Killing me softly

Produktionsnotizen

"Eine betörende Liebesgeschichte zwischen zwei einander physisch völlig verfallenen, attraktiven Menschen entwickelt sich schnell zu einem mysteriösen und hoch komplexen Thriller", so beschreibt Tom Pollock, Chef der Montecito Picture Company, den Inhalt von Killing Me Softly.

Chen Kaiges Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers - in Deutschland bekannt unter dem Titel "Höhenangst" von Nicci French - zeigt Heather Graham und Joseph Fiennes als sexuell voneinander besessenes Paar.

Vor etwas mehr als zwei Jahren lasen Montecitos Produzenten das Buch des Journalisten-Ehepaars Nicci Gerrard und Sean French, das den Roman unter dem Pseudonym Nicci French als Manuskript vorgelegt hatte. "Sofort hat uns das Werk über Leidenschaft und Obsession gefesselt und von seinen Filmqualitäten überzeugt," erinnert sich Produzent Joe Medjuck. "Wir erwarben die Rechte daran, noch bevor das Buch international in die Bestsellerlisten einstieg."

Regisseur Chen Kaige dürfte dem westlichen Publikum vor allem durch "Lebewohl, meine Konkubine" ("Dawang Bieji", 1993) bekannt sein, für den er auf dem Filmfestival in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Schon seit langem waren die Leiter der Montecito Picture Company Fans seiner Werke und zeigten sich hocherfreut über die Nachricht, Kaige sei auf der Suche nach einem Film, den er im Westen drehen könne.

Sie schickten ihm das Drehbuch und trafen den Regisseur anschließend. "Kaige eröffnete uns seine wirklich interessanten Ideen für das Drehbuch, die sich von der Herangehensweise englischer oder amerikanischer Regisseure stark unterschieden. Er setzte sich leidenschaftlich für die Story ein und hatte bereits eine feste Vorstellung davon, wie der Film aussehen sollte. Seine Arbeitsweise faszinierte und überzeugte uns sehr," erklärt Ivan Reitman.

Dazu bemerkt der Regisseur: "Obwohl ich im Westen arbeite, bin ich immer noch Chinese. Ich werde mich immer als Chinese fühlen und dennoch im Westen arbeiten können, so, wie es etwa Bertolucci konnte, der nach China reiste und dort einen Film drehte." Kaige absolvierte sogar einen Cameo-Auftritt in Bertoluccis "Der letzte Kaiser" ("The Last Emperor", 1986/87), der damals an Originalschauplätzen in Peking gedreht wurde.

Zuerst fühlte sich Chen Kaige durch die Charaktere von Killing Me Softly in den Bann gezogen. "Ich weiß, sobald mich die Figuren interessieren, kann man auch einen guten Film aus ihrer Geschichte machen," verdeutlicht er. "Am wichtigsten scheint mir, dass sich das Publikum emotional zur Story hingezogen fühlt, und ich hoffe, der Plot wird auf verschiedenen Ebenen verstanden."

Kaige fügt hinzu: "Natürlich hat mich auch die erotische Komponente fasziniert. Im stark von der Zensur geknebelten China wäre es mir nie möglich gewesen, die Sexszenen so umzusetzen. Sex macht einen großen Teil des Menschseins aus. Wenn man nicht mit Sex umgehen kann, versagt man auch in allen anderen Belangen."

Als Regisseur Kaige zusagte, war die US-Schauspielerin Heather Graham bereits für die Hauptrolle verpflichtet worden. Sie spielt die Amerikanerin Alice Loudon, die die Sicherheit ihres geregelten Lebens wegen eines kurzen Augenblicks der sexuellen Erfüllung aufgibt. Kaige erklärt: "Wir erzählen Alices Geschichte.

Man mußs also alles aus ihrem Blickwinkel betrachten. Deshalb mußste diese Rolle unbedingt von einer außergewöhnlichen, vielseitig begabten Schauspielerin übernommen werden; im Klartext also von Heather."

Michael Chinich verdeutlicht: "Heather Graham strahlt Unschuld und Offenheit aus, deshalb waren wir überzeugt, dass ihr das Publikum gerne bei einer leidenschaftlichen sexuellen Affäre zuschauen würde. Ihre Variabilität in Rollen von "Drugstore Cowboy" (1989) bis "Boogie Nights" (1997) haben sie uns schmackhaft gemacht."

