Gangs Of New York

Produktionsnotizen

"Gangs Of New York erweckt eine Zeit zum Leben, über die wir bisher nur aus zweiter und dritter Hand gehört haben. Berichtet wird dabei von Menschen, deren Namen wir bestenfalls irgendwann einmal in irgendeinem dunklen Zusammenhang vernehmen konnten", sagt der Historiker und Schriftsteller Luc Sante. "Um diese Geschichte erfahrbar zu machen, bedurfte es eines Aktes der kollektiven Imagination."

Martin Scorseses leidenschaftlicher Wunsch, einen Film über die Gangs Of New York zu drehen, entstand vor mehr als dreißig Jahren, als die großen Filme, mit denen er sich als einer der bedeutendsten Filmemacher seiner Generation etablierte, noch nicht realisiert waren. Anfang der siebziger Jahre, als er das Haus von Freunden hütete, entdeckte er in deren Bücherregal Herbert Asburys 1928 veröffentlichte Chronik "The Gangs of New York". Das Buch hatte damals unter New Yorkern geradezu Kultstatus. Der Buchtitel reizte ihn: "Ich habe es aus dem Regal gezogen und noch am selben Tag in einem Zug durchgelesen", erinnert er sich heute.

Herbert Asburys Buch schildert die Legenden und Sagen aus der berüchtigten, facettenreichen Unterwelt des alten New York - in denen sich, wie der Autor zeigt, auch die Grundlagen für die heutige Mafia und andere Formen der organisierten Kriminalität ausgebildet haben. Die Stadt war voller kleiner, gewalttätiger Gangs, deren Namen einem Drehbuch entnommen schienen: die Shirt Tails, die Plug Uglies oder die Daybreak Boys - und alle hatten sie sich Mittel und Wege geschaffen, in einer rohen und feindseligen Welt zu überleben.

Asburys Beschreibungen könnten Assoziationen an eine Zukunft à la Uhrwerk Orange wachrufen, wenn es nicht der USA wirkliche, wilde Vergangenheit wäre, von der da die Rede ist. Das Buch zeigt uns eine Stadt voller Außenseiter und Kleinkrimineller, erzählt von deren Verschlagenheit, den heftigen Kämpfen, die sie austrugen und den hinterhältigen Intrigen, in die sie verstrickt waren - Erzählungen über ein Land, das zum ersten Mal die Macht der Leute von der Straße kennen lernt.

Das Buch weckte in Martin Scorsese Erinnerungen an Geschichten, die er als kleiner Junge im New Yorker Stadtteil Little Italy gehört hatte. "Asbury schildert die Atmosphäre des vergangenen alten New York und jede Zeile, die ich las, bestätigte, was ich mir vorgestellt oder gelegentlich hier und dort gehört hatte. Sicher hatte dieses Buch großen Anteil an meiner über die Jahre ständig gewachsenen Faszination und Liebe für diese Stadt."

Martin Scorsese war fasziniert von der Atmosphäre einer Zeit, während der in New York Immigranten genötigt waren, außerhalb der Gesetze zu leben, während die politischen Führer über dem Gesetz standen. Ihm schwebte Gangs Of New York als ein Film vor, der auch eine Hommage an die klassischen us-amerikanischen Epen über den Ursprung und die Wurzeln des us-amerikanischen Selbstverständnisses bedeutet. Er wollte die Geschichte junger us-amerikanischer Immigranten erzählen, die sich in ihrer hoffnungslosen Situation zusammenschlossen, um für die Durchsetzung ihrer eigenen Lebensträume zu kämpfen. Er erzählte dem Drehbuchautor Jay Cocks, einem langjährigen Freund, von seinem Plan Herbert Asburys Buch zu verfilmen und rannte bei ihm offene Türen ein, denn Jay Cocks kannte nicht nur das Buch, er hatte es auch schon mehrfach verschlungen und besaß selbst eine Ausgabe davon.

"Ich war ebenfalls seit langem von den Geschichten dieser Verbrecher und Gangs fasziniert, denn mein Großvater war ein New Yorker Polizist. Er besaß alte Nummern der Polizei-Zeitung, und viele Berichte waren mit Radierungen oder Holzschnitten über die Verbrecher und Banden illustriert. Martys Vorschlag faszinierte mich auch, weil diese Zeit noch nie im Kino dargestellt worden war. Die wenigsten Menschen kennen diesen Abschnitt der New Yorker Geschichte und so schwebte Martys erste Charakterisierung des Films immer wie eine Art Motto über mir: ein Western auf dem Mars."

Jay Cocks vertiefte sich in die historische Forschung über diese Zeit, fand aber auch Anregung in einer Liedzeile von Bruce Springsteen, in der es heißt, dass man "auf einen Retter warten mußs, den die Straßen selbst hervorbringen".

"Mulberry Street und Worth. Cross und Orange und Little Water. Das sind die Five Points. Jeder dieser Punkte ist ein Finger, wenn ich meine Hand balle, wird daraus eine Faust." (Bill the Butcher) In dieser Idee eines Volkshelden gründet der Charakter von Amsterdam Vallon. Von hier aus begann Jay Cocks dessen Welt und Charakter zu erarbeiten und im gleichen Maß, in dem die Figur von Amsterdam entstand, nahm auch sein Gegenspieler Bill the Butcher Kontur an. Die Figur der Jenny entwickelte Jay Cocks aus Amsterdams Sehnsucht nach einem Ort der Ruhe. "Die Ruhe aber war nicht in der Umgebung zu finden, also müssen sie sie aus sich selbst heraus und gemeinsam erst erschaffen."

Schauplatz des Films ist die seit langem überbaute Gegend um die Five Points, einem berüchtigten Stadtteil mit überfüllten Mietskasernen und gepflasterten Straßen in der Lower East Side von Manhattan. Herbert Asbury beschreibt sie in seinem Buch als "die Wiege der Gangs". Täglich trafen hier Schiffsladungen neuer irischer Immigranten ein, die in den Hafenanlagen zugleich nach Arbeit und ihrem Glück suchten. Was sie fanden, glich aber eher einem kurz vor dem Explodieren stehenden Kessel als einem Schmelztiegel.

Die Iren wurden oft verachtet - besonders von den alteingesessenen, bereits hier geborenen US-Amerikanern, den "Native Americans". Diese "Nativists", wie man sie auch nannte, sahen in den Iren Eindringlinge, die sowohl ihr Land, ihre Arbeit wie die Demokratie, also alles, wofür ihre Väter sich einst abgemüht hatten, bedrohten. Zudem wurde den Iren unterstellt, dass sie als tiefgläubige Katholiken eher ihrem Glauben als der eigenen Nation treu sein würden.

Martin Scorsese sieht in diesem Konflikt zwischen Altem und Neuem die erste wirkliche Prüfung für das us-amerikanische Ideal. Sollte jeder in dieses Land einreisen dürfen? War es nicht das Selbstverständnis dieses Landes, dass es von den Menschen aller Nationen geschaffen wurde? Konnten Immigranten wirklich integriert werden? Konnten sie wahre US-Amerikaner werden? Oder würden Angst und Vorurteile diesen Weg versperren?

"Diese Zeit war sowohl für die Arbeiterklasse wie für die kriminellen Gangs entscheidend, denn die Gesellschaft zerbrach in einzelne Interessengruppen, die sich ständig gegenseitig bekriegten. Anders als heute hatten diese Gruppen aber auch politische Interessen", sagt Martin Scorsese.

"Die erste große Einwanderungswelle zwischen 1840 und 1870 brachte die vor der großen Hungersnot fliehenden Iren nach New York. Zu Spitzenzeiten kamen wöchentlich mehr als 15.000 Immigranten in die Stadt. Sie hatten keine Arbeit, kein Geld und konnten sich kaum oder gar nicht verständigen. Die meisten von ihnen sprachen nur Gälisch. Die Nachkommen der ersten Immigranten, die aus Holland, England oder Wales gekommen waren, fühlten sich ihnen gegenüber als die eigentlichen US-Amerikaner."

Martin Scorsese and Jay Cocks rückten für ihre Darstellung dieser Zeit eine irische Gang ins Zentrum, die sich die Dead Rabbits genannt hatten. Dieser Name stammt vom gälischen "dod ráibéid" ab, womit ungehobelte, rohe und brutale Kerle gemeint waren.

