Das Leben des David Gale

Alan Parker über die Todesstrafe

Die Todesstrafe: Der politische Streit Von Alan Parker Unser Film ist ein Thriller. Es wäre heuchlerisch, das Gegenteil vorzutäuschen, da wir uns doch alle der kommerziellen Anforderungen des heutigen Filmgeschäfts bewusst sind. Vielleicht hätte ich den Film ja allein schon aus diesem Grund gemacht. Aber es wäre genauso eine Vortäuschung falscher Tatsachen zu behaupten, dass dies mein einziger Grund gewesen wäre, mich für das Projekt zu interessieren. Ich persönlich bin streng gegen die Todesstrafe, und zwar aus vielerlei Gründen, welche ich nachfolgend erläutern werde. Charles Randolph, der Drehbuchautor, ist ebenfalls dagegen, weil er nicht an deren Wirkung glaubt. Die Schauspieler - vorrangig Kevin, Kate und Laura - vertreten unterschiedliche Meinungen, in welchen sich vermutlich die Unmengen an öffentlichen Meinungen heutzutage widerspiegeln.

Trotzdem ist unser Film keine politische Schmährede. Er erzählt eine Geschichte von Menschen, die für ihre Überzeugungen bis zum Äußersten gehen würden, und um dies zu vermitteln, ist der Film zu ihren Gunsten parteiisch. Wie auch immer, ich hoffe jedenfalls, dass der Film Diskussionen auslösen wird. Hier folgt nun meine persönliche Auffassung von den Argumenten "für" und "gegen" die Todesstrafe.

Im Internet gibt es buchstäblich tausende von Webseiten, die sich gegen die Todesstrafe wenden. Auf einer der wenigen Seiten, welche die Todesstrafe befürworten, wird darauf sogar hingewiesen.

Die jüngste Umfrage in den USA (Gallup, Mai 2002) zeigt, dass 52 Prozent der Befragten die Todesstrafe befürworten. Ihnen gegenüber stehen 43 Prozent, die "lebenslänglich ohne Bewährung" unterstützen. Die Zahl der Befürworter ist seit einem Allzeittief im Jahr 1965 stetig gewachsen und erreichte 1997 gar einen Höchststand von 61 Prozent. Und wenn gar die Frage nach der Todesstrafe ohne die Option der lebenslänglichen Haft gestellt wird, ist die Zahl der Befürworter sogar noch um einiges höher. (www.gallup.com) Mitleid für die Opfer von Gewaltverbrechen ist das Leitthema aller Positionen zur Todesstrafe, egal ob pro oder kontra. Ein flüchtiger Blick auf die umfangreiche Seite des texanischen Justizministeriums (www.tdcj.state.tx.us/stat/deathrow), auf welcher die Verbrechen derer aufgelistet sind, die als Insassen der Todeszelle zum Tode verurteilt wurden, bietet ziemlich gruseligen Lesestoff. Nicht einmal der überzeugteste Liberale wäre im Anbetracht der hier ohne Skrupel festgehaltenen Litanei furchtbarer Verbrechen diskussionsfähig.

Diese Menschen, sofern sie ihre Verbrechen wirklich begangen haben, müssen zweifellos bestraft werden. Aber sollten sie getötet werden? Sind sie tatsächlich alle schuldig? In den vergangenen fünfundzwanzig Jahren sind in den USA 102 bereits verurteilte Gefangene aus der Todeszelle entlassen worden, weil man ihre Unschuld herausgefunden hat. (Einige von ihnen kamen frei durch die Einführung von DNS-Tests, aber die meisten von ihnen waren Opfer der Unehrlichkeit von Zeugen.)

Die Möglichkeit, dass ein unschuldiger Mensch hingerichtet wird, ist das eine gewichtige Argument, das die öffentliche Meinung beeinflussen kann (und welches demnach der Kern unseres Films ist). Von diesen durch Gallup Befragten gaben rund 90 Prozent an zu glauben, dass ungefähr 10 Prozent der Hingerichteten unschuldig waren. Die American Bar Society hat mehrfach darauf hingewiesen, dass des Mordes beschuldigte Menschen meist aus dem unteren Ende des sozialen Gefüges stammen. Sie können sich daher keinen Anwalt leisten und erhalten demzufolge in den meisten Fällen keine adäquate rechtliche Vertretung.