Auch Heather Graham fühlte sich gleich zum Drehbuch und ihrer Figur Alice hingezogen. "Der Film gab mir die einmalige Gelegenheit, meine weibliche Sexualität aus ihrer Warte zu entdecken. Es geht darum, sich zu verlieben und dann mit den Konsequenzen leben zu müssen. Denn sie entdeckt erst langsam die Persönlichkeit des anderen und mußs das Vertrauen, das sie ihm geschenkt hat, nach und nach in Frage stellen," erklärt Graham.

"Alice ist eine Amerikanerin, die glücklich mit ihrem britischen Freund in London lebt. Doch eines Tages lernt sie Adam und damit eine leidenschaftliche Seite von sich selbst kennen, von der sie zuvor gar nichts wusste. Adam unterscheidet sich grundlegend von allen Menschen, die sie je kennen gelernt hat, und mehr und mehr verliebt sie sich in ihn. Doch mit der Zeit entwickelt sie eine Paranoia, Adam könnte äußerst düstere Geheimnisse vor ihr verbergen."

Heather Graham zeigte sich begeistert über die einzigartigen Impulse und unverbrauchten Ideen, die Regisseur Chen Kaige in das Werk einbrachte. "Er ist ein sehr interessanter Mensch und hat in seinem Leben Dinge durchstehen müssen, denen sich von uns niemand aussetzen mußste. Deshalb entwickelte er eine ganz eigene Sicht der Dinge.

Vor ein paar Jahren nahm ich mir eine Auszeit und reiste durch China, darum weiß ich auch einige Dinge über die Kulturrevolution und den ganzen politischen Aufruhr, den er durchleben mußste." Sie fügt hinzu: "Er verdeutlicht die Liebe, Obsession und Paranoia in dieser Geschichte auf eine psychologische Weise, dennoch packt er die Story ganz pur und für mich sehr inspirierend an. Während der Proben erklärte er uns auf eine sehr poetische Art, was unsere Handlungen auf der Gefühlsebene bedeuteten.

So konnten wir uns viel besser auf die emotionale Lage unserer Figuren einstimmen. Kurz vor dem Dreh verdeutlichte er uns dann, was die gesamte Szene aussagen soll. Er findet immer wieder neue Wege, den Darstellern zu helfen. Deshalb fühlt man sich wirklich in den Prozess des Filmemachens mit eingebunden."

Adam, der gutaussehende, geheimnisvolle Kletterer, in den sich Alice plötzlich Hals über Kopf verliebt, wird von dem englischen Schauspieler Joseph Fiennes dargestellt. Kaige schwärmt: "Joe in der Rolle des undurchsichtigen, unberechenbaren und für Alice völlig unwiderstehlichen Charakters stellte für uns wirklich einen Glücksgriff dar. Seine Erfahrenheit und die für englische Schauspieler typische gute Ausbildung zeichnen ihn aus. Er ist gewissenhaft und unkompliziert und das machte das Arbeiten mit ihm so einfach."

Fiennes beschreibt seine Figur Adam Tallis: "Er ist Extremkletterer und erholt sich gerade von den emotionalen Nachwirkungen eines schrecklichen Kletterunfalls im Himalaya. Da trifft er Alice auf einer belebten Straße und es vollzieht sich einer dieser raren Augenblicke, in denen pure Chemie herrscht.

Aus ihrer gegenseitigen Anziehung wird schnell rasende Leidenschaft." Er fügt hinzu: "Was als erotische Lovestory beginnt, entwickelt sich zu einem Thriller. Eine Geschichte von leidenschaftlicher, selbstzerstörerischer Liebe oder die Tragik verlorener Liebe. Ab der ersten Einstellung, in der Adam und Alice aufeinandertreffen, entspinnt sich eine wunderschöne Liebesgeschichte, die ein tragisches Ende findet."

Chen Kaige zerbrach sich den Kopf darüber, wie er die Magie der ersten Begegnung der beiden vermitteln könnte. Obwohl sich im Buch einfach nur die Blicke von Alice und Adam kreuzen, hatte er das Gefühl, er müsse dem Publikum im Kino etwas mehr bieten. Vor Drehbeginn besichtigte er also mit seiner Frau den Drehort und wanderte unruhig die Straße auf und ab.

Als sie einmal an der Straße warteten, um sie zu überqueren, streckten beide die Hand aus, um die Fußgängerampel in Gang zu setzen. Als sich ihre Hände dabei zufällig berührten, hatte der Regisseur seinen magischen Augenblick zwischen Alice und Adam gefunden.

