Weißer Oleander

Produktionsnotizen

Vom Buch zum Film Als Produzent John Wells einen Vorabdruck von Janet Fitchs Roman Weißer Oleander erhielt, las er ihn in einem Zug durch und erwarb unmittelbar darauf die Filmrechte. "Die Figuren waren wunderbar gezeichnet", schwärmt John Wells, der sich seinen guten Ruf als einer der Kreativkräfte hinter Erfolgsproduktionen wie ER, The West Wing und Third Watch verdient hatte. Weißer Oleander ist ein außergewöhnlich gut geschriebenes Buch mit unvergänglichen Figuren und einer sehr erhebenden Botschaft. Ich steckte mitten drin in Astrids Reise."

Für Johne Wells behandelt die Geschichte ein universelles Thema, jene Phase des Erwachsen werdens, in der wir unsere ersten eigenen Erfahrungen machen und eine Identität entwickeln, die nichts mit unserem Elternhaus zu tun hat. "Ganz gleich, ob wir so schlimme Erfahrungen machen wie Astrid oder nicht, es ist auf jeden Fall eine Passage, die jeder von uns als Jugendlicher durchlaufen mußs", erklärt John Wells.

"Erwachsen werden heißt auch zu realisieren, dass unsere Eltern ihre schwachen Seiten haben, dass sie menschlich sind und nicht allmächtig. Sie lieben uns auf ihre Art, aufrichtig vielleicht, aber dabei sind sie genauso wenig perfekt wie in allen anderen Dingen auch. Das müssen wir akzeptieren, bevor wir den Schritt ins Leben tun können."

Produzent Hunt Lowry fühlte sich ähnlich stark von Weißer Oleander angesprochen. Auch er las den Roman an einem Abend durch und arrangierte schon am nächsten Tag ein Treffen mit John Wells. Für Hunt Lowry mußs ein Stoff über die Fähigkeit verfügen, ihn "auf einzigartige und emotionale Weise zu berühren". Und Hunt Lowry fährt fort: "Was eine Story wie Weißer Oleander von anderen unterscheidet ist, dass ich während der Lektüre vollkommen vergaß, es mit einem Drehbuch oder einem Film zu tun zu haben, weil ich so in der Geschichte versunken war."

Jane Fitchs Roman Weißer Oleander erschien im Mai 1999 und entwickelte sich schnell zum Bestseller. Bis heute gingen in den USA mehr als 1,5 Millionen Exemplare über den Ladentisch, das Buch stand auch in England und Holland auf den Bestsellerlisten, und die Rechte wurden in 25 weitere Länder verkauft. Als Drehbuchautorin engagierte John Wells schließlich Mary Agnes Donoghue, die unter anderem bereits mit der Adaption von Rainer Darts Roman Beaches (verfilmt mit Bette Midler und Barbara Hershey) ihr Talent und Feingefühl unter Beweis gestellt hatte.

John Wells und Mary Agnes Donoghue waren sich einig darüber, dass die Story des Romans so komplett wie möglich auf die Leinwand übertragen werden sollte. "Wir hatten das Buch ja nicht mit der Absicht gekauft, nur einen Teil davon zu verwenden und dann etwas anderes daraus zu machen", erklärt John Wells.

"Wir mochten die Story als Ganzes und wollten sie so getreu wie irgend möglich adaptieren, wobei uns natürlich klar war, dass hier und da ein wenig wegfallen mußste. Die Leser werden feststellen, dass wir einige Episoden komprimiert haben. Mary Agnes Donoghue hat hier eine exzellente Auswahl getroffen, und Janet Fitch hat diese Fassung anschließend gelesen und sehr hilfreiche Hinweise beigesteuert."

Hunt Lowry ergänzt: "Wenn man mit einem Buch arbeitet, das schon sehr viele Menschen kennen und lieben, hat man eine enorme Verantwortung, ihm gerecht zu werden. Man steht unter einem größeren Druck, gewiss, aber das ist ein nützlicher Druck, denn er bringt die besten Resultate hervor."

