Die unbarmherzigen Schwestern

Produktionsnotizen

Peter Mullans Film The Magdalene Sisters erzählt die schockierende, wahre Geschichte tausender Frauen, die aus ihren Familien ausgestoßen und der Gnade der katholischen Kirche überantwortet wurden.

Sie waren gebrandmarkt als "gefallene Frauen", obwohl doch ihr Verbrechen meist in nichts anderem bestand als darin, arm zu sein, ein Waisenkind, Opfer einer Vergewaltigung, ein uneheliches Kind zur Welt gebracht zu haben oder als "moralisch bedenklich" zu gelten.

Die Magdalenen-Heime wurden im 19. Jahrhundert in Irland gegründet als Zuhause oder Zuflucht für Prostituierte oder "gefallene Frauen". Sie wurden benannt nach der biblischen Figur von Maria Magdalena, einer früheren Prostituierten, die vor Jesus ihre Sünden bereute und ihm die Füße waschen durfte.

Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Heime von der katholischen Kirche übernommen, die in den Einrichtungen ein wesentlich strengeres Regiment einführte. Die Aufsicht führenden Barmherzigen Schwestern (Sisters of Mercy) zwangen die Frauen zu acht bis zehn Stunden unbezahlter Arbeit pro Tag, sieben Tage in der Woche.

Sie reinigten die Wäsche von Hotels, Universitäten und anderen Institutionen. Die Gesellschaft hielt diese Frauen mehrheitlich für untauglich oder zu unsicher für das "normale" Leben: Man sah ihren Aufenthalt im Magdalenen-Heim als auferlegte Buße für ihre Sünden.

Um die Jahrhundertwende herrschte in Irland große Armut, und das soziale Netz war völlig überlastet. Hatten Kinder "Schande" über ihre Familie gebracht, dann zwang der gesellschaftliche Druck die Verwandten oft dazu, die Kinder dem örtlichen Priester zu übergeben. Die Kirche ihrerseits drängte dann sehr oft auf die eigentlich illegale Einkerkerung der betroffenen Mädchen in den Wäschereien der Magdalenen.

Die strengen Dogmen der katholischen Kirche hatten die irische Gesellschaft so fest im Griff, dass diese Einrichtungen bis in die siebziger Jahre hinein gedeihen konnten. Innerhalb der Mauer der Magdalenen-Heime war ein Leben ohne Hoffnung, mit harten Strafen, mit Beschimpfungen und Misshandlungen der ganz normale Alltag.

Gleich nach ihrer Ankunft nahmen die Nonnen den Mädchen ihre Kleider und ihre Habselig-keiten ab, rasierten ihnen die Köpfe und ersetzten ihre Taufnamen willkürlich mit den Namen katholischer Heiliger. Ein striktes Reglement mit Arbeit, Gebeten und Schlafenszeiten wurde den Mädchen eingebläut.

Es gab keinen Kontakt mehr zur Außenwelt. Bücher, Zeitungen und der Kontakt zu den Familien waren verboten. Die Mädchen wurden in ihren Zimmern eingeschlossen, und viele Ehemalige bezeichneten ihre Existenz schlimmer als einen Gefängnisaufenthalt.

Ihr Argument: Im Gefängnis habe man wenigstens ein paar Rechte, in den Magdalenen-Wäschereien dagegen keine. Festgehalten gegen ihren Willen, verbrachten viele Frauen ihr ganzes Leben hinter den Mauern der Magdalenen-Heime, sie lebten und starben praktisch im "Exil". Die Nonnen bereiteten die Mädchen auch niemals auf ein Leben draußen vor.

Jene, die die Magdalenen-Heime verlassen konnten, fanden sich in der Freiheit oft nicht zurecht. Das Stigma, in den Magdalenen-Wäschereien gewesen zu sein, wog so schwer, dass die meisten von ihnen ihre Einkerkerung niemals erwähnten oder Irland verließen, nur um die Schande geheim halten zu können. Junge Mütter wurden gezwungen, ihre unehelichen Babys zur Adoption freizugeben und Dokumente zu unterschreiben, in denen sie versicherten, ihre Kinder niemals wiedersehen zu wollen.