Tom Pollock, der ausführende Produzent, erklärt: "Das Publikum wird von der sexuellen Energie und der völligen Hingabe zwischen Heather Graham und Joseph Fiennes auf der Leinwand begeistert sein." Doch er betont, die Sexszenen seien nicht nur um ihrer Selbst willen gedreht worden. "Sie stellen die Basis, sowohl in dem Roman als auch der Drehbuchfassung, dar - denn dieser erste Ausbruch von purem Sex zwischen den beiden treibt die Story ja erst voran."

Während der Vorbereitung auf die Rolle des Adam begann Fiennes mit dem Klettern. Zuerst trainierte er in einem Londoner Klettergarten, bevor er nach Glen Coe in Schottland reiste. "Ein Teil dessen, was Adam für mich greifbar machte, war, zu verstehen, was einen Kletterer motiviert und antreibt. Was verursacht diese Leidenschaft dafür, sich freiwillig in einige Tausend Meter Höhe und ziemlich unwirtliche Bedingungen zu begeben?".

Am Ende wurde Fiennes selbst vom Bergfieber gepackt. "Eigentlich ist das Klettern ja eine ziemlich einsame Sache. Und dennoch existiert so etwas wie eine Nabelschnur zwischen dir und demjenigen, der den Vorstieg geleistet hat und dir das Seil zugibt. Somit besteht diese Aktivität zum Großteil aus Vertrauen und Teamwork.

Und - nicht zu vergessen - aus Liebe und Hass. Denn manche Aufstiege können der reine Horror sein - extreme Wetterverhältnisse oder die Tatsache, dass man auf einem winzigen Felsvorsprung hockt - und kurz darauf folgt ein unbeschreibliches Glücksgefühl, wenn man dann endlich oben ist." Fiennes wurde denn auch von seinen Lehrern als einer der begabtesten Schüler gelobt, die sie je hatten. Er hat vor, sein Können weiter zu perfektionieren.

Auch Fiennes lobt seinen Regisseur in den höchsten Tönen. "Ich kann Kaige blind vertrauen. Er zeigt sich offen für Vorschläge von anderen und hat eine gesunde Einstellung zu Teamwork. Aber, um die Wahrheit zu sagen, hat er sich derart gut vorbereitet und jedes Detail des jeweiligen Charakters im Voraus bedacht, dass er einem eher dabei hilft, mehr über die eigene Person zu erfahren.

Man kann ihn sehr gut mit einem begabten Jazzmusiker vergleichen. Er weiß, an welche Regeln er sich zu halten hat, fühlt sich aber sicher genug, abzuschweifen, unbekanntes Terrain zu erkunden und dennoch eine wunderschöne Einstellung zustande zu bringen."

Fiennes arbeitete bereits zum dritten Mal für das englischsprachige Debüt eines international angesehenen Regisseurs. Die beiden anderen Filme waren das vielfach ausgezeichnete Werk "Elizabeth" (1998) von Shekhar Kapur und zuletzt "Dust (2001) für Oscar-Preisträger Milcho Manchevski.

"Es fasziniert mich immer wieder, zu sehen, welche Motive sich fremdsprachige Regisseure für ihren ersten englischsprachigen Film aussuchen. Außerdem finde ich es aufregend, wie sie einem mit ihrer ungewohnten Arbeitsweise die Augen für vollkommen Vertrautes öffnen. Ich bin mir sicher, dass sich Killing Me Softly grundlegend von allen früheren Filmen Kaiges unterscheidet."

Und er fügt begeistert hinzu: "Sollte mich Kaige für irgendeine Rolle, egal ob groß oder klein, irgendwo auf der Welt, besetzen wollen, wäre ich sofort bereit. Denn er gibt einem das Gefühl, an etwas wirklich Aufregendem beteiligt zu sein."

Joe Medjuck und Michael Chinich hatten zuvor schon Arbeiten der Drehbuchautorin Kara Lindstrom gelesen und waren von ihren Fähigkeiten überzeugt. Montecito bot das Projekt der in Los Angeles und Paris lebenden Autorin an. Medjuck verdeutlicht: "Wenn man einen Roman zum Drehbuch umarbeitet, mußs man immer etwas ändern. Besonders dann, wenn sich, wie in diesem Film, viele Dinge im Inneren der Figuren abspielen."

Lindstrom erklärt: "Das Buch strahlt eine einzigartige Stimmung aus. Der Text ist voller bewegender Gefühle - man kann sie förmlich riechen. Ich wusste sofort, dass daraus ein wunderbarer Filmstoff entstehen könnte."

