About Schmidt

Ausführlicher Inhalt

In der flachen Prärielandschaft von Nebraska liegt die ebenso flache Hauptstadt Omaha. Sie wird dominiert von nur einem Wolkenkratzer: dem Verwaltungsgebäude des Versicherungskonzerns Woodmen Insurance of the World. Das florierende Unternehmen entlässt seinen Statistiker Warren Schmidt (Jack Nicholson) nach langjähriger Mitarbeit in den verdienten Ruhestand. Allerdings wird der 66-jährige Warren nicht gefragt, als man den dynamischen jungen Gary Nordin (Matt Winston) zu seinem Nachfolger bestimmt.

Warren macht bei seiner herzlichen Verabschiedung gute Miene - oder eher gar keine Miene: Mit steinernem Gesicht erträgt er die übliche Lobhudelei, die leeren Phrasen seiner Kollegen. Und verdrückt sich dann in die Bar des Restaurants, um sich einen Wodka zu genehmigen.

Tochter Jeannie (Hope Davis) arbeitet für eine Computerfirma in Denver/Colorado. Sie ruft bei den Eltern an, um sich nach dem Verlauf der Abschiedsfeier zu erkundigen. Warrens Frau Helen (June Squibb), die bei der Verabschiedung an seiner Seite ausgeharrt hat, redet ihm nach dem Telefonat mit Jeannie ins Gewissen: Er sollte seine Tochter und ihren Verlobten Randall Hertzel (Dermot Mulroney) freundlicher behandeln. Helen unterstützt die Hochzeitspläne des jungen Paares, während Warren den Bräutigam für einen unzumutbaren Loser hält und überlegt, wie er diese Hochzeit verhindern kann.

Warren hat keine Ahnung, was er mit seiner neu gewonnenen, unwillkommenen Freiheit anfangen soll. Helen versucht ihm zu helfen: Sie schlägt ein "neues Kapitel" auf und serviert ihm sein Frühstück im überdimensionalen Wohnmobil, das die beiden sich für den Ruhestand angeschafft haben. Doch den deprimierten Warren muntert das nicht auf. Lustlos verbringt er den Tag vor dem Fernseher. Beim Zappen bleibt er bei einem Report über hungernde Kinder in Afrika hängen: Der Appell, mit nur 22 Dollar pro Monat die Patenschaft für ein bedürftiges Kind zu übernehmen, durchdringt Warrens Lethargie.

Die höfliche Einladung seines Nachfolgers Gary, bei Gelegenheit doch mal in der Firma vorbeizuschauen, nimmt Warren wörtlich. Aber genauso höflich wird er wieder hinaus komplimentiert. Natürlich brüskiert man den verdienten Mitarbeiter nicht; dennoch kapiert Warren, was unausgesprochen im Raum steht: "Du gehörst zum alten Eisen und störst nur - lass uns unsere Arbeit machen."

Warren ist so frustriert, dass er Helen etwas vormacht, als er nach Hause kommt: Im Büro habe er durchaus noch ein paar wichtige Probleme klären können.

Von der Hilfsorganisation Childreach, bei der Warren seine Adresse hinterlassen hat, kommt ein Brief mit Info-Material über die Patenschaften in der Dritten Welt - mit der Aufforderung, einen Scheck zu schicken. Außerdem wird der Spender gebeten, seinem sechsjährigen Patenkind Ndugu in Tansania einen Brief zu schreiben und über seine persönliche Situation zu erzählen.

Also formuliert Warren einen Brief, in dem er sein Leben zusammenfasst: die Jahrzehnte bei Woodmen (den wütenden Satz über seinen arroganten Nachfolger streicht er wieder aus) und seine Träume: Als junger Mann wollte er die Welt aus den Angeln heben, Gutes tun, sich einen Namen machen und auf dem Time-Titelblatt erscheinen. Er gibt zu, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gegangen sind.

Er schreibt über Helen, mit der er seit 42 Jahren verheiratet ist, klagt, er könne ihre Art seit einiger Zeit kaum noch ertragen: ihren Tick, ständig neue Restaurants auszuprobieren; sie wirft Nahrungsmittel weg, nur weil das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist, sie riecht streng und schnarcht. Und was am schlimmsten ist: Sie zwingt ihn, sich beim Pinkeln hinzusetzen.

Auf die einzige Tochter Jeannie ist Warren sehr stolz. Doch Randall, der Schwiegersohn in spe, ist für Jeannie eindeutig nicht gut genug: Er hat es nur zum Autoverkäufer gebracht. Sein Vokuhila-Haarschnitt (vorne kurz, hinten lang - sehr lang) passt so gar nicht in Warrens bürgerliches Weltbild.