Die Nonnen, die die Heime führten, konnten sich auf das stillschweigende Einverständnis einer Gesellschaft berufen, die junge Frauen als eine Gefahr sah für die strengen Moralvorstellungen der Kirche und der Familien. Sie rechtfertigten die Einkerkerung damit, dass sie zum Schutze des Mädchens selbst sei, vor den moralischen Versuchungen und Gefahren außerhalb der Mauern.

Zudem bedeutete die Verschwörung von Stille und Scham, die die Familien der eingelieferten Mädchen umgab, dass die meisten Mädchen kein Heim oder keinen Freundeskreis mehr hatten, zu dem sie jemals hätten zurückkehren können.

Schwangerschaft außerhalb der Ehe betrachtete man als einen Abfall von Jesus Christus, und den Nachkommen solcher Verbindungen sagte man nach, dass sie für sieben Generationen gefährdet seien, auf die schiefe Bahn zu geraten. Kinder unverheirateter Mütter wurden oft in Waisenhäuser gegeben, um dann im Alter von 17 Jahren ins Magdalenen-Heim gebracht zu werden, wo sie für die Sünden der Mutter büßen sollten.

Hunger, Prügel und sexueller Missbrauch führten zu zahlreichen Ausbrüchen und in den 50er- und 60er-Jahren auch zu Aufständen in den schottischen Magdalenen-Heimen. Einige der zehn irischen Anstalten wurden in den 70er-Jahren geschlossen. Verantwortlich dafür waren zum einen der Konsum-Boom und die Tatsache, dass nun in fast jedem Haus eine elektrische Waschmaschine stand.

Darüber hinaus verlor die katholische Kirche zusehends die strenge Kontrolle über die irische Gesellschaft. 1996 wurde das letzte Magdalenen-Heim geschlossen. In ihm lebten auch danach immer noch 40 bis 50 Frauen, die für ein Leben außerhalb der Institution nicht gerüstet waren.

Bis zum heutigen Tag hat die katholische Kirche sich nicht offiziell bei früheren Magdalenen-Frauen entschuldigt, geschweige denn, ihnen eine Entschädigung angeboten. Viele der Frauen haben Irland verlassen, um in England oder anderswo ein neues Leben anzufangen. Man schätzt, dass etwa 30 000 Frauen in den Magdalenen-Heimen lebten - und starben.

Das harte Los der Magdalenen-Frauen fand 1992 mit dem preisgekrönten Theaterstück "Eclipsed" von Patricia Burke Brogan erstmals ein größeres Medien-Echo. Die Autorin hatte in den 60er-Jahren in einem der Heime gearbeitet und wollte das Stigma durchbrechen, das die Heime und vor allem die Ex-Magdalenen-Frauen umgab.

Sie sagt: "Diese Frauen waren unschuldige Opfer der puritanischen irischen Gesellschaft, oft lebenslänglich eingesperrt und vergessen, selbst nach ihrem Tod oft noch ohne Identität." 1997 schrieb die Liedermacherin Joni Mitchell den wunderbaren Song "The Magdalene Laundries", der seitdem als inoffizielles Protestlied der Überlebenden der Magdalenen-Wäschereien gilt.

Der viel gelobte Regisseur Peter Mullan wurde zu The Magdalene Sisters inspiriert von der Channel-4-Dokumentation "Sex in a Cold Climate", die sich dem Schicksal der Magdalenen-Frauen widmete.

Peter Mullan fühlte sich aus verschiedenen Gründen zu dem Projekt hingezogen. Er war entsetzt über das versteckte Leiden der Magdalenen-Frauen. Er hatte Dokumentationen gesehen, die ihn sehr bewegt hatten, und er war wütend über die Ungerechtigkeit, die diesen Frauen widerfahren war und wollte ihre Geschichte in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit tragen.

Er beschloss, seinen Film auf vier verschiedenen Lebenswegen aufzubauen und benutzte Video-Material als Hauptquelle seiner Recherchen. Er ließ die Zeitzeuginnen verschiedener Dokumentationen, die er gesehen hatte, für sich selbst sprechen und nahm die Essenz ihrer Erzählungen als Grundlage für seinen Spielfilm. "Es ist ein Drama, es ist Fiktion, aber es basiert auf ihren Geschichten", sagt er.

Mullan war auch fasziniert von der absoluten Macht, die die katholische Kirche in der irischen Gesellschaft hatte: "Ich fragte einmal eine Frau, wie ein Mädchen in den 60er-Jahren in Irland lebte. Sie antwortete: ?Denk einfach an den KGB'.