Für die Figur von Amsterdams Gegner ließen sich Martin Scorsese und Jay Cocks von dem historisch verbürgten Bill Poole anregen, einem "Nativisten", von Beruf Schlächter und Preisboxer, der als Bill the Butcher gewissen Ruhm erlangte. (Der historische Poole starb allerdings bereits 1855, also einige Jahre vor dem Höhepunkt der Geschichte des Films.) Er ist der zentrale Widerpart von Amsterdam und hat sich durch gute Beziehungen zu dem ebenso berüchtigten wie korrupten Chef der öffentlichen Verwaltung, William Marcy Tweed (1823 - 1878) - er wurde auch der "Boss" genannt -, einen nicht unerheblichen Einfluss im Machtgefüge der Stadt verschafft.

Die Verbindung zu Bill the Butcher führt bei Amsterdam, der sich nach einem Vaterersatz sehnt, zu schweren seelischen Konflikten. Während zwischen den beiden Männern eine Vater-Sohn-Beziehung entsteht, die auf gegenseitiger Loyalität und Respekt gebaut scheint, wird sie von ihrer, dem älteren allerdings unbekannten gemeinsamen Vergangenheit überschattet.

Während sich die Geschichte von Amsterdam und Bill the Butcher dramatisch zuspitzt, wollten Martin Scorsese und Jay Cocks auch eine andere Seite der Stadt zeigen, die bisher noch nie im Film zu sehen war: New York während des amerikanischen Bürgerkrieges. Gangs Of New York vermittelt diese brisante Mischung aus Armut, in Rassismus wurzelnde Spannungen und Alltagskämpfen, die wie eine glimmende, zu einem Pulverfass hinlaufende Lunte die Stadt in Schutt und Asche legen könnte.

"Der Bürgerkrieg, der im April 1861 ausgebrochen war, erreichte 1863 mit den so genannten 'Draft Riots' New York. Diese Aufstände, die sich über vier Tage und vier Nächte hinzogen, waren sicher die fürchterlichsten Krawalle in der us-amerikanischen Geschichte. Anders gesagt: Mit diesen Aufständen hatte der Bürgerkrieg auch New York erreicht. Anlass waren die ersten, von Präsident Lincoln selbst eingesetzten 'draft-conscriptions', die Regelungen über die Einberufung zur Armee der Unionisten. Alle wehrtüchtigen Männer wurden eingezogen, doch gegen die Zahlung von 300 Dollar konnte man sich freikaufen. Den ärmeren Klassen war das nicht möglich und so entzündete sich an diesen Einberufungsgesetzen ihre aufgestaute Wut. Überall in der Stadt zerstörten die Aufständischen wahllos städtisches oder privates Eigentum und brannten alles, was ihnen in den Weg kam, nieder. Nach zwei Tagen wurden die Einberufungsgesetze wieder zurückgenommen und die Stadt fühlte sich im Hochgefühl als Sieger. Aber die ersten Unions-Truppen marschierten bereits auf New York zu, um die Aufstände niederzuschlagen. Vor diesem Hintergrund der gewalttätigen und rassistischen Aufstände von 1863 ließen wir die entscheidende Schlacht zwischen den Gangs von Amsterdam und Bill the Butcher spielen", sagt Martin Scorsese.

Über viele Jahre feilte Martin Scorsese immer weiter am Drehbuch. Oscar-Preisträger Steve Zaillian (Schindlers Liste) arbeitete an der Konstruktion der Geschichte, während der ebenfalls preisgekrönte Theaterschriftsteller und Drehbuchautor Kenneth Lonergan (You Can Count On Me) sich mit der weiteren Charakterisierung der einzelnen Figuren beschäftigte.

Wegen Umfangs und Anspruchs dieses epischen Dramas befürchteten viele, dass es unmöglich sein würde, einen solchen Film überhaupt zu drehen. Doch nach zwei Jahrzehnten Geduld und Hartnäckigkeit begann das Drehbuch endgültige Form anzunehmen. Jay Cocks sieht darin auch große Vorteile: "All diese Jahre haben dem Film zusätzliche Aspekte und Tiefe gegeben, denn auch wir haben seit den ersten Drehbuchfassungen 25 Jahre gelebt und Erfahrungen gesammelt. Ich glaube nicht, dass es auf der Welt einen zweiten Regisseur gibt, der dieses Interesse und auch die notwendige Sturheit aufgebracht hätte, um so etwas durchzustehen. Aber Marty wollte nicht aufgeben."

In Gangs Of New York begegnen wir einer umwerfenden Ansammlung New Yorker Typen aus einer Zeit, als die Stadt noch Grenzstadt zur Wildnis war. Es ist ein ebenso leichtsinniges wie grimmiges New York, es wird bevölkert von Taschendieben und Raufbolden, politischen Führern und Helden aus dem Kreis der kleinen Leute - und wirklich zum Leben erweckt wird das alles von einer umwerfenden Besetzung.

Im Zentrum der Geschichte steht der früh verwaiste Amsterdam Vallon, ein Junge mit einem unbesiegbaren Überlebenswillen, der im Laufe seiner Entwicklung auch die eigene Fähigkeit entdeckt, ein mutiger und kluger Anführer zu sein. Von Rachegefühlen zerfressen, erkennt Amsterdam schließlich, dass seine Aufgabe nicht darin besteht, die eigenen Interessen durchzufechten, sondern dafür zu kämpfen, dass seine Leute Teil der Zukunft New Yorks sind. Als Leonardo DiCaprio für die Rolle des Amsterdam vorgeschlagen wurde, war Martin Scorsese sofort begeistert: "Ich bewundere Leonardo DiCaprio seit langem und habe seine Entwicklung genau verfolgt. Ich habe immer gerne mit Schauspielern gearbeitet, die wie er diesen gewissen Instinkt haben und für mich ähnelt er darin Robert de Niro, Al Pacino und Dustin Hofmann."

Leonardo DiCaprio war ebenfalls begeistert, mit Martin Scorsese arbeiten zu können. "Zum ersten Mal habe ich von diesem Projekt gehört, als ich 16 war - die Geschichte eines jungen irischen Einwanderers von 1860, der in die gewalttätigsten Aufstände der Geschichte New Yorks verwickelt wird - und seitdem wusste ich, dass ich bei diesem Projekt von Marty unbedingt mit dabei sein wollte. Als ich 17 wurde, wechselte ich sogar die Agentur, weil ich hoffte, dadurch einen besseren Kontakt zu Martin Scorsese zu bekommen."

Leonardo DiCaprio fühlte sich von der Geschichte dieser Figur, die anfangs von unbändigen Rachegelüsten getrieben wird, aber schließlich sein Leben verändern will, stark angezogen: "Ich habe sehr viel aus dem Tagebuch eines jungen Mannes dieser Zeit erfahren, der seine gesamte Jugend in einem dieser Waisenhäuser verbringen mußste. Dieses Tagebuch spricht von einer unendlichen Einsamkeit und lieferte mir genau den richtigen Hintergrund für die Darstellung von Amsterdams Obsession. Nach seiner Ankunft in den Five Points mußs Amsterdam aber zuerst lernen, seine Rachegefühle zurückzustellen. Vor allem mußs er die Gesetze und Regeln dieser neuen, ihm fremden Welt kennen lernen."

Nachdem Leonardo DiCaprio für dieses Projekt zugesagt hatte, wollte man vor allem Oscar-Preisträger Daniel Day-Lewis für die Rolle von Bill the Butcher gewinnen. Bill ist eine Figur, die die Five Points in einer eigenartigen Mischung aus Brutalität, Gerissenheit, Einschüchterung und Humor beherrschte.

Die Methode, mit der Daniel Day-Lewis sich seine Figuren erarbeitet, bis er fast identisch wird mit ihnen, ist bekannt. Seit Der Boxer hatte er allerdings in keinem Film mehr gespielt und schien wenig Interesse zu haben, auf die Leinwand zurückzukehren. Doch die Aussicht, erneut mit Martin Scorsese zusammen zu arbeiten, ließ ihn letztlich den selbst gewählten Vorruhestand für einige Zeit aufgeben. "Während der gesamten Dreharbeiten an Die Zeit der Unschuld (Age Of Innocence, 1993) waren wir alle von unserem Glück, mit Marty arbeiten zu können, überwältigt. Es war ein ungeheures Privileg. Wir hatten eine wunderbare Ebene der Verständigung gefunden und ich vertraute ihm vollkommen. Daher war es großartig, erneut mit ihm arbeiten zu können", erinnert sich Daniel Day-Lewis.

Er studierte Bücher und andere Quellen über die fragliche Zeit und ließ sich schließlich auch von einem wirklichen Fleischermeister das Handwerk zeigen, um jeden Aspekt von Bills Leben kennenzulernen. Daniel Day-Lewis wollte diesen Bill in all seinen Facetten verstehen. "Im übertragenen Sinn habe ich alle Türen, auf denen in fetten Buchstaben 'Eintreten verboten!' steht, einfach eingerannt und bin hindurchgestürmt", beschreibt Daniel Day-Lewis diese Form der Aneignung einer Filmrolle.

