Adaption

Ausführlicher Inhalt

Charlie Kaufman (NICOLAS CAGE) ist ein Genie. Seine Drehbücher sind kreativ, originell, intelligent, brillant, witzig und voller Überraschungen. Nur einer will nicht an das Genie glauben: Charlie selbst. Kaufman fühlt sich alt, abstoßend, fett, glatzköpfig - kurzum: wie ein totaler Versager. Und das, obwohl sein erstes Drehbuch, Being John Malkovich, gerade verfilmt wird und der Weg auf der Karriereleiter direkt nach oben führt. Doch selbst beim eigenen Film ist er am Set ein Fremdkörper, ein Außenseiter - und auch sein Selbstbewusstsein wird von diesem Erfolg nicht gestärkt.

Umso mehr fühlt sich Charlie geschmeichelt, als ihn die ausgesprochen attraktive Hollywood-Studiomanagerin Valerie (TILDA SWINTON) bei einem "Powerlunch" umgarnt, er solle für ihr Studio einen wunderbaren Bestseller adaptieren: "The Orchid Thief" von der New Yorker Journalistin Susan Orlean (MERYL STREEP) - ein Tatsachenroman über ... Blumen. Charlie - um den Finger gewickelt von den Komplimenten und Lobpreisungen Valeries - sagt zu ...

... und merkt schon bei den ersten Versuchen der Adaption, dass er den Mund wohl zu weit aufgerissen hat. Er hat keine Ahnung, wie er dieses Buch ohne erkennbare Handlung, das vielmehr eine Ode an die Leidenschaft ist, in ein Drehbuch übersetzen soll. Erschwerend kommt für Charlie hinzu, dass er die Obsessionen, von der Orlean schreibt und die ihn faszinieren, in seinem eigenen Leben nicht verspürt: Er scheitert ja bereits daran, seiner guten Bekannten und Vertrauten Amelia (CARA SEYMOUR) seine Liebe zu gestehen, aus Angst vor Zurückweisung.

Während Charlie verzweifelt nach einem Anfang für seine Adaption sucht, wird er in seinem karg eingerichteten Domizil zu allem Überfluss auch noch von seinem Zwillingsbruder Donald (noch einmal NICOLAS CAGE) heimgesucht. Obwohl er diesem äußerlich gleicht wie ein Ei dem anderen, ist er doch das genaue Gegenteil seines Bruders. Charlie ist antisozial, ein zwanghafter Reinheitsfanatiker, introvertiert, von Zweifeln, ständigen Schweißausbrüchen und dem Bedürfnis, pure Kunst zu schaffen, geplagt. Donald ist unkompliziert, zufrieden mit sich und der Welt, sachlich, angenehm oberflächlich.

Außerdem hat er soeben - in dem Bestreben, seinem Bruder nachzueifern - einen Drehbuchkurs bei Robert McKee, dem Urvater der Grundregeln für das Gelingen von Mainstreamkino, absolviert und macht sich begeistert an die Arbeit an einem Skript über einen Serienkiller mit multipler Persönlichkeit - ganz zum Entsetzen von Charlie, der sich nichts Schlimmeres als den Ausverkauf seiner künstlerischen Integrität oder formelhaft geschriebene Filmstoffe vorstellen kann. Damit nicht genug:

Obendrein hat Donald auch noch Glück bei den Frauen. Er hat keine Mühe, bei der hinreißend attraktiven Caroline (MAGGIE GYLLENHAAL) zu landen, während Charlie erfahren mußs, dass sich seine Angebetete Amelia einem anderen zugewendet hat. Und während Donald im Nebenzimmer Inspiration beim Sex mit Caroline findet, stößt Charlie nur auf Frustration beim Anblick der ihm zur Adaption überlassenen esoterischen Rahmenhandlung von "The Orchid Thief" ...

... Der Name des Diebes ist John Laroche (CHRIS COOPER). Er wildert in den Everglades auf der Suche nach seltenen und wertvollen Orchideensorten, deren Raub die Regierung strengstens verbietet. Die Journalistin Susan Orlean recherchiert für den "New Yorker" eine Story über die Leidenschaft des Menschen für diese so seltsame wie wunderschöne Pflanzenart, der man zu verfallen scheint wie einer sinnlichen Droge. Sie trifft sich mit John Laroche, einem äußert extrovertierten, selbstbewussten und faszinierenden Mann, dessen Attraktivität in Susans Augen erstaunlicherweise durch die fehlende Reihe Vorderzähne kaum beeinträchtigt ist. Laroche ist ein ebenso leidenschaftlicher wie schwer durchschaubarer Charakter, der Susan sofort in seinen Bann zieht und sie selbst ihr eigenes Leben und ihre Berufung als Schriftstellerin hinterfragen lässt. So beeindruckt ist die Autorin von der Begegnung mit diesem geheimnisvollen und ihr fremd erscheinenden Mann, dass aus dem eigentlich geplanten Artikel schnell die Idee zu einem ganzen Buch wächst ...

... Im Bemühen, in Susan Orleans Welt und Intention hineinzutauchen, malt sich Charlie deren Recherche in kühnster Fantasie und obsessiven Bildern aus. Was hat die Schreiberin an Laroche fasziniert? Haben sich die beiden nicht gar einer heißen Affäre hingegeben, je tiefer Susan selbst in das blumige Thema und Laroches Leben aus ihrer gutbürgerlichen New Yorker Familienexistenz hinabgestiegen ist? Und was um alles in der Welt hat das alles eigentlich mit Charlies eigenem Dasein zu tun, in dem die Leidenschaft vollständig zu fehlen scheint?

Schon ist sie da, die eigene Schreibblockade, die auch sein übereifriges kommerzielles Alter Ego Donald mit gut gemeinten Ratschlägen des von Charlie verachteten McKee kaum aufzuheben weiß. Donald glaubt zu wissen, wovon er spricht, denn mittlerweile ist es ihm - ganz zum Entsetzen Charlies - gelungen, einen lukrativen Deal für sein banales Serienkiller-Drehbuch an Land zu ziehen und dem Bruder den Rang als heißestes Talent in Hollywood abzulaufen. Da hilft nichts - Charlie bittet Valerie erneut um ein Treffen, um ihr das eigene Scheitern zu gestehen. Doch kaum sitzt er der starken und attraktiven Frau gegenüber, bringt er die Worte, die ihn von der quälenden Adaption befreien sollen, kaum über die Lippen, sondern treibt einmal mehr nur den Schweiß aus seinen Poren.

Zurück in den eigenen vier Wänden kommt ihm schließlich eine rettende Idee: Er mußs sich selbst und seine Seelenpein beim Versuch der Adaption in das Drehbuch hineinschreiben, um die in Susan Orlean durch den Schreibprozess erwachte Leidenschaft selbst empfinden und damit auch darstellen zu können. Charlie weiß jetzt: Er mußs mehr über Susan Orlean erfahren. Deshalb beschließt er, sie in ihrem New Yorker Büro aufzusuchen, ein Interview mit ihr zu führen und eingedenk dieser Tatsache die Adaption von "The Orchid Thief" zu Ende zu bringen - nicht ahnend, dass sich fortan Fakt und Fiktion überschlagen und umschlingen werden und er seine Originalität nur dann bewahren wird, wenn er sich voll und ganz gängigen Hollywood-Konventionen hingibt ...

Szenenfoto
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Dirk Jasper FilmLexikon

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