Die öffentliche Unterstützung der Todesstrafe in den USA ist eng verbunden mit der wachsenden Zahl begangener Gewaltverbrechen. Sie hat wenig zu tun mit dem Konzept der Todesstrafe als Abschreckung. Die überwältigenden Beweise zeigen eher das Gegenteil. (In Texas stieg die Verbrechensrate 2001 um 4 Prozent. Das ist fast das fünffache des nationalen Durchschnitts, und es bedeutete eine Zunahme um 7,6 Prozent bei Morden. Zur gleichen Zeit lag die Zahl der Exekutionen in Texas um ein dreifaches höher als in jedem anderen US-Staat. Der Nordosten - die Region mit den niedrigsten Mordraten - hat 2001 gar keine Hinrichtungen durchgeführt.)

Es wird auch die Ansicht vertreten, dass der reine Brutalisierungseffekt der Todesstrafe nicht etwa abschreckend wirkt, sondern Verbrechen eher verschlimmert. Die Umfragen belegen, dass es die meisten Menschen nicht besonders kümmert, ob die Todesstrafe etwas bewirkt. Die Diskussion scheint nach wie vor vom Gedanken der Vergeltung genährt zu werden: dass Vergeltung ein moralischer Zwang ist - dass nur die Hinrichtung dem Willen der Gesellschaft Rechnung tragen kann - "dass sie dem Verbrechen angemessen ist". Gegen die Todesstrafe zu sein wird zum Ausdruck von Angst: dass man "mit Verbrechern zu weich umgeht" oder sich der zunehmenden Verbrechen nicht bewusst ist, seien sie gewalttätig oder anderer Natur, welche unser aller Leben beeinträchtigen.

Seit 1976, als man die Todesstrafe in den USA wieder einführte, sind 807 Exekutionen durchgeführt worden. 2002 betrug die Zahl 66 - ein gutes Stück unter dem Hoch von 1999 mit 98. Theoretisch existiert die Todesstrafe in 38 Staaten der USA und die Zahl der zum Tode Verurteilten ist im ganzen Land angewachsen (von 691 im Jahr 1980 auf gegenwärtige 3.697) Allerdings scheinen viele Staaten zögerlich zu sein, wenn es um die Ausführung geht, ausgenommen die Südstaaten - angeführt von Texas (285), Virginia (87), Missouri (58) und Florida (53). Offenbar wird die Meinung vertreten, dass die Todesstrafe wichtig ist, solange sie nur selten angewandt wird. Kalifornien beispielsweise (der Staat mit der höchsten Verbrechensrate im Lande) besitzt die vollste aller Todeszellen (613) und hat dennoch seit 1976 nur 10 Hinrichtungen vorgenommen.

Ein weiteres Schlüsselthema in dieser Debatte ist die Frage nach der Rassendiskriminierung. Während die schwarze Bevölkerung 12 Prozent aller Nordamerikaner stellt, beträgt ihr Prozentsatz unter den Hingerichteten 35. Dieses Thema spaltet seit jeher das höchste Gericht. Gleiches gilt für die Hinrichtung von Jugendlichen, geistig Kranken oder Behinderten. (Noch einmal sei hier auf die Ansichten der Todesstrafenbefürworter hingewiesen unter , sowie auf die Argumente der Todesstrafengegner oder mit weiteren Argumenten.

In Hinsicht auf die Option "Lebenslänglich ohne Bewährung" hegen die meisten Menschen erhebliche Bedenken, dass dies nicht tatsächlich "lebenslänglich" bedeutet und dass ein Mörder eines Tages wieder auf freien Fuß gesetzt wird. Es wird auch vielerorts angenommen, dass diese Lösung zu teuer ist - eine Verschwendung von Steuergeldern. (Nachweislich betragen die Kosten für eine lebenslange Internierung etwa ein Viertel dessen, was ein Prozess mit der Zielsetzung "Todesstrafe" verschlingen würde - die Rechtslage ist komplex und der Staat kommt sowohl für die Anklage als auch für die Verteidigung auf. In Texas beträgt die durchschnittliche Zeit, die ein Gefangener in der Todeszelle verbringt etwa 10 Jahre, während der gesamte Rechtsapparat arbeitet.)

