Das fliegende Klassenzimmer

Produktionsnotizen

Am 4. Februar 2002 begannen in Leipzig die Dreharbeiten zu Das fliegende Klassenzimmer, der nunmehr dritten Adaption von Erich Kästners erfolgreichstem Kinderroman. Als Produzenten zeichnen zwei Filmschaffende verantwortlich, die bereits in der Vergangenheit bewiesen haben, dass man die Stoffe des renommierten deutschen Literaten adäquat in die heutige Zeit transformieren kann: Uschi Reich und Peter Zenk, die zuletzt Caroline Links "Pünktchen und Anton" und Franziska Buchs "Emil und die Detektive" gemeinsam realisiert haben.

Die Befindlichkeiten des Lebens

Im Vergleich mit den beiden vorangegangenen Projekten gestaltete sich bei Das fliegende Klassenzimmer die frühe Drehbuchphase noch etwas herausfordernder. Uschi Reich, die Kästners im Jahre 1933 erschienenen Roman als das Lieblingsbuch ihrer Kindheit bezeichnet, sieht diese Herausforderung in der Struktur der Geschichte begründet: "Kästner erzählt hier keine durchgehende Geschichte, wie etwa bei "Emil und die Detektive", sondern stellt in seinen "Episoden aus dem Internatsleben" vor allem Grundsätzliches und Befindlichkeiten des Lebens dar."

"Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Buch gelang es, diesen Stoff zu modernisieren und bei allen Neuerungen und Änderungen den Geist Kästners unbedingt zu bewahren", so Peter Zenk.

"Mich hat außerdem gereizt, aus den Erzählstrukturen auszubrechen. Indem wir mit Rückblenden arbeiten, verstoßen wir gegen die Gesetze des geradlinig erzählten Kinderfilms. Ich bin aber davon überzeugt, dass man das den Kindern von heute zumuten kann", erzählt Uschi Reich.

Abweichungen vom Roman

Für die neue Kinofassung sollte der Roman so behutsam wie möglich modernisiert werden. Uschi Reich erklärt: "Wir wollten plausibel machen, warum sich Justus und der "Nichtraucher" in der heutigen Welt so lange nicht gesehen haben. Deshalb haben wir den Film in Leipzig angesiedelt und erzählen, dass der "Nichtraucher" noch vor der Wende die DDR verlassen hat und später aus verschiedenen, privaten Gründen nicht mehr wiedergekommen ist."

Außerdem mußste man im Dienste der Glaubwürdigkeit auch auf die veränderten Internatsstrukturen Rücksicht nehmen. Zenk erinnert sich: "Bei Kästner gab es noch Internate, wo die unterschiedlichsten sozialen Schichten aufeinander trafen. Meist war die räumliche Entfernung zwischen Wohnort und Schule der Grund dafür, dass die Kinder ihre Schulzeit in einem Internat verbrachten.

Heute sind diese Institutionen so teuer, dass sie sich nur bestimmte Leute leisten können. Deshalb haben wir beschlossen, die Idee mit der Begabtenförderung aufzugreifen. Wenn ein Kind begabt ist, in unserem Fall ist es die Musikalität, dann wird es entsprechend gefördert und im Thomanerchor aufgenommen, egal aus welchem sozialen Umfeld es stammt."

Kästners Lyrik als Rap

Die Lyrik, die im Original-Buch bei den Proben zum Theaterstück "Das fliegende Klassenzimmer" angewendet wird, ließ sich relativ einfach aktualisieren. Denn, so Zenk: "Die Verse, die Kästner geschrieben hat, kann man hervorragend rappen. Die kurzen Zeilen bieten sich geradezu an." "Auch bei "Emil und die Detektive" haben wir schon mit Rap-Musik gearbeitet. Das macht Spaß, ist modern, gefällt den Kindern und uns genauso", sagt Uschi Reich.

Tomy Wigand als Regisseur

Nach Caroline Link und Franziska Buch entschieden sich die Produzenten, nun erstmals einem Mann die Regie bei einem Kästner-Remake zu übertragen. Den Zuschlag erhielt Tomy Wigand, der zuletzt den Kinofilm "Fussball ist unser Leben" inszeniert hatte.

Diese Arbeit des Absolventen der Münchner Filmhochschule war es auch, die Peter Zenk überzeugte: ""Fussball ist unser Leben" ist eine wunderbare Komödie, sehr komplex und dynamisch. Die einzelnen Typen waren sehr gut inszeniert und kamen unheimlich plastisch und durchaus auch realistisch rüber."

