Der Obrist und die Tänzerin

Ausführlicher Inhalt

Nacht. Eine Landstraße. Die Scheinwerferlichter eines Autos. Vier Reisende. Spanische und indianische Gesichter. Ein Grenzbeamter winkt mit der Taschenlampe das Auto an den Straßenrand. Er wird überfahren. Sein Schrei. Gleißendes Morgenlicht. Landschaft. Eine Hochebene. Aus dem Dunkeln ins Licht - ein leuchtender Pfad ...

Die Grenzstation. Ein junger Beamter (Javier Bardem) packt seine Bücher ein, Biographien, Essays zur Geschichte Südamerikas. Hier mußs der Wagen halten. Ein Pass fehlt, daher mußs der Grenzer von einem der Reisenden ein Photo machen. Ein kurzes und entspanntes Gespräch entspinnt sich zwischen den beiden. Wieso arbeitet jemand wie er in der verlassensten Ecke der Welt. Der junge Beamte ist eigentlich Anwalt, aber er wollte nicht korrupt sein.

Tag. Großstadt. Gut fünf Jahre sind vergangen. Der junge Grenzbeamte, er heißt Agustin Rejas, arbeitet jetzt in leitender Funktion im Polizeiapparat der Hauptstadt eines südamerikanischen Landes. An einem Laternenmast neben der Stadtautobahn wurde ein Hund erhängt, Symbol des Verräters. "Lang lebe der Präsident Ezequiel" steht mit Blut auf dem Pappschild, das man dem Kadaver umgehängt hat. Der Terror kündigt sich an, überall findet man erhängte Hunde.

Ein Junge, vielleicht acht Jahre alt, schlendert mit einem Paket unter dem Arm in ein Wahllokal. "Lang lebe der Präsident Ezequiel" ruft der Kleine kurz bevor das Paket explodiert und ihn selbst sowie alle Anwesenden zerreist. Kurz darauf: ein Auto fährt in einem Marktstand und explodiert. Fast zur gleichen Zeit: ein Motorradfahrer deponiert im Vorbeifahren eine kleine Bombe auf einem Cafehaustisch. Anderntags: ein Hund rennt mit einer an den Leib gebundenen brennenden Dynamitstange in einen Menschengruppe. Nicht weit davon entfernt: ein Mann wird erschlagen. Am anderen Ende der Stadt: ein Angler wird erschossen. Bei alle diesen Anschlägen taucht irgendwie auch die Parole "Lang lebe der Präsident Ezequiel" auf. Der Terror ist in der Stadt.

Wer ist dieser mysteriöse Präsident, dessen Name an einen Propheten des Alten Testamentes erinnert. Niemand kennt ihn. Niemand hat ihn gesehen. Fotos von ihm existieren schon gar nicht. Und weder tritt er mit deutlichen Forderungen hervor, noch existieren Manifeste, Erklärungen oder Kommuniqués. Er ist nur ein ungreifbarer Schatten über der Stadt und dem ganzen Land.

Der Polizeichef bestimmt den jungen Beamten zum Leiter einer Sonderkommission. Wenn der Terror weiter die Vertreter des Staates angreift, droht das Militär wieder die Macht im Lande zu übernehmen. Agustin Rejas ist inzwischen verheiratet, seine Frau (Alexandra Lancaste) beschäftigt sich mit Nichtigkeiten, seine zehn Jahre alte Tochter Laura (Marie-Anne Verganza) vergöttert ihre Ballettlehrerin Yolanda (Laura Morante).

In einem Café diskutiert ein Professor im Kreis von Studenten Probleme der deutschen Philosophie - Kant, Marx, Nietzsche. Die Philosophie der Aufklärung verbogen zu einigen Phrasen von Macht und Unterwerfung. Die Polizei verhaftet ihn, doch der Professor ist nur ein eitler Schwätzer. Während der Kommissar seine Tochter vom Ballettunterricht abholt und dabei ihre Lehrerin kennen lernt, wird der Innenminister und seine Gattin während der Aufführung eines ultra-modernen Theaterstücks auf die Bühne geholt und während der Vorführung brutal ermordet. "Lang lebe der Präsident Ezequiel". Feuerwerksraketen steigen in den nächtlichen Himmel. Damit feiert der Terror jetzt seine Erfolge. Damit zeigt er der ganzen Stadt seine Macht.

Ein Plakat: die Augen eines Mannes, darunter die Parole Miles de Ojos. Kinder tragen dieses Plakat durch die nächtliche Stadt. Als der Kommissar und sein Kollege Sucre (Juan Diego Botto) sie aufgreifen, sind es nur verschreckte, verängstige Indio-Kinder. Sie wissen nichts. Aber sie rufen noch, bevor sie davon stieben: "Lang lebe der Präsident Ezequiel". Das sind seine Augen auf dem Plakat, das ist er, der Anstifter zu tausendfachem Mord. Warum Rejas weiß, dass das der Terroristenchef ist fragt ihn Sucre. "Weil ich es gemacht habe, das Photo". Es sind die Augen des Mannes, von dem er vor fünf Jahre an der Grenze ein Passfoto genommen hat. Damals saßen sie an einem Tisch, bevor sie zusammen ins Morgenlicht traten um ein Polaroidfoto für eine provisorische Identitätskarte zu machen. Der angehende Terrorist und der ehemalige Anwalt. Der eine will mit Gewalt die Unterdrückung ändern, der andere mit Hilfe des Rechts die Freiheit erhalten.