Je genauer er Bills Charakter untersuchte, umso faszinierender wurde er für ihn. "Es ist ein Teil meiner Arbeit, Bills Überzeugungen zu teilen, was übrigens auch einfacher ist, als die Zweifel auszuhalten. Seine Überzeugungen sind unangreifbar. Das ist sicherlich eine sehr gefährliche Geisteshaltung, aber für einen Schauspieler sehr unterhaltsam und merkwürdigerweise auch entspannend. Bill lebt mit einem grausamen Ehrenkodex, besonders Priest Vallon gegenüber. Der ist geradezu eine idealisierte Version seiner selbst und sein Leben wie sein Tod konfrontieren ihn ständig mit der Frage danach, was er selbst wert ist. Mit einer solchen Herausforderung zu leben ist eine große Bürde. Für mich ist Bill, wenn ich die Zeit und die Umstände bedenke, in denen er aufgewachsen ist, ein - gewiss fragwürdiger - Ehrenmann. Und Gott sei Dank! hat er einen großartigen Humor."

"Wir sind das amerikanische Volk!" (Bill the Butcher) Nachdem die beiden Hauptdarsteller im Boot waren, dauerte es nicht lange, bis auch alle anderen wichtigen Rollen - die illustre "Galerie" der Diebe, Bettler und Gangster - besetzt waren. Cameron Diaz übernahm den Part der Jenny Everdeane, der verführerischen Taschendiebin und Meisterin im Stehlen von Brieftaschen und Männerherzen. Jennys Sehnsucht nach einem Leben fern des Elends und Getümmels der Großstadt verlockt Amsterdam, trotz der Gefahr ihre Nähe zu suchen. Für Cameron Diaz wird mit diesem Film ein Schauspielertraum Wirklichkeit: "Es gibt nichts Größeres, als mit solchen Kollegen und zugleich mit Martin Scorsese zu arbeiten."

Auch Cameron Diaz war von der nahezu transzendenten Hoffnung begeistert, die den Charakter dieser Jenny bestimmt: "Für sie ist das Leben sehr schwer - um sich herum sieht sie Gewalt, Mord, Brutalität, Armut und Krankheit. Aber sie sieht auch, wie die Menschen jenseits dieser Elendsviertel leben, und sie fühlt, dass sich etwas ändern mußs. Allerdings weiß sie nicht, wie, und vor allem weiß sie nicht, wie man dabei überlebt."

Liam Neeson, der für seine Darstellung des Oskar Schindler in Steven Spielbergs Film Schindlers Liste für den Oscar nominiert wurde, spielt Amsterdams Vater, Priest Vallon. Er ist auch über den eigenen Tod hinaus Maßstab für die Integrität und die Grundsätze des verwaisten Sohnes. Für Liam Neeson ist Priest Vallon "eine Art mythischer keltischer Kämpfer. Er ist ein furchtloser Anführer, der zugleich von einem starken Ehrgefühl geprägt ist."

Auch Liam Neeson war von der Darstellung dieses bisher unbekannten Teils der Geschichte von New York fasziniert. "Für mich ähnelt New York einem dieser elastischen Bänder", sagt Liam Neeson ironisch. "Man kann daran ziehen und zerren wie man will, aber es zerreißt nie. Die Jahre, von denen der Film erzählt, wirken jedenfalls so. Man glaubt, dass diese Schiffsladungen von Menschen aus aller Herren Länder, die in New York ankommen, die Stadt überfordern und zerstören würden. Aber jeder findet für sich eine Nische, von der aus er dann wieder anfangen kann. So können sie sich erst mal Flügel wachsen lassen und Selbstvertrauen gewinnen. Auf diese Menschen hat das Land gewartet."

Jim Broadbent, der im letzten Jahr den Oscar für Iris erhielt, spielt den berüchtigten Boss Tweed, der den neu eingetroffenen Einwanderern in betrügerischer Absicht Arbeit und Wohnung verspricht und sie so überredet, ihm ihre Wählerstimme zu geben. Broadbent genoss die Chance, eine historische Figur, einen der korruptesten Politiker aller Zeiten, als vielschichtigen, realistisch gezeichneten Menschen darzustellen.

"In seinen besten Jahren war Tweed unglaublich erfolgreich. Rücksichtslos betrog er sowohl die Regierung wie das Volk um mehrere Millionen von Dollars, bis er überführt wurde. Bis heute haben immer wieder Politiker versucht, ihm darin nachzueifern. Damit ist seine Haltung auch im heutigen Amerika noch aktuell", spottet Broadbent.

Auch die anderen Schauspieler waren von der Zeitreise in dieses unbekannte, brodelnde New York begeistert. John C. Reilly meint: "Es war sicherlich eine höllische Anstrengung, in dieser Zeit in New York überhaupt am Leben zu bleiben. Glücklicherweise ist Happy Jack, den ich spiele, schlau genug, für sich eine andere Lösung zu finden. Er erfährt die Armut, das Elend und die Leiden der Leute um sich herum und will nicht das Gleiche durchmachen. Deshalb wird er Mitglied in der größten Organisation seiner Zeit: der Polizei."

Henry Thomas, der den naiven jungen Schläger Johnny spielt, fügt hinzu: "Man mußste hart, wirklich hart sein, um in diesem New York durchzukommen. Johnny, den ich spiele, ist hier zwar geboren worden, aber es ist nicht seine Welt. Er ist dafür nicht hart genug. Ich denke, für die Geschichte ist er wichtig, weil sich viele Zuschauer mit ihm identifizieren können: Er ist ein verzweifelter Junge, der in einer verrückten Zeit leben mußs."

"Ziehen wir los, um uns in die Five Points zu stürzen." (Charles Dickens) Nachdem die Besetzung feststand, sahen sich die Filmemacher einer weiteren außerordentlichen Herausforderung gegenüber: das untergegangene New York mit seinen Mietskasernen, Bordellen und Schnapshäusern wieder erstehen zu lassen; ein New York, das bisher noch nie auf der Leinwand zu sehen war und das längst nur noch in einigen Büchern oder als vergilbte Fotografien existierte. Mit seiner Leidenschaft, selbst für kleinste Details, meisterten Martin Scorsese und sein Team diese Herausforderung, um die Schauplätze auf der Leinwand so realistisch wie möglich zu zeigen.

In dieser Angelegenheit verschränkten sich fatalerweise größtes Glück und grausamste Katastrophe: Vor einigen Jahren hatte ein Archäologen-Team begonnen, in Lower Manhattan Ausgrabungen zu machen, und dies genau in der Gegend des berüchtigten Five-Points-Distrikts. Über 850.000 Stücke, vor allem Gerätschaften des Alltags und verschiedene Zeugnisse des damaligen Lebens hatten die Forscher gefunden und sichergestellt.

Für die Vorbereitungen und Recherchen zum Film war diese einmalige Sammlung von Tellern, Kämmen, Kinderspielzeugen usw. eine unschätzbare Quelle. Doch all diese Dinge wurden am 11. September 2001 unter den Trümmern des World Trade Center, in dessen Keller sie kurzfristig zwischengelagert waren, verschüttet.

Anstatt die Schauplätze in einer Computeranimation wieder erstehen zu lassen, hatte sich die Produktion von Anfang an darauf geeinigt, dieses alte New York komplett zu bauen. So sollte die Atmosphäre dieser Zeit mit ihren Pferdekarren, der chaotischen Betriebsamkeit in den gepflasterten Straßen und ihrer allgegenwärtigen Korruption und Kriminalität authentisch eingefangen werden. Martin Scorsese führt aus: "Wir haben unsere eigene Welt geschaffen aus dem Geist des alten New York."

Das geschah allerdings nicht in New York selbst, denn im vergangenen Jahrhundert wurde so viel abgerissen und neu gebaut, dass von Orten und Plätzen aus dem 19. Jahrhundert sowieso nichts mehr zu finden war. Stattdessen wurde fast der gesamte Film in den legendären Studios von Cinecittà bei Rom in Italien gedreht. Martin Scorsese fühlte sich hier wegen seines familiären Hintergrunds, wegen seiner Bewunderung für das italienische Kino Federico Fellinis, Luchino Viscontis oder Roberto Rossellinis und nicht zuletzt auch wegen der hervorragenden Qualität der dort beschäftigten Arbeiter und Handwerker sofort zu Hause.

