Solaris

Produktionsnotizen

Im Verlauf seiner beachtlichen Karriere hatten Steven Soderbergh, dessen letzte Arbeiten - die elegante Gaunerkomödie OCEAN'S ELEVEN ("Ocean's Eleven", 2001) und das experimentelle Showbiz-Drama FULL FRONTAL (2002) - unterschiedlicher nicht hätten sein können, die eigenen kreativen Energien noch nie in den Bereich der Science-Fiction geführt.

"Ich bin noch nicht einmal in die Nähe von Science-Fiction gekommen, vor allem, weil mich die Technologie-Aspekte des Genres nicht übermäßig interessieren", gesteht Soderbergh. "Ich habe einfach keine Lust darauf, einen Film zu machen, der sich damit auseinander setzt, wie die Technologie in ein paar Jahrzehnten aussehen könnte."

Dieses Genre kam für den Filmemacher erst in Betracht, als ihm ein Freund bei 20th Century Fox den Vorschlag unterbreitete, er könne sich doch an einer Neuverfilmung des klassischen Romans "Solaris" von Stanislaw Lem versuchen. Wenig später fand Soderbergh heraus, dass der Filmemacher James Cameron und seine Kollegen bei Lightstorm Entertainment, Rae Sanchini und Jon Landau, im Besitz der Rechte an dem einflussreichen Werk waren. Lightstorm hatte fünf Jahre darum gekämpft, sich diese Rechte bei dem Autor und der von der Regierung gesteuerten Produktionsfirma Mosfilm zu sichern. Letztere besitzt den 1972 nach Motiven des Romans entstandenen Film, der von der Regielegende Andrej Tarkowskij inszeniert worden war.

Für James Cameron war eine weitere Verfilmung des Stoffes ein erklärtes Traumziel. Cameron, seit Jahren ein großer Fan des Tarkowskij-Films, ist begeistert von den Bildern und Ideen. Der Roman von Stanislaw Lem faszinierte ihn allerdings noch mehr. "Da stecken noch ganz andere Dimensionen drin", merkt Cameron an. "Es ist eine sehr persönliche Geschichte. In großen Teilen spielt sie sich im Kopf und in der Erinnerung ab. Also gibt es endlos viele Möglichkeiten der Interpretation."

Cameron war elektrisiert, als Steven Soderbergh Interesse bekundete, SOLARIS zu verfilmen. "Es war ein regelrechtes Geschenk des Himmels, als wir erfuhren, dass Steven den Film machen wollte", erzählt Cameron. "Mir war klar, dass er dieses Material nehmen und einen Film daraus machen würde, über den die Menschen noch lange, nachdem sie ihn gesehen haben, sprechen werden - so faszinierend ist seine ambivalente Grundhaltung. Steven war der richtige Mann, dem Publikum ausreichend Anhaltspunkte zu geben, um in die Geschichte eintauchen zu können."

Und Cameron fügt hinzu: "Stevens einzelne Filme unterscheiden sich auf die gleiche Weise so extrem voneinander, wie sich Kubricks Filme voneinander unterschieden. Er ist wie ein Chamäleon, also dachte ich mir: ,Würde es dir nicht gefallen, wenn Steven sich an dieses dichte, komplexe Material wagen würde?'"

Soderbergh verabredete sich mit Cameron, Landau und Sanchini zu einem Abendessen, um sich über SOLARIS zu unterhalten. "Ich erzählte ihnen, dass ich eine Idee hätte, wie man den Stoff knacken könnte", erinnert sich Soderbergh. "Aber ich wollte das Drehbuch zunächst einmal auf gut Glück schreiben, ohne einen Deal im Rücken. Ich erklärte meinen Ansatz und auf welche Aspekte ich mich konzentrieren wollte, was anders als im Buch und in Tarkowskijs Film werden sollte."

Zur gleichen Zeit, als Soderbergh TRAFFIC ("Traffic - Macht des Kartells", 2000) fertig stellte, lieferte er die erste Fassung des SOLARIS-Drehbuchs bei Lightstorm ab. Eine weitere Fassung folgte. Dann waren Soderbergh und Lightstorm bereit, 20th Century Fox anzusprechen und das Filmkonzept vorzustellen.

"Das Spiel wurde von Anfang an nach Stevens Regeln gespielt", sagt James Cameron. "Ich habe den Eindruck, dass ich bei diesem Film bei weitem mehr von ihm als er von mir gelernt hat. Er ging los und schrieb das Drehbuch ganz auf sich allein gestellt, wie in völliger Isolation. Wir erzählten ihm nicht, wie wir uns die Verfilmung vorstellten. Wir setzten uns nicht zusammen hin und diskutierten über den Look und das Ausmaß der Effekte. Wir warteten einfach ab und waren gespannt darauf, was er sich ausdenken würde. Gleich seine erste Drehbuchfassung begeisterte uns. Uns war klar, dass wir lernen mußsten, Experten darin zu sein, was Steven machen wollte. Wir mußsten erlernen, welchen Film Steven machen wollte. Wir mußsten uns in einem Rahmen anbieten, der für ihn sinnvoll war."