Ein hochrangiger Militär wird von vier Schulmädchen auf offener Straße erschossen, eines der Mädchen dabei selbst schwer verwundet. Rejas kann ihre Spur bis in die Slums verfolgen, wo er das sterbende Mädchen findet. Das Blut quillt aus ihrem Mund. Warum? Sie spuckt ihm ins Gesicht. Schüsse. In dieser erbärmlichen Hütte findet die Polizei wenige Spuren, darunter die Anschrift eines bekannten Fotomodels. Sie wird beschattet und führt die Polizei dadurch zu einem Waffendepot, wo sie große Pistolen, Gewehre und Videos versteckt. Auf dem Weg zum Verhör wird die Gefangene aber von der Militärpolizei übernommen. Die Militärs haben längst begonnen, ihrerseits das bürgerliche Gesetz auf massive Weise zu unterlaufen. Die reguläre Polizei ist praktisch ihrer sämtlichen Kompetenzen beraubt, kaltschnäuzig werden sie um Übergabe ihrer bisherigen Recherchen und Ermittlungsunterlagen 'gebeten'.

Rejas unterschlägt das Video, das sie gefunden haben. Auf dem Band befinden sich Aufnahmen, die die Terroristen während eines ihrer brutalen Anschläge selbst gemacht haben: ein Priester mußs die Bibel essen, bevor man ihn erschießt. Nur eine Szene, von vielen. Auch ein Spielfilm wurde aufgezeichnet: ETAT DES SIÈGE ("Der unsichtbare Aufstand") von Costa-Gavras, in dem es um die Taktiken der südamerikanischen Stadtguerilla geht.

Immer öfter holt Rejas jetzt seine Tochter vom Ballett ab, unter anderem weil er die kurzen aber intensiven Unterhaltungen mit der Ballettlehrerin sehr mag. Gegenüber den oberflächlichen Tändeleien seiner Frau findet er bei ihr Ernst und Konzentration.

Nacht. Wieder einmal steigen Feuerwerksraketen auf und künden von den neuesten Mordtaten.

Der Kommissar reist aufs Land zu den Anfängen des Terrors. Auch wenn die Gewalt erst vor kurzem in die Hauptstadt gekommen ist, so hat sie doch schon viele Jahre in den Provinzen gewütet. Bei der langen Fahrt auf einem Laster, hoch in abgelegene Gegenden der Anden wird ihm die resignierte Gewöhnung der Campesinos an Terror und Schrecken deutlich. Hier ruft schon lange keiner mehr Halt. Fast 30.000 Morde gehen auf das Konto der Guerillas.

Zurück in der Hauptstadt. Rejas sucht die Begegnung mit der Ballettlehrerin, macht ihr eine Laterne zum Geschenk - für den nächsten Stromausfall, sie fürchte sich doch so sehr im Dunkeln ... Viele Gesten von Rejas und Yolanda sprechen von einer großen aber vorsichtigen Zuneigung füreinander.

Erneut Arbeit bis in die Nacht - inzwischen mehr denn je an den Militärs vorbei. Ein Feuerwerk am anderen Ende der Stadt. Im Büro studiert der Kommissar die Videos mit den Dokumenten des Terrors, danach sieht er sich zur Entspannung den Film von Costa-Gavras an, der auf einem der Videos aufgezeichnet worden war. Nach dem Abspann dieses Filmes sind aber auch noch Reste einiger Amateuraufnahmen zu sehen: ein Fest, tanzende Menschen. Im Zentrum der Sequenz: Er, der Präsident Ezequiel. Endlich gibt es ein neueres Bild von ihm, vielleicht eine Spur. Die Polizei vermutet, dass die Aufnahme in der Hauptstadt gemacht wurde. Im Brillenglas des Mannes ist ein Schriftzug zu erkennen. Vielleicht ein Straßenschild. Außerdem sieht es so aus, als hätte Ezequiel eine Hautkrankheit. Immerhin die Spur einer Spur ...

Rejas' Team überwacht infrage kommende Straßen. Die Gärtner, die Liebespaare, die Spaziergänger in diesen Straßen sind jetzt häufig Polizisten. Sie sind auch Müllmänner. Sie bringen den Müll in die Labors der Polizei, wo er auf mögliche Hinweise, auf Spuren untersucht wird. Das Profil ist nur sehr grob: Präsident Ezequiel ist starker Raucher, doch er bricht die Filter zuvor ab. Er leidet an einer starken Hautkrankheit und benötigt sicher Medikamente. Es ist die berühmte Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Die Nerven liegen blank. Irgendwann, endlich: In einem der Müllsäcke findet die Polizei entsprechende Hinweise. Es ist ein Müllbeutel aus dem Haus der Ballettschule ...

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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