Cinecittà besaß auch viele weitere Vorzüge: ein großes Gelände, auf dem das New York von 1846 und 1863 aufgebaut werden konnte, sowie ein großes, massives Wasserbecken für die wichtigen Hafenszenen des Films. "Für mich hatte Cinecittà immer eine besondere Atmosphäre, denn hier wurden viele der ganz großen Filme gedreht. In den vielen Jahren, in denen ich wieder und wieder an Gangs Of New York dachte, war ich immer der Überzeugung gewesen, dass etwas von dieser großen italienischen Kunstfertigkeit, die die vielen italienischen Filme meiner Kindheit ausstrahlten, auch in diesen Film eingehen würde", schildert Martin Scorsese seine Begeisterung für dieses Studio.

Um die verschwundene Welt des alten New York so genau wie möglich wieder erstehen zu lassen, engagierte Martin Scorsese Luc Sante als technischen und historischen Berater. Luc Sante hatte vor einigen Jahren mit "Low Life" eine viel beachtete Schilderung über das Leben im alten New York veröffentlicht. "Mich interessieren einfach die Außenseiter in einer Gesellschaft", erklärt er. "Wie sah der Alltag der Menschen in den armen Vierteln aus, und genau davon handelt ja Gangs Of New York im Wesentlichen. Ich habe mich mehr als fünf Jahre mit dieser Zeit beschäftigt und war begeistert, meine Kenntnisse in den Dienst eines Martin Scorsese-Films stellen zu können."

Luc Sante beriet das Filmteam bei allen Details des Alltagslebens in den Five Points. Berüchtigt sowohl für die verkommenen und überfüllten Mietshäuser und die ethnische Vielfalt seiner Bewohner wie für das raue und liederliche Straßenleben, waren die Five Points eine Welt für sich. Den Namen erhielt diese Gegend übrigens, weil hier fünf Straßen eine Kreuzung bildeten: Gleich daneben gab es einen kleinen grünen Park, den Paradise Square. Betrachtet man den Stadtplan des heutigen New York, so lagen die Five Points etwas nordöstlich von der City Hall, ziemlich genau auf dem Gelände des heutigen Federal Court House.

"Die Five Points ähnelten eher einer Wild-West-Stadt als irgendeiner Ecke des heutigen New York", ergänzt Martin Scorsese. "Und genau diese Art von Stadt wollten wir auf der Leinwand wieder erstehen lassen."

So erschuf der Filmarchitekt Dante Ferretti, der bei diesem Film zum fünften Mal mit Martin Scorsese zusammen arbeitete, einen lebendigen Stadtorganismus, ein Wirrwarr von Holzhütten, Holzstegen, Ziegeln und Mörtelbauten; er ließ verschlammte Wege oder gepflasterte Straßen anlegen und Dutzende von Häusern; außerdem ließ er die Kulissen einer Brauerei und ein Drogeriegeschäft - oft nur die offizielle Sprachregelung für eine Schnapsdestille - errichten. Und nicht zu vergessen: ein Leihhaus, mehrere herunter gekommene Hotels, die verwitterten Ruinen eines abgebrannten Hauses, Mietskasernen und eine Hafenspelunke.

Auf dem Freigelände von Cinecittà wurde auch ein Teil des New Yorker Hafens nachgebaut. An dessen Dock hatten gerade zwei große Segelschiffe, wie sie für die Reise der irischen Einwanderer oder für den Transport der Föderierten genutzt wurden, angelegt. Außerdem ließ Dante Ferretti ein Stück des Lower Broadway nachbauen, wo im damaligen New York die besser gestellten Bürger wohnten und wo sich einige historisch überlieferte Gebäude befanden, zum Beispiel das 'Tribune Building', das 'P. T. Barnum Museum' und 'Delmonicos Restaurant'. Dort siedelte er auch elegante Geschäfte und Hotels an, private Villen und die katholische Kirche des Bezirks, die der ersten 'St. Patrick Cathedral' in Mulberry Street nachempfunden war. Die noch von Muskelkraft betriebenen Feuerlöschwagen wurden nach Originalen aus dem New Yorker Feuerwehr-Museum nachgebaut.

In den Atelierhallen war einer der wichtigsten Schauplätze des alten Five-Points-Distrikts nachgestellt worden: die berüchtigte Old Brewery, die sowohl als Auffangbecken für die ständig eintreffenden Einwandererströme wie als Versteck für die übelsten Verbrecher der Stadt diente. Luc Sante nannte diesen Ort einen "menschlichen Morast mit nahezu mythischen Dimensionen."

Da von den Innenräumen der Old Brewery weder Fotos noch Radierungen überliefert sind, ließ sich Dante Ferretti von einer Darstellung in Diderots Enzyklopädie anregen, die eine Brauerei in dieser Zeit zeigt. Martin Scorsese erklärt die Idee: "Wir haben das Haus wie ein Stück Kuchen aufgeschnitten, so dass wir die verschiedensten Räume zeigen konnten, in denen sich die Leute kümmerlich durchschlugen. Es gab verbindende Laufstege und Menschen, die einfach in den Tunneln darunter hausten. Wir zeigen, wie die Menschen in diesen Löchern lebten - nun ja, soweit man das Leben nennen kann."

Ein anderer wichtiger Ort ist die 'Sparrows Chinese Pagoda', die zugleich als chinesischer Nachtclub, Restaurant, Saloon, Hurenhaus, Opiumhöhle und als Theater diente. Die Pagoda wurde von Dante Ferretti und Martin Scorsese gemeinsam erdacht und ist eine der aufwändigsten Gestaltungen in diesem Film. Angelehnt an ein historisches Haus dieser Zeit, den so genannten 'Chinese Assembly Rooms', von denen aber ebenfalls keinerlei Darstellung überliefert sind, kam die wichtigste Anregung für diesen Bau aus dem 1941 entstandenen Film von Joseph von Sternberg Abrechnung in Shanghai (The Shanghai Gesture).

Ferretti erinnert sich an Gespräche mit Martin Scorsese: " Marty wollte nicht, dass ich die Ausstattung einfach aus dem Joseph von Sternberg-Film kopiere, sondern ich sollte mich von dem Film anregen und von ihm ein Verständnis für einen solchen Ort gewinnen, damit ich selbst die Räume entwerfen konnte. Der zentrale Ort der Pagoda ist die Bühne, um die mehrere Reihen von Tischen arrangiert sind, die kreisförmig angeordnet, mit drachenverzierten Balustraden abgeteilt, leicht ansteigend sich auf mehreren Ebenen in die Tiefe des Raumes erstrecken. Darüber hängen an der Decke ein riesiger hölzerner Leuchter sowie kleine Bambuskäfige, in denen junge Frauen sich an den Höchstbietenden verkaufen."

In 'Satan's Circus' - zugleich Bar, Treffpunkt und Fleischerladen -, den Bill the Butcher als Hauptquartier für seine "Native American Organization" nutzt, wollte Ferretti das Gefühl von Bedrückung und Angst erschaffen: "Der Raum ist lang und niedrig und sollte den Eindruck vermitteln, dass er im Keller liegt. Darin spiegelt sich, wie wahrscheinlich die meisten Häuser in dieser Zeit aussahen, denn natürlich entstanden die Räume ohne irgendeinen Plan oder ästhetischen Anspruch. In Satan's Circus ist es so, dass sich die Wurzeln eines großen Baums, der draußen auf der Straße steht, ihren Weg durch das Erdreich gebahnt haben und irgendwo an der Decke über der Bar wieder austreten. Das wirkt wie Knochen einer Hand und erinnert ein bisschen an den Tod selbst. Das hat Martin gut gefallen."

Um solche Schauplätze zu erschaffen, waren außergewöhnlich gründliche Recherchen nötig oder, wenn deren Möglichkeiten erschöpft waren, eine außergewöhnliche Einbildungskraft. Dante Ferretti unternahm dafür ausführliche Bildstudien - Lithographien, Holzschnitte, Radierungen, Daguerrotypien - dieser Zeit. Weitere Anregungen bezog er auch aus späteren Dokumenten, besonders den berühmten New-York-Fotografien von Jacob Riis, die die ärmeren Gegenden der Stadt zeigen.

Andererseits schwelgte Dante Ferretti auch im überbordenden Reichtum, als er Tammany Hall und das luxuriöse Büro von Boss Tweed mit seinem Parkett-Boden, den Mahagoni-Tischen und den lederbezogenen Sesseln ausstattete und ungefähr fünfzig Vogelkäfige mit je einem oder zwei zwitschernden Tieren aufstellte. In diesem Büro findet sich auch ein gebrauchsfertiger Cholera-Schutzraum, allerdings nur so groß, um einem einzigen Menschen Schutz zu bieten: Boss Tweed.