Am Ende kam ein Drehbuch heraus, das von der Romanautorin komplett abgesegnet wurde - ein seltener Fall, denn Schriftsteller sind in der Regel in den Entwicklungs- und Produktionsprozess eines Films gar nicht involviert.

"Ich war vollkommen darauf vorbereitet gewesen, ihnen das Buch in die Hand zu drücken und dann aufs Beste zu hoffen", erzählt Jane Fitch, "denn einige meiner Autorenkollegen hatten mich darauf vorbereitet, was normalerweise zu erwarten ist. Insofern war ich überrascht und begeistert, als man mir anbot, das Drehbuch zu lesen und später sogar bei den Lesungen mit den Schauspielern anwesend zu sein. Es war eine ungeheure Freude für mich zu hören, wie diese Menschen meine Charaktere zum Leben erweckten, Figuren, mit denen ich vier Jahre lang gelebt hatte und die zuvor nur in meinem Kopf existiert hatten. Es war, als wäre ich in einen Traum hineingeraten."

Während der Drehbucharbeit bekam John Wells von einem Freund eine Videokassette mit dem BBC-Zweiteiler Warriors - Einsatz in Bosnien zugeschickt, ein preisgekröntes Drama über britische Friedenstruppen im Bosnienkrieg, inszeniert von Regisseur Peter Kosminsky. John Wells war beeindruckt davon, wie geschickt und einfühlsam Peter Kosminsky ein schwieriges Thema behandelt und dabei verschiedene Handlungsstränge und Erzählperspektiven ineinander verwoben hatte - exakt die richtigen Qualitäten für einen Stoff wie Weißer Oleander. "Genau was wir brauchen", dachte John Wells damals, "jemand, der Charaktere aufrichtig und verhalten erscheinen lassen kann, ohne dabei ehrliche Emotionen zu opfern, und der auch nie ins Melodram abrutscht."

Peter Kosminsky, der in England lebt und arbeitet, zögerte zunächst, als John Wells ihm das Projekt anbot, denn sein Terminkalender war bereits prall gefüllt. Auch die Aussicht, weit entfernt von seiner Familie in Los Angeles zu arbeiten, behagte ihm nicht besonders. Zu dieser Zeit, erinnert er sich, "drehte ich gerade einen Film nach dem anderen in Großbritannien, und als ich das Buch las, war ich gerade drauf und dran, ein neues Projekt in Angriff zu nehmen. Nach der Lektüre von Drehbuch und Roman konnte ich jedoch einfach nicht widerstehen. Ich war zutiefst bewegt von der Geschichte dieser jungen Frau."

Anschließend überarbeiteten Peter Kosminsky, John Wells und Mary Agnes Donoghue das Drehbuch noch einmal mit dem Ziel, möglichst viele von Janet Fitchs ursprünglichen Ideen und Dialogen in den Film zu integrieren. Gemeinsam waren sie darum bemüht, etwas zu erhalten, das der Regisseur "die Herangehensweise des Schriftstellers" nennt. Die Adaption sollte um jeden Preis den Kern der Vorlage bewahren, denn, so Peter Kosminsky, "ich liebte das Ausgangsmaterial und wollte so viel wie möglich davon verwenden."

Peter Kosminsky eliminierte allerdings die wenigen Szenen, in denen etwas gezeigt wurde, was Astrid nicht gesehen haben konnte. "Mir wurde sofort klar", erklärt er, "dass dies Astrids Geschichte ist und ihre Perspektive durchgehend eingehalten werden mußs. Sie führt uns durch diese Welt, wir begegnen ihren Pflegefamilien und erleben die verschiedenen Ereignisse gemeinsam mit ihr. Niemals sehen wir etwas, dass Astrid selbst nicht gesehen haben könnte."