Soderbergh hatte zwar eine klare Vision, wie der Film aussehen sollte, aber dennoch nahm er Camerons Anregungen dankbar entgegen. "Jim Cameron kennt sich mit den Gesetzen des Narrativen aus wie kein anderer", meint Steven Soderbergh. "Er weiß instinktiv, wie man eine Geschichte etabliert und wie man sie strukturiert, damit sie für das Publikum funktioniert. Wir trafen uns und hatten regelmäßig dreistündige Gespräche über die Geschichte, die Technologie, den Look der Zukunft. Wir unterhielten uns über Raumfahrt und Themen wie Isolation und den Entzug der Sinneskapazitäten. Er hat all das über Jahre hinweg studiert. Ich nahm unsere Gespräche auf Band auf, hörte sie ab und unterstrich Dinge, die ich in den Film einarbeiten konnte. Das konnte ein einzelner Satz sein. Oder eine Idee, ein Gedanke. Alles, was im Zusammenhang der Story Sinn machte."

"Es hätte mehr als 100 Varianten gegeben, wie man SOLARIS gerecht hätte werden können. Uns war es aber sehr wichtig, dass die zentralen Themen der Vorlage gewahrt wurden", erklärt Rae Sanchini. "Während der gesamten Entwicklungs- und Produktionsphase lag unser Fokus immer darauf, dass wir die Essenz der Geschichte nicht aus den Augen verloren."

Über die Geschichte Bei der Ausarbeitung des Drehbuchs griff Steven Soderbergh auf Aspekte des Romans, Elemente des Tarkowskij-Films und viele eigene Ideen zurück. Er sagt: "Der größte Unterschied zwischen dieser Fassung von SOLARIS, dem vorangegangenen Film und dem Roman liegt darin, dass wir Einzelheiten über die vergangene Beziehung zwischen Kelvin und seiner Frau offenbaren, dass wir davon erzählen, was mit ihnen auf der Erde passierte. Das war es, was mich wirklich interessierte. Ich hatte den Eindruck, dass man erfahren mußs, was zwischen ihnen in der Vergangenheit vorgefallen ist, wenn man sich mit der Idee auseinander setzt, ob man dazu verdammt ist, mit derselben Person immer wieder die gleiche Beziehung durchzuspielen."

Soderbergh hatte absolut keine Lust darauf, einen typischen Science-Fiction-Thriller mit Weltraumschlachten und bösartigen Aliens zu drehen. "Dieser Film ist kein Actionfilm. Das mußs man wissen, bevor man ins Kino geht", erklärt Soderbergh. "Dies ist Science-Fiction, wie Science-Fiction einst in den 50er oder 60er Jahren aussah: eine Fiktion über Ideen, eine Fiktion über Menschen. Dieser Film trägt den Zuschauer an den äußersten Rand des Universums. Und was man da findet - ist man selbst. Kelvin wird mit seiner eigenen Erinnerung konfrontiert, einer Wiederholung der Dinge, die er erlebt hat, seiner Schuld, seiner Fehler. Und er erhält die Gelegenheit, all das zu ändern. Oder auch nicht."

Kelvins Entscheidungen sind unausweichlich verbunden mit seiner Beziehung zu Rheya. Schon im Roman findet sich die komplexe, leidenschaftliche und schwierige Romanze zwischen Kelvin und Rheya. In Soderberghs Film rückt sie in den Mittelpunkt. Tatsache ist, dass Soderberghs SOLARIS vor allem ihre Liebesgeschichte erzählt.

Produzent Jon Landau berichtet: "Steven verbindet in seinem Film viele Genres in einer klassischen Liebesgeschichte. Schließlich und letztendlich drehen sich Filme um Themen. Und das Thema von SOLARIS ist es, eine zweite Chance für die Liebe geschenkt zu bekommen. Als Kelvin diese Möglichkeit erhält, ist er gezwungen, sich selbst herauszufordern, herauszufinden, ob er erneut die gleichen Entscheidungen fällen wird wie in der Vergangenheit."