Dante Ferretti baute zuerst Modelle und Ansichten der einzelnen Räume, um sie mit Martin Scorsese genau durchzusprechen. "Ich arbeite immer mit Modellen", erklärt Dante Ferretti. "Sie sind sehr wichtig, um sich die Räume genau vorstellen zu können. Mit Hilfe eines solchen Modells kann ein Regisseur dann besser planen, wie er die einzelnen Szenen später drehen möchte."

Nachdem sich Dante Ferretti und Martin Scorsese auf die Ausstattung eines Drehortes geeinigt hatten, begannen die Zimmermänner, Maurer, Maler, Stuckateure, Schmiede und Metallarbeiter rund um die Uhr zu arbeiten, um dieses vergangene New York, das im Verlauf eines Jahrhunderts entstanden war, in wenigen Monaten wieder erstehen zu lassen.

Wer von der Crew oder den Schauspielern zum ersten Mal in dieses wieder erstandene New York von 1863 eintrat, war von diesem fast magischen Augenblick schier erschlagen. "Als ich zum ersten Mal das Set sah, war ich überwältigt. 'Das kann nicht wirklich sein!', dachte ich, aber es war wirklich, es war neu erstanden. Was mich aber am stärksten beeindruckte, waren die zahllosen Statisten, die diese Räume mit Leben füllten, indem sie ihren je eigenen Beschäftigungen nachgingen. Ich hatte mir nie vorstellen können, dass es so wirklichkeitsnah aussehen könnte", erinnert sich Luc Sante und fährt fort: "In Dante Ferrettis Sets herumzuspazieren war außerordentlich irritierend, es war wie eine Zeitmaschine. Jedes Haus wirkte, als stünde es hier seit dem 18. Jahrhundert. Mir scheint, dass Marty genau das gelungen ist, was wir ja alle anstrebten: das Lebensgefühl dieser Epoche mit poetischer Genauigkeit einzufangen."

Während der Dreharbeiten erkannte jeder das wahre Ausmaß und die Größe dieses Films. Es gibt weit über hundert Sprechrollen und bereits vor dem letzten Drehtag waren über 22.000 Arbeitsstunden der Statisten abgerechnet. Viele Statisten stellten in dem Film einen ganz besonderen Menschen dar, den sie während der gesamten Dreharbeiten immer wieder spielten. Die meisten Statisten waren natürlich Italiener, aber man wählte überwiegend Personen aus, die helleres Haar hatten und von ihrer Physiognomie auch für einen Iren gehalten werden konnten. Viele Statisten wurden auch in der in Italien stationierten US-Armee oder US-Marine engagiert.

"In sehr wenigen Szenen, vielleicht nur zwei, haben wir mit Spezial-Effekten und den Möglichkeiten der Blue Box gearbeitet, aber ansonsten sieht man auf der Leinwand nur, was auch am Drehort geschehen ist. In diesem Sinne war es ein traditionelles, episches Filmemachen. Diese Atmosphäre hat zu dem überwältigenden Eindruck von Wahrheit, die dieser Film vermittelt, beigetragen", ergänzt der Ausführende Produzent Michael Hausman.

Für Martin Scorsese waren die gesamten Dreharbeiten in Cinecittà ein großes Erlebnis und eine angenehme Überraschung: "Den überwiegenden Teil meiner Filme, die in New York spielen, habe ich auch dort an Originalschauplätzen gedreht. So bin ich auch ein bisschen träge geworden, weil mir ja das New York, das ich brauchte, jederzeit zur Verfügung stand. Dabei war es in Cinecittà viel leichter, die Stadt zu durchqueren als in New York."

Gangs Of New York führt die Zuschauer in eine Zeit, als Amerika von Kämpfen zerrissen war - sei es auf den Schlachtfeldern oder in den Straßen. Zu dieser Zeit kämpfte man meist Mann gegen Mann. Die Kämpfe wurden mit einfachen, oft selbst hergestellten Waffen ausgetragen, und zwar mit einer unglaublichen Brutalität. In der Welt, die Martin Scorsese zeigt, verlaufen die Straßenaufstände mit solcher Grausamkeit, mit Waffen, die so fremdartig sind, und mit Methoden, die so ungewöhnlich erscheinen, dass sie an Kämpfe des Mittelalters erinnern - oder vielleicht auch an Kämpfe der Zukunft.

Für einen Zuschauer des 21. Jahrhunderts mögen der Kampfstil und die Gebärden von Leonardo DiCaprio sehr eigentümlich wirken, aber sie entsprechen den damals gebräuchlichen. Um sich den Kampfstilen jener Zeit anzunähern, engagierte Martin Scorsese den Stunt-Koordinator George Aguilar und den Kampflehrer Dominic Vandenberg, die intensiv mit den Schauspielern trainierten, bis sie die Haltungen, Gesten und Finten der Menschen der damaligen Zeit genau nachstellen konnten.

"Dieses Messer wird ihn töten, damit der Geist meines Vaters seine Ruhe finden kann." (Amsterdam Vallon) George Aguilar und Dominic Vandenberg machten sich auch kundig, welche Waffen bei den damaligen Straßenkämpfen vornehmlich zum Einsatz kamen. In dem Kampf aus dem Jahr 1846 zwischen Priest Vallon und Bill the Butcher zum Beispiel, bei dem über die Herrschaft an den Five Points entschieden wurde, nutzten die Kombattanten ganz gewöhnliche Alltagsdinge.

George Aguilar erklärt: "Ihre Waffen hatten den Charakter von Gartengeräten - Schaufeln, Äxte, Hacken und Harken. Außerdem Schlagstöcke oder Schlageisen. Sie benutzten keine Schusswaffen, und so haben wir jedes Mal versucht zu erarbeiten, wie sie möglicherweise mit diesen Waffen aufeinander losgegangen sind."

Die Handlung von Gangs Of New York führt notwendigerweise zu der letzten, alles entscheidenden Schlacht zwischen Amsterdam und Bill the Butcher - eingebettet in die Straßenkämpfe gegen die Einberufungsgesetze. Diese Szenen, zugleich Höhepunkt des bisherigen Geschehens, verbinden das persönliche Drama zweier Männer mit dem historischen Ereignis, das das ganze Land überzogen hat - dem Bürgerkrieg. Die ungeheuere Zahl von Kämpfern in diesen Szenen war eine besondere Herausforderung für George Aguilar.

"Statt hundert Kämpfern der Dead Rabbits gegen eine ähnlich große Menge von Native Americans kämpfte in dieser Schlussszene schlicht jeder gegen jeden: Hunderte von Menschen, seien es Mitglieder einer Gang, gewöhnliche Männer und Frauen oder Soldaten der Föderation. In diesem Moment traf in der Stadt alles aufeinander. Wir bereiteten jeden Drehtag vor, als hätten wir tatsächlich eine Armee zu führen. Ständig teilten wir Statisten oder Schauspieler in diese oder jene Hundertschaft ein. Dann rissen wir diese wieder auseinander und bildeten kleinere 'Einheiten' oder Gruppen. In jeder Gruppe mußste einer die Führung übernehmen und diese Anführer gaben Martys Anweisungen an ihre Gruppe weiter."

Die Masse der eingesetzten Stunt-Leute und die Dimensionen des Drehorts machten es notwendig, dass der Action-Unit-Director Vic Armstrong viele Szenen nicht separat, sondern während des Hauptdrehs filmen mußste. "Die Kampfszenen am Ende der Geschichte unterscheiden sich erheblich von den Kämpfen zu Beginn. Mit der Ankunft der Soldaten, die den Aufstand niederschlagen sollen, beginnt ein militärisches Sperrfeuer. Es ist reine Action, und es gibt dabei eine Menge Blut. Sprengsätze explodieren, Feuer lodern, der Mob schlägt die Fenster ein, plündert Häuser, legt Feuer und massakriert unschuldige Menschen. Ich hatte die Aufgabe, die Details dieser Kämpfe zu filmen: zersplitternde Fenster, marschierende Füße oder Soldaten, die eine Feuersalve nach der anderen abgeben."

Trotz dieser Kämpfe, die das ganze Gebiet der Five Points in die Krawalle gegen die Einberufungsgesetze einbeziehen, endet die Auseinandersetzung zwischen Amsterdam und Bill the Butcher so, dass Mann gegen Mann einander gegenüberstehen. "Wir wollten nicht, dass es zu modern wirkt. Damals war ein Kampf ritualisierter. Es war bösartig und vollkommen fanatisch. Die Gegner wollten sich gegenseitig niedermetzeln. Man benutzte den eigenen Körper als Waffe. Man schlug mit dem Kopf, quetschte sich die Augen aus, biss die Ohren ab. Der Kampf war roh und gnadenlos."