Sie hatte Recht: Es war wohl ähnlich wie beim KGB. Wenn ein Priester sagte, er wolle dein Kind, dann gab man ihm das Kind und stellte niemals Fragen. Das ergibt dann die verrückte Situation, dass die Menschen der Kirche niemals Fragen stellen - und die Kirche sich selbst niemals in Frage stellt."

Auch die Langlebigkeit der Magdalenen-Heime hatte Mullan neugierig gemacht: "Ich glaube, der Staat, die Kirche und die Familie konspirierten gegen junge Frauen, weil sie sie für moralisch bedenklich hielten. Die Theokratie, die katholische Kirche im Besonderen sieht sich selbst als der moralische Beschützer junger Frauen."

The Magdalene Sisters spielt auf dem Land in der Nähe von Dublin und in den Außen-bezirken der Stadt, im Irland des Jahres 1964. Zu einer Zeit, in der viele Frauen auf der ganzen Welt neue kulturelle Freiheiten genießen können, kämpfen vier eingekerkerte junge Frauen in einer Magdalenen-Wäscherei, in "Gottes Schwitzbude", um ihr Leben.

Die Erzählung konzentriert sich auf die Zeit ihrer Gefangenschaft und das schwierige Verhältnis zu den Nonnen, die als Gefängnisaufseherinnen fungierten.

Die Produzentin Frances Higson hat mit ihren Arbeiten 25 internationale Preise gewonnen, darunter einen BAFTA im Jahr 1996 als Best New Producer. Mit Peter Mullan hat sie an verschiedenen Projekten gearbeitet, darunter drei Kurzfilme und der Spielfilm "Orphans".

Sie wollte unbedingt wieder mit Peter Mullan arbeiten, weil sie ihn schätzt als einen "sehr talentierten Drehbuchschreiber und Regisseur mit einer unglaublichen Begabung, Geschichten zu erzählen". Von The Magdalene Sisters, einem zugleich politischen und für Frauen wichtigen Film, war sie sofort angetan.

Die viel beschäftigte und bekannte Film-, Fernseh- und Theaterdame Geraldine McEwan spielt die ominöse Schwester Bridget. Peter Mullan hatte sich für sie entschieden, weil er "überzeugt war, dass die Person, die Bridget spielt, wirklich ihre Seele bloßlegen mußs. Geraldine gab mir die Möglichkeit, einen lebenden, atmenden Widerspruch zu zeigen.

Sie ist jemand, der wirklich nicht hässlich aussieht, der sich nicht hässlich anhört und als Person nicht hässlich ist. Sie bringt wirklich Seele in eine Figur, die auch einfach nur eine böse Nonne aus dem Bilderbuch hätte sein können". Geraldine McEwan interessierte an der Rolle sowohl die Komplexität des Charakters als auch das starke Drehbuch.

Sie sagt: "Ein Schauspieler, also jemand, der einen anderen Menschen spielt, mußs diesem Charakter vor allem Menschlichkeit einhauchen. Das macht die Darstellung interessant. Im Leben von ihr (Schwester Bridget) gibt es sicher Dinge, die sie sich für ihr Leben anders gewünscht hätte, wenn sie nicht diesen strengen Glauben hätte und diese Mission, bei der sie glaubt, sie erfüllen zu müssen."

Die Rollen der Magdalenen-Mädchen wurden von einer Reihe von erfahrenen jungen Schauspielerinnen und Newcomerinnen übernommen, viele von ihnen aus irischen katholischen Gemeinden. Die Newcomerin Nora-Jane Noone spielt Bernadette, ein Waisenmädchen, das in der "moralischen Gefahr" lebt, zu attraktiv für ihre Umwelt zu sein.

Sie wurde bei einem offenen Casting in Galway ausgesucht und ist zum ersten Mal in einem Spielfim zu sehen. Peter Mullan zeigt sich beeindruckt von ihrem Können: "Die meisten Naturtalente brauchen keine Bühne oder eine Kamera. Sie schauspielern, solange sie zurückdenken können, aber sie hatten noch nie den Mut, das auch auszusprechen."