"Das Thema der Vorbestimmtheit ist entscheidend", fügt Soderbergh hinzu. "Kelvins und Rheyas Beziehung hat kein gutes Ende genommen. Als sie auf der Prometheus erscheint, kämpfen sie beide mit der Angst, dass ihre Beziehung ein zweites Mal den gleichen Weg einschlagen könnte wie zuvor. Mir gefielen diese Motive: Erinnerung, Schuld, mögliche Erlösung und die Gelegenheit, etwas erneut anzupacken und vielleicht anders zu machen. An einer Stelle des Films sagt eine der Figuren: ,Es gibt keine Antworten, nur Entscheidungen.' Und das ist es, worum es in meinem Film geht."

In SOLARIS geht es aber auch um ein Geheimnis. Dieses Geheimnis bringt Chris Kelvin überhaupt erst auf die Raumstation, die um den titelgebenden Planeten kreist. Die Firma, die die Erforschung von Solaris finanziert, ist zutiefst besorgt, weil die Astronauten an Bord der Prometheus nicht mehr mit der Erde kommunizieren. Man weiß nicht, ob sie tot sind, ob sie verletzt sind, ob sie verrückt geworden sind oder ob sie angegriffen werden. Kelvin kennt den Kommandanten der Mission. Deshalb wird er losgeschickt, das Geheimnis der Prometheus zu entschlüsseln.

"Von dem Moment an, in dem Kelvin die Raumstation betritt, weiß man, dass er sich in großer Gefahr befindet", sagt James Cameron. "Man versteht nicht gleich, welcher Art diese Gefahr ist. Anfangs glaubt man, es könnte alles sein. Da könnte ein Monster sein oder vielleicht ein Mörder. Dann stellt sich heraus, dass vor allem die geistige Gesundheit gefährdet ist."

Der Planet selbst steht im Mittelpunkt des Geheimnisses. Kelvin entdeckt, dass Solaris weitaus mehr ist als ein Himmelskörper, der sich um eine Sonne dreht. Solaris selbst ist ein Organismus mit einer gewaltigen, gottgleichen Intelligenz. Während die Wissenschaftler Solaris studieren, werden sie von Solaris studiert. Solaris heftet sich an die stärksten Bilder in ihrem Kopf und nutzt diese Information, um biologisch reale Abbildungen von Menschen zu schaffen, die wichtig für sie waren.

"Diese Menschen glauben, dass sie real sind. Gleichzeitig wissen sie, dass sie nicht die Person sind, die sie einmal waren", erläutert Cameron. "Man kann sie bis auf die molekulare Ebene, bis auf ihre DNS analysieren und man wird feststellen, dass sie menschlich sind. Kevins stärkstes Bild ist das seiner Frau, die vor einigen Jahren gestorben ist. Man könnte also sagen, dass Solaris die Bühne dafür bereitet, diese Beziehung über ihren Tod hinaus zu analysieren. Und das ist eine ziemlich dramatische Idee."

"Das Dilemma, mit dem sich alle Beteiligten auseinander setzen müssen, ist folgendes: Solaris scheint mehr über sie zu wissen als sie selbst. Deshalb ist es sehr schwierig, ihn zu überlisten oder zu überwinden", sagt Soderbergh. "Zunächst will Kelvin das Problem lösen und alle sicher zurück nach Hause bringen. Dann verstrickt er sich in das Geheimnis und weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll."

Zusammenstellung des Teams Von Anfang an stellte sich Steven Soderbergh seinen OUT OF SIGHT- und OCEAN'S ELEVEN-Star George Clooney für die Rolle des Chris Kelvin vor. Die Herausforderung der Darstellung eines Psychologen mit komplexen Emotionen, der Lichtjahre von zu Hause entfernt damit konfrontiert wird, einen geliebten Menschen wiederzutreffen, den er für tot gehalten hatte, war enorm. "Ich wusste, dass George fähig ist, diese Rolle zu spielen", sagt der Regisseur. "Ich war mir nur nicht sicher, ob er für diese Herausforderung bereit war. Die Rolle ist völlig anders als alles andere, was George jemals zu spielen hatte - ein extrem anspruchsvoller Part. Die Rolle verlangt sehr schwierige, abstrakte Emotionen und Handlungen, die sich nicht allzu einfach hervorkitzeln lassen."

Clooney, der nicht nur Soderberghs bevorzugter Hauptdarsteller ist, sondern gemeinsam mit dem Filmemacher auch die Produktionsfirma Section Eight betreibt, wollte sich die Rolle des Chris Kelvin auf keinen Fall entgehen lassen. "Ich habe tatsächlich alles angestellt, um die Rolle zu bekommen", lacht Clooney. "Wenn man sich als Schauspieler auf einen dünnen Ast wagt, dann macht man das am besten mit Steven. Er ist sehr gut darin, ganz spezifisch mit seinen Anweisungen zu sein - ein Merkmal guter Regisseure. Da steckt immer eine eigene Meinung dahinter."

