Anatomie 2

Produktionsnotizen

Andrea Willson, Produzentin und Geschäftsführerin der Deutschen Columbia Pictures Filmproduktion GmbH, bescherte der sensationelle Erfolg von Anatomie eine besondere Überraschung. Schon wenige Wochen nach dem erfolgreichen Kinostart trat das Columbia Headquarter mit der Frage an sie heran, ob denn schon an einer Fortsetzung von Anatomie gearbeitet würde.

Eine Frage, die sowohl Andrea Willson als auch das Coproduzenten-Team Jakob Claussen und Thomas Wöbke überraschte. "Erst haben wir das nicht so richtig ernst genommen", erinnert sich Andrea Willson, "aber die Anrufe häuften sich und schließlich begannen wir doch, die Möglichkeiten einer Sequel-Produktion in Betracht zu ziehen."

Eine große Herausforderung an die Produzenten: Weder Andrea Willson noch Jakob Claussen und Thomas Wöbke verfügten zu diesem Zeitpunkt über Erfahrungen in der Produktion eines Sequels. "Es fällt immer schwerer, ein Projekt zu kreieren, wenn bestimmte Parameter vorgegeben sind. Daher stellt Anatomie 2 für uns eine interessante Herausforderung dar", erklärt Thomas Claussen.

Mit Stefan Ruzowitzky als Autor und Regisseur im Rücken konnten dann auch bald die Vorurteile, die in Deutschland hinsichtlich einer Sequel-Produktion bestehen, abgebaut werden. Schnell wurde deutlich, dass es sich bei Anatomie 2 um ein eigenständiges und ehrgeiziges Projekt handelt und nicht um eine billige Produzentenidee, die sich auf dem Titel und dem Erfolg des ersten Films ausruhen möchte.

Für Andrea Willson bedeutete dies erneute Verhandlungen mit der Columbia Zentrale in Los Angeles, wo man davon ausgegangen war, die Fortsetzung im branchen-üblichen Stil mit etwa 60 Prozent des vorangegangen Budgets zu realisieren. "Wir haben schnell gemerkt, dass wir das nicht können und dass das in Deutschland auch nicht so funktioniert wie in Amerika", beschreibt Andrea Willson ihren Ansatz. Die Verantwortlichen konnten vom Konzept der Produzenten überzeugt werden und willigten ein.

Zielsetzung bei der Umsetzung des Films war von vornherein, eine gute Mischung aus "alten" Anatomie-Konstanten und neuen, frischen Elementen zu finden. Durch die erneute Wahl des Mediziner-Millieus sowie durch viele Zitate soll dieser Brückenschlag gelingen. Für Jakob Claussen steht bereits jetzt fest: "Anatomie 2 wird wie der erste Teil - aber ganz anders."

Mit Hilfe der bewährten Casting-Agentin Nessie Nesslauer konnte dann auch wieder ein hochkarätiges Ensemble für die Produktion verpflichtet werden. "Im Gegensatz zu Anatomie, wo wir einen Star hatten, der von - zum damaligen Zeitpunkt - nicht so bekannten Schauspielern umgeben war, haben wir bei Anatomie 2 darauf gesetzt, vor allem die Nebenrollen mit Stars zu besetzten", beschreibt Andrea Willson den Casting-Prozess. So konnten Herbert Knaup, Heike Makatsch, Frank Giering, Roman Knizka, Wotan Wilke Möhring, Rosel Zech und für Gastrollen Franka Potente und August Diehl verpflichtet werden.

Die Suche nach dem Protagonisten erwies sich als schwieriger: "Wir hatten uns entschlossen, die Hauptrolle männlich zu besetzen - der Abwechslung halber, aber auch um den Film physischer und somit kraftvoller erscheinen zu lassen. Schließlich stehen Muskeln im Zentrum der Handlung", so Jakob Claussen. Neben einer guten Physis mußs der Hauptdarsteller auch über die Fähigkeit verfügen, selbst dann Sympathieträger zu sein, wenn er sich auf die Seite des "Bösen" ziehen lässt. Mit Barnaby Metschurat konnte ein "up-and-coming"-Star engagiert werden, der all dies verkörpert.

Auch hinter der Kamera setzt das Produzenten-Team auf Bewährtes. Kostümbildnerin Nicole Fischnaller und Regieassistent Anton Maria Aigner gehörten schon dem Anatomie-Stab an. Eine Kontinuität, die Jakob Claussen nicht unterschätzt: "Wenn man sich gegenseitig kennen und schätzen gelernt hat, ist es sehr angenehm, auch ein zweites Mal miteinander arbeiten zu dürfen." Doch es kommt zu Neuerungen. "So sehr wir bemüht sind, Konstanten aus dem ersten Teil auftauchen zu lassen, so sehr sind wir auch bemüht, ein eigenständiges Projekt zu verfolgen. Dies wird sich unter anderem auf den Look des Filmes auswirken", so der Produzent.

