das sofort Gefallen an dem Stoff fand. Vachon erinnert sich: "Das Drehbuch hat uns ziemlich beschäftigt.

Deshalb wollten wir uns mit Romanek zu einem Gespräch zusammensetzen. Das gehört zum Entscheidungsprozess für einen Film eigentlich immer dazu. Und wir erwarten dabei Antworten auf Fragen wie: Kann uns der Regisseur davon überzeugen, dass das Skript nicht nur gut, sondern sogar hervorragend ist? Und kann er uns den langen Weg von der gedruckten Story bis hin zum fertigen Film auf der Leinwand schmackhaft machen?"

Nachdem Produzent Stan Wlodkowski durch einen Kollegen von dem allmählich konkrete Formen annehmenden Projekt erfahren hatte, schloss er sich den Filmemachern an. Wlodkowski ist langjähriger Fan von Koffler und Vachon und auch er fand Romaneks Skript "genauso scharfsinnig wie herausfordend."

Sofort machte sich das Team daran, den geeigneten Schauspieler für Sy Parrishs Rolle zu finden. Koffler erinnert sich: "Durch Marks Vision für diese Rolle wurden wir förmlich zu Robin Williams hingezogen.

Wir wussten, dass wir einen richtigen Star für die Rolle des Sy finden mußsten, um One Hour Foto so herausragend wie möglich zu machen. Jemanden, der genau diese Art von Charisma besitzt und der gewillt ist, eine noch nie da gewesene Figur zu verkörpern."

Romanek wurde vor allem von Robin Williams' Begeisterung und Einfühlungsvermögen für die Figur des Sy überzeugt. "Als wir uns das erste Mal wegen des Projekts trafen, waren wir in Bezug auf Sy absolut auf einer Wellenlänge. Augenblicklich konnte ich das immense Potenzial erkennen, das Robin für diese Rolle mitbringen würde."

"Uns war es während des Entscheidungsprozesses wichtig, dass Robin Williams einen Part spielt, der sich von allem unterscheiden sollte, was er je zuvor gemacht hatte," erklärt Koffler. Vachon ergänzt, "Ich glaube, das Publikum wird ziemlich überrascht sein, wenn Robin Williams das spielt, was er noch nie zuvor verkörpert hat, oder zumindest seit langer Zeit nicht mehr.

Natürlich hat Robin in seiner Karriere auch schon dramatische Rollen übernommen, doch mit Sicherheit noch keine wie die des Sy. In der Vergangenheit hat er die Zuschauer oft von seiner großen Bandbreite an Fähigkeiten überzeugen können. In gewisser Weise erinnern wir die Leute einfach wieder daran."

Mark Romanek schränkt ein: "Wenn man Robins frühere ernste Rollen genauer betrachtet, erkennt man, dass dieser Charakter eigentlich nicht so verschieden von den anderen ist, wie man meinen möchte."

Williams war begeistert von der außergewöhnlichen Rolle. "Ich bin froh, dass sie zuerst mir das Skript geschickt haben." Er erklärt: "Die Leute sagen immer: ?Oh, er spielt immer so nette Figuren.' Dieser Mann ist auch nett, aber er hat eine düstere Seite. Genau das war auch aufregend zu spielen.

Er macht ziemlich gruselige, bizarre Sachen. Für einen Schauspieler ist es wirklich interessant, eine derart reale, sehr, sehr faszinierende Persönlichkeit zu verkörpern." Romanek erzählt von seiner Faszina-tion, Williams beim Agieren vor der Kamera zu beobachten. "Die Art, wie Robin sich engagierte, seine Emotionen und seine Hingabe an Details, die er in diese Rolle einbrachte, waren wirklich aufregend zu beobachten."

Connie Nielsen, die mit der Rolle von Nina Yorkin die zentrale Person in Sy Parrishs Fantasiewelt spielt, lobt Romaneks Fähigkeit, visionäre Charaktere zu entwickeln. "Meiner Meinung nach hat Mark ein Skript geschrieben, in dem Sys Persönlichkeit mit Menschlichkeit und Verständnis dargestellt wird."

Will-Yorkin-Darsteller Michael Vartan stimmt dem zu: "Es war allein schon hoch interessant, sich vorzustellen, wie Robin Williams diese Person spielen würde." Vartan erklärt weiter: "Natürlich ist es eigentlich kein großer Schritt, denn er hat zuvor auch schon dramatische Rollen gespielt.