Uschi Reich kann dem nur zustimmen: "Uns hat vor allem diese Lebendigkeit gefallen. Bei so vielen Personen im Bild mußs man gut auflösen können. Oft ist es so, dass immer nur die Zwei, die gerade sprechen, lebendig sind, und die hinteren Personen stehen einfach nur herum. Ich habe schon bei "Schule" gemerkt, wie schwierig es ist, so einen Ensemblefilm zu machen. Bei Tomy Wigands "Fussball ist unser Leben" ist die Gruppe stets auch als Gruppe präsent."

Ulrich Noethen wird Dr. Justus Bökh

Eine Schlüsselrolle unter den erwachsenen Charakteren kommt Ulrich Noethen zu. Der vielbeschäftigte Schauspieler landete zuletzt als Herr Taschenbier in "Das Sams" einen Kinohit und wurde dafür mit dem Bayerischen Filmpreis 2001 als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet.

Nun übernahm er nach seinem Part als Bernhard Blocksberg in Hermine Huntgeburths wunderbarer Realverfilmung von "Bibi Blocksberg" zum dritten Mal in Folge eine Hauptrolle in einem Kinderfilm. In diesem Fall ist es der Lehrer und Chorleiter Justus Bökh, der Liebling aller Schüler.

Uschi Reich dazu: "Natürlich hat Ulrich Noethen sich Gedanken darüber gemacht, ob er den Bökh spielen soll. Aber die Parts in "Das Sams" und "Bibi Blocksberg" waren eher komödiantische Figuren. In unserer Rolle mußs er durchaus auch ernst spielen. Ich hatte immer so eine Robin-Williams-Figur wie aus "Der Club der Toten Dichter" im Kopf, einen unkonventionellen Lehrer, der die Kinder liebt."

Peter Zenk stellt fest: " Ulrich Noethen wirkt nicht autoritär, ist keine Person, die kraft ihres Äußeren Furcht einflößt. Er ist eher zurückgenommen und auch in der Lage, diese Figur in leisen Tönen zu spielen. Zudem ist er musikalisch, er kann dirigieren, was nicht unwichtig ist für die Rolle. Und das hat sich sehr mit unseren Vorstellungen getroffen."

Aufwändiges Kinder-Casting

Während es vergleichsweise einfach war, die erwachsenen Schauspieler (Sebastian Koch als "Nichtraucher", Anja Kling als Kathrin und Piet Klocke als Kreuzkamm senior) zu gewinnen, wurde die Suche nach den geeigneten Kinderdarstellern, wie immer, zur echten Herausforderung.

Schließlich hatten die Filmemacher den Ehrgeiz, in Das fliegende Klassenzimmer neue Gesichter zu präsentieren. Peter Zenk: "Von Anfang an, haben wir es zu unserem Prinzip gemacht, die Rollen auf keinen Fall die Rollen mit den Kindern besetzen, die bereits in den letzten Kästner-Filmen zu sehen waren.

Die Anforderungen waren immens hoch, denn wir haben es mit großen Hauptrollen zu tun." Deshalb mußsten wieder fast tausend Kinder gecastet werden.

Wie schon bei "Emil und die Detektive" waren die Jungschauspieler allesamt zwischen zehn und zwölf Jahre alt. Weil dieses Mal im Winter gedreht wurde, war laut Zenk "alles noch komplizierter. Manche Bundesländer haben in dieser Zeit wenig oder gar keine Ferien.

Zum Glück sind die Schulen heute zum Teil sehr großzügig und versuchen, den Kindern dieses einmalige Erlebnis zu ermöglichen. Da kommt es dann schon mal vor, dass die Hausaufgaben per e-Mail oder Fax hin und her gehen. Im übrigen hatten wir auch immer Lehrer dabei."

Kinderfilm ganz groß

Mit "Emil und die Detektive", Der kleine Eisbär" und "Das Sams" haben es drei Kinderfilme unter die sechs erfolgreichsten deutschen Produktionen des Jahres 2001 geschafft.

Eine Tatsache, die Peter Zenk nicht ohne Stolz kommentiert: "Wir haben mit unseren Kästner-Verfilmungen den Stein ins Rollen gebracht, wir haben den Weg geebnet, auch dass dafür genügend Geld zur Verfügung steht. Früher wurden Kinderfilme aus Deutschland stiefmütterlich behandelt, jetzt werden sie endlich ernst genommen."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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