Obwohl die junge Astrid im Lauf dieser Reise Erfahrungen in verschiedenen Pflegeheimen und Pflegefamilien macht, lag es nie im Interesse von Janet Fitch und den Produzenten, in Weißer Oleander mit dem us-amerikanischen Pflegefamiliensystem abzurechnen. Peter Kosminsky verstand dies instinktiv, was für John Wells ein weiterer Grund war, ihn für den richtigen Regisseur zu halten. "Manche Leute gehen automatisch davon aus, sie hätten es hier mit einer Anklageschrift gegen das Pflegefamiliensystem zu tun, aber das ist gar nicht das Thema des Buchs", sagt John Wells. "Es handelt vielmehr von einer jungen Person, die - komme, was wolle - ihre eigene Identität entdeckt und aus dem Schatten einer übermächtigen Mutter heraustritt. Die Pflegeheime sind nur Schauplätze für diese Metamorphose. Es ist Astrids Pech, dass sie immer wieder in Situationen gerät, die alles andere als ideal sind."

Peter Kosminsky ergänzt: "Dieses Mädchen ist während seiner gesamten Kindheit wie auf Eierschalen gelaufen, es lebte bei einer wundervollen, charismatischen, aber total launischen, selbstverliebten und destruktiven Mutter. Ingrid ist schwierig und unberechenbar. Wenn sie sich von ihrer besten Seite zeigt, ist sie eine talentierte Künstlerin, eine liebevolle und ganz und gar charmante Zeitgenossin. Aber sie zeigt sich nicht immer von ihrer besten Seite. Ich stelle mir vor, dass Astrid als Kind ständig den Atem angehalten hat und nie wusste, welche Laune ihre Mutter an den Tag legen und wie sie auf etwas reagieren würde. Jetzt, an der Schwelle zum Erwachsensein, hat sie keine Freunde ihres Alters und orientiert sich an dem, was sie auf einem Zeichenblock zeichnet oder beobachtet. Ihre Mutter verehrt sie als ein Idol, das sie eigenhändig aufgezogen hat. Ingrid mag es, die beiden als Abkömmlinge der Wikinger zu bezeichnen, und Astrid imaginiert sie als Wikinger-Krieger, eine vereinte Kraft gegen die Welt. Aber dann bricht die Realität auf die dramatischste Weise über sie herein. Von einem Moment zum anderen wird ihr die Mutter weggenommen, und sie mußs sich allein gegen eine feindselige Welt erwehren."

Nach Ingrids Verhaftung verhält sich Astrid zunächst genauso, wie sie es mit ihrer Mutter getan hat: Sie versucht herauszufinden, was man von ihr zu tun erwartet, und tut es dann. "Sie verhält sich wie ein Chamäleon", bemerkt Peter Kosminsky, "und versucht, die Farben jeder neuen Welt anzunehmen." Ihre Bemühungen werden jedoch von Ingrid unterlaufen, die vom Gefängnis aus alle neuen Einflüsse in Astrids Leben kritisiert oder heruntermacht, sobald sie nicht ihren eigenen hohen Ansprüchen genügen. Sie wolle Astrid nur vor diesen Leuten schützen, behauptet Ingrid, aber, wie John Wells erklärt, "sie will sich eigentlich nur selbst schützen - in diesem Fall davor, die Kontrolle über ihre Tochter zu verlieren. Das ist der Grund dafür, warum Janet sich für Oleander als Symbol und als Titel des Buchs entschieden hat. Es ist eine wunderschöne Blume, die sich schützt, indem sie ihr eigenes Gift produziert."