Der oberste Gerichtshof hat sich außerdem am Thema der "grausamen und außergewöhnlichen Strafe" festgebissen - einer Formulierung, die im 8. Zusatzartikel der US-Verfassung (1791) enthalten ist, welche wiederum dem englischen Staatsgrundgesetz von 1689 entnommen wurde. Die Unfähigkeit des Gerichts, in diesem Punkt eine Einigung zu finden, führte zu einem zehnjährigen Aufschub aller Hinrichtungen von 1960 bis in die 70er Jahre hinein. Als das Gericht obendrein 1972 und 1976 in einer Phase beträchtlicher Verdunklung konträre Urteile fällte, stand die Rechtmäßigkeit der Todesstrafe auf wackeligen Beinen. Zum Beispiel:

Oberster Richter Harry Blackburn: "Intravenöse Schläuche sind an seinen Armen angebracht, welche das Instrument des Todes transportieren, eine toxische Flüssigkeit, die speziell zur Tötung von Menschen entwickelt wurde ... nicht länger ein Angeklagter sondern ein Mann, den man an eine Bahre geschnallt hat, Sekunden von seiner Auslöschung entfernt."

Oberster Richter Antonin Scalia, der nicht gerade für seine Liberalität bekannt ist (er vergleicht hier die Giftspritze mit der brutalen Vergewaltigung und Ermordung eines elf Jahre alten Mädchens) "Wie beneidenswert ist doch der stille Tod durch eine tödliche Injektion im Vergleich dazu!" Dazu der oberste Richter Blackburn: "Die Todesstrafe bleibt ein Werkzeug von Willkür, Diskriminierung, Laune und Fehlerhaftigkeit."

Der oberste Richter Scalia vertritt außerdem die Meinung: "Wenn das Volk daraus die Lehre zieht, dass die Todesstrafe mehr brutale Morde verhindert, und es hieraus vielmehr schließt, dass die Rechtsprechung diese Morde gar sühnen mußs, dann sollte die rechtliche Besonnenheit des Achten Artikels dem nicht im Wege stehen."

Abgesehen von der Überbewertung des Abschreckungseffekts, traf Richter Scalia allerdings den Nagel auf den Kopf in Hinsicht auf die öffentliche Meinung: es geht allein um Rache. Natürlich ist die tödliche Spritze wesentlich weniger "grausam und außergewöhnlich" als "Old Sparky", der elektrische Stuhl, welcher der Spritze siebzig Jahre lang voraus ging. Man findet ihre Venen, ein bisschen Zittern, ein Seufzen und sie sind tot.

Scalia hat als führender Konservativer am Obersten Gericht seit 1986 stets im Zentrum der Debatte um die Todesstrafe gestanden, worauf sich meine Meinung hier stützt. Für Scalia wird im Sinne der Bibel Vergeltung geübt, nicht Rache genommen (oft in der Debatte als Beleg angeführt wird: Matthäus 5:7). Scalia zitiert Paulus: "Tust du aber Böses, so fürchte dich, denn sie trägt das Schwert nicht umsonst." Unnötig zu erwähnen, dass Scalia, ein überzeugter Katholik, nicht konform ging mit seiner Kirche, welche die merkwürdige Idee vertrat, die "andere Wange hinzuhalten", einhergehend mit weiteren 50 Bibelzitaten, welche hier unerwähnt bleiben.

Tatsächlich übten die katholischen Bischöfe ihren Einfluss auf die Justiz aus, indem sie Esekiel (18:31) bemühten: "Denn ich habe kein Gefallen am Tod dessen, der sterben mußs, spricht der Herr." Scalia ließ sich von Esekiel jedoch nicht beeindrucken, denn er hatte ja nicht ausdrücken wollen, dass er Gefallen daran fand, sondern eher "ein Teil der Todesmaschinerie" sei.

Papst Johannes Paul II forderte die USA auf, diesen "Teufelskreis der Gewalt" zu beenden - leider vergeblich. Scalia ignorierte sie alle im Namen der us-amerikanischen Demokratie. Es war nicht nur der Papst, der seine Einwände zu all den Hinrichtungen in den USA kund tat - der Rest der Welt tat es ebenfalls. Für die amerikanische, öffentliche Meinung machte dies natürlich nicht den geringsten Unterschied. Die USA fanden sich plötzlich im Abseits von allen übrigen modernen Demokratien der Welt, welche schon vor langer Zeit die Abschaffung der Todesstrafe beschlossen hatten.

Richter Scalia hatte da seine ganz persönliche Perspektive. Er sagte: "Je christlicher ein Land ist, um so weniger kann es die Todesstrafe als unmoralisch betrachten. Ihre Abschaffung findet im nach-christlichen Europa die stärkste Rückendeckung, während sie in den USA als Land der Kirchengänger ihre solideste Unterstützung erfährt. Ich leite dies von der Tatsache ab, dass der Tod für einen gläubigen Christen keine große Sache ist."