Warum war Nora-Jane Noone die Richtige für diese Rolle? Peter Mullan: "Sie hat das Potenzial, eine zunächst übermütige und temperamentvolle junge Frau darzustellen, auf die sich dann ein schwarzer Schatten legt, der ihr Verletzungen zufügt, die sich zum Schluss aber zurückverwandeln kann. Sie ist jemand, der die natürliche Begabung hat, diesen Sprung zu schaffen."

Zufälligerweise war Noras Vater in seiner Jugend Lieferwagen-Junge beim St. Michaels Magdalenen-Heim in Galway und konnte seiner Tochter somit aus erster Quelle Eindrücke vermitteln, um sie auf den Film vorzubereiten. Zu ihrem Interesse an der Rolle und an dem Film sagt Nora: "Ich finde besonders spannend, dass es eine wahre Geschichte ist - und Bernadette ist einfach eine großartige Rolle."

Dorothy Duffy wurde ausgewählt für die Rolle von Patricia/Rose, einer jungen Mutter, die von ihrer Familie aufgegeben und ins Magdalenen-Heim geschickt wird. Als Disziplinierungsmaßnahme ändert man dort gleich bei der Ankunft ihren Namen. Erste Sporen hat sich Dorothy Duffy verdient beim Laien-Theater und mit Rollen in irischer Mundart.

The Magdalene Sisters ist ihr erster Spielfilm. Auf die Frage, was sie an der Rolle interessiert, antwortet Dorothy: "Das Drehbuch ist großartig. Es ist wichtig, dass viele Menschen in Irland jetzt sehen können, was passiert ist. Ich glaube, viele wussten Bescheid, wollten aber nicht darüber sprechen. Es mußs gezeigt werden, vor allem auch im Namen der Frauen, die das alles zu ertragen hatten."

Dorothy Duffy stammt selbst aus einer sehr frommen irisch-katholischen Familie - und brachte damit eine Authentizität in ihre Darstellung, die für Peter Mullan zentrale Bedeutung hatte. Er sagt: "Wenn man Dorothy im Film sieht, glaubt man einfach, dass sie diese Person ist. Es sind gar nicht viele Worte nötig, damit man ihr die Rolle abnimmt. Dorothy hat ein wunderbares Gefühl für leise, fast schon interne Konversation."

Anne-Marie Duff spielt die Rolle von Margaret, einem Kleinstadtmädchen, das von seinem Cousin auf einer Hochzeitsfeier vergewaltigt wird. Man schickt sie ins Magdalenen-Heim, um die Schande, die sie damit angeblich ihrer Familie bereitet hat, geheim zu halten.

Anne-Marie war als Beste Schauspielerin für den Olivier Award nominiert und hat bereits in einer Reihe namhafter Produktionen für das Theater, im Fernsehen und in verschiedenen Spielfilmen mitgespielt, darunter unlängst in Michael Apteds "Enigma". Sie sieht die Rolle als "etwas, womit man sich einfach auseinandersetzen mußs".

Die Londonerin wurde dabei inspiriert von ihren irisch-katholischen Wurzeln, kannte Magdalenen-Schicksale aus den Erfahrungen von Mitgliedern ihrer eigenen Familie. Peter Mullan sagt: "Sie bringt eine wunderbare Verletzlichkeit in ihre Rolle, und obwohl man weiß, dass sie zerbrechlich ist, weiß man auch, dass sie das überleben wird."

Eileen Walsh spielt Crispina, die junge Mutter eines unehelichen Kindes. Eileen Walsh war 1999 als Best Newcomer bei den British Independent Film Awards nominiert und kann bereits auf eine ganze Reihe von Theater- und Filmrollen zurückblicken. In "Miss Julie" von Mike Figgis spielte sie übrigens bereits einmal an der Seite von Peter Mullan.

Er schätzt an ihr, dass sie "sehr teamfähig, außerordentlich intelligent und erfahren ist". Peter Mullan weiter: "Ich halte es für sehr wichtig, dass Schauspieler ihre eigene Persönlichkeit und ihre eigenen Anschauungen in ihre Rollen einbringen, egal, ob die Zuschauer die Figuren mögen oder nicht. Eileen hatte den Mut, das zu tun. Viele Schauspielerinnen hätten Chrispina wohl als jemanden gespielt, mit dem man Mitleid haben mußs. Das wäre vollkommen falsch gewesen."