Das Casting Im Roman ist Astrid zum Zeitpunkt der Verhaftung ihrer Mutter knapp 14 Jahre alt und am Ende der Geschichte 19. Das war, so John Wells, "ein Abstand, den man mit einer einzigen Schauspielerin kaum glaubwürdig darstellen kann". Die Filmemacher verabschiedeten sich schnell von dem Gedanken, mit zwei Schauspielerinnen zu arbeiten, da dies in der Regel einen größeren Zeitsprung notwendig macht und den Erzählfluss stört. Man entschied, die Story auf drei Jahre zu komprimieren, so dass Astrid im Film das Alter von 15 bis 18 durchläuft.

Nach intensiver Suche im ganzen Land fand die Casting-Direktorin Ellen Lewis unter 400 Bewerberinnen schließlich eine Kandidatin, die diesen Alterungsprozess mehr als glaubwürdig darzustellen in der Lage war: Alison Lohman, die zu diesem Zeitpunkt tatsächlich bereits 21 Jahre alt war. Alison Lohman hatte schon als Zehnjährige auf einer Musicalbühne gestanden und konnte einige beachtliche Credits vorweisen, insbesondere ihren Auftritt in dem Science-fiction-Drama The 13th Floor und in der Fox-Serie Pasadena, zu deren Stammbesetzung sie zählte.

"Als Schauspielerin verfügt Alison Lohman über die Bandbreite und die Reife, um das Alter zwischen 15 und 18 darzustellen, aber auch den emotionalen Wandel, den Astrid in dieser Zeit durchläuft", sagt Peter Kosminsky. Hunt Lowry führt die ungeheure Glaubwürdigkeit von Alison Lohmans Darstellung auf ihre Fähigkeit zurück, Astrids Verletzlichkeit und ihre wachsende Stärke in die richtige Balance zu bringen.

"Wenn sie zu stark gewesen wäre, hätte das Publikum nicht um sie gebangt", erklärt der Produzent, "und wenn sie zu schwach gewirkt hätte, hätten die Leute nicht an sie geglaubt, was das Zuschauen zu einer deprimierenden Erfahrung gemacht hätte. Alison Lohman hat es geschafft, innere Stärke zu transportieren, während sie zugleich den Kampf mit den natürlichen Zweifeln und Unsicherheiten eines Mädchens dieses Alters darstellte, das soviel Unglück erlebt."

"Das war ein schwieriger Job", kommentiert Regisseur Peter Kosminsky die Anforderungen dieser Rolle. "Sie ist im Grunde in jeder Szene zu sehen, und sie ist hinreißend. Sie hat ein Gesicht, das einen immer mehr anzieht, weil man herausfinden will, was hinter ihren Augen vor sich geht. Es war wichtig, dass die Darstellerin Verständnis für die Ruhe und Introvertiertheit dieser Figur mitbringen würde, denn Astrid ist eine Zuschauerin und Zuhörerin, ein Mädchen, das das Leben von außen beobachtet und zeichnet. Alison Lohman verfügt über diese wunderbare Qualität. Sie verstand die Rolle ganz intuitiv."

Die Filmemacher waren sich einig darüber, dass der Schlüssel zur Darstellung von Astrids Mutter, Ingrid Magnussen, darin bestehen würde, die Vielfalt ihrer Persönlichkeit zu bewahren und sie nicht als eindimensionale Schurkin zu porträtieren. "Falsch herübergebracht", konstatiert John Wells, "würden Ingrids Extreme als pure Arroganz erscheinen. Es ist leicht, diese Figur nicht zu mögen. Tatsächlich ist Ingrid extrem narzisstisch, aber das bedeutet keineswegs, dass sie ihre Tochter nicht liebt. Die Balance zwischen beidem zu halten, ist sehr schwierig."