Warren bringt den Brief an Ndugu zur Post. Als er zurückkehrt, liegt Helen tot in der Küche: Gehirnschlag. Warren ist wie vor den Kopf gestoßen. Die Formalitäten beim Beerdigungsunternehmer, das Gespräch mit dem Pastor empfindet er als extrem lästig. Jeannie kommt mit Randall aus Denver und nimmt an der Trauerfeier teil. Randall meint es herzensgut, aber er benimmt sich in Warrens Augen wie üblich daneben - mit theatralischer Geste bringt er einen Toast auf die tote Helen aus. Praktisch im gleichen Atemzug will er Warren für eine Investition interessieren, mit der sich die Einlagen innerhalb eines Jahres verdreifachen sollen.

Warren bittet Jeannie, noch ein wenig länger zu blieben. Doch sie ist durch die Arbeit in Denver gebunden und steckt bis über beide Ohren in Hochzeitsvorbereitungen. Der Vater beschwört sie, ihre Entscheidung zu überdenken und die Hochzeitsfeier zu verschieben.

Da platzt Jeannie der Kragen, sie wirft Warren vor, für Helen den billigsten Sarg ausgesucht zu haben. Dann fliegt sie mit Randall zurück nach Denver.

In Warrens zweitem Brief an sein Patenkind wird deutlich, dass die Schilderung seiner Situation nicht mehr mit der Realität übereinstimmt: Er berichtet, er finde sich mit dem Tod seiner Frau ab und habe den Haushalt voll im Griff. Das Gegenteil ist der Fall - Warren, der eine Haushaltshilfe ablehnt, verwahrlost zusehends, lebt nur von Fastfood. Jedenfalls gibt er zu, dass ihn die Pensionierung und Helens Tod aus der Bahn geworfen haben. Und er bittet für seine früheren abfälligen Bemerkungen über Helens Eigenheiten um Entschuldigung.

Beim Aufräumen findet Warren Briefe, die mit einer lila Schleife zu einem Päckchen verschnürt sind: Fassunglos liest Warren, dass Helen vor fast 30 Jahren eine Affäre mit seinem besten Freund Ray (Len Cariou) hatte, jenem Ray, der bei der Verabschiedung eine so tief empfundene Rede auf ihn gehalten und bei Helens Beerdigung bittere Tränen vergossen hat.

Wütend lauert Warren dem Verräter auf und verprügelt ihn auf dem Parkplatz. Helens sämtliche Kleider landen im Altkleider-Container. Und von jetzt an pinkelt er nur noch im Stehen.

Kurz entschlossen packt er seine Koffer und fährt mit dem Wohnmobil los. Von unterwegs ruft er bei Jeannie an, kündigt seine baldige Ankunft in Denver an: Er möchte mehr Zeit mit ihr verbringen. Doch Jeannie lehnt den Vorschlag rigoros ab - sie weiß auch ohne ihn kaum, wo ihr der Kopf steht.

Im nächsten Brief an Ndugu klingt das so: "Jeannie wollte unbedingt, dass ich sie besuche, aber ich bestand darauf, erstmal einige Zeit für mich selbst zu haben."

Warren fährt durch den Mittelwesten: In der Kleinstadt Holdridge/Nebraska sucht er sein Geburtshaus - es ist einem Laden für Autoreifen gewichen. In Lawrence/Kansas spaziert er über den Campus seiner einstigen Universität. In Broken Bow/Nebraska besucht er eine historische Ausstellung und in North Platte/Nebraska das Buffalo-Bill-Museum.

Auf einem Campingplatz interessiert sich der Nachbar John Rusk (Harry Groener) für Warrens nagelneues, luxuriöses Wohnmobil. Er lädt Warren zum Abendessen ein, das seine Frau Vicki (Connie Ray) zubereitet. Warren wird herzlich aufgenommen, gemeinsam schauen sie Familienfotos an - Warren hat allerdings weder von Helen noch von Jeannie Fotos dabei.

Als John gerade draußen ist, spricht Vicki Warren an: "Du wirkst so traurig - das geht doch über die Trauer um Helen hinaus. Bist du einsam? Du kannst mir alles anvertrauen!"

Warren ist beeindruckt: "Du verstehst mich nach einer Stunde besser als Helen in ihrem ganzen Leben!" Doch er selbst missversteht Vickis mitfühlende Geste gründlich: Als er sich an sie kuschelt und heftig küsst, wehrt sie sich entrüstet und wirft ihn aus ihrem Wohnmobil. Peinlich berührt flieht Warren vom Campingplatz, ohne sich von John zu verabschieden.

Er versucht Ray telefonisch zu erreichen, um sich für sein Verhalten zu entschuldigen - aber dort läuft nur der Anrufbeantworter.