Clooney stürzte sich kopfüber in diese Rolle. Er verleiht diesem Chris Kelvin eine ganz unerwartete Dimension. "Wenn man mit jemandem zu tun hat, den man sehr gut kennt und mit dem man bereits mehrfach gearbeitet hat, und dieser Jemand einen eigentlich jeden Tag wieder aufs Neue überrascht, dann ist das eine aufregende Angelegenheit", sagt Steven Soderbergh. "George wagte sich mit seiner Rolle immer weiter vor und ging ständig hohe Risiken als Schauspieler ein. Ich lebe für die Arbeit mit Schauspielern, also war das eine tolle Erfahrung. Seine Bereitschaft, jeden Tag wieder aufs Neue von einer hohen Klippe zu springen, ohne Netz und doppelten Boden, war unglaublich inspirierend."

Wie sein Regisseur fühlte sich auch Clooney von den Themen der Geschichte ganz unmittelbar angesprochen. "SOLARIS ist auch heute noch relevant", meint Clooney, "weil es darin um ganz grundsätzliche Dinge geht, die wir täglich hinterfragen, die uns ständig beschäftigen: Liebe, der Tod, was danach kommt. All die Dinge, für die wir keine Antworten haben. Es ist ein ganz natürliches Bestreben, die Dinge zu definieren. Und die Dinge, die sich nicht definieren lassen, machen uns Angst. Wir wollen wissen, wie hoch ganz oben ist, wie alt die Ewigkeit ist. Alles, was wir Menschen kennen, ist endlich, hat einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Keine Figur in diesem Film hat Antworten. Aber sie stellen alle verdammt gute und intelligente Fragen."

Das kleine Ensemble des Films - es gibt nur fünf Figuren - stellte eine große Herausforderung für die Produktion dar. "Der Trick war es, Schauspieler zu finden, die ganz eigen und stark sind", erklärt Steven Soderbergh. "Man mußs die Spannung förmlich spüren können, denn die Figuren haben völlig konträre Vorstellungen davon, was auf der Raumstation tatsächlich geschieht und wie man mit der Situation umgehen soll. Und wenn die Schauspieler an Georges Seite nicht so stark sind wie er, dann haben wir keinen Film."

Kelvins Ehefrau Rheya, deren Selbstmord sein Leben völlig aus der Bahn geworfen hat, ist aus unerfindlichen Gründen auf der Prometheus aufgetaucht. Im Verlauf der Geschichte durchlebt sie eine Reise der Selbsterkenntnis, denn sie ist eine Frau, die in die Welt der Prometheus gekommen ist, ohne eine Biografie oder Erinnerungen zu haben, von denen sie sicher sein kann, dass sie tatsächlich die ihren sind.

Als es an die Besetzung dieser Rolle ging, die sich durch eine ungewöhnliche Mischung aus innerer Intelligenz und Verletzlichkeit auszeichnet, erinnerte sich Steven Soderbergh an Natascha McElhones Darstellung in dem Film SURVIVING PICASSO ("Mein Mann Picasso", 1996). "Sie erinnerte mich an die großartigen europäischen Schauspielerinnen der 60er und 70er Jahre, an Jeanne Moreau oder Dominique Sanda", sagt Soderbergh. "Das waren Frauen, die sexy, smart und sehr komplex sind. Nicht Mädchen, sondern Frauen."

Endgültig sicherte sich McElhone die Rolle durch einen Vorsprechtermin mit Clooney und einer Improvisation mit dem Regisseur. "Ich stellte Natascha als Rheya Fragen über ihren Ehemann, über alles, was vorgefallen war. Sie hatte keine Ahnung, dass ich sie all diese Dinge fragen würde, und sie war nicht nur schnell, sondern auch glaubwürdig und sehr gründlich. Ihre Antworten waren gut durchdacht und interessant. Ich hatte das Gefühl, dass ihr Ansatz für die Rolle auf dem Punkt war."

Rheya ist voller Angst und Traurigkeit. Warum das so ist, wird in einer Reihe von Rückblenden erklärt, die sich mit ihrer leidenschaftlichen und doch problematischen Beziehung zu Kelvin befassen. "Sie lernen sich auf einer Party kennen. Sofort springt der Funke über. Es ist ganz offensichtlich, dass sie sich voneinander angezogen fühlen", erzählt Natascha McElhone. "Doch dann geht alles den Bach runter. Ohne es zu wollen und trotz Kelvins Versuchen, ihre Liebe zu retten, gelingt es Rheya, die Beziehung zu zerstören."

"Es gibt Elemente in ihrer Liebesgeschichte, die sind wunderschön. Und dann gibt es Elemente, die sind unglaublich zerstörerisch", fährt die Schauspielerin fort. "Das ist auf vielfältige Weise absolut wahrhaftig."