Es bedarf keiner weiteren Erläuterung, weshalb Scalias Charakterisierung Europas als "nach-christlich" weder vom Vatikan noch von den 254 Millionen Christen der Europäischen Gemeinschaft positiv aufgenommen wurde. Darüber hinaus besaß seine Hypothese nicht wirklich Logik, da sie völlig die Praktiken von Ländern wie dem atheistischen China oder dem islamischen Irak außer Acht lässt (zwei Staaten, die mehr Hinrichtungen durchführen als die USA). Allerdings könnte man Scalias Argument insofern zulassen, dass keines dieser beiden Länder den Tod als "große Sache" betrachtet.

Im April 2001 verabschiedeten die Vereinten Nationen eine Resolution, welche alle Mitglieder aufforderte, die Todesstrafe abzuschaffen. (Bis heute sind 110 Staaten dieser Aufforderung gefolgt.) Die USA sind in Folge dessen vom Menschenrechtskomitee der Vereinten Nationen ausgeschlossen worden, zum ersten Mal seit dessen Gründung im Jahre 1947. Die USA fanden sich plötzlich in seltsamer Gesellschaft auf einer Liste von Staaten mit den meisten Exekutionen im Jahr 1999 wieder:

  • China
  • Irak
  • Kongo
  • USA
  • Iran
  • Ein Argument "für" die Todesstrafe lautet, dass es unhöflich ist seitens der Europäer wie ich einer bin, bei diesem Thema frech zu werden. Immerhin werden in den USA zehnmal so viele Morde begangen wie in Westeuropa, so dass härtere Strafen angebracht sind - und so wird die gesamte Debatte immer konfuser. Wie dem auch sei, es steht fest, dass Amerikas offensichtlich brutale und verhärtete Position zur Todesstrafe das Image des Landes im demokratischen Europa erheblich gemindert hat und vielleicht sogar dessen Anspruch auf seine moralische Führungsrolle in der Welt negiert.

    Ein Leitartikel in der französischen "Le Monde" hat das europäische Empfinden genau auf den Punkt gebracht: "Die Todesstrafe, im gleichen Kontext mit den Beschränkungen im Abtreibungsrecht und der freie Verkauf von Feuerwaffen, reißen eine tiefe Kluft zwischen die USA und den alten Kontinent, eine Kluft der Werte und der Missverständnisse, die beide Welten auseinander driften lässt. Auf diesem Terrain verkörpert George Bush mehr als jeder andere seiner Vorgänger ein Amerika, das sich zunehmend von Europa entfernt."

    Gegen George Bush werden vielerlei Vorwürfe erhoben. Von den linksgerichteten Politikern wird er allerdings oftmals als "Serienattentäter" bezeichnet (er autorisierte während seiner Gouverneurszeit in Texas 146 Hinrichtungen).

    Internationale Kritik bleibt natürlich weitgehend unbeachtet in den traditionell nur auf sich selbst konzentrierten USA. Scalia forderte sogar, dass "das Gedankengut des weltlichen Europas auf das Erbe von Napoleon, Hegel und Freud zurück geht." Die Europäer würden darüber streiten, dass Adolf Hitler und Joseph Stalin eventuell gar größeren Einfluss auf ihr gegenwärtiges Denken ausgeübt haben.

    Eine in Europa oft geäußerte Ansicht ist, dass das barbarische Beharren der USA auf der Todesstrafe nur die Brutalität dieser Gesellschaft widerspiegelt. Aber Europa kann nicht einfach diesen hohen, moralischen Anspruch für sich in Anspruch nehmen. Ja, die USA verletzen die UN-Resolution für Menschenrechte, und es befinden sich in Amerika mehr Waffen in Privatbesitz als in der gesamten chinesischen Armee, aber es steht auch außer Frage, dass die öffentliche Meinung in Europa nicht immer akkurat die Ansichten ihrer Politiker und Repräsentanten wiedergibt.

    Wenn in Europa Umfragen erhoben werden, ähneln die Meinungen der Bevölkerung oft weitgehend denen der Amerikaner. Beispielsweise wuchs in Großbritannien die Zustimmung zur Wiedereinführung der Todesstrafe in den späten 90er Jahren auf 70 Prozent im Zuge der von den Medien viel beachteten Ermordung von Kindern. (Gegenwärtig sind es 60 Prozent) In den Niederlanden, sie gelten als liberalstes aller Länder, befürworten 52 Prozent die Wiedereinführung. In Frankreich und Italien sind etwa 50 Prozent dafür.