Peter Mullan selbst übernahm einen Kurz-Auftritt als O'Connor, dem äußerst furchtein-flößenden und gewalttätigen Vater des Magdalenen-Mädchens Una. Ihr gelingt zwar ein verzweifelter Ausbruch aus dem Heim, aber ihr Vater bringt sie unter Schlägen persönlich zurück.

Mullan sagt über seine Rolle: "Die katholische Kirche, der Glaube, die Familie und seine Reputation bedeuten ihm mehr als sein eigenes Kind, und das ist das eigentliche Dilemma." Zu einer Zeit, in der die Reputation und die Ehre einer Familie immanent waren für ihr gesellschaftliches Ansehen, befanden sich viele Familienoberhäupter in einer ähnlichen Situation. Sie rangen um ihre Position, ihr soziales "Standing".

Weil Mullan selbst jahrelang Erfahrungen als Schauspie-ler sammeln konnte, legt er großen Wert darauf, seinen Akteuren Freiräume zu geben, in denen sie sich entfalten können. Er sagt: "Man mußs die Schauspieler manchmal einfach vom Haken lassen, damit sie experimentieren und auch Fehler machen können auf der Suche nach ihrer Rolle."

Er hatte auch zwei Frauen unter seinen Darstellerinnen, die zu der entsprechenden Zeit in den Magdalenen-Wäschereien gearbeitet hatten: eine frühere Gefangene und eine Nonne, die hilfreiche Erfahrungen beisteuerten und dem Film Authentizität verleihen.

"Ich habe mir natürlich meine künstlerischen Freiheiten genommen, aber das gibt einem das Gefühl, nicht komplett in der Wüste umherzuwandern. dass man dabei ist, etwas herzustellen, das den Tatsachen so nahe wie möglich kommt", sagt Mullan.

Produktions Designer Mark Leese kann auf eine lange Karriere mit Arbeiten für Theater und Filmproduktionen zurückblicken - und er war bereits für das Design bei einem von Peter Mullans Kurzfilmen verantwortlich. Er leitet das Bühnenbau-Team des Traverse Theatre und liebt die abwechslungsreiche Herausforderung, zugleich an mehreren Film- und Theaterprojekten zu arbeiten, denn Film ist für ihn "eher eine Art Straßenzirkus".

The Magdalene Sisters schien am Anfang ein für Produktions-Designer schwieriges Projekt zu sein, weil es von den Wäschereien kaum Fotos, geschweige denn Filmmaterial gab. Als Quellen dienten schließlich Gespräche mit Menschen, die in und um die Magdalenen-Heime gearbeitet hatten. Das Gebäude, in dem sich im Film die Magdalenen-Wäscherei befindet, ist der St. Joseph Convent im schottischen Dumfries.

Das Gebäude steht zugleich für die peinliche Sauberkeit, auf deren Einhaltung die Nonnen stets bedacht waren, und für die fürchterlichen Umstände am Arbeitsplatz. Leese sagt dazu: "Wir entschieden uns dafür, verschiedene Bereiche aufzubauen.

Zum einen jenen, den die Öffentlichkeit sah: die saubere und nette, frische und tüchtige Seite des Hauses und im Gegensatz dazu die mühevolle, schmierige und schweißtreibende fabrikähnliche Arbeitssituation, in der die Mädchen leben mußsten."

Zunächst gab es verschiedene Plätze in Irland und Schottland, die man als Drehorte in Erwägung gezogen hatte. Die perfekte Location fand das Team schließlich im schottischen Dumfries - auch, weil der Ort den jungen irischen Darstellerinnen während der Dreharbeiten ein Gefühl von Fremdheit vermittelte, das im Einklang stand mit der Entfremdung, in der die Magdalenen-Mädchen zu leben hatten.

Peter Mullan: "Sie arbeiteten so in einem fremden Land, wie ihre Filmcharaktere in einer fremden Umgebung zu leben hatten." Das Gebäude war einst das Zuhause eines Benediktiner-Ordens namens St. Joseph. Als die Gemeinde immer kleiner wurde, funktionierte man das Haus um zu einem Gerichtsgebäude.

Hier fanden übrigens die ersten Verhandlungen des Prozesses zum Flugzeug-Bombenanschlag über dem schottischen Lockerbie statt - bevor das Verfahren in Holland weitergeführt wurde. Dumfries wurde auch als Kulisse benutzt, um Dublin in den 60er- und, gegen Ende des Films, in den frühen 70er-Jahren darzustellen. Die Magdalenen-Heime waren um diese Zeit auch in Schottland sehr verbreitet, was dem Drehort eine zusätzliche Authentizität verlieh.