Kelvin mußs nicht nur eine Erklärung für das plötzliche Wiederauftauchen seiner toten Ehefrau finden, sondern auch das Geheimnis lösen, warum sich die Besatzung der Prometheus so merkwürdig benimmt. Unter ihnen befindet sich ein brillanter junger Wissenschaftler namens Snow, der von Jeremy Davies gespielt wird.

Soderbergh gesteht, dass er beim Verfassen des Drehbuchs keine genaue Vorstellung von Snow hatte. "Es gab einige Möglichkeiten, wie man die Rolle besetzen konnte. Dann schlug meine Casting-Direktorin Debra Zane eines Tages Jeremy Davies vor. Sie hatte das gerade ausgesprochen, da dachte ich: ,Das ist es!' Ich brauchte jemanden, der in der Lage war, eine völlig abgefahrene, schräge Figur darzustellen. Seine Energie ist höchst ungewöhnlich, und es bereitete mir große Freude, ihn mit George, Natascha und Viola interagieren zu sehen."

Davies gefiel der ungewöhnliche Genreansatz des Films. "Ich war völlig begeistert, dass SOLARIS ein Low-Tech-Science-Fiction-Film werden sollte", sagt er. "Anstelle von technischen Spielereien gibt es vielschichtige Charaktere, Kommunikation und eine richtige Geschichte. Ich würde den Film tatsächlich als psychologische Science-Fiction bezeichnen, eine psychologische Sci-Fi-Liebesgeschichte, eine Kreuzung aus verschiedenen Genre-Elementen. In jedem Fall ist SOLARIS ganz anders, als man es üblicherweise von Science-Fiction erwartet."

Snows Kollegin ist Dr. Helen Gordon. Soderbergh war es wichtig, dass diese Figur weiblich ist. "Ich wollte auf keinen Fall, dass das ein Film wird, in dem die wichtigen Themen nur von Männern behandelt und diskutiert werden", meint der Regisseur. "Ich hielt es für wichtig, dass sich eine Frau in ihrer Mitte befände. Es gibt schon seit geraumer Zeit Astronautinnen. Und ich wollte Gordon mit einer Frau besetzen, damit SOLARIS kein reiner Männerverein wird."

Viola Davis, die bereits zweimal mit Soderbergh gearbeitet hatte, schnappte sich den Part. "Ich mußste sofort an Viola denken, weil sie so stark ist", sagt der Regisseur. "Viola bringt auf der Leinwand eine beachtliche Integrität rüber. Wenn sie etwas sagt, dann glaubt man ihr das. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass man ihr bei einer Diskussion oder selbst bei einer handgreiflichen Auseinandersetzung definitiv unterlegen wäre. Und ich brauchte jemanden für die Rolle mit dieser Power und überwältigenden Intelligenz."

"Gordon denkt geradeaus, sie ist die Stimme der Vernunft auf der Prometheus", sagt Viola Davis. "Sie ist dagegen, dass sich die Crew auf diese ,Besucher' einlassen soll und dass man sich von dem gefangen nehmen lässt, was Solaris mit der Crew psychologisch und emotional anstellt. Sie hat einen Weg gefunden, sich gegen den Planeten zu behaupten, der die anderen allesamt in seinen Bann geschlagen hat."

Der Auslöser für Kelvins Reise zur Prometheus ist ein Videotagebuch, in dem sein guter Freund Gibarian, der Kommandant der Mission, verwirrt, abgelenkt und verängstigt scheint. Später entdeckt Kelvin eine Serie von Videoaufnahmen, in denen Gibarian sehr kryptisch "erklärt", was auf der Raumstation vorgefallen ist.

Die Tatsache, dass die Figur fast ausschließlich auf Videoband zu sehen ist, führte Steven Soderbergh dazu, Ulrich Tukur zu bitten, eine eigenes Vorstellungsband herzustellen. Der Regisseur war sowohl irritiert als auch beeindruckt davon, was er auf diesem Band zu sehen bekam. "Was ich sah, war Ulrich an seinem Klavier, der direkt in die Kamera blickt", erinnert sich Soderbergh. "Er begann seinen Monolog und begleitete sich dabei selbst am Klavier. Sein zweiter Monolog bestand aus einer Nahaufnahme seines Hundes, der ihm dabei zuhörte, wie Ulrich mit einem wirklich eigenartigen Gesichtsausdruck erzählte. Das war sehr bizarr. Die Art und Weise, wie Ulrichs Verstand funktioniert, überzeugte mich, in ihm den Richtigen gefunden zu haben. Es bestand eine gewisse Gefahr, dass Gibarian aufgrund seiner langen Monologe eine bleierne, lethargische Figur werden würde. Die Figur war im Skript eher etwas trocken angelegt und brauchte etwas Pep. Und das erledigte Ulrich meisterlich."