Lindstrom sieht besonders das Entwickeln von packenden Charakteren als grundlegende Basis für die Adaption einer Romanvorlage. "Wenn man einmal die Persönlichkeiten herausgebildet hat und man ein Gespür für deren Sprache und Handlungen entwickeln konnte, kann man sie praktisch überall hin transportieren. Und weil die Story ja als Thriller endet, mußs man die Figuren auch ganz schön auf Trab halten," verdeutlicht sie.

Auch für The Montecito Picture Company war Killing Me Softly die erste Produktion in Großbritannien. Deshalb zogen sie die in England ansässige Lynda Myles als Produzentin hinzu. Sie erzählt, was sie an diesem Projekt faszinierte: "Die Idee, einen Film über Liebe auf den ersten Blick zu drehen, fand ich schon immer sehr attraktiv.

Den Moment zu untersuchen, in dem leidenschaftlicher Irrsinn einen Menschen dazu bewegt, alle Sicherheit für einen völlig Fremden aufzugeben, fand ich interessant. Und natürlich reizte mich die Aussicht mit Chen Kaige als Regisseur zusammen zu arbeiten. Denn Kaige hat einen unnachahmlichen Arbeitsstil - es scheint, als würde er den Film bereits im Kopf schneiden, um ja keine Einstellung zu verschwenden."

Myles organisierte eine britische Filmcrew, an deren Spitze der Oscar-nominierte Chefkameramann Michael Coulter sowie Produktionsdesignerin Gemma Jackson standen. Darüber hinaus fungierte Myles nach eigenen Angaben als "Kulturattaché".

"Mit einem chinesischen Regisseur, einer amerikanischen Firma und einem von einer Amerikanerin adaptierten Drehbuch war es absolut notwendig darauf zu achten, dass sich keine offensichtlichen Fehler in die Beschreibung des Londoner Alltags einschlichen," erklärt sie.

Kaiges letzter Film "Der Kaiser und sein Attentäter" ("Jing ke ci qin wang", 1998) wurde in China gedreht. Die Fertigstellung dauerte beinahe drei Jahre, davon waren alleine mehr als sechs Monate reine Drehzeit. Für den Film wurden über ganz China verstreut eine Vielzahl von Kulissen gebaut, Tausende von Komparsen engagiert und sieben Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag gedreht.

Er gibt zu: "Ich mußste mich an die Filmarbeiten in England erst gewöhnen, denn dort gibt es im Winter nur sechs oder sieben Stunden Tageslicht und wir mußsten auch noch Mittagspause machen. Wenn ich in China eine Pause brauchte, um eine Szene zu überdenken, konnte ich die Leute einfach für ein paar Tage nach Hause schicken, bis ich soweit war.

Hier aber ist man gezwungen, pünktlich fertig zu werden." Dennoch weiß Kaige die Freiheiten, die westliche Regisseure genießen, durchaus zu schätzen. Ihm widerstrebt die in China allgegenwärtige Zensur, deren Behörden ihn schon oft zum Umschnitt seiner Filme gezwungen hatten. So genoss er das unbehinderte Arbeiten.

Kaige erzählt: "Für mich bedeutete es eine zusätzliche Herausforderung, meinen ersten englischsprachigen Film in London zu drehen. Denn ich wusste überhaupt nichts von der Stadt, war aber sehr neugierig darauf. London hat ganz offensichtlich eine multinationale Identität, viel mehr als zum Beispiel Los Angeles.

Hier fühlt sich niemand als Fremder. Jeder scheint beschäftigt zu sein, als ob ein unsichtbarer Druck von oben ausgeübt würde." Kaige arbeitete intensiv mit der Produktionsdesignerin Gemma Jackson und Chefkameramann Michael Coulter zusammen, um seine ganz persönliche Sicht von London umgesetzt zu sehen.

"Viele in London spielende Filme wirken düster und schwermütig. Ich dagegen wollte die pulsierende, aktive Seite der Stadt zeigen. London platzt schier vor lauter Energie."

Der Regisseur zieht sein Fazit: "Ich habe der Story von Killing Me Softly einiges aus meiner eigenen Kultur hinzugefügt. Ich hoffe, das Publikum erkennt das Unverbrauchte, Neue und vielleicht auch ganz Besondere daran."

Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto
Szenenfoto

Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Universum © 1994 - 2010 Dirk Jasper