Leonardo DiCaprio und Daniel Day-Lewis arbeiteten Monate an diesen Kampfszenen, um ihren ureigenen Stil zu entwickeln. "Ungefähr neun Monate bevor die eigentlichen Dreharbeiten anfingen, begann ich dafür zu trainieren. Meine Übungen umfassten Gewichtheben, Messerwerfen und andere Kampfarten dieser Zeit. Amsterdam hat gegenüber vielen dieser kümmerlichen Existenzen der Five Points den Vorteil, dass er sehr kräftig ist, und ihn treibt die Willensstärke eines Mannes, der sich rächen will. Auf diesen Kampf hat er sich 16 Jahre lang vorbereitet", räsoniert Leonardo DiCaprio.

Trotz der blanken Wut in diesen Kampfszenen fanden die Schauspieler auch einigen Rückhalt in alten Traditionen. Liam Neeson findet: "Wenn Männer kämpfen - und wenn es noch so brutal oder roh zugeht dabei -, halten sie doch eine bestimmte ethische Norm ein."

"Amsterdam? Ich bin New York." (Bill the Butcher) Großen Anteil an der Nachschöpfung des alten New York hatte auch der Dialog-Coach Tim Monich, der wirklich jedem am Set beibrachte, so zu sprechen, als sei er ein authentischer Bewohner des südlichen Manhattan in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Diese Leute hatten einen ausgeprägten und unverwechselbaren "New-York-Akzent" und einen spektakulär-bildhaften Kriminellen-Slang. Unter anderem entstanden hier Ausdrücke wie "crib" für ein Haus oder "fenced" wenn man mit dem Verkauf von heißer Ware beschäftigt war.

Tim Monich erklärt: "Für uns bestand die Herausforderung darin, dass sich die Charaktere anhören, als seien sie tatsächlich durch die harte Schule der Straßen dieser Zeit gegangen und als seien sie "echte", also hartgesottene New Yorker der arbeitenden Klassen oder der Unterschicht. Bewusst wollten wir dabei Anklänge an den sattsam bekannten und ethnisch geprägten New-York-Slang unserer Tage vermeiden."

Obwohl er ausgiebige Recherchen betrieb, blieb Tim Monich bei diesem Vorhaben nichts anderes übrig, als auch auf seine eigene linguistische Kreativität zu vertrauen. "Aus der Zeit der vierziger bis sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts gibt es natürlich keinerlei Tonaufnahmen", erklärt er, "also griff ich zurück auf zeitgenössische Quellen, humoristische Texte, Gedichte, Balladen und Zeitungsausschnitte, um eine ungefähre Vorstellung davon zu bekommen, wie sich New York in jenen Tagen angehört haben mochte. Immerhin konnte ich mir noch Tonaufnahmen von Leuten anhören, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Welt gekommen und aufgewachsen waren, zum Beispiel von dem großen us-amerikanischen Dichter Walt Whitman."

Tim Monich half jedem Schauspieler dabei, Spracheigenheiten zu entwickeln und diese für das Gestalten der Persönlichkeit ihrer Figuren einzusetzen. "Daniel Day-Lewis beschäftigte sich intensiv damit, eine einzigartige Sprechweise für Bill the Butcher auszubilden", bemerkt er. "Er entschied sich zum Beispiel dafür, dass Bill ein gebildeter Mensch sei, der lesen und schreiben könne. Und was lasen die Leute in jenen Tagen? Zuerst einmal die Bibel. Also las ich mit Daniel Day-Lewis die Heilige Schrift. Laut sprachen wir deren Worte und versuchten, aus dem Text eine zu ihm passende eigene Diktion zu entwickeln. Wir lasen auch Walt Whitman.

Was die Sprechgeschwindigkeit angeht, mit der Butcher redete, so wollte Daniel Day-Lewis etwas verändern. Von den heutigen New Yorkern haben wir die Vorstellung, dass sie sehr schnell sprechen, aber Daniel Day-Lewis sah das anders. Er wollte es eher langsam, bedächtig und absichtsvoll. Marty fand das sehr interessant."

Tim Monich weiter: "Ähnlich sprachen auch Leonardo DiCaprio und ich über Amsterdams Background. Amsterdam war von Irland nach Amerika gekommen und unter irischen Einwanderern aufgewachsen, die vermutlich Gälisch oder Englisch mit breitem Akzent gesprochen haben dürften. Also brauchte sein Sprechen einen melodischen Einschlag. Doch andererseits werden die 16 Jahre, die er in der Erziehungsanstalt verbracht hatte, auch seine Sprache härter, rauer gemacht haben, und so entschieden wir uns schließlich zu dieser Art Mischform mit einer amerikanisch-irischen Aussprache."

Der Hintergrund der Figur von Cameron Diaz war ähnlich: Auch sie war als Kind nach Amerika gekommen und hatte ihr Leben an den Five Points verbracht. Da sie aber schon in jungen Jahren von Einheimischen aufgenommen worden war, hatte sie sich längst und auf ganz natürliche Weise amerikanische Sprachmuster angeeignet.

Tim Monich betrachtete sich selbst als eine Art Ordnungshüter in Sachen historisch-authentischer Aussprache, ein Konzept, das sehr weit gefasst war, ging es doch darum, dass man von diesem New York im Film den Eindruck einer babylonischen Sprachverwirrung gewinnt.

"Bei passender Gelegenheit warf Daniel Day-Lewis einen Begriff in den Dialog ein, der von Walt Whitman stammte, oder er zitierte einfach ein paar biblische Sätze herbei", so Tim Monich. "Ich werde nie vergessen, als Leonardo DiCaprio das erste Mal das Wort 'okay' herausrutschte. Kaum hatte Marty 'Cut' gerufen, lief Leonardo DiCaprio auf ihn zu und wollte sich entschuldigen. 'Es tut mir Leid, ich weiß, ich kann nicht okay sagen', meinte er, 'bei TITANIC haben sie mir eingebläut, es niemals zu sagen.' Aber ich mußste ihm widersprechen, denn 'okay' ist ein sehr alter us-amerikanischer Ausdruck aus der Zeit lange vor dem Bürgerkrieg. Über seinen Ursprung ist man sich nicht ganz einig; ich glaube, es leitet sich ab von einer witzigen Art, 'all correct' zu sagen. So sagte ich Leonardo DiCaprio, es sei vollkommen in Ordnung für ihn, den Ausdruck zu benutzen."

Tim Monichs Aufgabe bestand jedoch nicht nur darin, mit den Stars zu arbeiten - er mußste darüber hinaus auch die Dialoge von über einhundert weiteren Darstellern mit Sprechrollen 'überwachen'. "Niemand in diesem Film sprach vor der Kamera so, wie er sonst immer spricht. Wir hatten Iren wie Brendan Gleeson oder Engländer wie Jim Broadbent, die Amerikaner spielten. Auf der anderen Seite gab es Amerikaner, die irische Immigranten verkörperten. Es war ein buntes Gemenge der verschiedensten Akzente, eben so, wie es ja auch tatsächlich immer gewesen ist in Amerika."

Für Cameron Diaz stellte die Arbeit an ihrer Aussprache einen wesentlichen Aspekt dar, in das Zentrum ihrer Figur vorzudringen. "Jenny war zusammen mit ihrer Mutter von Irland nach Amerika gekommen und wurde in jungen Jahren zum Waisenkind", so erläutert sie die Rolle. "Sie freundete sich mit Bill the Butcher an und lernte von ihm alles, was notwendig war, um in diesem Hexenkessel zu überleben; gleich ob es dabei um den Verkauf ihres Körpers oder um kleinere Straftaten ging. Wahrscheinlich ahmte sie auch seine Sprechgewohnheiten nach."

Henry Thomas ist ein weiterer Schauspieler, der durch die Sprache zu einem tieferen Rollenverständnis gelangte. "Ich hatte ein Buch mit dem Titel 'The Rogue's Lexicon' gelesen, das im Grunde eine Enzyklopädie zeitgenössischer Slangausdrücke aus der Unterwelt des 19. Jahrhunderts ist", erklärt er. "Es war sehr nützlich, einen Zugriff auf die Sprache zu bekommen, es half mir auch zu erkennen, wie wirklichkeitsgetreu unser Drehbuch war. Es ist faszinierend, wie manche Wörter bis in die heutige Sprache hinein weitergegeben wurden - ein Wort wie 'sharp' etwa. Wenn man heute sagt, 'someone looks sharp', dann hat das seinen Ursprung in der Zeit, in der Gangs Of New York spielt."