"Weil Ulrichs Bänder so interessant waren", fährt Soderbergh fort, "ließ ich ihn mit der Kamera allein in Gibarians Raum und sagte ihm: ,Ich werde nicht hereinkommen und dir Anweisungen geben. Du hast deine eigenen Vorstellungen, also leg einfach los.' Jeder einzelne Eintrag in dem Videotagebuch wurde so gedreht: Ulrich allein in Gibarians Zimmer, allein mit der Videokamera und seinen Monologen."

Obwohl Gibarian noch vor Kelvins Ankunft auf der Prometheus unter mysteriösen Umständen gestorben ist, ist die Figur von großer Bedeutung für die Geschichte. Und Soderberghs Vision des Films gab dem Schauspieler ausreichend Spielraum. "Steven hat eine beängstigende, gruselige, allumfassende Atmosphäre geschaffen, und das ohne digitale und technische Effekte", sagt Tukur. "Man fühlt sich unentwegt bedroht, und die Action ist sehr spannungsreich, sodass man als Zuschauer förmlich in diese bizarre Liebesgeschichte gesogen wird."

Über die Produktion Obwohl SOLARIS in einer Zeit angesiedelt ist, in der Reisen in weit entfernte Welten nicht nur möglich, sondern alltäglich sind, war es Steven Soderbergh wichtig, die Ausstattung des Films in der Gegenwart oder bestenfalls nahen Zukunft fußen zu lassen. Daher basieren die Designelemente des Films auf Dingen, die heute bereits existieren.

"Wir wollten nicht genau bestimmen, wie weit in der Zukunft die Geschichte stattfindet, aber wir wollten auf keinen Fall, dass es sich anfühlt, als wäre es die weit entfernte Zukunft", erklärt Soderbergh. "Auf keinen Fall wollten wir, dass der Look des Films an sich Aufmerksamkeit auf sich zieht oder die neuen Technologien der Zukunft in den Mittelpunkt rücken. Das wäre von keinerlei Relevanz für die Geschichte gewesen."

Der Ausführende Produzent Gregory Jacobs, ein regelmäßiger Mitstreiter Soderberghs, arbeitete eng mit dem Regisseur und dessen kreativem Team, das von Ausstatter Philip Messina und Kostümdesignerin Milena Canonero angeführt wurde. "Natürlich", merkt Jacobs verschmitzt an, "hatten wir auch noch einen erstklassigen Kameramann und Schnittmeister an Bord: Steven Soderbergh!"

"Ich profitiere als Ausstatter ganz massiv davon, dass Steven in so vielen Genres arbeitet", sagt Messina, der mit dem Filmemacher zuvor bereits an OCEAN'S ELEVEN ("Ocean's Eleven", 2001), TRAFFIC ("Traffic - Macht des Kartells", 2000) und ERIN BROCKOVICH ("Erin Brockovich", 2000) gearbeitet hat. "Seine Filme unterscheiden sich in ihrem Stil und in ihrer Herangehensweise ganz radikal voneinander. ERIN BROCKOVICH hatte einen bodenständigen Arbeiterklasselook, während TRAFFIC einen Vérite-Ansatz verfolgte. Und OCEAN'S ELEVEN hatte einen auf Hochglanz polierten Vegas-Touch. Und jetzt hat er mich mit in den Weltraum genommen."

"SOLARIS mußste sich real anfühlen", fügt Messina hinzu. "Es handelt sich um eine Liebesgeschichte und nicht um einen Technik-Film. Das Weltall ist nicht mehr als die Kulisse."

Soderbergh beschloss, SOLARIS in den gleichen Studiohallen zu drehen, in denen er bereits große Teile von OCEAN'S ELEVEN gefilmt hatte. Das beeindruckendste Set, das Messina zu entwerfen und zu bauen hatte, war die zweistöckige Raumstation Prometheus. Sie war 50 mal 73 Meter groß und wurde von Betonfundamenten, die knapp zwei Meter im Boden eingelassen waren, Stützwänden und Kilometern von Drahtkonstruktionen, die an der Decke befestigt wurden, gestützt.

Soderbergh und Messina ließen sich beim Design der Prometheus teilweise von der internationalen Raumstation ISS, die gegenwärtig die Erde umkreist, inspirieren. "An der internationalen Raumstation gefielen uns die Textur und die Tatsache, dass noch nicht alles perfekt entworfen und haarklein ausgearbeitet ist", sagt Messina. "Da gibt es noch merkwürdige Teile, die von den Wänden hängen."