Von nun an campt Warren in der freien Natur. Nachts liegt er auf dem Dach des Wohnmobils und spricht mit Helen: "Warst du zufrieden mit mir? Oder hast du netterweise nur deinen Frust verborgen?" Und er vergibt ihr den Seitensprung mit Ray. In diesem Moment blitzt eine Sternschnuppe über den Abendhimmel. Warren bekreuzigt sich.

Am nächsten Morgen erwacht er gestärkt und selbstbewusst. Jetzt weiß er, was er will: Er fährt direkt nach Denver. Randalls heruntergekommenes Elternhaus ist ein Relikt der Hippie-Ära. In diesem Viertel stapeln sich die Müllbeutel am Straßenrand. Doch Randalls Mutter Roberta (Kathy Bates) empfängt Warren sehr herzlich. Vater Larry (Howard Hesseman) ist Dauergast im Haus, obwohl er seit langem von Roberta getrennt lebt und seine Freundin Saundra (Cheryl Hamada) mitbringt. Die Ex-Partner liegen sich ständig in den Haaren, ihr Streit prägt auch das gemeinsame Abendessen mit Jeannie und Randall, bei dem Warren gute Miene zu den rohen Esssitten macht.

Obwohl Jeannie wegen der Hochzeitsvorbereitungen sehr nervös ist, zwingt Warren sie zu einem Gespräch unter vier Augen. Was er in diesem Haus erlebt, bestärkt ihn nur in seiner Mission: Er beschwört Jeannie erneut, die Hochzeit zu verschieben. Er berichtet von seinem Traum: Er sei von Aliens angegriffen worden, die alle wie Randall aussahen. Jeannies Antwort ist bitter: "Warum interessierst du dich plötzlich für mich? Das hast du doch noch nie getan! Ich heirate auf jeden Fall! Und du nimmst an der Feier teil. Oder du fährst auf der Stelle nach Hause!"

Die Krönung dieses Tages: Warren mußs in Randalls Wasserbett übernachten. Am nächsten Tag wacht er mit völlig steifem Hals auf. Jeannie bekommt einen Wutanfall, weil der Vater ihr jetzt die fest eingeplanten Besorgungen nicht mehr abnehmen kann. Roberta füttert den bettlägerigen Warren sehr fürsorglich, erzählt von ihrem intensiven Sexualleben ("Den ersten Orgasmus mit sechs Jahren") und vertraut ihm an, dass Jeannie ähnlich empfindet. Deswegen passen sie und Randall auch so gut zueinander: Egal, wie sehr sie sich streiten werden - der Sex wird sie immer zusammenhalten.

Roberta stopft Warren derart mit Schmerzmitteln voll, dass er die Generalprobe der Trauung in der Kirche wie in Trance wahrnimmt. Beim gemeinsamen Essen bringt Larry einen geschmacklosen Toast auf seine "spirituell anwesenden" toten Eltern aus.

Roberta hat noch ein weiteres sicheres Mittel gegen Warrens Verspannung parat: das heiße Wasser des Whirlpools in ihrem Garten. Warren fühlt sich tatsächlich wie neu geboren - bis Roberta nackt zu ihm ins Wasser steigt und bemerkt, wie gut sie beide, die geschiedene Frau und der Witwer, zusammenpassen. Warren flieht in sein Wohnmobil.

Der Hochzeitstag: Mit steinerner Miene führt Warren seine Tochter zum Traualtar, mit unbewegtem Gesicht erträgt er die lärmende Hochzeitsfeier zu Rockmusik-Rhythmen. Der Toast des angetrunkenen Trauzeugen ist eine Zumutung.

Unversehens wird auch Warren aufgefordert, eine Rede zu halten. Mit großer Mühe sammelt er sich, macht gute Miene und stolpert durch eine Ansprache voll nichtssagender Phrasen - nur um der Form zu genügen und Jeannie nicht zu demütigen. Er steigert sich sogar zu einem "Vielen Dank, Randall! Ich freue mich sehr über den Familienzuwachs - danke Roberta!" Artiger Applaus. Nur Jeannie klatscht nicht.

Die Flitterwöchner fliegen nach Orlando/Florida (der Brautvater zahlt die Reise), und Warren fährt nach Omaha zurück. Unterwegs schreibt er einen weiteren Brief an Ndugu. Erstmals bringt er ehrlich zu Papier, was ihn bewegt: "Habe ich in meinem Leben irgendetwas von bleibendem Wert zustande gebracht? Ich habe versagt, denn ich konnte meine Aufgabe nicht erfüllen: Jeannie hat gegen meinen Rat geheiratet. Wer schert sich schon darum, ob ich lebe oder sterbe? Niemand."

Emotional ist Warren ganz unten angekommen. Doch als er in sein Haus zurückkehrt, findet er einen Luftpostbrief: Antwort aus Tansania ...

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

© Fotos: Claudette Barius für New Line Productions © 1994 - 2010 Dirk Jasper