Henry Thomas fühlte sich nie eingeschränkt dadurch, dass er einen Akzent benutzen sollte. "Für uns Darsteller bedeutete das im Gegenteil sogar eine große Freiheit, den Hintergrund und die Herkunft unserer Charaktere auszuleuchten", erklärt er. "New York ist ein Schmelztiegel, eine seltsame Mischung eines jeden Akzents auf der Erde, so dass es sehr interessant war, damit herumzuspielen."

Jenseits der Authentizität von Sprache und Schauplätzen wünschte sich Martin Scorsese, dass der Look seiner Gangs Of New York den halluzinatorischen Charakter dieses vergangenen New York einfangen würde. Um das auf dem höchsten denkbaren Niveau zu erreichen, arbeitete er mit dem Kameramann Michael Ballhaus zusammen - es ist ihr sechstes gemeinsames Projekt.

"Mit Marty einen Film zu drehen ist ein grenzenloses Vergnügen. Er hat ein fantastisches visuelles Gespür", sagt Michael Ballhaus. "Er trägt so viele Bilder in sich, und diesen Visionen Ausdruck zu geben und sie auf die Leinwand zu bringen, ist fantastisch. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass dies das aufregendste Projekt ist, das ich je realisiert habe. Der Film ist so facettenreich: Es gibt Action, eine ergreifende Love-Story und außerdem einen sehr tief greifenden Konflikt zwischen Vater und Sohn. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass sich ein Film mit dieser historischen Zeitspanne in Amerika befasst, und das ist sehr spannend."

Von Anfang an zielten Michael Ballhaus und Martin Scorsese auch auf eine "Bezauberung" mittels Licht. "Bevor wir anfingen zu drehen, drückte mir Marty ein Buch über Rembrandt in die Hand, worin dessen Philosophie des Lichts erörtert wird", erinnert sich Michael Ballhaus. "Dem wollten wir nacheifern, weil uns daran lag, die Quellen des Lichts in dem Film sehr einfach zu halten - eine Kerze hier, eine Fackel dort. Offenes Feuer, das in den Straßen brennt."

Michael Ballhaus führt fort: "Zu jener Zeit gab es überall Rauch und Dunst. Es war noch vor der Einführung der Elektrizität. Gas lieferte das Licht zur Beleuchtung, und die Leute rauchten eine Menge. Immer brannte irgendwo etwas. Überall gab es kleine offene Feuer. Ich nutzte den Rauch als natürlichen Filter und benutzte sehr wenig Kunstfilter: Häufig arbeiteten wir mit sehr wenig Licht. Der größte Teil des Films spielt in einem sehr armen Teil der Stadt - natürlich war es dort sehr dunkel und natürlich gab es dort nicht sehr viel Farben."

Michael Ballhaus arbeitete auch eng mit dem Produktionsdesigner Dante Ferretti zusammen: "Dante Ferretti ist ein unglaublicher Künstler. Seine Sets sind so gebaut, als seien sie real. Sie vermitteln einem das Gefühl, man sei tatsächlich an einem Originalschauplatz - aber mit allen Annehmlichkeiten eines Atelier-Drehs. Er hat es uns ermöglicht, einige spektakuläre Weitwinkelaufnahmen zu drehen und uns dabei in jede Richtung zu bewegen."

Michael Ballhaus weiter: "Zum Beispiel schossen wir eine Sequenz im nächtlichen Hafen: Sie beginnt mit einer Nahaufnahme einiger Frauen in Trauerkleidung. Der Trauerzug wird immer größer. Nach und nach sehen wir auch die Särge ihrer Lieben. Dann steigt die Kamera in einer Kranfahrt aufwärts, immer höher, und wir sehen noch viele weitere Särge. Die Kamera hört nicht auf zu steigen, sie 'fährt' schließlich über das Schiff hinweg und schwenkt dann auf das Wasser. Eine andere sehr komplizierte Einstellung sah so aus: Wir drehten ein Bild in der Chinese Pagoda. Es beginnt damit, dass Bill the Butcher auf der Bühne der Pagoda steht. Ihm gegenüber: das Publikum. Die Kamera steht hinter ihm. Bill hält eine Predigt über Amerika, während der er mit Messern auf menschliche Ziele im Publikum wirft. Die Kamera umkreist ihn und kehrt schließlich zu ihrer Ausgangsposition zurück, so dass man die gesamte Pagoda, das gesamte Publikum und jeden der Darsteller in einer einzigen Einstellung zu sehen bekommt."

Auch Kostümdesignerin und Oscar-Gewinnerin Sandy Powell, die erstmalig mit Martin Scorsese arbeitete, spielte bei der Erschaffung dieses anderen New Yorks eine entscheidende Rolle: Sie mußste ganze Heerscharen in Bettlerlumpen oder falschen viktorianischen Prunk stecken.

Zunächst hatte sie sich alle vorhandenen Fotografien, die aus jener Zeit noch erhalten sind, besorgt. "Es ist eine ungewöhnliche Epoche, die im Film bislang kaum porträtiert worden ist. Aber wir hatten Glück", sagt sie. "Damals war gerade die Daguerreotypie erfunden worden, und diese Platten wurden zu unserer hauptsächlichen Bildquelle. Wir hatten auch Zugang zu den umfangreichen Recherchen, die Marty bereits selbst unternommen hatte. Andererseits wollte ich mich auch nicht zum bloßen Sklaven dieser Rechercheergebnisse machen. Marty war in dieser Hinsicht sehr klar und deutlich: Er wollte, dass ich eine Welt erschaffe, die man so noch nie zu Gesicht bekommen hatte, und die dennoch auf der Wirklichkeit basiert. Das nahm ich als Leitlinie."

Eine der ersten Aufgaben von Sandy Powell bestand darin, einen Weg zu finden, die verschiedenen Gangs äußerlich sichtbar voneinander zu unterscheiden. "Natürlich trugen die Gangs keine Uniformen, aber ich wollte, dass jede von ihnen ihr eigenes Aussehen hat. Eine Sache, die ich über die Dead Rabbits wusste, war, dass jeder Einzelne einen längs verlaufenden roten Streifen an seiner Hose trug, wenn es darum ging, in den Kampf zu ziehen. Ich nutzte das als ein Erkennungszeichen, das ich auch an ihren Hemden und anderen Stellen ihres Aufzugs einsetzte. Die gebürtigen New Yorker, die Natives, sehen dagegen anders aus: Sie besitzen mehr Geld und sie sind etwas dandyhaft. Sie tragen auch spezielle Spitzhüte."

Besonderes Vergnügen bereitete es Sandy Powell, die Garderobe für Bill the Butcher zu entwerfen, den wohl grellsten und am meisten herausgedonnerten der Gangster. "Marty hatte sehr genaue Vorstellungen von Bill the Butcher", erinnert sie sich. "Er sah ihn als Dandy. Genauso wie auch heutige Gangster in bescheidenen Verhältnissen leben, aber grelle, teure Klamotten tragen, so wollte er, dass ich Bill und die Natives kostümiere."

Auch Daniel Day-Lewis hatte seine Ideen, wie Bill the Butcher aussehen sollte. "Daniel Day-Lewis wollte seine Körperlänge betonen", sagt Powell. "So trägt Bill in vielen Szenen einen langen Mantel - ein sehr charakteristisches Kleidungsstück, denn darunter ist sein Gürtel mit den tödlichen Messern verborgen. Der Mantel akzentuiert Daniels Länge und seine schlanke Gestalt. Er ist sehr hager, und wir betonten diesen Look, ließen ihn mit eng anliegender Kleidung sogar noch länger und schmaler wirken. Das verlieh ihm ein spinnenhaftes Aussehen. Darüber hinaus kleideten wir ihn in helle, schräge Muster, kariert oder in Nadelstreifen. Um die Farben hervorzuheben, nahmen wir afrikanische Drucke. Sie sind sehr farbintensiv und lebendig, und wenn man sie in einen viktorianischen Zusammenhang versetzt, wirken sie überhaupt nicht deplatziert."

Daniel Day-Lewis knüpft daran an: "Sandy Powell und ich hatten vor Drehbeginn die Gelegenheit, uns in Dublin zu treffen und unsere Vorstellungen auszutauschen. Sie erläuterte ihren Blickwinkel und ich meinen. Sie zeigte mir eine Sammlung von Bildern - Abbildungen und Radierungen, auf die sie hier und da gestoßen ist - und legte mir auseinander, wie sie damit arbeiten wollte. Dann ging wieder jeder seine eigenen Wege. Zu meiner Verblüffung fand ich einen Monat später eine Garderobe vor voll mit Kleidungsstücken, die sie entworfen hatte, und - ja, ich war wahrhaftig überrascht davon. Ich hatte mir die Figur nie als solch einen Pfau vorgestellt. Dies war für mich der Augenblick einer Entdeckung, und das war wirklich wunderbar. Auf einmal wird dir etwas präsentiert, und das, was du gedacht hast, bekommt eine neue Richtung und es funktioniert hervorragend. So war es hier."