Doch wenn ich an Robin Williams denke, habe ich immer jemanden sehr Lustigen, sehr Gewitzten und Schnellen vor Augen, jedenfalls jemanden, der eher zur komischen Sorte gehört. Als ich dann das Drehbuch las, dachte ich mir besonders gegen Ende zu ?oh Gott, er wird in diesem Film absolut grandios sein.'"

Neben der Komplexheit seiner Rolle als Sy war Williams vom außergewöhnlichen Plot der Geschichte fasziniert. "Als ich das Skript zum ersten Mal las", erzählt er, "sind mir besonders die vielen spannenden Wendungen aufgefallen. Man glaubt, alles bewegt sich in eine bestimmte Richtung, aber plötzlich wird alles ganz verstörend ... positiv verstörend, falls es so etwas überhaupt gibt," lacht er.

"Der Blickwinkel verändert sich von Szene zu Szene, so dass ich schließlich überhaupt nicht mehr wusste, was als nächstes passieren würde. Und das ist doch toll. Ich wurde mehr und mehr von dieser Person eingenommen, bis ich beinahe ihre Gedanken lesen konnte. Das hat mich gefesselt."

Weil sich die Situation der Yorkins so konträr zu seinem bisherigen Leben als Außenseiter verhält, fühlt sich Sy zu dieser Bilderbuchfamilie hingezogen. Williams stellt fest: "Natürlich sind sie nicht die Waltons, aber doch beinahe wie eine der Familien aus der Werbung.

Sie sind jung, schön und scheinen alles zu haben. Das ist fast zu schön, um wahr zu sein. Genau das fasziniert Sy, denn er stellt das Gegenteil von allem dar, so einsam und unattraktiv wie er nun mal ist. Zwischen ihnen liegen Welten. Deshalb fühlt sich Sy so davon angezogen."

Auch Nielsen war von der verzerrten Wahrnehmung der Yorkinschen Familie und der tatsächlichen Realität fasziniert. "Mich reizte es, eine Persönlichkeit zu spielen, deren von Außen wahrgenommener Charakter nichts mit ihrem Innenleben gemein hat. Denn hinter der Hausfrau, von der man annimmt, dass sie ein perfektes Leben führt, verbirgt sich gleichzeitig eine Person, die alles andere als makellose Privatsphäre hat. Ich liebe diese Gespaltenheit," schwärmt Nielsen.

Sy schaut sozusagen durch ein Fernglas auf das Leben anderer. Nielsen stellt fest, "Ich fühlte mich beim Lesen des Drehbuchs an mich selbst erinnert. Mit 15 Jahren dachte ich nämlich, wenn ich nur diese Person wäre, oder deren Geld oder was auch immer hätte, wäre mein Leben absolut perfekt. Doch wenn man älter wird, stellt man fest, dass im Leben keine Perfektion existiert. Das gehört zu den Dingen, die Sy begreifen mußs."

Vachon fand besonders Sys augenscheinliche Normalität verstörend. "Robin hat bei dieser Rolle zum einen erreicht, dass man über den Charakter verwundert ist und Mitgefühl empfindet, zum anderen aber auch, dass man sich gleichzeitig durch seine Aktivitäten angeekelt fühlt."

"Angeekelt auch deshalb", verdeutlicht Koffler, "weil jeder manchmal Momente hat, in denen er sich wie Sy fühlt; unfähig, mit anderen Menschen umzugehen, ein bisschen aus dem Ruder, einsam. Das Schwierige an Sy war, ihn sympathisch wirken zu lassen, ohne dabei schmalzig zu werden. Genau das ist Robin ausgezeichnet gelungen."

Williams fügt hinzu: "Wir haben über Sys Persönlichkeit gesprochen und darüber, dass er sich selbst gar nicht als böse empfindet. Er glaubt, auf seine besondere Weise das einzig Rechtmäßige zu tun. Ein Mann, der sich fast so empfindet, als würde er auf eine äußerst bizarre Weise Gutes tun."

Die Rolle des Detective Van Der Zee - des entschlossenen und doch mitfühlenden Ermittlers, der Sy auf die Schliche kommt - übernahm der gefeierte Schauspieler Eriq La Salle. Für La Salle war der Film so etwas wie eine Expedition in die Gefühlswelt "eines emotional Verletzten, der sich einsam und verlassen fühlt.