Wie es der Zufall wollte, fiel die erste Wahl der Filmemacher auf genau jene Schauspielerin, die Janet Fitch während ihrer Arbeit am Roman für diese Figur im Sinn gehabt hatte: Michelle Pfeiffer. "Ich bin nicht sicher, ob man Ingrid ganz verstehen kann", erläutert Michelle Pfeiffer die Eigenheiten ihrer Figur. "Ich denke, sie ist sich zum Teil selbst ein Rätsel. In mancher Hinsicht ist sie eine totale Puristin, unnachgiebig und unversöhnlich in ihren Ansichten und Werten und mit den Erwartungen, die sie an ihre Tochter selbst in deren jungem Alter hat. Bis zu einem gewissen Grad bewundere ich diese Qualität, die fehlende Bereitschaft, Kompromisse zu schließen, selbst wenn man weiß, dass man am Ende einen Preis dafür zu zahlen hat."

Für die Rolle der Starr Thomas, Astrids erster Pflegemutter, einer üppigen, lebhaften Ex-Stripperin, die zur bibelfesten Jesus-Anhängerin mutiert ist, entschied sich Peter Kosminsky für Robin Wright Penn, deren Präsenz er als "natürlich und realistisch" beschreibt. "Sie ist so authentisch, dass ich mich, wenn sie zu reden anfing, oft persönlich angesprochen fühlte, bis ich merkte, dass sie ihren Text sprach. Es gibt nichts Theatralisches an ihrer Darstellung. Robin Wright Penn nahm eine Rolle, die leicht ins Klischee hätte abgleiten können, und machte daraus eine ganz eigene und sogar sympathische Person. Starr ist eine sehr harte, kantige Frau, absolut gefährlich und rachsüchtig, aber dabei auch tragisch."

Renée Zellweger, damals bereits ein Fan des Buches, erhielt die Rolle der zarten und fragilen Claire Richards, die sich in die Kette von Astrids Pflegemüttern einreiht. "Renée Zellweger verfügt über eine tüchtige, bodenständige Qualität, die wir für die Figur der Claire brauchten", erklärt Peter Kosminsky. "Ihr letzter, selbstzerstörerischer Fehltritt wird dadurch viel weniger vorhersehbar. Renée Zellweger verkörpert Claire - eine zutiefst verletzliche Frau - auf eine Art und Weise, die alle offensichtlichen Zurschaustellungen von Verletzlichkeit vermeidet." Und Renée Zellweger selbst fügt hinzu: "Claire ist eine interessante Mischung aus Stärke und Schwäche. Sie ist enorm großzügig und gewinnt Kraft und Selbstachtung, indem sie anderen gibt."

Der Dreh Unmittelbar vor den Dreharbeiten versammelte Peter Kosminsky sein Ensemble für die besagte Leseprobe. "Ich war schon immer ein Schauspieler-Regisseur", sagt er von sich. "Meine Aufgabe besteht zunächst darin, das Skript und das Casting hinzubekommen, und beides dauert Ewigkeiten, oft zum Verdruss meiner Produzentenkollegen. Danach möchte ich in Ruhe proben, weit weg vom Chaos des Produktionsbüros, für nur eine Woche. Wenn man länger als eine Woche probt, besteht die Gefahr, zu viel mit dem Material zu arbeiten, und man riskiert, dass man später auf dem Set das Gefühl hat, eine Szene nie mehr so hinzubekommen wie damals im Proberaum. Während dieser einen Woche darf man mit dem Material nur flirten, wirklich verlieben kann man sich später auf dem Set."

Dort angekommen, zieht Peter Kosminsky es vor, überhaupt nicht mehr zu proben. "Wann immer es möglich ist, beginne ich sofort mit der Aufnahme, so dass die Schauspieler vor der Kamera zu ihrer besten Darstellung finden", erklärt er. "Manche Schauspieler liefern ihre beste Arbeit bei den ersten Takes ab, wenn sie ihrem Gegenüber noch wirklich zuhören, und ich banne das lieber gleich auf Film, anstatt es mir nur während einer Probe auf dem Monitor anzusehen. Bei Weißer Oleander haben die Schauspieler herausragende Leistungen abgeliefert, aber dabei überraschte mich am meisten, dass sie so offen für diese etwas ungewöhnliche Prozedur waren. Ob hinter verschlossenen Türen während der Proben oder später auf dem Set, sie konzentrierten sich komplett auf das Erforschen und Lebendigmachen ihrer Charaktere. Alles, was ich schließlich noch tun mußste, war dabeizustehen und zuzuschauen."