Das Aussehen der Gangs und die Art, wie sie sich kleideten, stimulierte die Vorstellungen der gesamten Besetzung. Leonardo DiCaprio entwickelt dazu seinen ganz eigenen Assoziationshorizont: "Ich bringe das alles in Verbindung mit unseren achtziger Jahren und den Gangs in Los Angeles, wo ich aufgewachsen bin, den 'Crips' und den 'Bloods'. Jeder in diesen Gangs hatte ein Kleidungsstück, das ihn als Angehörigen dieser Gruppe markierte, etwas, das nur sie allein erkennen konnten und das ihnen untereinander signalisierte, wer dazugehörte und wer nicht. Ich stelle mir vor, mit den Dead Rabbits war es genauso."

Das Design der Frauenkostüme in Gangs Of New York - vor allem das Outfit von Jenny, die sich zwischen den feinen Aristokraten von Uptown und dem dunklen und gefährlichen Bezirk der Five Points bewegt - bot eine weitere Herausforderung für Sandy Powell.

"Das Kostüm für Jenny in der Villa Borghese steht in der Tradition der viktorianischen Zeit, mit deren überkommener Krinolinen-Silhouette", so Sandy Powell. "Es steht in starkem Gegensatz zu der Kleidung, die sie in Five Points trägt. Was die Frauen in Five Points angeht, so war das Entscheidende für uns, etwas zu finden, das nichts mehr mit viktorianischen Silhouetten oder Reifröcken zu tun hat."

"Die Aufgabe bestand darin, herauszufinden, auf welche Weise wir die Frauen jener Welt den Männern ebenbürtig erscheinen lassen konnten, denn Marty wollte, dass Jenny und die Mädchen eine Gang bilden sollten. Ich wollte sie richtig hart aussehen lassen. Glücklicherweise entdeckte ich in Büchern Abbildungen von Frauen, die damals, in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts, tatsächlich Hosen unter ihren Röcken trugen. Man nannte sie 'Dress Reformers', Feministinnen der Frühzeit, deren Bewegung sich nicht fortgesetzt hat. Sie fertigten Hosen aus dem Material, das sie von ihren Röcken abschnitten. Sie trugen auch Jacken und Westen wie die Männer. Und genau so haben wir Jenny eingekleidet."

Während der ganzen Zeit war Sandy Powell beeindruckt von Martin Scorseses großem Interesse und Kenntnis von Kostümen. "Er versteht etwas von Kleidung, er liebt Kleidung", sagt sie. "Und er besitzt ein fantastisches Erinnerungsvermögen, er ist ein Meister des Details. Ich kann ihm eine Referenzabbildung zeigen, und noch Monate später wird er behalten haben, was er gesehen hat 'Ja', wird er sagen 'das ist ein Ärmel von 1857, der andere war vor 1860 nicht in Mode gekommen.' Er ist in der Lage, den Unterschied zu erkennen."

Bill the Butcher hat noch eine andere Eigenheit, die ihn aus der Masse heraushebt. Er hat ein Auge im Krieg verloren, und auf seinem Glasauge ist das Emblem des us-amerikanischen Adlers eingraviert. Um den glaubwürdigen Eindruck dieses Glasauges zu vermitteln, hat Maskenbildner und Oscar-Preisträger Manlio Rochetti eine weiche Kontaktlinse anfertigen lassen, die er Daniel Day-Lewis jeden Tag vor dem Drehen in das Auge einsetzen mußste.

"Der Film war eine Herausforderung für mich, denn ich war nicht nur für die 'realistische Maske' der Darsteller verantwortlich, sondern auch für das Special-Effects-Make-up. Bill the Butchers Auge war einer dieser Effekte, aber es gab noch viele andere", sagt Manlio Rochetti.

"Einige davon waren von 'ungeschminkter' Grausamkeit. Wir machten eine Einstellung während eines Kampfes, in der einer der Widersacher dem anderen zwei Finger in den Mund steckt und sein Gesichtsfleisch von seinem Kieferknochen zieht. Wir mußsten einen mechanischen Kopf anfertigen, den der Schauspieler für diese Szene trägt, in der das Fleisch abgerissen wird. Solche Einstellungen sind nicht der Schockwirkung wegen gedreht worden, sondern um die Brutalität jener Zeit und die der Kriegsführung zwischen den Banden darzustellen."

Auch Leonardo DiCaprio mußste sich ausgiebigen Masken-Sitzungen unterziehen, zum Beispiel in jenen Szenen, die seinem Kampf mit Bill the Butcher folgen: Er hat gerade schlimme Prügel bezogen und wird über lange Zeit von Jenny wieder gesund gepflegt. Für diese Szenen, in denen Amsterdam nur noch eine einzige, blutig-klaffende Wunde zu sein scheint, wurde Leonardo DiCaprio jeweils vier Stunden lang hergerichtet.

"Marty hatte das Gefühl, es sei notwendig zu zeigen, dass Amsterdams Genesung sehr lange dauert, also entwickelten wir fünf verschiedene Stadien des Heilungsprozesses, um das zu veranschaulichen", erklärt Leonardo DiCaprios Make-up-Spezialist Sian Grigg. "Die Maske hierfür beinhaltete auch komplizierte Prothesen, ein mühevolles Verfahren. Für Leonardo DiCaprios war es eine ganz neue Erfahrung. Es bedeutete für ihn, eine lange Zeit über absolut still sitzen zu müssen, aber ich glaube, er mochte es."

Leonardo DiCaprio steuerte auch eigene Ideen zu den Veränderungen von Amsterdams Äußerem bei, das sich entsprechend seinem Schicksal wandelte. Sian Grigg erinnert sich: "Zu Beginn des Films ist Amsterdam gerade frisch aus der Erziehungsanstalt entlassen, doch im weiteren Verlauf des Films gewinnt er immer mehr an Lebendigkeit und Kraft. Leonardo DiCaprio beteiligte sich lebhaft an den Diskussionen, wie man den inneren und äußeren Wandel seiner Figur sichtbar machen konnte. Er hat sehr gute Ideen."

Die Dreharbeiten zu Gangs Of New York wurden am 30. März 2001 nach 137 Drehtagen abgeschlossen.

Wie sagte der Historiker und Autor Luc Sante, der mit einiger Skepsis dieses Projekt der Wiederauferstehung des alten New York, aus dem die moderne Metropole erst entstanden ist, verfolgte: "Dieser Film erweckt eine Zeit zum Leben, über die wir bisher nur aus zweiter und dritter Hand gehört haben. Berichtet wird dabei von Menschen, deren Namen wir bestenfalls irgendwann einmal in irgendeinem dunklen Zusammenhang irgendwie vernehmen konnten. Um diese Geschichte erfahrbar zu machen, bedurfte es eines Aktes der kollektiven Imagination."

"Der erste Krieg, den wir gewinnen müssen, ist nicht unten in Dixie, sondern genau hier in den Straßen!" (Monk McGinn) Chronik der historischen Ereignisse
  • 1800: Die Bevölkerung von New York City zählt 60.000 Einwohner.
  • 1825: Fertigstellung des Eriekanal.
  • 1830: Frühe Five-Points-Gangs formieren sich - unter ihnen The Dead Rabbits.
  • 1834: Gebürtige US-Amerikaner gründen eine politische Partei.
  • 1845: Beginn der großen irischen Hungersnot.
  • 1847: Die Zahl irischer Einwanderer in New York wächst ins Unermessliche.
  • 1855: Die Bevölkerung von New York City zählt 800.000 Einwohner.
  • 1857: Erster Aufstand in Five Points.
  • 1861: Beginn des us-amerikanischen Bürgerkriegs.
  • 1863: Gewalttätige Aufstände in den Straßen von New York City.
Foto von den Dreharbeiten in der Filmstadt Cinecittà in Rom
Foto von den Dreharbeiten: Martin Scorsese (links), Leonardo DiCaprio
Foto von den Dreharbeiten: Martin Scorsese
Foto von den Dreharbeiten: Cameron Diaz (links), Martin Scorsese
Foto von den Dreharbeiten
Foto von den Dreharbeiten: Martin Scorsese (links), Cameron Diaz
Foto von den Dreharbeiten: Kameramann Michael Ballhaus
Foto von den Dreharbeiten: Martin Scorsese
Foto von den Dreharbeiten: Nachgebaute New Yorker Straße in der römischen Cinecittà
Szenenfoto
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