Jemand, der sich so sehr nach Liebe sehnt, dass er sich eine imaginäre Welt erschaffen und sich das Leben von jemand anderem aneignen mußs, um sich vollwertig zu fühlen." Er fährt fort: "Nach diesem Film wird jeder dankbar sein für das Leben, dass er führen darf."

Williams schätzt die Charakterwandlung seiner Rolle in etwa so ein: "Sy lebt allein, weil er nicht mit Menschen umgehen und sich schlecht darstellen kann. Er hat Probleme auf verschiedenen Ebenen, deshalb ist er so versessen auf Präzision.

Wird er deshalb zu einem besseren Menschen? Wegen der Dinge, die ihm in seinem Leben zugestoßen sind, hat er sich so eigenartig entwickelt. Sy handelt einfach aus seinen tiefsten inneren Bedürfnissen heraus. Am Ende bleibt ein grundlegend veränderter Mensch zurück, der sich absolut von jenem Mann, der er zu Beginn des Films war, unterscheidet."

Sy Parrish und seine Welt haben ein unverwechselbares Erscheinungsbild, für dessen beeindruckenden Look Regisseur Mark Romanek und das Team um Produktionsdesigner Tom Foden (The Cell, 2000), Chefkameramann Jeff Cronenweth (Fight Club, 1999) sowie die Kostümdesignerin Arianne Phillips (Hedwig And The Angry Inch, 2000) verantwortlich zeichneten. Mit allen Dreien hatte Romanek bereits zuvor bei verschiedenen Musikvideos zusammengearbeitet.

Der erste Teil der Dreharbeiten dauerte 48 Tage, von denen etwa ein Drittel in einem zum Abriss stehenden Bürokomplex im San Fernando Valley bei Los Angeles stattfand. Darin ließ Foden den Supermarkt aufbauen, der die Grundfesten von Sy Parrishs Universum bildet. Robin Williams beschreibt: "Der Savmart-Supermarkt stellt so etwas wie ein Paralleluniversum dar. Man kommt sich vor wie in einem dieser riesigen Verbrauchermärkte mit einer erdrückenden Fülle an Produkten, und mitten drin sitzt Sy in seiner kleinen Ecke."

Cronenweth erklärt: "Eine der schwierigsten Aufgaben bestand darin, den Savmart visuell interessant zu gestalten, ohne dabei zu sehr von der Realität abzuweichen. Deshalb", verdeutlicht er, "mußsten wir ein Beleuchtungssystem installieren, das sowohl ein schönes Licht verbreitet als auch die Story durch die Form- und Farbgebung der Aufnahmen weitertreibt." Robin Williams fügt hinzu: "Der Supermarkt wurde als Sys eigene Welt kreiert, in der er, seine Haare und seine Kleidung vollkommen mit dem Hintergrund verschmelzen."

Williams weist auf den Kontrast zwischen Sys harter Realität und der Außenwelt hin. "Draußen fällt Sy auf, besonders, wenn er in die Nähe des Yorkin-Hauses kommt. Denn das Familienheim strahlt eine Wärme und unglaubliche Schönheit aus - so schön, dass es beinahe weh tut, denn natürlich wurde das Haus idealisiert."

Foden betont diese Kontraste durch seine Farb- und Materialauswahl. Während das Haus der Yorkins - es steht in Brentwood, Kalifornien - in warmen Gold-, Gelb- und Rottönen gehalten ist, fällt in Sys Apartment - gebaut im Studio - die triste Farbgebung in grau und braun ins Auge.

Foden erklärt: "Die ganze Story dreht sich eigentlich um Himmel, Fegefeuer und Hölle. Dabei stellt das Haus der Familie Yorkin einen Ort der Träume und Ideale dar, der Supermarkt verkörpert so etwas wie einen Rummelplatz voller Ablenkungen, während Sys Apartment wie eine Brutstätte der Einsamkeit und Isolation erscheint."

Die visuelle Kontrastierung zieht sich hin bis zu der von Kostümdesignerin Arianne Philipps entworfenen Kleidung eines jeden Charakters. Sie hatte sich das Ziel gesetzt, mit ihren Kostümen "anschmiegsame Kleidungsstücke zu kreieren, die sowohl glaubwürdig als auch den emotionalen Zuständen angepasst sein sollten.