Bei ihren Recherchen stellten Soderbergh und Messina fest, dass in Raumstationen nur wenig Platz für Fenster ist. "Platz ist extrem wertvoll unter diesen Umständen, genau wie in Unterseebooten oder Kriegsschiffen", sagt Soderbergh. "Das Gefühl, eingeschlossen und isoliert zu sein, würde geringer werden, wenn einem ständig bewusst wäre, was sich außerhalb befindet. Mir war diese Atmosphäre des Gefangenseins in einem einigermaßen beklemmenden Umfeld sehr wichtig." Um den klaustrophobischen Effekt noch zu steigern, baute Messina etwa 20 Zentimeter hohe Schwellen ein sowie Trennwände.

Weil SOLARIS in einer Raumstation spielt, ließ sich Messina ein paar futuristisch aussehende technische Spielereien einfallen, darunter High-Tech-Computer, die auf ganz besonderen Armen stehen. Aber auch in diesem Fall waren Praktikabilität und Funktionalität oberstes Gebot. "Indem wir die Bildschirme auf Arme pflanzten, die aussehen, als könnten sie sich frei bewegen, werden diese Computer einfach zu einem Teil der Technologie und wirken nicht wie ein auffälliges Elektronikspielzeug", merkt Messina an.

Soderbergh und Messina befassten sich intensiv mit der Farbpalette und den Texturen. "Wir wollten, dass die Farben der Prometheus beruhigend wirken, auf eine realistische und eine traumhafte Weise", sagt Messina. "Wir setzten viel Farbe ein, aber immer nur im Rahmen der von uns festgelegten Blau- und Grünpalette - und selbst sie haben eine graue Qualität. Die Ausnahme bildet der Cold Room, das Computerzentrum der Station, dem wir eine intensive Blaufärbung verpassten. Überall sonst, wo Blau zum Einsatz kam, stellte ich sicher, dass auch genügend Grautöne auftauchten."

Er fährt fort: "Ich wollte dem Hintergrund einen betont homogenen Ton verleihen, damit die Figuren stärker in den Vordergrund treten. Es gibt viele Texturen, aber was man zu sehen bekommt, sind Licht und Schatten und nicht allzu viele Farben."

Für die Szenen auf der Erde setzte Soderbergh andere Objektive und einen anderen Stil der Kamerabewegung ein, damit man stets auf den ersten Blick zwischen Rückblenden und Gegenwart unterscheiden kann. "Ich möchte, dass das Publikum stets orientiert ist und weiß, wo es sich gerade befindet, denn es gibt einige Momente, wo Gegenwart und Vergangenheit einander sozusagen überlappen. Es gibt Augenblicke, da hat man aufgrund des Inszenierungsstils den Eindruck, dass Szenen zwischen Kelvin und Rheya auf der Prometheus zuvor schon einmal auf der Erde stattgefunden haben müssen. Ich hoffe, dass der Eindruck entsteht: Es wiederholt sich. Ich wollte, dass die einzelnen Elemente perfekt aufeinander abgestimmt sind."

Das Aussehen des Planeten Solaris selbst entstand in Zusammenarbeit von Soderbergh, Sanchini, Landau, Jacobs, Messina und Effektberater Brooke Breton, der eng mit den Effektkünstlern arbeitete. Um Solaris ein ganz eigenes Aussehen zu verleihen, entwarf Messina sieben jeweils unverkennbare Looks und damit eine Art planetarischer Hintergrundgeschichte. "Solaris macht eine eigene Entwicklung durch, einen dramatischen Bogen", erklärt er. "Er wandelt sich von Anfang bis Ende konstant. Und diese Wandlung ist ein sehr komplexes Element des Films."

"Da finden sich Elemente von Licht und Dunkel, von Bewegung. Von der Oberfläche kommt Energie, und andere Elemente wurden auf eine Weise choreographiert, die es dem Zuschauer erlaubt, die Wandlung von Solaris zu verstehen. Selbst wenn man nicht durchblickt, was all die Elemente genau bedeuten, so versteht man doch, dass etwas passiert. Wir wollten Solaris eine gewisse Eleganz verleihen. Es mußs so ausshehen, als hätte der Planet eine Seele."

Setdesignerin Kristen Toscano Messina wählte das Mobiliar und andere frei stehende Gegenstände aus. Sie ließ sich dabei von industriellen Katalogen, Fundgut- und Restpostenläden sowie sogar von einem Aerospace-Einzelteileschrottplatz inspirieren.

Kristen Toscano Messina und ihr Team fanden innovative und kreative Verwendungsweisen für ganz gewöhnliche Gegenstände. Ausgeschlachtete Laserdrucker, die man im Restgutbüro des Los Angeles Dept. of Water & Power auftrieb, kamen als Teile des Raumschiffs zum Einsatz. Alte Videorekorder und Fernsehteile verliehen Wänden vereinzelter Sets das gewünschte Aussehen.