Während die Dreharbeiten kaum Probleme bereiteten, stießen Peter Mullan und sein Team bei der Recherche ihres Themas auf eine Mauer des Schweigens. Die katholische Kirche und ältere Generationen wollten sich nicht mehr an die Vergangenheit erinnern. Als das Team in verschiedenen irischen Tageszeitungen eine Anzeige veröffentlichen wollte, um Zeitzeugen um ihre Mithilfe bei dem Projekt zu bitten, teilte man ihnen mit, der Aufruf werde nicht gedruckt. Sein Inhalt sei zu polemisch.

Aufgrund des bewegenden Themas und der Tatsache, dass es sich um einen Spielfilm nach wahren Begebenheiten handelt, rechnet man mit einem großen Zuschauerinteresse. Die Produzentin Frances Higson sagt: "Ich wünsche mir eine breite Aufmerksamkeit für den Film, vor allem bei jungen Frauen.

Ich glaube, das Thema hat gerade jetzt große Aktualität nach dem Fall der Taliban und der Enthüllung vieler religiöser und sexueller Repressionen, denen Frauen auch heute immer noch ausgesetzt sind. Ich hoffe auch, dass dadurch eine öffentliche Diskussion in Gang kommt: Die katholische Kirche soll bezahlen für das, was sie getan hat."

Peter Mullan hofft, dass der Film alle Kinogänger im Alter von 16 bis 90 Jahren ansprechen wird - aber auch er hebt hervor, dass ihm die jungen Frauen am wichtigsten seien: "Ich möchte sie erinnern an den Einfluss, den Theokratie und Patriarchat auf Frauen und bestimmte Randgruppen im Lauf der Geschichte hatten."

Er wünscht sich, dass der Film junge Frauen zum Widerstand ermutigen wird: gegen Unterdrückung und Diskriminierung, egal, ob von der Kirche, der Gesellschaft oder anderen Seiten. Peter Mullan: "Ich wünsche mir, dass sie eine Menge Fragen stellen: ihren Eltern, der katholischen Kirche und anderen Kirchen, die diese Einkerkerungen unterstützt haben."

Frances Higson sieht The Magdalene Sisters vor allem als ein großartiges gefühlvolles Erlebnis, das es für die Kinozuschauer zu entdecken gilt. Ein Film, der sein Publikum hineinzieht in eine überzeugende Geschichte mit wunderbar gezeichneten Charakteren, die ihn zu einem großen Kino-Ereignis machen.

Und sie hofft, dass das Werk die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Schicksal der Frauen lenkt und die Zuschauer daran erinnert, "dass tausende von Frauen einen Teil ihres Lebens, manche lebenslänglich, in diesen Wäschereien arbeiteten, unter schrecklichen Bedingungen. Viele von ihnen sind noch am Leben und haben für ihre Entrechtung nie eine Entschädigung erhalten."

Higson vertraut darauf, dass die überzeugend dargestellten Einzelschicksale bei den Zuschauern einen bleibenden Eindruck hinterlassen und ihre Aufmerksamkeit darauf lenken, "dass auch heutzutage noch aus religiösen Gründen Frauen gefangen, eingesperrt und gefoltert werden."

"Ich würde gern daran glauben, dass die katholische Kirche den Mut hat, dazu zu stehen, ihre Fehler zuzugeben, die Opfer zu entschädigen und zu versichern, dass so etwas nie wieder geschieht", sagt Peter Mullan. Darauf angesprochen, ob er seinen Film polemisch finde, antwortet er: "Ich glaube nicht, dass man mit dem Vorsatz anfangen sollte, polemisch sein zu wollen.

Die katholische Kirche ist viel zu schlau, sich darauf einzulassen. Es kommt darauf an, einen Film für das Kinopublikum zu machen. Wenn es nicht kommt, wird die Kirche dem Film gar keine Aufmerksamkeit schenken. Wenn der Film aber ein Erfolg wird und die Leute ihn sehen wollen, dann wird das die katholische Kirche nicht gleichgültig lassen."