Deshalb ging ich sehr minimalistisch vor. Ich versuchte, eine dezente Auswahl zu treffen, denn der ganze Film strahlt eine ruhige Eleganz aus. Ich wollte in den Kostümen sowohl den Stil des Produktionsdesigns reflektiert sehen als auch im Einklang mit diesen wirklich kraftvollen darstellerischen Leistungen und der ungewöhnlichen Ausleuchtung des Sets stehen."

Ebenso wie bei all seinen Musikvideos arbeitete Romanek eng mit Produktions- und Kostümdesign sowie dem Chefkameramann zusammen. Sein Ziel dabei war es, eine Palette von Bildern und visuellen Referenzpunkten zu kreieren, um die das Handlungsgeschehen kreisen sollte. Phillips erläutert: "Der Prozess kommt dem Verschmelzen von Gedankengängen gleich.

Wir haben alle schon zuvor mit Mark zusammengearbeitet, so dass wir den Vorgang nachvollziehen konnten... Dabei wird viel geredet, interagiert und bei den Meetings über die verschiedenen Ideen der Einzelnen diskutiert." Cronenweth fährt fort: "Mit Mark zu arbeiten, ist im wahrsten Sinne des Wortes Teamwork."

Das Team entwarf Lebensgeschichten für jede Figur, aus denen Phillips ihre Inspiration für das jeweilige Erscheinungsbild zog. Für sie bestand Romaneks Vision der Figur des Sy darin, "eine Art Ikone zu schaffen, wie seinerzeit Travis Bickle in "Taxi Driver". Man wird sich für alle Zeit an den Typen mit dem Irokesenschnitt und der Armeejacke erinnern ... genau das wollte Mark mit Sy auch erreichen, denn Sy ist im Prinzip ein 08/15-Typ."

Ursprünglich plante Phillips, Sy in Alltagsklassiker wie Stoffhosen ohne Gürtel, Polohemden und eine Windjacke zu kleiden, doch sie entschied sich recht schnell dagegen. Denn selbst die Outfits im WalMart-Angebot empfand sie noch als zu modeorientiert für Sy, den sie als "völlig bar eines jeden ästhetischen Empfindens" beschreibt. "Die Hersteller fabrizieren solche Kleidungsstücke gar nicht mehr." Deshalb ging sie dazu über, Sys Garderobe selbst zu entwerfen. "Wir fertigten Stücke, die beinahe farblos waren. Die gesamte Umwelt von Sy wirkt völlig ausgebleicht, deshalb haben wir uns daran gehalten."

Die Welt der Yorkins repräsentiert genau das Gegenteil davon. Phillips erklärt, "sie führen dieses konsumorientierte Leben mit Designerheim, brandneuem Mercedes und allem Drum und Dran." Deren Kleidungsgeschmack beschreibt Phillips als "luxus-, stil- und statusorientiert, wohingegen Sy Wert auf Funktionalität, Klettverschlüsse und Pflegeleichtes legt."

Um diesen Kontrast voll auszuschöpfen, kleidete Phillips die Figur von Nina Yorkin, gespielt von Connie Nielsen, in Markenartikel von Jil Sander, Helmut Lang und Dolce & Gabbana. Sowohl Nina als auch Will alias Michael Vartan wurden in exquisite, luxuriöse Gewänder in warmen Braun- und Erdtönen gehüllt.

Auf dem Set stellte Vartan fest: "Heute trage ich Braun von Kopf bis Fuß. Kein Fitzelchen in einer anderen Farbe, sehr monochrom. Aber auch alles andere wurde perfekt durchgestylt. Denn eigentlich sieht man ja alles aus der Perspektive von Sy, die manchmal wesentlich mehr Fantasie als Realität widerspiegelt.

Diese Familie hat scheinbar alles, was man sich wünschen kann - selbst der Hund passt zur Einrichtung," witzelt er. Genau das, erklärt Phillips, sei auch der Haken an der Sache, "sie leben diese oberflächliche Existenz, bei der nach außen hin alles schön wirkt, doch hinter der Fassade sieht es ganz anders aus ..."

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: 20th Century Fox © 1994 - 2010 Dirk Jasper