"Eine der Herausforderungen, der wir uns zu stellen hatten, war die Aufgabe, die Raumstation interessant zu gestalten und um persönliche Elemente zu bereichern", sagt Toscano Messina. "Welche Dinge würden die Menschen der Zukunft auf Raumreisen mitnehmen? Wir fanden, dass ein Intellektueller wie Gibarian niemals auf Bücher verzichten würde. Für Snow, das verkopfte Wissenschaftswunderkind, fanden wir ein wunderbares italienisches Magnetbastelsystem. Zwei Damen des lokalen Vertriebs kamen nach Los Angeles und arbeiteten zwei Tage daran, die Modelle für uns zusammenzustellen. Wir gaben ihnen Bilder von DNS-Molekülen und molekularen Strukturen, und sie bauten sie den Magneten nach. Es war gar nicht so einfach, Schauspieler und Crew am Set davon abzuhalten, pausenlos mit den Magneten zu spielen."

Für Chris' und Rheyas Apartment auf der Erde stellte sich Kristen Toscano Messina einen klassischen Stil mit einem Hauch von Futurismus vor. "Es half uns ungemein, dass der heutige Look selbst schon sehr futuristisch ist", merkt sie an. "Selbst in Großmärkten wie K-Mart oder Target ist fast jeder Artikel bis zum Gehtnichtmehr durchdesignt. Das Paar lebt in einem New Yorker Sandsteinhaus, das ein sehr zeitloses Aussehen haben sollte. Also brachten wir ganz viele verschiedene Stile in den Mix ein, von einem antiken Sekretär über Art-déco-Accessoires bis zu modernen Anschlüssen. Wir entwarfen unseren eigenen Kühlschrank und Küchenherd und gaben uns Mühe, sie wie den letzten Schrei aus der Zukunft aussehen zu lassen."

Wie Messina arbeitete die Oscar-prämierte Kostümdesignerin Milena Canonero mit vorwärts gewandten Entwürfen, die ihre Basis in unserer Gegenwart haben. "Ich nenne den Kleidungsstil im Film ,minimalistisch'", erklärt sie. "Man findet gewisse Elemente in den Kostümen, die man futuristisch nennen könnte, aber SOLARIS ist kein Film, bei dem es auf die Garderobe ankommt. Die Kostüme sollten linear und gerade geschnitten sein, mit so wenig Knöpfen wie nur eben möglich. Alles sehr pur und sauber. Einige der Stoffe sind High-Tech, aber die meisten, wie ägyptische Baumwolle oder Naturfasern, kann man überall erwerben."

Die meisten Modelle von Canonero waren ausgesprochen erdbezogen. Selbst ihre Raumanzugdesigns wollen überhaupt nicht nach Science-Fiction aussehen. "Wir haben eigentlich gar keine Raumanzüge gemacht", gesteht Canonero. "Was George und Viola tragen, nennt man Druckanzüge. Unser Rechercheteam hat herausgefunden, dass das der Typ von Anzug ist, der heutzutage aus Sicherheitsgründen getragen wird, wenn man mit einem Raumschiff andockt oder abhebt. Man trägt ihn nicht, wenn man das Weltall erforscht. Diese Anzüge sind wesentlich schwerer."

"Weil die Geschichte in der Zukunft spielt, machte ich die Anzüge aus Materialien, die wesentlich bequemer sind als die realen Anzüge. Ich habe mir ein paar Freiheiten genommen, weil ich mir vorstellen kann, dass diese Klamotten in der Zukunft wesentlich simpler aussehen werden. Und natürlich lag mir daran, die Garderobe etwas interessanter zu gestalten. Kelvins Raumanzug gibt ihm einen fast mythischen Look, wie ein Krieger."

Für die Rückblenden auf die Erde arbeitete Canonero in ihre Entwürfe Masken und Schutzbrillen ein, um damit auszudrücken, dass der Zustand der Umwelt so schlecht ist, dass man sich entsprechend schützen mußs. Dazu kommt noch ein Prototyp für einen Regenmantel, wie man ihn noch nie gesehen hat.

"Für die etwas intimeren Szenen", verrät sie, "ließ ich Krägen, Revers und Knöpfe außen vor, weil die Kleidung ganz knapp sein sollte, fast wie in einer Skizze. Zudem tragen die Hauptfiguren keine Accessoires. Aber sie haben einen hochgradig wiedererkennbaren Look. Anders als in anderen Science-Fiction-Filmen tragen sie keine Uniformen. Wir ließen uns etwas anderes einfallen, das viel individueller ist. Sie tragen ihre Kleidung, wie es ihnen gefällt und ihrer Persönlichkeit entspricht."

Szenenfoto
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