The Magdalene Sisters ist ein Mahnmal für das Überleben der Menschlichkeit, selbst unter schrecklichen Bedingungen. Der Film wirft ein Licht auf ein archaisches System, das bis weit in das 20. Jahrhundert überlebt hat und jahrelang im Verborgenen blieb. The Magdalene Sisters fodert die Gesellschaft dazu auf, diese Ungerechtigkeiten anzusehen - und dafür zu sorgen, dass sie nie wieder vorkommen.

Anmerkungen des Regisseurs Die Rollen

Die Stärke des Films sind seine Rollen. Alle Rollen. Nicht nur die der Magdalenen-Mädchen und der Nonnen, auch die der Väter und Mütter, Brüder und Schwestern. Jedes Mienenspiel, jede Bewegung ist wichtig für mich, nicht zuletzt, weil alle in diesem Film zum Teil Opfer und zum Teil Täter sind in einer Gesellschaft, die die Menschlichkeit lieber erstickt, als sie zu pflegen.

Die sich lieber entstellt, als die Entwicklung der Individualität und der Gemeinschaft zu fördern. Jeder theokratische Staat führt Krieg gegen die menschliche Natur, weil er sie unausweichlich dazu bringt, Unnatürliches zu tun. Dafür gibt es zwei Beispiele: den jugendlichen Vergewaltiger und Unas Vater.

Der junge Mann, der am Anfang des Films seine Cousine vergewaltigt, ist kein schwarz-äugiger Psychopath. Er ist ein Jugendlicher mit einem frischen Gesicht, der aus Gründen, die nur er selbst kennt, seine Cousine vergewaltigt. Ein Mitglied seiner Familie also, mit dem er zusammen aufgewachsen ist, gespielt hat, das er gemocht hat.

Die Tatsache, dass wir nicht wissen, warum, dass Margaret nicht weiß, warum, ist beabsichtigt. Denn er weiß nicht, warum. Der Schauspieler folgt Margaret in das Zimmer, macht einen ersten Versuch, sich ihr sexuell zu nähern und mußs dabei all die Unsicherheit des jungen Mannes zum Ausdruck bringen.

Durch ihre Ablehnung schlagen diese Gefühle augenblicklich um und entladen sich in der brutalen Vergewaltigung. Wie bei seinem Vater, seinen Onkeln und seinem Priester sind seine sexuellen Gefühle in einem solchen Maße unterdrückt worden, dass sie, kommen sie dann doch einmal schlagartig zum Ausbruch, unehrlich, böse und pervers sind.

So geht es auch Unas Vater. Der Schauspieler mußs einen herzzerreißenden Widerspruch vermitteln, als er seine Tochter, einen Menschen, den er mehr als alles andere auf der Welt liebt, verprügelt, aufgibt und einsperren lässt. Er ist ebenso ein Gefangener des Systems wie sie, und auch wenn ich das dem Publikum nicht einprügeln möchte: Ich hoffe, dass den Zuschauern sein Schmerz ebenso nahe geht wie der von Una.

Ein anderer erwähnenswerter Widerspruch ist, dass die Nonnen und Priester zwar religiöses Vokabular benutzen, aber überliefert ist, dass sie sich eher miteinander unterhielten wie kleinbürgerliche Geschäftsleute. Es mag zwar eine Sprache mit einer gewissen biblischen Färbung sein, aber es ist immer noch die Sprache der kleinen Leute.

Und als solche mußste sie bissig und schnell, angriffslustig und schneidend sein - und auf eine sonderbare Art lustig. Auch wenn nur sie selbst finden, dass sie lustig sind. Es ist immer sehr schwierig, vorauszusagen, was die Zuschauer in einem Film zum Lachen bringen könnte. Ich hoffe aber sehr, dass ihnen wenigstens ein Lächeln über das Gesicht huscht, wenn ein Priester mit einer Super-8-Kamera die Nonnen filmt - und sie dabei bittet, sich doch möglichst natürlich zu geben.

Ich denke, dass die Schauspieler mit lächerlichen Mienen und Bewegungen schon ganz unbewusst dazu beitragen werden, ein satirisches Bild der wohl unnatürlichsten Spezies auf der Welt zu zeichnen. Ich habe alle Schauspieler, die Nonnen und Priester spielten, dazu ermutigt, sich dabei so wenig wie möglich zu verstellen, es also zu vermeiden, die typische "irische" Nonne zu geben.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Szene, in der Schwester Clementine sich über die nackten Körper der Mädchen lustig macht. Die Schauspielerin mußs sich in jemanden hineinversetzten, der aufrichtig glaubt, hier ginge es nur um einen harmlosen Spaß, und dass die Mädchen das eigentlich auch genießen müssten.