Die so gelobten Darsteller zeigten sich ihrerseits begeistert von Peter Kosminskys Arbeitsweise, die ihnen aufgrund präziser Vorbereitung vor allem endlose Wiederholungen ein und derselben Einstellung ersparten. "Er verfügt über eine so klare Vorstellung von dem, was er erreichen will", sagt Renée Zellweger über den Regisseur, "dass er sich auf keinen Monitor verlässt. Es gibt kein Playback. Er schaut sich eine Szene an, und wenn sie ihm gefällt, sagt er: 'Das war's', und das war's dann auch. Er braucht sie sich nicht noch einmal anzuschauen oder noch zwanzig zusätzliche Takes aufzunehmen."

Die Dreharbeiten begannen im April 2001. An 40 Drehtagen filmte die Crew an 58 Schauplätzen in und um Los Angeles, darunter Hollywood, Tujunga, Sunland, Echo Park, Silverlake, Monterey Park, Santa Monica, Malibu, Castaic, Manhattan Beach und Pasadena. Die Stadt mit ihrer einzigartigen Vielzahl von faszinierenden Orten ist untrennbar mit der Geschichte von Weißer Oleander verbunden.

Mit jeder neuen Heimat, in die Astrid im Lauf des Films verpflanzt wird, öffnet sich ein neuer Miniaturkosmos mit einer jeweils eigenen Topografie und Atmosphäre. "Es wäre schrecklich gewesen, besonders für die Anhänger des Romans, wenn man diesen Film anderswo angesiedelt hätte", erklärt Peter Kosminsky. "Als Ausländer war ich zudem begeistert davon, in dieser Stadt zu drehen, die mir total fremd war. Ich wollte genau an den Orten filmen, die Janet Fitch in ihrem Buch beschreibt."

Astrids Reise beginnt in dem vorwiegend in Schwarzweiß gehaltenen Appartement in Hollywood, in dem sie mit ihrer Mutter lebt, einem Bau aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Einen starken Kontrast dazu stellt Starr Thomas' Behausung dar, eine Art Bungalow in der öden Wüste von Tujunga Wash. Clair Richards wiederum lebt in einer klassischen Villa in den Hügeln von Malibu, mit spektakulärer Aussicht auf den Pazifischen Ozean.

Kameramann Elliot Davis drehte vorwiegend mit handgehaltener Kamera, um der Intimität des Themas gerecht zu werden. "Nachdem die Ankunft der Steadycam die Industrie revolutioniert hatte", erklärt John Wells, "arbeiteten nur noch sehr wenige Filmemacher mit Handkamera. Sie mußsten dann aber feststellen, dass die Steadycam sie geradezu zu einem flüssigen Stil zwingt. Peter Kosminsky hatte dagegen etwas Unmittelbareres und Raueres im Sinn."

Als Folge der episodischen Struktur der Geschichte inszenierte Peter Kosminsky eine Reihe von eigenständigen Geschichten und fügte sie anschließend zusammen. Jede Pflegefamilie hatte ihren eigenen Cast, Schauplatz und Plot mit dem traditionellen Aufbau von Anfang, Mitte und Schluss - eine Struktur, die Peter Kosminsky mit dem Leben vergleicht. John Wells fühlt sich durch den Gesamteffekt an ein pointillistisches Gemälde erinnert: "Wenn man sehr dicht davor steht, sieht man nur kleine Punkte. Man mußs ein Stück zurücktreten, um den kumulativen Effekt dieser zahllosen Farbflecken zu erkennen, erst dann offenbart sich die Schönheit des ganzen Bildes."

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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