    Die neuen osteuropäischen Mitglieder der EU haben allesamt die Todesstrafe abgeschafft, um sich für die Aufnahme in die Union zu qualifizieren, obwohl etwa 60 Prozent ihrer Bevölkerung deren Erhalt gewünscht hätten. Boris Jelzin ließ 700 Insassen der russischen Todeszellen in "zu lebenslänglich Verurteilte" umwandeln, um die Mitgliedschaft im Europarat zu erlangen.

    Es wird diskutiert, dass die Unterschiede nicht unbedingt in den Meinungen der us-amerikanischen und europäischen Öffentlichkeit zu suchen sind, sondern dass es sich eher um Differenzen zwischen den beiden politischen Kulturen handelt. Der Unterschied in Europa besteht darin, dass Regierungen die Todesstrafe aus intellektuellen und moralischen Gründen abschaffen, ohne Rücksicht auf den Willen der Bevölkerung. Das wäre in den USA gar nicht möglich. Man kann es auch nicht einfach als faustisches Geschäft seitens der amerikanischen Politiker abtun - dass Wählerstimmen wichtiger sind als Prinzipien.

    Wie bereits in dem von Stuart Banner verfassten Buch "The Death Penalty: An American History" könnte man auch befinden, dass die USA demokratischer sind. Schließlich würde kein amerikanischer Politiker ein Amt mit einem Thema anstreben, das in Umfragen unter den Wahlmännern abgelehnt wird. Tatsächlich definiert sich ein Politiker in den Augen seiner Wähler zunehmend mehr auf diese Weise, sodass im Endeffekt der Wille des Volkes in Regierung und Rechtsprechung reflektiert wird. Es ist also gar nicht so einfach, die Moral zu verbiegen.

    Auf welcher Seite auch immer wir uns befinden - ob man es als Herabsetzung aller zivilisierten, menschlichen Werte betrachtet oder als notwendiges Übel in einer zunehmend üblen Gesellschaft - es ist offensichtlich, dass dies keine eindeutige Angelegenheit ist, und dass, wenn nicht 100 prozentige Klarheit herrscht, wir nicht das Recht haben, das Leben anderer Menschen zu nehmen.

    Noch einmal Richter Blackburns Worte von vor 25 Jahren: "Die Todesstrafe bleibt ein Werkzeug von Willkür, Diskriminierung, Laune und Fehlerhaftigkeit." Nichts hat sich geändert. Zu viele derer, die in den Tod geschickt wurden, waren schwarz, Südamerikaner, ohne Ausbildung und arm. Die Hinrichtung von Jugendlichen, geistig Kranken oder Behinderten kann in einer zivilisierten Gesellschaft nicht akzeptiert werden. Ein offenbar fehlerhaftes und fehlbares Rechtssystem schickt weiterhin unschuldige Menschen in den Tod. Und sogar Richter Scalia stimmt uns hier zu: "Der Tod ist keine große Sache," sagt er. "Aber die Hinrichtung eines Unschuldigen ist es."

    Die Beweise überwiegen, dass die drohende Todeszelle und die letztendlich drohende Hinrichtung durch die Giftspritze keine Gewalttaten verhindert. Aber die Angst vor Verbrechen - Verbrechen aller Art - beeinträchtigt das Leben aller Menschen, und diese reale Besorgnis lässt sie weiterhin die größtmögliche Vergeltung fordern.

    Meine eigenen Ansichten ähneln vermutlich denen, die Constance in ihrer Rede vor dem texanischen Regierungssitz in unserem Film äußerte:

    "Wenn du jemanden tötest, beraubst du dessen Familie. Du beraubst sie nicht nur eines geliebten Menschen, sondern auch ihrer Menschlichkeit - du verhärtest ihre Herzen mit Hass, du nimmst ihnen die Fähigkeit, auf zivilisierte Weise nichts zu empfinden, du verdammst sie zu Blutdurst. Das ist grausam und schrecklich. Aber sich diesem Hass hinzugeben, wird nichts ändern. Der Schaden ist angerichtet, und wenn wir einmal ein Pfund Fleisch zwischen unseren Zähnen hatten, sind wir noch immer hungrig, und wir verlassen das Haus des Todes murmelnd, dass diese tödliche Injektion einfach zu angenehm für sie war. Letztendlich mußs eine zivilisierte Gesellschaft mit der harten Wahrheit leben: wer auf Rache sinnt, der gräbt zwei Gräber."

    Szenenfoto
    Szenenfoto
    Szenenfoto
    Szenenfoto
    Szenenfoto
    Szenenfoto
    Szenenfoto
    Szenenfoto
    Szenenfoto

    Dirk Jasper FilmLexikon

    © Fotos: David Appleby für Universal Studios © 1994 - 2010 Dirk Jasper