Wir mögen das nicht so sehen, aber sie tut es, und deshalb mußs die Schauspielerin das tapfer durchstehen. Mit anderen Worten: Das, was Clementine tut, ist entsetzlich - aber es kann nicht so gespielt werden.

Vor kurzem sah ich nachts im Fernsehen in Newsnight ein Interview mit einem älteren Mann, der offen zugab, dass er seine Tochter im Alter von zehn Jahren vergewaltigt habe. Schrecklich war vor allem, wie er das sagte.

So wie ein Mann, der gerade über seine Urlaubserlebnisse spricht. Wenn man mitgeschrieben hätte, was er gesagt hat und das einem Schauspieler gegeben hätte, neun von zehn Vorstellungen wären wohl voll gewesen mit aufgesetzten Ticks und seltsamem Verhalten. Sie hätten es den Zuschauern einhämmern wollen: Seht her, ich bin ein Perverser. Der Unterschied zu dem Perversen im Fernseh-Interview ist, dass er das nicht wusste.

Und es ist nicht so, dass er sich verstellt oder etwas versteckt. Er hat einfach nicht das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Das ist furchteinflößend. Das ist die wahre Banalität des Bösen. Und das ist einer der Schlüssel zu allen Schauspielern in diesem Film.

Die Kamera

So wie die Schauspieler habe ich auch die Kameraleute dazu ermutigt, möglichst vorurteilsfrei an die Arbeit zu gehen. Damit meine ich, die Kamera sollte keine der Filmfiguren bevorteilen - aber auch nicht vorverurteilen. Die Mädchen in einem wunderbaren Licht, die Nonnen in düsteren Ecken, solche Sachen.

Ich wollte eine Kamera, die rau und vertrauenswürdig ist. Mit rau meine ich, dass wir die Bilder nur von der Schulter drehten oder vom Dreibein-Stativ und damit die Figuren eindeutig in den Mittelpunkt rückten - und nicht die Bildkomposition. Trotzdem sollte es kein Dokudrama-Stil sein. Es bedeutete nur einfach, dass die Schauspieler die Freiheit hatten, die Szenen zu entwickeln, ohne dabei auf bestimmte Markierungen auf dem Boden zu achten, auf die Kamera fixiert spielen zu müssen und so weiter.

Und es gab mir die Freiheit, die Bilder so einzufangen, wie sie sich entwickelten. Vertrauenswürdig bedeutet, dass die Kamera nicht ohne erkennbaren Grund irgendwo herumsaust. Wenn eine Szene einen absolut ruhigen Moment benötigt mit einem Minimum an Schnitten - dann soll es so sein. Wenn diese Szene nach einer Totalen oder einer extremen Naheinstellung verlangt - dann soll es so sein. Ich kann das nur am Drehtag entscheiden.

Die Hauptsache ist, dass sowohl wir als auch die Schauspieler die Möglichkeit hatten, nach unserem Gefühl Dinge auszuprobieren. Mir war die Unmittelbarkeit dieser Technik sehr wichtig, denn ich wollte auf jeden Fall die Schwerfälligkeit, Vorhersehbarkeit und Senti-mentalität vermeiden, die ausgeht von Filmen der Machart "Movie of the Week", "This is a True Story" und so weiter.

Ich wollte, dass die Zuschauer den Personen dieses Films emotional und physisch so nahe kommen, als ob sie in ihrer Haut steckten. Deshalb sind auch viele Details ihrer Umgebung von großer Wichtigkeit: ein Stück Seife, ein Wasserglas, ein Stück Brot, ein Schnürsenkel, ein frisch gebügeltes Tischtuch, eine abgegriffene Bibel, eine Dose Schuhcreme, eine heilige Medaille, ein Stück Seil, ein Schlüssel.

Es ist ein Universum, reduziert auf die ganz essenziellen Dinge. Und es ist ausgerechnet diese hygienische und ordentliche Welt, in der die Mädchen um ihr Überleben kämpfen müssen: physisch, emotional und spirituell.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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