Waren es in Anatomie die Plastinate, die den optischen Reiz des Filmes ausmachten, so spielen in Anatomie 2 synthetische Muskeln eine tragende Rolle. "Man kann sich in seiner Fantasie eigentlich kaum Dinge vorstellen, mit denen sich die Wissenschaft nicht schon längst beschäftigt", bemerkt Thomas Claussen und verweist auf kürzlich erschienene Artikel im TIME Magazine (4. Februar 2002) und im GEO-Magazin (Ausgabe 6/2000) die vom Forschungsgebiet der synthetischen Muskeln berichten. Also doch kein Albtraum, sondern vielleicht bald schon Realität?

Stefan Ruzowitzky war zuerst nicht begeistert, als das Produzenten-Team mit der Idee einer Fortsetzung von Anatomie an ihn herantrat. "Der Trick war", so erinnert sich Stefan Ruzowitzky, "dass sie mich zuerst überredet haben, nur das Buch zu schreiben." Er willigte ein und begann im Frühjahr 2001 mit den Arbeiten an der ersten Fassung. Als deutlich wurde, dass es sich bei Anatomie 2 nicht um einen "Rip-off" handeln würde, sondern um ein eigenständiges Projekt, gelang es, Stefan Ruzowitzky doch noch zu überreden, auch die Regie zu führen. "Ich verstehe 'Anatomie' als eine eingeführte Trademark, die man noch einmal nutzt, um aber etwas Neues zu kreieren", argumentiert Stefan Ruzowitzky und räumt seine anfänglichen Bedenken aus.

Bei der Stoffentwicklung sah der Autor und Regisseur die größte Herausforderung darin, nah am ersten Teil zu bleiben und doch etwas Neues zu kreieren. "Das Problem mit einem Sequel ist immer dasselbe. Dem Publikum hat der erste Teil gefallen, und es geht in den zweiten. Sieht es genau dasselbe, ist es enttäuscht, sieht es etwas völlig anderes, ist es auch enttäuscht. Es ist eine Gratwanderung."

Bediente Anatomie das klassische Horrorszenario (bedrohte junge Frau kämpft gegen das schier Übermächtige), so entschied sich Stefan Ruzowitzky in Anatomie 2 für die Geschichte eines jungen männlichen Helden. Als verbindendes, wiederkehrendes Element wählte Stefan Ruzowitzky die Loge der Antihippokraten. Anders als in Anatomie bekämpft der Protagonist diese nicht nur, sondern schließt sich ihnen an. Erst im Verlauf der Handlung entdeckt der junge Held das wahre Ausmaß des Horrors und beginnt, die Antagonisten zu bekämpfen.

Aber wie entstand die Idee der synthetischen Muskeln? Mich hat vor allem die Biomechanik und die Verbindung von Mensch und Maschine gereizt", so Stefan Ruzowitzky. Beeinflusst wurde er von Berichten über einen Patienten, dem ein Hörgerät implantiert wurde, welches per Fernbedienung gesteuert werden konnte. Die Idee des Ausgeliefert-Seins und die Möglichkeiten der Manipulation durch andere faszinierten Stefan Ruzowitzky sehr.

Auch Selbstversuche, Drogenmissbrauch und die Tatsache, dass anstelle der Heilung das Streben nach den Grenzen der Medizin, die Idee der Vollkommenheit, des unsterblichen Übermenschen als primäres Ziel dieser Forschung betrachtet werden kann, waren spannende Aspekte. "Die Frage war nur, wie man all diese Fragmente zusammenführen kann", erinnert sich Stefan Ruzowitzky, "die Situation glich einer Rechenaufgabe und die Lösung waren die synthetischen Muskeln."

Optimistisch sieht Stefan Ruzowitzky den Dreharbeiten entgegen. "Ich habe das Gefühl, dass die einzelnen Figuren sehr rund sind. Jede Rolle hat eine eigene Farbe und deckt einen eigenen Bereich ab. Die Geschichte jedes Einzelnen wird erzählt und jeder hat die Szene, die seine Figur braucht", erklärt Stefan Ruzowitzky und ist sich sicher, jedem Schauspieler des hochkarätig besetzten Ensembles gerecht zu werden.

Die größte Herausforderung während der Produktion sieht Stefan Ruzowitzky in der optischen Umsetzung. "Anatomie 2 soll eine sehr moderne Ästhetik bekommen. Man soll das Gefühl haben, etwas beinahe Dokumentarisches zu sehen; und plötzlich passieren extreme Dinge", beschreibt Stefan Ruzowitzky die interessante Mischung aus Spezial-Effekten und einer authentischen Perspektive.

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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